Die Un­ge­lieb­ten: Das Le­ben der Park­she­riffs

In Wi­en über­prü­fen 650 Mit­ar­bei­ter der Stra­ßen­auf­sicht den ru­hen­den Ver­kehr. Die Zahl der Park­sün­der geht zwar zu­rück, Dis­kus­sio­nen mit em­pör­ten Au­to­fah­rern ge­hö­ren aber zum All­tag. Trotz­dem ist die Nach­fra­ge nach den Jobs groß.

Die Presse am Sonntag - - Chronik - VON MIR­JAM MA­RITS

Er ist ei­ner je­ner Men­schen, die sich nur schwer aus der Ru­he brin­gen las­sen. Ent­spannt könn­te man ihn nen­nen. Gmiat­lich, auf Wie­ne­risch. Man­fred Bre­sow­sky selbst sagt, er ha­be „ei­ne ge­wis­se Ge­las­sen­heit“. Und die­se scha­det in je­nem Be­ruf kei­nes­wegs, für den sich Bre­sow­sky vor vier Jah­ren ent­schlos­sen hat: Er ist ei­ner von 650 so­ge­nann­ten Wie­ner Park­she­riffs.

Und in die­sen vier Jah­ren hat er, man ahnt es, schon ei­ni­ges er­lebt an Dis­kus­sio­nen mit und Be­schimp­fun­gen von Au­to­fah­rern, die über­haupt nicht ein­se­hen woll­ten, wie­so ge­ra­de sie aus­ge­rech­net jetzt ei­nen Straf­zet­tel be­kom­men hat­ten. „Mit Herz, Hirn und Ver­stand“, ganz so, wie er es in der Aus­bil­dung zum „Or­gan der Stra­ßen­auf­sicht“(so die of­fi­zi­el­le Be­rufs­be­zeich­nung) „un­ge­fähr ei­ne Mil­li­on Mal“ge­hört hat, be­geg­ne er je­nen auf­ge­brach­ten bis un­ein­sich­ti­gen Men­schen, er­zählt Bre­sow­sky. Aber über die ne­ga­ti­ven Er­leb­nis­se möch­te er gar nicht so gern re­den, lie­ber dar­über, was er an sei­nem Job mag.

Dass man den gan­zen Tag im Frei­en un­ter­wegs ist et­wa – an die­sem war­men Herbst­vor­mit­tag, an dem Bre­sow­sky, in dun­kel­blau­er Uni­form, mit der gol­de­nen Pla­ket­te „Stra­ßen­auf­sicht“an der Brust­ta­sche und wei­ßer Kap­pe, auf den Stra­ßen des sechs­ten Be­zirk un­ter­wegs ist, mag man ihn für die St­un­den im Frei­en durch­aus be­nei­den. Aber es gibt auch die hei­ßen Hoch­som­mer­ta­ge oder die ne­be­li­gen No­vem­ber­mor­gen, die kal­ten, ver­schnei­ten Win­ter­ta­ge. Das ma­che ihm al­les nichts aus, sagt Bre­sow­sky, man müs­se sich eben ent­spre­chend klei­den.

Dass er heu­te in ei­nem Rayon in Ma­ria­hilf ein­ge­teilt ist, hat er, wie je­den Tag, erst in der Früh bei Di­enst­an­tritt in der Zen­tra­le am Ma­ria­hil­fer Gür­tel (ei­ner von wien­weit drei Di­enst­stel­len, von de­nen aus die Park­she­riffs los­zie­hen) er­fah­ren. Die ers­te der Acht-St­un­den-Schich­ten star­tet um sechs Uhr, die zwei­te um acht Uhr, die drit­te um 15 Uhr. Hier in der Wall­gas­se, er­klärt Bre­sow­sky, gel­te nicht nur die kos­ten­pflich­ti­ge Kurz­park­zo­ne. In ei­nem Ab­schnitt die­ser Stra­ße gilt von neun bis 22 Uhr zu­sätz­lich ein Hal­te- und Park­ver­bot. Au­ßer für je­ne, die ein gül­ti­ges Park­pi­ckerl für den Be­zirk an der Wind- schutz­schei­be ha­ben. „Wenn das Fahr­zeug das nicht hat, dann steht es im Hal­te­ver­bot“, sagt er, wäh­rend er ein klei­nes elek­tro­ni­sches Ge­rät, ein PDA („Per­so­nal Di­gi­tal As­sis­tant“), aus der Ta­sche holt, das Ge­rät zur Schei­be des dunk­len Pkw hält und das Park­pi­ckerl scannt. Dass die­se mitt­ler­wei­le nur noch in der Va­ri­an­te mit elek­tro­ni­schem Chip aus­ge­ge­ben wer­den, hat die Ar­beit der Park­she­riffs be­schleu­nigt: Nach nur we­ni­gen Se­kun­den zeigt das Ge­rät Bre­sow­sky an, dass das Au­to ein gül­ti­ges Park­pi­ckerl für den sechs­ten Be­zirk hat – al­so hier kor­rekt ge­parkt wur­de. Auch bei den da­ne­ben ab­ge­stell­ten Au­tos das­sel­be Er­geb­nis: Al­le ha­ben ein gül­ti­ges Park­pi­ckerl, al­le dür­fen hier par­ken oder hal­ten. Darf er hier ste­hen? Ums Eck, wo die An­rainer­zo­ne nicht mehr gilt, fin­det Bre­sow­sky ein Au­to vor, das we­der Park­pi­ckerl noch Kurz­park­schein auf­weist. Darf es hier al­so gar nicht ste­hen? Bre­sow­sky zückt sein PDA-Ge­rät und tippt das Kenn­zei­chen hän­disch ein. Auch hier ist nach we­ni­gen Se­kun­den klar: Das Au­to ist kor­rekt ab­ge­stellt, der Fah­rer hat – via Han­dy­par­ken – die Park­ge­bühr be­zahlt. Dass er an die­sem Vor­mit­tag nur we­ni­ge Park­sün­der er­wischt, ist üb­ri­gens kei­ne Sel­ten­heit: Tat­säch­lich be­zah­len die meis­ten Au­to­fah­rer die Park­ge­büh­ren (ob nun via Han­dy­par­ken oder klas­sisch per Kurz­park­schein). Im­mer wenn ein neu­er Stadt­teil zur Kurz­park­zo­ne wird oder neue An­rai­ner­park­plät­ze ge­schaf­fen wer­den, ge­be es in den ers­ten Wo­chen Ver­wir­rung, dann aber funk­tio­nie­re das Par­ken auch dort. Im Vor­jahr ha­ben die Park­she­riffs aber trotz­dem im­mer­hin rund 1,2 Mio. Or­gan­straf­ver­fü­gun­gen (sprich Straf­zet­tel) aus­ge­stellt. Das so ein­ge­nom­me­ne Geld (2016 war es mit 78,2 Mio. Eu­ro deut­lich we­ni­ger als 2015 mit 85,7 Mio. Eu­ro) fließt üb­ri­gens in das So­zi­al­bud­get der Stadt. (Wäh­rend die Ein­nah­men durch Park­pi­ckerl und Kurz­park­schei­ne – 110,8 Mil­lio­nen im Jahr 2016 – in den Aus­bau des öf­fent­li­chen Ver­kehrs, aber et­wa auch in Rad­we­ge flie­ßen.) 614 ge­stoh­le­ne Au­tos. Die Park­she­riffs sind aber nicht, wie vie­le Wie­ner glau­ben, nur für die Über­prü­fung der Kurz­park­zo­nen zu­stän­dig – son­dern für den ge­sam­ten ru­hen­den Ver­kehr. Al­so et­wa auch da­für, ob Au­tos im Hal­te­ver­bot ste­hen, ob sie ei­ne gül­ti­ge §57a-Pla­ket­te (al­so das „Pi­ckerl“) ha­ben. Und wenn ja, ob die­ses §57a-Pi­ckerl über­haupt für das Au­to, auf des­sen Wind­schutz­schei­be es klebt, aus­ge­stellt wur­de. (Was näm­lich nicht im­mer der Fall ist.) All das über­prü­fen die Park­she­riffs rou­ti­ne­mä­ßig bei je­dem Au­to, aus­nahms­los. Zu­sätz­lich wird je­des Kenn­zei­chen, das Bre­sow­sky und sei­ne Kol­le­gen scan­nen, au­to­ma­tisch an den Fahn­dungs­ser­ver der Po­li­zei wei­ter­ge­lei­tet – auf die­se Wei­se sind im Vor­jahr in Wi­en 614 ge­stoh­le­ne Fahr­zeu­ge wie­der auf­ge­taucht und 531 ge­stoh­le­ne Kenn­zei­chen. „Das ist dann“, sagt Bre­sow­sky mit merk­li­chem Stolz, „auch un­ser Ver­dienst.“Da mel­det sich dann die Po­li­zei bei ihm und will wis­sen, wo das ge­such­te Au­to ge­nau zu fin­den ist. Da­mit en­det Bre­sow­skys Amts­hand­lung: Für al­les Wei­te­re ist die Po­li­zei zu­stän­dig.

Denn die Park­she­riffs sind, auch wenn man sie in ih­rer dunk­len Uni­form mit Po­li­zis­ten ver­wech­seln könn­te (was auch vie­le tun), kei­ne Po­li­zis­ten. Sie sind of­fi­zi­ell Mit­ar­bei­ter der MA67 (Park­raum­über­wa­chung), seit ei­ni­gen Jah­ren aber der Po­li­zei un­ter­stellt, von der sie auch aus­ge­bil­det wer­den. Nur die Ge­häl­ter (das Ein­stiegs­ge­halt liegt bei et­wa 1500 Eu­ro net­to) zahlt wei­ter­hin die Ge­mein­de.

Da die Park­raum­be­wirt­schaf­tung (sie­he Ar­ti­kel rechts) in Wi­en lau­fend aus­ge­baut wird, steigt auch die Zahl der Kon­troll­or­ga­ne: Ge­ra­de wie­der läuft ein Auf­nah­me­ver­fah­ren, das In­ter­es­se ist groß: 390 Men­schen ha­ben sich be­wor­ben, 140 wa­ren zum Hea­ring ge­la­den. Von die­sen wer­den 30 bis 35 zur zehn­wö­chi­gen Aus­bil­dung aus­ge­wählt. Gab es im Vor­jahr rund 500 Park­she­riffs, sind es der­zeit 650. Al­ler­dings wur­den 13 kürz­lich vom Dienst frei­ge­stellt, weil sie, wie be­rich­tet, meh­re­re ih­rer ei­ge- Mit dem PDA-Ge­rät wird das elek­tro­ni­sche Park­pi­ckerl ein­ge­le­sen (l.), mit da­bei ist ein klei­ner Dru­cker (Mit­te). nen Park­stra­fen wi­der­recht­lich stor­nie­ren lie­ßen. Be­wer­ber­an­sturm. Vie­le Be­wer­ber sind Be­rufs­um­stei­ger. So war es auch bei Da­ni­je­la Ru­z­a­no­vic, die vor 14 Jah­ren als Ver­käu­fe­rin auf­ge­hört hat. Die Men­schen hät­ten sie als Ver­käu­fe­rin auch nicht bes­ser be­han­delt als jetzt als Park­she­riff, im Ge­gen­teil, er­zählt sie. Und sie schät­ze es, al­lein un­ter­wegs zu sein. „Na­tür­lich muss ich mei­ne Leis­tung er­brin­gen, aber selbst­stän­dig un­ter­wegs zu sein ge­fällt mir sehr gut.“Auch Ru­z­a­no­vic ist an die­sem Tag in ei­nem Grät­zel un­weit des Ma­ria­hil­fer Gür­tels im Ein­satz – al­lein. Vor ei­ni­gen Jah­ren gab es nach ei­ner Häu­fung von tät­li­chen Über­grif­fen auf Park­she­riffs die Über­le­gung, sie wie die Po­li­zis­ten in Zwei­er­teams los­zu­schi­cken. Da­von ist man aber längst wie­der ab­ge­kom­men.

Seit be­kannt wur­de, dass She­riffs Stra­fen stor­niert ha­ben, sind sie im Ge­re­de. Tags­über wird mehr über Straf­zet­tel ge­schimpft, nachts gibt es we­ni­ger Pro­ble­me.

Ru­z­a­no­vic fühlt sich auch al­lein nicht un­si­cher, sagt sie, auch nicht abends (die letz­te Di­enst­schicht en­det um 23 Uhr). Da ge­be es so­gar noch we­ni­ger Pro­ble­me, „weil we­ni­ger los ist und die Leu­te nach der Ar­beit ein­fach nur nach Hau­se wol­len“. Nor­ma­ler­wei­se ar­bei­te sie als Mut­ter von klei­nen Kin­dern aber so­wie­so nur tags­über. Wirk­lich un­gu­te Si­tua­tio­nen ha­be sie in all den Jah­ren nicht er­lebt. Müh­sa­me Dis­kus­sio­nen, Be­schimp­fun­gen, das ja, im­mer wie­der. „Aber man muss ler­nen, das nicht per­sön­lich zu neh­men. Die hat­ten ei­nen schlech­ten Tag und las­sen das an der Uni­form aus“, sagt Ru­z­a­no­vic. „Man muss auch im Kopf ha­ben, dass das kei­ne Schwer­ver­bre­cher sind. Die ha­ben nur ei­nen Park­schein nicht aus­ge­füllt.“Oft ge­lingt es, mit ge­dul­di­gem Er­klä­ren die Per­son zu be­ru­hi­gen. (Ei­ne Dee­s­ka­la­ti­ons­schu­lung ist Teil der Aus­bil­dung.).

Sehr oft, sagt Ru­z­a­no­vic, ha­be sie auch das Ge­fühl, dass „wir auch so et­was wie Psy­cho­lo­gen für die Leu­te sind“. Die­se er­zäh­len ih­nen dann ih­re

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.