Und was pas­siert, wenn Afri­ka »ex­plo­diert«?

Die Zahlen sind alar­mie­rend: Bis ins Jahr 2050 könn­te sich die Be­völ­ke­rung des Kon­ti­nents auf 2,5 Mil­li­ar­den Men­schen ver­dop­peln. Das Wachs­tum zählt zu den gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen der Mensch­heit. Und zwar auch jen­seits von Afri­ka.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON JÜR­GEN STREIHAMMER

Wer ei­ne Ah­nung von der mög­li­chen Zu­kunft Afri­kas be­kom­men will, soll­te nach Ni­ge­ria schau­en. Es ist ein Land der Wi­der­sprü­che. Ni­ge­ria schwimmt im Öl. Hier lebt der reichs­te Afri­ka­ner, Ali­ko Dan­go­te. Und hier gras­siert die ex­tre­me Ar­mut. Nir­gend­wo auf dem Pla­ne­ten müs­sen mehr Men­schen von we­ni­ger als 1,90 USDol­lar pro Tag leben – oder ge­nau­er: über­le­ben. Das Elend deu­tet sich in den Sl­ums der Me­tro­po­le La­gos an. Die wach­sen­den Ar­men­vier­tel kün­den auch von ei­nem ge­fähr­li­chen Boom, der das Land er­fasst hat. Die Bri­ten ver­lie­ßen 1960 ei­ne Ko­lo­nie mit 45 Mil­lio­nen Ein­woh­nern. In­zwi­schen hat sich die Be­völ­ke­rung Ni­ge­ri­as ver­vier­facht – auf 190 Mil­lio­nen Ein­woh­ner. Und das ist erst der An­fang. Mit­te des 21. Jahr­hun­derts soll das west­afri­ka­ni­sche Ar­men­haus die USA als dritt­größ­tes Land der Welt über­holt ha­ben. 410 Mil­lio­nen Men­schen wür­den dann in Ni­ge­ria leben. Und 2100 könn­te es an Chi­na vor­bei­zie­hen. So pro­gnos­ti­zie­ren es die Ver­ein­ten Na­tio­nen.

Das Be­völ­ke­rungs­wachs­tum ist in Tei­len Afri­kas au­ßer Kon­trol­le. Bis zur Mit­te des Jahr­hun­derts wird sich die Zahl der Men­schen auf dem Kon­ti­nent vor­aus­sicht­lich von 1,26 auf 2,53 Mil­li­ar­den ver­dop­peln. Afri­ka, die mut­maß­li­che Wie­ge der Mensch­heit, ist auch ihr Jung­brun­nen. Po­si­tiv for­mu­liert. Schon heu­te ist je­der zwei­te Be­woh­ner Sub­sa­ha­ra-Afri­kas ein Kind, al­so un­ter 18 Jah­re alt. Es gibt Ex­per­ten, die das als Chan­ce se­hen, die auf ei­ne „de­mo­gra­fi­sche Di­vi­den­de“hof­fen. An­de­re war­nen. Vor Ver­tei­lungs­kämp­fen, vor noch mehr Hun­ger, Krieg und ei­ner neu­en Mi­gra­ti­ons­wel­le. Si­cher ist: Die Be­völ­ke­rungs­ex­plo­si­on auf dem Kon­ti­nent zählt zu den gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen. Und zwar auch jen­seits von Afri­ka. Wie konn­te es so weit kom­men – und was ist zu tun?

Am An­fang steht ei­ne gu­te Nach­richt. Die Kin­der­sterb­lich­keits­ra­te ist in Sub­sa­ha­ra-Afri­ka zwar noch im­mer die höchs­te der Welt, aber eben auch ge­sun­ken. Und zwar ra­pi­de. Heu­te er­lebt ei­nes von 13 Kin­dern den fünf­ten Ge­burts­tag nicht, 1990 starb sta­tis­tisch noch je­des sechs­te Klein­kind.

Die „de­mo­gra­fi­sche Tran­si­ti­on“setz­te ein. In Eu­ro­pa hat sich ganz Ähn­li­ches zu­ge­tra­gen, sagt Wolf­gang Lutz, Di­rek­tor des Vi­en­na In­sti­tu­te of De­mo­gra­phy der Ös­ter­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten. Al­ler­dings in die­sen Brei­ten schon ab dem 19. Jahr­hun­dert. Es be­gann im Nor­den. In Schwe­den herrsch­te Frie­den. Statt Krieg gab es Auf­klä­rung und Impf­pro­gram­me. Die Kin­der­sterb­lich­keit ging zu­rück, die Be­völ­ke­rungs­zah­len ex­plo­dier­ten. Ei­ne Zeit lang. Dann sank – nächs­te Pha­se – auch die Ge­bur­ten­ra­te. Das tut sie heu­te üb­ri­gens auch in Afri­ka. Aber eben viel schwä­cher, als das zum Bei­spiel von den Ver­ein­ten Na­tio­nen er­war­tet wor­den war. Noch im­mer be­kommt ei­ne Frau in Afri­ka im Schnitt 4,85 Kin­der (EU: 1,6). War­um?

»Die­se Men­schen brau­chen nichts – au­ßer Wis­sen. Aber oh­ne geht’s nicht.«

Kampf ge­gen Ta­bus. En­de der Acht­zi­ger ist die Wie­ner Gy­nä­ko­lo­gin Ma­ria Hengst­ber­ger in Äthio­pi­en. Und staunt. „Dass es frucht­ba­re und un­frucht­ba­re Ta­ge gibt, das wuss­te dort kei­ne der Frau­en. Sie dach­ten, je­der Ver­kehr führt au­to­ma­tisch zu ei­ner Schwan­ger­schaft.“Das „Leid der Frau­en“wühlt Hengst­ber­ger auf. Sie grün­det die „Ak­ti­on Re­gen“. Es geht da­bei um Auf­klä­rungs­ar­beit, um „Ta­bus“wie Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung, um Ge­bur­ten­kon­troll­ket­ten. Manch­mal hel­fen klei­ne Mit­tel wie Li­nea­le für Schul­mäd­chen, auf de­nen ein ro­ter Strich die frucht­ba­ren Ta­ge an­zeigt. Hengst­ber­ger sucht sich auch vor Ort Ver­bün­de­te, so­ge­nann­te „Brü­cken­bau­er“, sie klä­ren ih­re Lands­leu­te „in der Spra­che des Vol­kes“auf. Denn ge­gen­über den „g’schei­ten Wei­ßen“ge­be es Bar­rie­ren. Dann sagt die Frau­en­ärz­tin ei­nen Satz, den man so ähn­lich im­mer wie­der hört. Aber sie for­mu­liert ihn mit der Au­to­ri­tät von drei Jahr­zehn­ten Ent­wick­lungs­hil­fe vor Ort und ganz pla­ka­tiv: „Die Men­schen in Afri­ka brau­chen Wis­sen. Sonst nichts. Aber oh­ne Wis­sen geht’s nicht.“

Zur Mit­te des Jahr­hun­derts wird Ni­ge­ria mehr Ein­woh­ner zäh­len als die USA.

Ex­per­te Lutz sieht das ähn­lich: „Wenn man in Ma­li auf dem Land die Frau­en fragt, wie vie­le Kin­der sie ha­ben wol­len, dann ant­wor­ten sie: So vie­le wie mir der lie­be Gott gibt“, sagt er. Das ist Fa­ta­lis­mus. Und ein Teil des Pro­blems. Die Zahl der Kin­der muss zur ra­tio­na­len Ent­schei­dung wer­den, sagt Lutz. Fa­mi­li­en­pla­nung nennt sich das. Der Weg dort­hin führt über Al­pha­be­ti­sie­rung, Bil­dung – und den Zu­gang zu Ver­hü­tungs­mit­teln. Je­de vier­te Frau in Afri­ka kann nicht ver­hü­ten, ob­wohl sie es möch­te.

Kin­der­reich­tum – das ist auch ein Sta­tus­sym­bol, ei­ne ur­al­te Über­le­bens­stra­te­gie, die sich ganz tief ins Ge­dächt­nis der Mensch­heit ge­brannt hat. Der Nach­wuchs ver­sorgt die El­tern im Al­ter. Er ist so­zu­sa­gen die Pen­si­ons­ver­si­che­rung. Und je mehr Kin­der, des­to mehr hel­fen­de Hän­de. Aber das al­te Man­tra gilt nicht mehr un­ein­ge­schränkt. Auch nicht in Afri­ka. Die be­wirt­schaft­ba­re Flä­che wird we­gen der vie­len Er­ben im­mer wei­ter zer­teilt. In ei­ni­gen Re­gio­nen Äthio­pi­ens zum Bei­spiel schrumpf­te das Land pro Haus­halt auf 3000 Qua­drat­me­ter. Das ist ein grö­ße­rer Gar­ten. Zu­dem drän­gen im­mer mehr Men­schen in die Städ­te, wo je­des wei­te­re Kind, zy­nisch for­mu­liert, eher kos­tet als nutzt.

Nun lässt sich Afri­ka nicht über ei­nen Kamm sche­ren. Im Wes­ten ist das Pro­blem ten­den­zi­ell grö­ßer. Ke­nia im Os­ten macht gro­ße Fort­schrit­te, genau­so wie Ruan­da, wo die Ge­bur-

Reu­ters

Frau­en im Su­dan, wo die Ge­bur­ten­ra­te bei 4,29 liegt. Das klingt zwar ziem­lich hoch, ist aber we­ni­ger als der Durch­schnitt in Sub­sa­ha­ra-Afri­ka (4,85).

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