Als sich Bay­ern von der CSU ent­frem­de­te

Mit Stolz und Selbst­ver­ständ­lich­keit re­gier­ten die Christ­so­zia­len bis­her im Frei­staat. Rück­schlä­ge gab es zwar schon zu­vor, doch die heu­ti­ge Land­tags­wahl droht ein his­to­ri­scher Tief­punkt zu wer­den. Wie konn­te es da­zu kom­men?

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON IRIS BO­NA­VI­DA UND THO­MAS VIE­REG­GE

Es soll Men­schen ge­ben, die Mar­kus Sö­der seit ei­ni­ger Zeit ken­nen. Ihn lang be­ob­ach­ten, und sich trotz­dem nicht ganz si­cher sind: Wer ist die­ser Mann ei­gent­lich, was treibt ihn an?

Sei­ne öf­fent­li­chen Auf­trit­te las­sen er­ah­nen, war­um: Der bay­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent wirkt so, als wür­de er ei­ne Rol­le spie­len, von der er sein Pu­bli­kum nicht ganz über­zeu­gen kann. Er ist ein elo­quen­ter Red­ner, doch sei­ne Bot­schaf­ten kom­men nicht im­mer an. Er kann die Men­ge un­ter­hal­ten, aber nicht zum Bro­deln brin­gen. Er be­müht sich, al­len die Hand zu schüt­teln, ist nach sei­ner An­spra­che aber gleich ver­schwun­den. Ganz warm ge­wor­den sind sie in den sie­ben Mo­na­ten sei­ner Amts­zeit noch nicht: Der Mi­nis­ter­prä­si­dent und „sein“Bay­ern. „Je­de nor­ma­le Va­ter­schaft braucht neun Mo­na­te“, sagt er da­her selbst.

Sö­der ist ge­fan­gen in ei­nem Thea­ter­stück, des­sen En­de am heu­ti­gen Sonn­tag erst ge­schrie­ben wird. Es könn­te als Tra­gö­die en­den: Bei der bay­ri­schen Land­tags­wahl wird die CSU al­ler Vor­aus­sicht nach die ab­so­lu­te Mehr­heit ver­lie­ren, wo­mög­lich un­ter die 40-Pro­zent-Mar­ke fal­len. Fünf Jahr­zehn­te lang re­gier­te die Par­tei mit kur­zer Un­ter­bre­chung ab­so­lut. Ei­ne Aus­nah­me­er­schei­nung in Deutsch­land, an die die Bay­ern mit ge­schwell­ter Brust gern er­in­ner­ten. Der Frei­staat, die CSU – sie ho­ben sich vom Rest der Bun­des­re­pu­blik ab. Und sie wa­ren stolz dar­auf.

Es gibt aber auch Ei­gen­schaf­ten von Sö­der, die in ganz Bay­ern be­kannt sind: Er ist ehr­gei­zig, er ist ru­he­los. Und er will am Sonn­tag­abend nicht als Ver­lie­rer da­ste­hen. Al­so gibt er am Frei­tag, dem letz­ten Wahl­kampf­tag, noch ein­mal al­les. Beim of­fi­zi­el­len Schlus­sevent im Münch­ner Lö­wen­bräu­kel­ler gibt er so­zu­sa­gen ein Best of der Re­den, die er in den ver­gan­ge­nen Wo­chen in so vie­len Bier­zel­ten ge­hal­ten hat. Er kri­ti­siert die „Ideo­lo­gen von Links-Au­ßen“, schimpft über die „Hö­cke-Va­sal­len“von der AfD. Als er das Pro­gramm der Grü­nen an­spricht, ruft er mehr­mals durch den Raum, „Ver­bo­te! Ver­bo­te! Ver­bo­te!“Und die CSU? Die sei die Mit­te. Bay­ern kön­ne sich auf sie ver­las­sen. Die Fra­ge, die sich jetzt noch stellt, ist: Kann sich die CSU noch auf Bay­ern ver­las­sen?

In München fragt man sich schon, wer als ers­ter die Ob­mann­de­bat­te er­öff­net.

Die Nacht der lan­gen Mes­ser. Aber auch in der Ge­schich­te der CSU gab es schon Rück­schlä­ge, wenn auch noch an­de­rer Di­men­si­on. 43,4 Pro­zent bei der Land­tags­wahl vor zehn Jah­ren mar­kier­ten bis da­to den Tief­punkt für die Christ­so­zia­len. Im Ma­xi­mi­lia­ne­um, dem prot­zi­gen Sitz des Bay­ri­schen Land­tags in München, schwirr­te es am Wahl­abend des 28. Sep­tem­ber 2008 vor Ge­rüch­ten. Die Ge­treu­en des frü­he­ren Par­tei- und Lan­des­chefs Ed­mund Stoi­bers führ­ten den Dolch im Ge­wan­de, und zwei Ta­ge spä­ter war das Duo Gün­ter Beck­stein als Mi­nis­ter­prä­si­dent und Er­win Hu­ber als CSU-Chef Ge­schich­te.

Stoi­bers Ra­che war süß. Ein­ein­halb Jah­re zu­vor hat­ten der In­nen­mi­nis­ter und der Fi­nanz­mi­nis­ter in Wild­bad Kreuth, in ei­ner Nacht der lan­gen Mes­ser am tra­di­tio­nel­len Ta­gungs­ort der Christ­so­zia­len na­he des Te­gern­sees, den im­mer au­to­kra­ti­scher und er­ra­ti­scher agie­ren­den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und CSU-Chef ge­stürzt. Mehr als ein hal­bes Jahr blieb Stoi­ber da­nach in­des­sen noch im Amt, bis der Fran­ke Beck­stein als Re­gie­rungs­chef in München und der Nie­der­bay­er Hu­ber als Par­tei­chef in sei­ne Funk­tio­nen nach­rück­ten.

Am En­de stürz­te Stoi­ber die bei­den an­ge­se­he­nen CSU-Gran­den in den Ab­grund. Und Horst See­ho­fer, der durch ei­ne In­tri­ge und die via „Bild“lan­cier­te Sto­ry über ein un­ehe­li­ches Kind aus­ge­schal­te­te Agrar­mi­nis­ter, nütz­te die Gunst der St­un­de und führ­te die CSU fünf Jah­re spä­ter wie­der in die Hö­hen der ab­so­lu­ten Mehr­heit. Der Ab­stieg be­gann 2003. Ein Tan­dem hat in Bay­ern nie so recht funk­tio­niert: Auch Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Theo Wai­gel, ein pro­tes­tan­ti­scher Schwa­be, schei­ter­te als Par­tei­chef an der Sei­te des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Stoi­ber. Wai­gel stol­per­te über ei­ne Af­fä­re mit der Ex-Ski­läu­fe­rin Ire­ne Epp­le.

Auch heu­te ge­hen ei­ni­ge da­von aus, dass die Rol­len­ver­tei­lung in Bay­ern nach dem Wahl­sonn­tag nicht mehr die­sel­be blei­ben wird. Sö­der wird zwar auch wei­ter­hin Lan­des­chef sein. Es droht al­ler­dings ein Macht­kampf um den Pos­ten des CSU-Ob­manns. Ei­ni­ge in der Par­tei ma­chen ih­ren Chef See­ho­fer für den Ab­sturz in den Um­fra­gen ver­ant­wort­lich.

Der Ab­stieg der CSU be­gann lang­fris­tig aber wo­mög­lich mit Stoi­bers Sen­sa­ti­ons­er­folg im Herbst 2003, der selbst die Tri­umph­zü­ge zu Zei­ten Franz Jo­sef Strauß’ in den Schat­ten stell­te. Mit 60 Pro­zent der Stim­men hol­te Stoi­ber die Zwei­drit­tel­mehr­heit im Land­tag, und er be­gann im Mach­t­rausch das Land nach sei­nem Gus­to zu ver­än­dern. Tem­po und Po­li­tik über­for­der­ten die Bay­ern.

Als er im Macht­po­ker mit CDUChe­fin An­ge­la Mer­kel 2005 und im Zu­ge der Re­gie­rungs­bil­dung der gro­ßen Ko­ali­ti­on im letz­ten Mo­ment ei­nen Rück­zie­her mach­te und das auf ihn zu­ge­schnei­der­te Su­per-Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um ver­zich­te­te, um doch als Pri­mus in München zu blei­ben, war es in den Au­gen sei­ner Lands­leu­te um ihn ge­sche­hen. Er hat­te sich und dem Frei­staat deutsch­land­weit der Bla­ma­ge preis­ge­ge­ben, und das ver­zie­hen ihm die Bay­ern nie. Es brauch­te je­doch ei­ne cou­ra­gier­te Frau, um ei­ne Füh­rungs­de­bat­te an­zu­zet­teln: Ga­bi Pau­li, ei­ne CSU-Land­rä­tin aus Fürth. Nun fragt man sich in München, wer am 14. Ok­to­ber der oder die ers­te sein könn­te. Die Christ­so­zia­len wer­den ei­nen Schul­di­gen für das schlech­te Wah­l­er­geb­nis brau­chen.

Ei­ni­ge ha­ben ihn be­reits in See­ho­fer ge­fun­den. Sei­ne Par­tei nimmt ihm übel, dass er den Streit mit der Uni­ons­schwes­ter CDU im Som­mer es­ka­lie­ren ließ. Ta­ge­lang wa­ren sich Christ­so­zia­le und Christ­de­mo­kra­ten nicht si­cher, ob ih­re ge­schichts­träch­ti­ge Part­ner­schaft fort­be­ste­hen wür­de. Schon wie­der Kreuth. Ei­ni­ge er­in­ner­ten sich an ver­gan­ge­ne schwe­re St­un­den für die Uni­ons­par­tei­en. Und wie­der war Aus­tra­gungs­ort der Kri­se Wild­bad Kreuth. Hier ver­kün­de­te Franz Jo­sef Strauß die Frak­ti­ons­t­ren­nung von der CDU, über­ließ es aber sei­nem Va­sal­len, dem Frak­ti­ons­füh­rer Fried­rich Zim­mer­mann, die Nach­richt dem CDU-Vor­sit­zen­den Hel­mut Kohl zu über­mit­teln. Nach des­sen Dro­hung, ei­nen ei­ge­nen CDU-Lan­des­ver­band in Bay­ern zu grün­den, war der Strauß-Plan rasch Ma­ku­la­tur.

Hans Lip­pert / imageBROKER / pic­tu­re­desk.com

Lang ge­hör­te ei­ne ab­so­lu­te Mehr­heit in Bay­ern zur Tra­di­ti­on. Da­mit wur­de al­ler­dings auch schon in der Ver­gan­gen­heit ge­bro­chen.

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