Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA ST­EI­NER

Ich bin da­ge­gen, Kin­der in der drit­ten Klas­se Volks­schu­le ei­nem »Ta­len­te-Check« zu un­ter­zie­hen, wie das jetzt ge­plant ist. War­um? Ich bin die Ma­ma von Han­nah!

Und da saß ich in die­sem freund­li­chen Klas­sen­zim­mer mit dem vie­len Montes­so­ri-Ma­te­ri­al, vor mir die Leh­re­rin, ei­ne son­ni­ge Per­son, die gern Oran­ge trug und um de­ren Au­gen je­de Men­ge Lach­fält­chen tanz­ten. Auch jetzt. Trotz­dem war mir an die­sem El­tern­sprech­tag ban­ge. Bald wür­de es erst­mals Zif­fern­no­ten ge­ben. Was wür­de die Leh­re­rin sa­gen? Wie wür­de ihr Ur­teil aus­fal­len? In der ers­ten Klas­se hat­te sich Han­nah mit dem Le­sen ge­plagt, in der zwei­ten mit dem Kopf­rech­nen, aber mitt­ler­wei­le klapp­te doch bei­des ganz gut, oder? Und wirk­lich lob­te die Leh­re­rin ih­re Fort­schrit­te, ei­ne gro­ße Leis­tung, sag­te sie. Und dann kam es: Han­nahs Ar­beits­tem­po lie­ße zu wün­schen üb­rig. Was nicht wei­ter schlimm sei, wor­über wir uns nicht den Kopf zer­bre­chen soll­ten. Es ge­be eben Kin­der, die sei­en in ei­ner an­de­ren Schul­form als dem Gym­na­si­um bes­ser auf­ge­ho­ben.

Das hat ge­ses­sen. Weil es ja stimm­te. Es muss wirk­lich nicht je­des Kind aufs Gym­na­si­um. Und Han­nah war tat­säch­lich lang­sam. Wenn an­de­re längst im Park her­um­tob­ten, grü­bel­te sie im Hort noch über den Haus­auf­ga­ben. Sie kön­ne sich nicht kon­zen­trie­ren, mein­ten die Be­treu­er, sei zu schnell ab­ge­lenkt. Ich riet ihr, sich ei­nen Tun­nel vor­zu­stel­len: „Ei­nen Tun­nel, den du be­trittst, wenn du mit den Auf­ga­ben an­fängst. Und dann gehst du und gehst du und gehst erst wie­der hin­aus, wenn du fer­tig bist.“Ich hielt das für ei­ne gu­te Idee. Aber als ich sie das nächs­te Mal vom Hort ab­hol­te, war sie schon wie­der die Letz­te und rauf­te ver­zwei­felt ihr blon­des Haar. „Hast du denn das mit dem Tun­nel ver­sucht?“, frag­te ich. „Ja, schon“– „Und?“– „Die­ser Tun­nel steckt vol­ler Ge­schich­ten!“ Ve­r­un­si­chern­de Zif­fern­no­ten. Was dann pas­siert ist, kann ich nicht ge­nau sa­gen. Ich weiß nur: Sie hat es ins Gym­na­si­um ge­schafft, und der Rest war kein Pro­blem. Han­nah fiel das Ler­nen von Jahr zu Jahr leich­ter. Mitt­ler­wei­le ist sie 19 und stu­diert seit ei­nem Jahr Phy­sik, durch­aus er­folg­reich üb­ri­gens. Und nein, ich will nicht da­mit an­ge­ben, ich will nur klar­ma­chen, dass ein Kind, das in der drit­ten Klas­se Volks­schu­le als nicht gym­na­si­al­reif ein­ge­stuft wor­den wä­re, im Al­ter von 19 Jah­ren die Vor­aus­set­zun­gen für ein Leis­tungs­sti­pen­di­um er­fül­len kann.

Was wohl pas­siert wä­re, hät­te man die oh­ne­hin schon stets an sich zwei­feln­de Han­nah in den ers­ten Klas­sen Volks­schu­le mit Zif­fern­no­ten noch zu­sätz­lich ver­un­si­chert? Oder hät­te ein ver­bind­li­cher „Ta­len­te-Check“, wie er jetzt ge­plant ist, die Ein­schät­zung der Leh­re­rin un­ter­mau­ert? Ab­ge­se­hen vom Stress, den so ein Test für Kin­der und El­tern be­deu­tet: Wie will man bei ei­nem Volks­schü­ler nur ei­ni­ger­ma­ßen ver­läss­lich „Po­ten­zia­le“mes­sen?

Ich bin wirk­lich froh, dass Han­nah nicht erst jetzt in die Schu­le kommt.

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