Mit ei­nem Zy­lin­der auf den Berg

360 Grad Ös­ter­reich: Be­reits zum 17. Mal kom­men am Fuß des Groß­glock­ners mehr als 500 Trak­tor­fah­rer aus ganz Eu­ro­pa zu Old­ti­mer-WM zu­sam­men.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON NOR­BERT RIEF

Die­ser Som­mer ist ein Är­ger­nis. Viel zu tro­cken, viel zu heiß. Die Wein­bau­ern ha­ben so früh mit der Le­se be­gin­nen müs­sen wie noch nie. Und auch die Son­nen­blu­men sind um et­wa drei Wo­chen frü­her dran als sonst.

Des­we­gen sitzt Mar­kus Leh­ner an die­sem Wo­che­n­en­de auch auf ei­nem Mäh­dre­scher im Wein­vier­tel, statt auf ei­nem sei­ner zwei ur­al­ten Trak­to­ren. „Ja, scha­de ist’s schon“, meint der Ob­mann der Old­tim­er­freun­de 2002 Groß­mugl. Die Trak­tor-Welt­meis­ter­schaft der Old­ti­mer am Groß­glock­ner wird heu­er oh­ne ihn statt­fin­den.

Leh­ner wird viel­leicht dem ei­nen oder an­de­ren Teil­neh­mer ab­ge­hen. Auf­fal­len wird sei­ne Ab­we­sen­heit aber nicht. Denn so exo­tisch ei­ne Old­ti­merTrak­tor-WM auch klin­gen mag, so po­pu­lär ist die Ver­an­stal­tung in Bruck an der Groß­glock­ner­stra­ße, die heu­er be­reits zum 17. Mal statt­fin­det. Mehr als 500 Teil­neh­mer aus elf Na­tio­nen reis­ten mit ih­ren al­ten Trak­to­ren an – ei­ni­ge aus Groß­bri­tan­ni­en, ein paar aus den Nie­der­lan­den, die meis­ten aus Deutsch­land, vie­le aus Ös­ter­reich.

„Tuck, tuck, tuck“, macht der Steyr 80 – wie ein Ham­mer, der in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den auf ei­nen Am­boss schlägt. Wenn man den Steyr 80, ge­baut von 1949 bis 1964 und we­gen sei­ner PS-Zahl auch „15er-Steyr“ge­nannt, hört, ver­steht man recht gut, wie ein Mo­tor funk­tio­niert: In re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den ex­plo­diert mit lau­tem Knall der Die­sel, der in dem ein­zi­gen Zy­lin­der kom­pri­miert wird, den der Trak­tor hat. Lauf­ru­he sieht an­ders aus, auch schnel­les Fah­ren: Et­wa 14 km/h sind im bes­ten Fall im vier­ten Gang mög­lich.

Über sol­che Tech­nik kann Franz Hans nur la­chen. Sein Trak­tor ist deut­lich äl­ter – Bau­jahr 1945 –, hat aber fünf Zy­lin­der mehr als der Steyr. Ein Sechs­zy­lin­der, noch da­zu ein Ben­zi­ner, das ist das ty­pi­sche Er­ken­nungs­zei­chen für trans­at­lan­ti­sche Trak­to­ren. In Eu­ro­pa war man nach dem Krieg spar­sa­mer un­ter­wegs.

„Ich hab ihn aus den Nie­der­lan­den im­por­tiert, der dor­ti­ge Be­sit­zer hat­te ihn aus den USA“, er­zählt Hans, der im Wein­vier­tel ei­ne Land­wirt­schaft be­treibt. Es ist ein sehr spe­zi­el­ler Trak­tor: ein Mas­sey-Har­ris 101S aus Ka­na­da. Ei­ner der letz­ten Trak­to­ren mit die­sem Fir­men­na­men, bald da­nach fu­sio­nier­te das Un­ter­neh­men mit Har­ry Fer­gu­son und agier­te fort­an un­ter dem – zu­min­dest in ein­schlä­gi­gen Krei­sen – be­kann­ten Na­men Mas­sey Fer­gu­son.

6000 Eu­ro hat­te Franz Hans vor drei Jah­ren für den Trak­tor be­zahlt, der bei der ers­ten Aus­fahrt schon nach 500 Me­tern den Geist auf­gab. „Die gan­zen Lei­tun­gen wa­ren ver­stopft und ver­ros­tet, er ist nur über ei­nen klei­nen Zu­satz­tank mit Ben­zin ver­sorgt wor­den.“Wie lang er ar­bei­ten muss­te, bis der Mas­sey-Har­ris wie­der fahr­tüch­tig und an­sehn­lich war? „Na­ja, 500 St­un­den wer­den es schon ge­we­sen sein.“

War­um aber steckt man Geld und viel Zeit aus­ge­rech­net in ei­nen Trak­tor, mit dem man ja nicht un­be­dingt ei­ne net­te Wo­che­n­end­aus­fahrt mit Frau und Kin­dern ma­chen kann? „Ich bin vor et­li­chen Jah­ren auf dem Bei­fah­rer­sitz ei­nes Old­ti­mer-Trak­tors bei der WM mit­ge­fah­ren. Das war so su­per, dass ich ge­sagt hab, da fahr ich wie­der mit – aber nur mit dem ei­ge­nen Trak­tor.“Und so kam es zum Mas­sey-Har­ris. Zwei Zy­lin­der, 28 PS. Die fan­tas­ti­schen Preis­stei­ge­run­gen, die man bei Old­ti­mer-Au­tos in den ver­gan­ge­nen Jah­ren er­lebt hat, gibt es bei den Trak­to­ren bis­her nicht. Sonst könn­te Ge­rold Käst­ner aus Stoll­berg in Deutsch­land ver­mut­lich ein Ver­mö­gen ma­chen. Er be­sitzt ei­nen der ra­ren Deutz-Trak­to­ren, Mo­dell F2M315, aus dem Jahr 1939. Tech­ni­sche Da­ten: Zwei Zy­lin­der, 28 PS, Die­sel, 3,4 Li­ter Hu­b­raum. Der Deut­sche ist schon zum neun­ten Mal bei der WM, da­bei hat­te er gleich bei sei­ner ers­ten Teil­nah­me Pech: Bei der Fahrt auf den Groß­glock­ner hat­te der Deutz ei­nen Mo­tor­scha­den. „Den muss­te ich in al­le Ein­zel­tei­le zer­le­gen.“

Der Steyr 80, ge­baut von 1949 bis 1964, hat ei­nen ein­zi­gen Zy­lin­der und 15 PS. Ei­ner reis­te zwei Wo­chen lang auf sei­nem Trak­tor zum Tref­fen in Bruck an.

„Die Fahrt auf den Groß­glock­ner ist wich­tig“, er­klärt Tho­mas Hörl, ei­ner der Er­fin­der der Trak­tor-WM und Ge­schäfts­füh­rer des Tou­ris­mus­ver­bands Groß­glock­ner-Zel­ler­see. Be­wer­tet wird da­bei nicht, wer am schnells­ten fährt, son­dern – wie bei al­len Old­ti­mer-Ren­nen – die Gleich­mä­ßig­keit der Fahrt. Für ei­ne be­stimm­te Stre­cke wird ei­ne be­stimm­te Zeit bzw. Ge­schwin­dig­keit vor­ge­ge­ben, die Zeit­dif­fe­renz zwi­schen der ers­ten und zwei­ten Stre­cke wird für die Wer­tung her­an­ge­zo­gen. Es gibt ver­schie­de­ne Al­ters­klas­sen, der Sie­ger darf sich Welt­meis­ter nen­nen.

„Na­ja, das klingt halt gut“, ge­steht Hörl ein. Als man die Idee zum Old­ti­mer-Tref­fen hat­te, um den Tou­ris­mus au­ßer­halb der Sai­son et­was zu be­le­ben, füg­te man das Wört­chen „Welt­meis­ter­schaft“da­zu, um es in­ter­es­san­ter zu ma­chen. Vom Er­folg war man dann doch selbst über­rascht.

Vor al­lem aber von der Lei­den­schaft man­cher Teil­neh­mer. „Vor ei­ni­gen Jah­ren ist ei­ner aus Nord­deutsch­land mit sei­nem Trak­tor ge­kom­men.“Nicht so, wie fast al­le, näm­lich mit dem Trak­tor auf ei­nem An­hän­ger. „Der ist auf sei­nem Trak­tor her­ge­fah­ren.“Er war zwei Wo­chen un­ter­wegs, bis er in Bruck-Fusch an­kam.

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