Par­tei­frei­er Bür­ger­meis­ter? Nein

Als Mi­nis­ter will Ger­not Blü­mel Wi­ens ÖVP in die Wahl füh­ren. Nach dem Vor­bild des Bun­des will er ei­nen Spar­kurs für die Stadt. Um wie viel soll ge­kürzt wer­den? »Um cir­ca fünf Pro­zent.«

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON DIET­MAR NEU­WIRTH

Darf ich mit der Tür ins Haus fal­len: Wann tre­ten Sie als Mi­nis­ter ei­gent­lich zu­rück? Ger­not Blü­mel: Das ist ei­ne be­mer­kens­wer­te Fra­ge. Zu­min­dest dann, wenn ich ein neu­es Amt an­neh­me. Wer­den Sie sich als Chef der ÖVP Wi­en nicht voll auf die Wi­en-Wahl kon­zen­trie­ren? Wie ge­sagt: Mit Über­nah­me ei­ner neu­en Funk­ti­on wür­de ich die der­zei­ti­ge na­tür­lich ab­ge­ben. Ich freue mich schon auf die Wi­en-Wahl. Denn die gro­ßen Pro­ble­me blei­ben der­zeit lie­gen, zu­erst hat die SPÖ zwei Jah­re in­tern dis­ku­tiert, jetzt tun das die Grü­nen. Da­mit et­was wei­ter­geht, soll­ten wir neu wäh­len. Von mir aus kann es je­der­zeit los­ge­hen. Ha­ben Sie gro­ße Hoff­nung, dass es bald so weit sein wird? Ich ha­be sehr gro­ße Hoff­nung, weil nie­mand In­ter­es­se dar­an ha­ben kann, dass wei­ter nichts wei­ter­geht. Sie ge­hen al­so als Mi­nis­ter in die Wahl? Dass ich Spit­zen­kan­di­dat bin, ist klar. Des­halb bin ich ja nach Wi­en als Lan­des­par­tei­chef der ÖVP ge­kom­men. Es ist mir ein Her­zens­an­lie­gen, die Stadt, in der ich le­be, zu ver­bes­sern. Sie blei­ben als Spit­zen­kan­di­dat Mi­nis­ter. Ja, na­tür­lich. Wann wa­ren Sie das letz­te Mal in Wie­ner Neu­stadt? Ist schon län­ger her. In Wie­ner Neu­stadt ist die SPÖ Num­mer eins, den Bür­ger­meis­ter stellt in ei­ner bun­ten Ko­ali­ti­on die ÖVP. Ein Mo­dell für Wi­en? Ich hal­te es ein­deu­tig für ver­früht, jetzt über Din­ge nach dem Wahl­tag zu spe­ku­lie­ren. Vor der Na­tio­nal­rats­wahl hieß es, dass die Num­mer eins auch Num­mer eins der Re­gie­rung sein soll. Gilt das auch für Wi­en? Das ist der üb­li­che Vor­gang, dass die stärks­te Frak­ti­on Ko­ali­ti­ons­ge­sprä­che führt. Da­her ge­he ich da­von aus, dass das auch das nächs­te Mal so sein wird. Die Fra­ge war nicht, wer Ko­ali­ti­ons­ge­sprä­che be­ginnt, son­dern, wer die Stadt als Bür­ger­meis­ter füh­ren soll. Prin­zi­pi­ell bin ich da­für, dass die stärks­te Kraft zu Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen ein­lädt und dass die­se pro­fes­sio­nell ge­führt wer­den. Die Fra­ge ist, wer stärks­te Kraft wird. Rech­nen Sie da­mit, dass die jet­zi­ge Num­mer zwei, die FPÖ, stärks­te Kraft wird? Wir star­ten nach der letz­ten Wahl aus ei­ner Po­si­ti­on, die ein­deu­tig ver­bes­se­rungs­fä­hig ist. Ich ha­be vom ers­ten Tag an ver­sucht, die Par­tei jün­ger, weib­li­cher, mo­der­ner zu ma­chen, und ich ha­be ei­nen här­te­ren Op­po­si­ti­ons­kurs ver­ord­net. Wir wol­len bei der nächs­ten Wahl we­sent­lich stär­ker wer­den. Apro­pos här­te­rer Op­po­si­ti­ons­kurs: Wie hilf­reich ist da die Freund­schaft von ÖVP-Wirt­schafts­bund­ob­mann Wal­ter Ruck mit Bür­ger­meis­ter Micha­el Lud­wig? Die Fra­ge ver­ste­he ich nicht. Kon­ter­ka­riert nicht ei­ne wich­ti­ge Teil­or­ga­ni­sa­ti­on Ih­ren Kurs, wenn sie mit dem Bür­ger­meis­ter eng zu­sam­men­ar­bei­tet und ge­mein­sa­me Pro­jek­te ver­ein­bart? Es gibt In­ter­es­sen­ver­tre­tun­gen mit le­gi­ti­mer­wei­se an­de­ren Auf­ga­ben, und es gibt po­li­ti­sche Par­tei­en. Wir als ÖVP Wi­en sind ei­ne Op­po­si­ti­ons­par­tei mit dem Ziel, die Ver­säum­nis­se von Ro­tG­rün auf­zu­zei­gen. Das tun wir auch. Was ha­ben Sie sich ge­dacht, als Wi­ens neu­er Ne­os-Klub­chef, Chris­toph Wie­der­kehr, in der „Pres­se am Sonn­tag“ei­nen un­ab­hän­gi­gen Bür­ger­meis­ter mit Un­ter­stüt­zung von FPÖ und ÖVP vor­ge­schla­gen hat? Es zeugt von zwei­fel­haf­ter de­mo­kra­ti­scher Grund­hal­tung, vor ei­ner Wahl zu sa­gen, dass je­mand Bür­ger­meis­ter wer­den soll, der gar nicht kan­di­diert. Sie zei­gen sich auf Ih­rer Home­page als „die Kraft zu ver­än­dern“. Wo ist die Kraft bei neun Pro­zent, die die Wie­ner ÖVP auf die Waa­ge bringt? Zei­gen Sie mir ei­ne Op­po­si­ti­ons­par­tei, die mit die­ser Stär­ke so viel be­wegt hat. Da ist ex­trem viel ge­lun­gen: Die Pro­ble­me mit is­la­mi­schen Kin­der­gär­ten ha­ben wir von An­fang an auf­ge­zeigt und kri­ti­siert, im Be­reich In­te­gra­ti­on pas­siert jetzt das Glei­che. Wir ha­ben lang ge­sagt, dass die­se un­dif­fe­ren­zier­te In­te­gra­ti­ons­po­li­tik der Stadt Wi­en zu nichts

JVP-Kar­rie­re

Ger­not Blü­mel, der Mit­te Ok­to­ber 37 Jah­re alt wird, hat bei der Jun­gen ÖVP (JVP) be­gon­nen, 2006 wur­de er In­ter­na­tio­na­ler Se­kre­tär.

Par­la­ments­kar­rie­re

2006–2008 par­la­men­ta­ri­scher Mit­ar­bei­ter, dann Bü­ro des Zwei­ten Na­tio­nal­rats­prä­si­den­ten, Micha­el Spin­de­leg­ger

Ka­bi­netts­kar­rie­re

2009 Re­fe­rent im Au­ßen­amt, 2011 Ka­bi­nett des Vi­ze­kanz­lers

Par­tei­kar­rie­re

2013 ÖVP-Ge­ne­ral­se­kre­tär

Wi­en-Kar­rie­re

seit 2015 Chef der Wie­ner ÖVP

Mi­nis­ter­kar­rie­re

seit 2017 Mi­nis­ter für Kunst, Kul­tur, Ver­fas­sung und Me­di­en Gu­tem füh­ren kann, vor al­lem, wenn man nicht be­reit ist, not­wen­di­ge Skills ein­zu­for­dern, wie die Spra­che. Wir ha­ben jetzt die Mög­lich­keit, dort, wo wir Kom­pe­ten­zen ha­ben, das sei­tens der Bun­des­re­gie­rung in die Hand zu neh­men, sie­he Deutsch­klas­sen, sie­he Min­dest­si­che­rung, sie­he Vor­ge­hen ge­gen den po­li­ti­schen Is­lam. Das sind Din­ge, die den Un­ter­schied ma­chen. Die Grü­nen be­fin­den sich auf Selbst­su­che. Gibt es ein An­ge­bot an de­ren Wäh­ler oder se­hen Sie die­se als ver­lo­ren? Das An­ge­bot ist für al­le of­fen, die pro­fes­sio­nel­le Ar­beit wol­len, das kön­nen wir leis­ten. Wenn man sich ein Herz fasst, en­ga­giert und dis­zi­pli­niert ist, geht vie­les. Wer den neu­en Stil schätzt, der ist bei uns will­kom­men. Mit dem The­ma Mi­gra­ti­on hat Se­bas­ti­an Kurz die Na­tio­nal­rats­wahl ge­won­nen. Wird es auch bei der Wi­en-Wahl be­stim­mend? Ich war­ne da­vor, zu glau­ben, dass man Na­tio­nal­rats­wahl­kämp­fe von vor ei­nem Jahr ko­pie­ren kann. Dort, wo es Pro­ble­me gibt, ist es un­se­re Stär­ke, die­se nicht nur an­zu­spre­chen, son­dern auch Lö­sungs­an­sät­ze vor­zu­le­gen. Wi­en hat auch ein Schul­den­pro­blem. Wie vie­le Mit­ar­bei­ter wür­den Sie ent­las­sen? Wie wol­len Sie die Schul­den be­sei­ti­gen? Durch pro­fes­sio­nel­les Ar­bei­ten, wie wir das in der Bun­des­re­gie­rung vor­ge­zeigt ha­ben. Wir ma­chen zum ers­ten Mal seit 1954 kei­ne neu­en Schul­den. Wenn das im Bun­des­bud­get mög­lich ist, muss das auch in Wi­en mög­lich sein. Es darf nicht sein, dass wie im rot-grü­nen Wi­en je­des Bud­get über­schrit­ten wird. Wo soll ein­ge­spart wer­den? Was wir auf Bun­des­ebe­ne ge­macht ha­ben könn­te Mo­dell sein. Wenn man sagt, man möch­te in al­len Be­rei­chen cir­ca fünf Pro­zent spa­ren, dann ha­ben sich die Ver­ant­wort­li­chen zu über­le­gen, wie man das tun kann. Die­se Vor­ga­be wä­re ge­ra­de in Wi­en not­wen­dig. Ei­ne Schul­den­brem­se ist ein mög­li­cher Weg dort­hin. Wä­re das ei­ne Ko­ali­ti­ons­be­din­gung? Wir ha­ben nicht ein­mal ei­nen Wahl­ter­min. Eins nach dem an­de­ren.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.