Im­mer den schö­nen, bun­ten Bil­dern nach

Wer ver­reist, sucht In­spi­ra­ti­on und fin­det sie auf Ins­ta­gram. Per­sön­lich und haut­nah setzt hier ei­ne neue Mei­nungs­eli­te Traum­ho­tels und Län­der in Sze­ne. Die Tou­ris­mus­in­dus­trie macht mit. Von ei­nem Bu­si­ness, das auf be­zahl­te Emo­tio­nen baut.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON AN­TO­NIA LÖFF­LER

Das Ho­tel At­lan­tic in Ham­burg ist Kult. Da­für sorgt schon die Tat­sa­che, dass Sän­ger Udo Lin­den­berg le­gen­dä­rer Dau­er­gast ist. Aber wie in je­dem Lu­xus­ho­tel tref­fen seit ei­ni­ger Zeit Vor­schlä­ge ein, wie das At­lan­tic sei­ne Re­pu­ta­ti­on ver­bes­sern könn­te. In­flu­en­cer – zu Deutsch Mei­nungs­bild­ner – fra­gen an, ob sie und ih­re Freun­de nicht für ein paar Näch­te ei­ne Sui­te ha­ben könn­ten? Und am Abend viel­leicht das Es­sen gra­tis da­zu? Sie wür­den im Ge­gen­zug auch mit ih­ren Tau­sen­den Fans auf Platt­for­men wie Ins­ta­gram tei­len, wie groß­ar­tig es im At­lan­tic ist.

Lang­sam wacht die Tou­ris­mus­bran­che auf: Auf YouTu­be, Ins­ta­gram und Face­book dik­tiert ei­ne neue, jun­ge Mei­nungs­eli­te mit per­fekt in­sze­nier­ten Fo­tos und Vi­de­os, wel­che Des­ti­na­tio­nen im Trend lie­gen, wel­che Ho­tel­pools die bes­ten Ur­laubs­bil­der lie­fern und wel­cher Berg oder See un­be­dingt in der pri­va­ten Fo­to­stre­cke vor­kom­men muss. Die Re­geln im Tou­ris­mus wer­den neu ge­schrie­ben – für die In­flu­en­cer wie auch für die Ho­tels, Rei­se­bü­ros, Ver­an­stal­ter und den Gast. „Die Pres­se am Sonn­tag“hat sich die ver­schie­de­nen Sei­ten an­ge­hört. Ha­rald Göbl ar­bei­tet bei ei­ner Bank. Wenn er aber nicht in sei­ner Bank­fi­lia­le sitzt, zeigt er den 300.000 Men­schen, die ihm auf Ins­ta­gram fol­gen, wo sie als Nächs­tes ur­lau­ben könn­ten. Et­wa in Bra­si­li­en, dort war er für sei­ne jüngs­te Fo­to­stre­cke im Som­mer drei Wo­chen un­ter­wegs. Oder in New York, wo er die­sen Sep­tem­ber für die Hil­ton-Ho­tel­grup­pe ein Shoo­ting macht.

Fo­to­gra­fie ist seit Lan­gem Gö­bls Hob­by. Aber erst als sei­ne Freun­din vor zwei Jah­ren die Idee hat­te, vor ih­rem Ur­laub in Is­land ei­ni­ge Rei­se­bü­ros vor Ort an­zu­schrei­ben und ih­nen ih­re Di­ens­te an­zu­bie­ten, wur­de es zum Ge­schäfts­mo­dell. Seit­dem macht er pro­fes­sio­nel­le Fo­tos, sie schreibt im Nach­gang die Rei­se­be­rich­te über die be­such­ten Ho­tels und Län­der und or­ga­ni­siert die nächs­ten Ko­ope­ra­tio­nen. Der 39-Jäh­ri­ge sagt, dass er aus Prin­zip nie Geld neh­men wür­den: „Die Ge­gen­leis­tung ist die Rei­se selbst. Wir sind nicht käuf­lich.“

Die In­flu­en­cer-Bran­che ge­nießt in der öf­fent­li­chen Mei­nung trotz Fäl­len von all­zu plum­per Wer­be­ein­schal­tung nach wie vor ei­nen Ver­trau­ens­vor­schuss. Laut ei­ner ak­tu­el­len deut­schen Um­fra­ge sind die Mei­nungs­ma­cher im Netz die dritt­ver­läss­lichs­te Qu­el­le für Pro­dukt­emp­feh­lun­gen – hin­ter Freun­den und Kun­den­be­wer­tun­gen, aber vor Ar­ti­keln, An­zei­gen oder TV-Spots.

Die Au­then­ti­zi­tät darf man nicht aufs Spiel set­zen, sagt Göbl. Er wei­se je­des Fo­to, das er für Drit­te schießt, als An­zei­ge aus. Und er lo­be nichts, wo es nichts zu lo­ben gibt. „Bei uns ist nichts ge­stellt. Wir sind aber auch nicht die ty­pi­schen In­flu­en­cer“, sagt der Fo­to­graf, der sich hin­ter der Ka­me­ra sicht­lich woh­ler fühlt als da­vor. Die ty­pi­schen In­flu­en­cer – da­mit meint er Mo­dels, die ers­tens ih­ren Kör­per und zwei­tens die Um­ge­bung in Sze­ne set­zen.

Gö­bls Fo­tos ha­ben Er­folg, auch wenn er oder sei­ne Freun­din auf fast kei­nem zu se­hen ist. 20.000 Men­schen ge­fal­len die Bil­der im Durch­schnitt auf Ins­ta­gram. Aber auch ab­seits da­von ge­win­nen sie Wett­be­wer­be. Mitt­ler­wei­le be­kommt Göbl un­ge­fragt Pro­duk­te zu­ge­schickt, die er be­wer­ben soll, oder wird auf Rei­sen ein­ge­la­den. „Wir könn­ten fast je­den Mo­nat un­ter­wegs sein.“300.000 Fol­lo­wer auf Ins­ta­gram sind heut­zu­ta­ge ein schla­gen­des Ver­kaufs­ar­gu­ment.

Die Stel­le bei der Bank macht das spon­ta­ne Rei­sen schwie­rig. Ob er nicht vom Fo­to­gra­fie­ren leben könn­te? „Das gin­ge sich aus. Aber ich will ei­nen si­che­ren Job ha­ben. Es gibt ein­fach so vie­le Fo­to­gra­fen und In­flu­en­cer.“Für sei­ne nächs­te gro­ße Rei­se nach Aus­tra­li­en und in die Süd­see wird Göbl selbst wie­der um Ur­laub an­su­chen.

Der Fo­to­graf

Die ers­te Blau­äu­gig­keit ist vor­bei, sagt die Ham­bur­ger Tou­ris­mus­for­sche­rin Ina zur Oven-Krock­haus. Gro­ße Ho­tels und Ver­an­stal­ter sei­en vor­sich­ti­ger im Um­gang mit In­flu­en­cern ge­wor­den. Sie be­kä­men zwar nach wie vor Dut­zen­de, teil­wei­se frag­wür­di­ge An­ge­bo­te – sie­he Ho­tel At­lan­tic. Aber sie gin­gen auch selbst­be­wuss­ter da­mit um.

Man den­ke an den Fall des bri­ti­schen Ins­ta­gram-Stern­chens, der An- fang des Jah­res durch die in­ter­na­tio­na­len Me­di­en ging. Sie woll­te ein gra­tis Zim­mer in Du­blin für den Va­len­tins­tag im Aus­tausch für Werbung in ih­ren So­ci­al-Me­dia-Ka­nä­len ha­ben. Der Ho­tel­be­sit­zer wies sie em­pört zu­rück. Das In­ter­net koch­te über vor Kri­tik und Schmä­hun­gen – für bei­de Sei­ten.

Die meis­ten ge­hen nicht so öf­fent­lich auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs wie der Du­bli­ner Ho­te­lier. Vie­le fil­tern die An­fra­gen ein­fach stren­ger, ho­len sich Ex­per­ten ins Haus oder ko­ope­rie­ren mit Agen­tu­ren, sagt zur Oven-Krock­haus. Der Rei­se­ver­an­stal­ter TUI sei ein gu­tes Bei­spiel: Er hält sich mitt­ler­wei­le 120 In­flu­en­cer, die er je nach The­ma ge­zielt ein­setzt.

Aus Ge­sprä­chen, die sie und ih­re Kol­le­gen von der In­ter­na­tio­na­len Hoch­schu­le IUBH mit vie­len Rei­se­ver­an­stal­tern ge­führt ha­ben, wer­de klar: „Je­der will da­bei sein. Je­der er­hofft sich ei­nen Draht zur jun­gen Ziel­grup­pe, die nicht mehr Zei­tung liest.“Aber an­ders als zu Be­ginn, als der Ins­ta­gram-Star mit den meis­ten Fans schnell den Auf­trag be­kam, wür­den heu­te pro­fes­sio­nel­le­re Kri­te­ri­en wich­ti­ger sein: Spricht er mei­ne Kun­den an? Pflegt er sei­ne Fan­ge­mein­de? Re­agiert sie auf sei­ne Fo­tos oder ver­pufft die Werbung samt Ho­no­rar?

Rei­se­ver­an­stal­ter sei­en „ei­ne et­was aus­ster­ben­de Spe­zi­es“, sagt zur OvenKrock­haus. Sie tä­ten gut dar­an, den Trend nicht als et­was Vor­über­ge­hen­des ab­zu­win­ken. Ins­ta­gram sei ge­kom­men, um zu blei­ben. Die gu­te Nach­richt: Die Aus­wahl an po­ten­zi­el­len Ko­ope­ra­tio­nen ist rie­sig. Al­lein in Deutsch­land gilt je­der elf­te Ein­woh­ner als In­flu­en­cer. Sprich: Die Emp­feh­lun­gen von 4,6 Mil­lio­nen un­se­rer Nach­barn be­ein­flus­sen Kauf-, Rei­se- und Le­bens­ent­schei­dun­gen. Ein Fo­to vor der Akro­po­lis kommt heu­te öf­ter auf Ins­ta­gram als ins Fa­mi­li­en­al­bum. Man­cher ver­dient mit sei­nen Ur­laubs­ein­drü­cken so­gar Geld.

Die Pro­fes­so­rin

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