Ka­pi­tän Kurz auf Flug­hö­he

365 Ta­ge nach der Na­tio­nal­rats­wahl lädt die ÖVP 365 Un­ter­stüt­zer zum Nach­wahl­kamp­fevent ein. Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz kün­digt Re­for­men beim Ar­beits­markt­ser­vice und bei der Fi­nan­zie­rung der Pfle­ge an.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON MAR­TIN FRITZL

Man fühlt sich zu­rück­ver­setzt in den Wahl­kampf. Tür­ki­se Bal­lons am Ein­gang des Uni­qa-To­wers in Wi­en, ein tür­ki­ses Tor zum Durch­schrei­ten. Et­li­che Da­men ha­ben ih­re tür­ki­se Wahl­kampf­gar­de­ro­be wie­der her­vor­ge­holt. Pe­ter Ep­pin­ger ist da und führt durch das Pro­gramm. Auch er trifft auf vie­le al­te Be­kann­te aus dem Wahl­kampf. 365 Ta­ge nach der Na­tio­nal­rats­wahl hat die ÖVP 365 Un­ter­stüt­zer aus dem Wahl­kampf ein­ge­la­den, um sich selbst zu fei­ern.

Ep­pin­ger trifft auf den Be­trei­ber des Seg­way-Shops, der in­zwi­schen der ÖVP bei­ge­tre­ten ist, auf die Da­me, die von der gro­ßen Wahl­kampf­ver­an­stal­tung vor ei­nem Jahr in der Stadt­hal­le schwärmt, und – wie das Le­ben so spielt – auf sei­ne frü­he­re ORF-Kol­le­gin Ve­ra Russ­wurm, die sich als Se­bas­ti­anKurz-Fan ou­tet. Mit ihm ste­he jetzt ein „jun­ger und gut aus­se­hen­der Po­li­ti­ker an der Spit­ze“, auch des­halb spie­le Ös­ter­reich jetzt in­ter­na­tio­nal wie­der ei­ne be­deu­ten­de­re Rol­le. Es sei jetzt „nichts Ver­z­opf­tes“mehr in der Po­li­tik.

Ra­dio­mo­de­ra­tor Har­ry Prüns­ter zeigt sich eben­so von der ÖVP-Re­gie­rungs­po­li­tik be­geis­tert, spe­zi­ell von der Wie­der­ein­füh­rung der No­ten in der Volks­schu­le. Und er hat gleich ei­nen Wunsch an die Bil­dungs­po­li­tik: Man mö­ge doch bit­te die Be­tra­gens­no­te in der vier­ten Klasse Mit­tel­schu­le wie­der ein­füh­ren.

Rück­blick und Aus­blick ein Jahr nach der Wahl: Dar­um geht es bei die­ser Ver­an­stal­tung. Und der Rück­blick im Krei­se der ei­ge­nen Fans fällt er­war­tungs­ge­mäß po­si­tiv-en­thu­si­as­tisch aus. Klub­chef Au­gust Wögin­ger – hier für al­le der „Gust“– prä­sen­tiert Fa­mi­li­en­bo­nus, Deutsch­klas­sen, Dop­pel­bud­get, Si­cher­heits­pa­ket und Kampf ge­gen den po­li­ti­schen Is­lam als Er­run­gen­schaf­ten der Re­gie­rung. „Geht hin­aus und er­zählt es den Leu­ten“, ruft er den An­hän­gern zu. Die ÖVP müs­se nicht nur gu­te Po­li­tik ma­chen, son­dern die­se auch ent­spre­chend ver­kau­fen.

Und so wie Ge­ne­ral­se­kre­tär Karl Ne­ham­mer lobt auch er de­mons­tra­tiv den Ko­ali­ti­ons­part­ner FPÖ. „Wir kön­nen jetzt wie­der christ­lich-so­zia­le Po­li­tik le­ben“, sagt Ne­ham­mer. Wögin­ger spricht auch un­ter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen an – et­wa beim The­ma Rauch­ver­bot: „Das ist wie in ei­ner Be­zie­hung. Da kriegst du auch nicht je­den Tag recht.“

Aber das al­les ist na­tür­lich nur Vor­pro­gramm. Die gan­ze Ver­an­stal­tung ist auf ei­ne Per­son zu­ge­schnit­ten: Auf den Par­tei­chef und Bun­des­kanz­ler. Se­bas­ti­an Kurz be­müht sich in sei­ner Re­de um ei­ne per­sön­li­che No­te. Er­zählt, wie es ihm vor ei­nem Jahr ge­gan­gen ist, als der Wahl­kampf schon be­en­det war, aber das Er­geb­nis noch nicht be­kannt. Wie sei­ne Freun­din ihn für den Fall ei­ner Nie­der­la­ge auf­rich­ten woll­te („dann machst halt et­was an­de­res“), und sein Va­ter eben­so („auch Nie­der­la­gen kön­nen stär­ken“). „Furcht­bar“sei es ihm da ge­gan­gen, „fix und fer­tig“sei er ge­we­sen.

Es gab kei­ne Nie­der­la­ge, wie wir in­zwi­schen wis­sen. „Es fühlt sich an wie bei ei­nem Flug“, meint der nun­meh­ri­ge Kanz­ler. „Wir ha­ben die Wol­ken­de­cke durch­bro­chen, wir ha­ben die Rei­se­flug­hö­he er­reicht und wir sind mit vol­ler Ge­schwin­dig­keit un­ter­wegs, um un­ser Re­gie­rungs­pro­gramm auch wirk­lich um­zu­set­zen“, wen­det sich der „Ka­pi­tän“, wie Wögin­ger Kurz zu­vor be­ti­telt hat, an sei­ne Un­ter­stüt­zer. Vie­le sag­ten ihm, gut, dass da was wei­ter­geht, aber man­che sei­en auch be­sorgt, dass man viel­leicht et­was zu schnell un­ter­wegs sei – auch das müs­se man ernst neh­men. Das heißt aber nicht, dass Se­bas­ti­an Kurz des­halb sei­nen Kurs än­dern will. Von Rei­bung, die durch die Ve­rän­de­run­gen ent­ste­he, wer­de man sich nicht aus dem Kon­zept brin­gen las­sen, kon­tert Kurz sei­nen Kri­ti­kern. „Wir tun in Sum­me ge­nau das, was wir im Wahl­kampf ver­spro­chen ha­ben.“

Man wol­le al­len die Mög­lich­keit ge­ben, in Si­cher­heit zu le­ben und die Frei­heit zu ha­ben, „sich selbst zu ent­fal­ten“. Da­zu ge­hö­re auch, „dass De­mo­kra­tie und Rechts­staat hoch­ge­hal­ten wer­den“, be­tont Kurz. Wohl auch im Lich­te der im Mai be­vor­ste­hen­den EU-Wahl merkt Kurz an, wenn hier in ei­ni­gen eu­ro­päi­schen Län­dern an­de­re We­ge ver­folgt wür­den, sa­ge er klar: „Wir sind die Par­tei des li­be­ra­len Rechts­staa­tes und wir wer­den ihn über­all, wo es not­wen­dig ist, in al­ler Ent­schlos­sen­heit ver­tei­di­gen.“Ei­ne An­sa­ge an je­ne, die Ös­ter­reich in ei­nem Atem­zug mit Un­garn und Po­len nen­nen. Neue Ziel­vor­ga­ben für das AMS. Auch kon­kre­te Re­for­men kün­digt Kurz an. 3000 Aus­bil­dungs­plät­ze für Pro­gram­mie­rer sol­len ge­schaf­fen wer­den. Und das AMS soll neue po­li­ti­sche Ziel­vor­ga­ben be­kom­men, da­mit die Ver­mitt­lung von Ar­beits­lo­sen bes­ser funk­tio­nie­re. Und da denkt der Bun­des­kanz­ler of­fen­sicht­lich auch dar­an, die Zu­mut­bar­keits­be­stim­mun­gen für die Auf­nah­me ei­ner Ar­beit zu ver­schär­fen: Jun­gen Men­schen und Asyl­be­rech­tig­ten sei es zu­zu­mu­ten, dass sie für ei­ne Ar­beit von Ost- nach We­st­ös­ter­reich über­sie­deln.

Noch ei­ne Re­form kün­digt Kurz an, oh­ne al­ler­dings ins De­tail zu ge­hen: Die Re­gie­rungs­ko­or­di­na­to­ren sei­en be­auf­tragt, bis En­de des Jah­res ein Lö­sungs­kon­zept für die Fi­nan­zie­rung der Pfle­ge zu er­ar­bei­ten. Die Zie­le da­bei: Wann im­mer mög­lich, müs­se die Pfle­ge zu Hau­se statt­fin­den kön­nen. Und Pfle­ge­kräf­te und pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge müs­sen künf­tig bes­ser un­ter­stützt wer­den als heu­te.

Zwei­fel an der Rol­le der ÖVP kom­men an die­sem Tag kei­ne auf. Der ein­zi­ge kri­tisch wir­ken­de Satz kommt von Pe­ter Ep­pin­ger: „Mein En­ga­ge­ment ist kom­plett für den Hu­go.“Aber auch das hat nichts mit Selbst­zwei­fel zu tun. Ge­meint ist Ep­pin­gers Sohn Hu­go.

Se­bas­ti­an Kurz: »Wir wer­den den li­be­ra­len Rechts­staat über­all ver­tei­di­gen.«

APA/Neu­bau­er

Be­geis­te­rung für Par­tei­chef Se­bas­ti­an Kurz 365 Ta­ge nach der Wahl.

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