Der Schwa­nen­ge­sang des Horst See­ho­fer

Weh­mut um­flor­te den Auf­tritt des CSU-Chefs im Thea­ter sei­ner Hei­mat­stadt In­gol­stadt.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON THO­MAS VIE­REG­GE

1980, vier Jah­re spä­ter, trat Strauß an Stel­le von Kohl als Kanz­ler­kan­di­dat der Uni­on ge­gen den SPD-Kanz­ler Hel­mut Schmidt an – und ver­lor. Da­mit war es vor­bei mit den bun­des­po­li­ti­schen Am­bi­tio­nen des CSU-Über­va­ters. Er agier­te wei­ter­hin ei­gen­mäch­tig, zu­neh­mend auch in der Au­ßen­po­li­tik, und tat sich als Zwi­schen­ru­fer aus München, als Pol­te­rer beim Po­li­ti­schen Ascher­mitt­woch in Pas­sau und als Stö­ren­fried der kon­ser­va­tiv-li­be­ra­len Frak­ti­on her­vor. In sei­ner En­tou­ra­ge för­der­te er vie­le, die nach sei­ner Ära ei­ne gro­ße Rol­le in der Par­tei spie­len soll­ten: Ed­mund Stoi­ber, Theo Wai­gel, Pe­ter Gau­wei­ler, Max Streibl, Ge­rold Tand­ler. Und er impf­te sei­nen Schü­lern und der En­kel-Ge­ne­ra­ti­on um Mar­kus Sö­der ein: „Kein Amt ist schö­ner als Mi­nis­ter­prä­si­dent in Bay­ern.“Sö­der hat sich dar­an ge­hal­ten – und Horst See­ho­fer soll­te es noch be­reu­en, als er An­fang des Jah­res als Bun­des­in­nen­mi­nis­ter nach Ber­lin in die Gro­ße Ko­ali­ti­on wech­sel­te.

Bei der Land­tags­wahl steht nun auch der bun­des­po­li­ti­sche An­spruch und das par­tei­po­li­ti­sche Ge­wicht der CSU in Ber­lin auf dem Spiel, auf die sich die CSU viel zu­gu­te hält. Nach der Wen­de dach­ten die Christ­so­zia­len so­gar dar­an, über die Gren­zen Bay­erns in den Nord­os­ten zu ex­pan­die­ren – nach Thü­rin­gen und Sach­sen, um dort mit ei­ner Fi­lia­le Fuß zu fas­sen.

Zu ei­ner Re­gio­nal­par­tei ab­zu­sin­ken, wä­re ganz und gar nicht nach dem Ge­schmack der CSU-Gran­den mit ih­ren vier Stäm­men: den so­ge­nann­ten „Alt­bay­ern“in Ober- und Nie­der­bay­ern, dem Kern­land, den Fran­ken, Schwa­ben und den Nach­kom­men der su­de­ten­deut­schen Zu­wan­de­rer nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Es war bis­her ei­ne Sym­bio­se: Bay­ern stärk­te die CSU, die CSU stärk­te Bay­ern in Deutsch­land. Der schüt­zen­de Lan­des­va­ter. Sö­der weiß, wie viel jetzt auf dem Spiel steht. Auch des­we­gen spielt er seit Wo­chen die Rol­le des für­sorg­li­chen Lan­des­va­ters, der sei­ne Bay­ern zu­nächst vor „Asyl­tou­ris­ten“, dann vor der AfD und nun vor al­lem vor den Grü­nen schüt­zen will. Das En­de der Ab­so­lu­ten schreckt die Wäh­ler aber wohl nicht mehr. Es wä­re nicht das ers­te Mal in der Ge­schich­te. So­gar in Bay­ern.

In ro­ter Ne­on­schrift leuch­tet das Wort Glück von der Front­sei­te des Stadt­thea­ters in In­gol­stadt, ei­nem sechs­ecki­gen, grau­en Be­ton­klotz im Stil der 1970er-Jah­re. Da­ne­ben prangt das 1968er-Mot­to: „Fan­ta­sie an die Macht.“Schräg vis-a-`vis, an ei­ner Wand des Thea­ter­plat­zes, ist der Spruch ei­nes Hu­ma­nis­ten und wo­mög­lich frus­trier­ten CSU-Wäh­lers ge­sprayt: „Quo va­dis, Ba­va­riae?“Wie über­all im Frei­staat mi­schen sich auch in der wohl­ha­ben­den ober­baye­ri­schen Do­n­au­stadt, der Zen­tra­le des von der Die­selk­ri­se ge­beu­tel­ten Au­to­her­stel­lers Au­di, Ve­r­un­si­che­rung und Zwei­fel in die bier­se­li­ge Ok­to­ber­fest­stim­mung.

Ei­ne Ant­wort dar­auf, wie sich Macht, Glück und Fan­ta­sie in Zu­kunft für die so­ge­nann­te Staats­par­tei zu­sam­men­fü­gen könn­te, er­hof­fen sich die ge­treu­en An­hän­ger in der Hei­mat­stadt des Par­tei­chefs, des Ex-Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und In­nen­mi­nis­ters Horst See­ho­fer. Mehr noch treibt sie die Neu­gier an, die CSU-Zam­pa­nos See­ho­fer und Mar­kus Sö­der, sei­nen Nach­fol­ger als Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, im Wahl­kampf­fi­na­le vor dem her­bei­ge­schrie­be­nen Un­ter­gang zu er­le­ben – mit Lust an der Selbst­zer­flei­schung: Wer köpft wen?

Zu wild wa­ren See­ho­fers Bock­sprün­ge, die im Som­mer die Ko­ali­ti­on in Ber­lin bei­na­he zwei­mal zum Plat­zen ge­bracht hät­ten; zu sehr gab er in der Flücht­lings­po­li­tik und im Fall des Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­den­ten Hans-Georg Maa­ßen den Quäl- und Pol­ter­geist; zu sehr nerv­te er am En­de auch sei­ne baye­ri­schen Par­tei­freun­de, zer­mürbt vom zä­hen Macht­kampf. „Da müs­sen wir jetzt durch“, lau­tet de­ren Cre­do – und es lässt das Schlimms­te ah­nen. „Lie­ber Horst, lie­ber Mar­kus“. We­ni­ge Ta­ge vor dem zur Schick­sals­wahl sti­li­sier­ten Ur­nen­gang müh­ten sich See­ho­fer und Sö­der, die In­tim­fein­de, um ein de­mons­tra­ti­ves Bild der Ein­heit und Ge­schlos­sen­heit: Kein bö­ses Wort über­ein­an­der zur Re­por­ter­trau­be, kei­ne Schuld­zu­wei­sun­gen für das Um­fra­ge­de­ba­kel, wie sie es sich via Zei­tung aus­ge­rich­tet ha­ben – ein Kon­trast zu ih­rer Re­ve­renz zum 30. To­des­tag des CSU-Säu­len­hei­li­gen Franz Jo­sef Strauß an des­sen Gr­ab in Rott am Inn.

Statt­des­sen pfle­gen sie – zu­min­dest vor den Ka­me­ras – ei­nen höf­li­chen Um­gang; ein Sha­ke­hands da, ein jo­via­les Schul­ter­klop­fen dort. „Lie­ber Horst“, flö­tet Sö­der in sei­ner weit­schwei­fi­gen An­spra­che. „Lie­ber Mar­kus“, säu­selt See­ho­fer, um her­nach zu des­sen „ful­mi­nan­ter“Re­de zu gra­tu­lie­ren. Nur ein­mal feixt Sö­der in An­spie­lung auf das Welt­raum­pro­gramm Ba­va­ria One: „Ich wüss­te schon wel­che, die ich auf den Mond schie­ßen wür­de.“See­ho­fer re­pli­ziert selbst­iro­nisch: „Ich bin’s nicht.“Gro­ßes Ge­läch­ter, aber auch Vor­ge­schmack auf das Hau­en und Ste­chen in­ner­halb der CSU am Sonn­tag­abend und den kom­men­den Ta­gen.

Dass all dies nur Show und Ins­ze­nie­rung ist, zeigt sich schon ein­gangs. Gro­ßes Thea­ter, Dra­ma oder Schmie­ren­ko­mö­die? Ein­ge­läu­tet mit ei­nem Gong und or­ches­triert von bom­bas­ti­scher Mu­sik schrei­ten sie ne­ben­ein­an­der in den Saal, je­doch nicht im Tri­umph­marsch, son­dern in mo­de­ra­ter Po­se. See­ho­fer übt sich süf­fi­sant in De­mut: „Ich bin ja nur Bei­pro­gramm.“

Höl­zern rührt Ge­ne­ral­se­kre­tär Mar­kus Blu­me die Trom­mel: „Wir wol­len, dass Bay­ern Bay­ern bleibt.“Sö­der und See­ho­fer schla­gen ne­ben lo­kal­pa­trio­ti­schen Pau­ken­schlä­gen in­des­sen auch nach­denk­li­che Tö­ne an. Uni­so­no be­schwö­ren sie, es sei ein Pri­vi­leg, in Bay­ern zu le­ben – im Pa­ra­dies auf Er­den. Der Mi­nis­ter­prä­si­dent be­tet die gan­ze Er­folgs­li­ta­nei her­un­ter. Der Par­tei­chef be­schränkt sich hin­ter­sin­nig bloß auf vier An­mer­kun­gen, die frei­lich ei­ne gu­te hal­be St­un­de ein­neh­men. Ver­mächt­nis ei­nes Po­lit­jun­kies. Un­ter hä­mi­schem Ge­läch­ter zi­tiert der CSUChef sei­ne lang­jäh­ri­ge Ri­va­lin, die Re­gie­rungs­che­fin An­ge­la Mer­kel: „Das schaf­fen nur die Bay­ern.“Zwar be­teu­ert er: „Ich ha­be ein gro­ßes Werk zu ver­rich­ten.“Am mut­maß­li­chen En­de sei­ner Kar­rie­re als Ge­sund­heits- und Agrar­mi­nis­ter in Bonn und Ber­lin, nach zehn Jah­ren als Mi­nis­ter­prä­si­dent in München und nach ei­nem hal­ben Jahr als Chef ei­nes auf­ge­bläh­ten In­nen­mi­nis­te­ri­ums, nach zahl­lo­sen Hö­hen und Tie­fen ge­rät See­ho­fer ins Rä­so­nie­ren über die „baye­ri­sche See­le“: „Le­ben und le­ben las­sen. Und prak­ti­zier­te Nächs­ten­lie­be. Das zeich­net uns aus.“

Wie ein Ver­mächt­nis klingt sein Strauß-Zi­tat: „Po­li­tik ist kein Schön­heits­wett­be­werb.“Sei­ne Re­de nimmt sich aus wie ein Schwa­nen­ge­sang, wie ei­ne Ab­schieds­vor­stel­lung – und auch sei­ne In­gol­städ­ter ver­ste­hen es so. Von Weh­mut um­flort ruft er ih­nen ei­ne Stro­phe aus dem Bay­ern­lied zu: „Gott mit dir, du Land der Bay­ern.“Gra­vi­tä­tisch geht er ab, mit sei­nem ty­pi­schen Schmun­zeln, das al­les of­fen lässt. Zu­ge­wandt sucht der Po­lit­jun­kie noch ein­mal die Nä­he sei­ner Wäh­ler und wie es sich für ei­nen Lo­kal­ma­ta­dor und erst recht ei­nen In­nen­mi­nis­ter ge­ziemt, hält er beim Aus­gang lo­cke­ren Small­talk mit frei­wil­li­gen Hel­fern und Po­li­zis­ten.

Zu ei­ner Re­gio­nal­par­tei ab­zu­sin­ken, wä­re gar nicht nach Ge­schmack der CSU. Lo­kal­pa­trio­tis­mus und De­mut. Gro­ßes Thea­ter, Dra­ma oder Schmie­ren­ko­mö­die?

EPA

Horst See­ho­fer steht nach mehr als drei Jahr­zehn­ten in der Spit­zen­po­li­tik vor dem En­de sei­ner Kar­rie­re: „Gott mit dir, du Land der Bay­ern.“

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