Ver­folgt und zu »Zau­ber­trank« ge­macht

In et­li­chen afri­ka­ni­schen Staa­ten wer­den Men­schen mit Al­bi­nis­mus er­mor­det.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON HEL­LIN JAN­KOW­SKI

„Ent­we­der müs­sen sie min­de­re Ar­bei­ten ver­rich­ten oder sie le­ben ver­steckt – wenn sie Glück ha­ben“, sagt Der­ma­to­lo­gin Ro­se­ma­rie Mo­ser und meint ei­ne Viel­zahl von Men­schen mit Al­bi­nis­mus, die in afri­ka­ni­schen Staa­ten ge­bo­ren wer­den. „Mit we­ni­ger Glück wer­den sie ver­folgt, miss­braucht oder gar ge­tö­tet“, er­in­nert sie an das Jahr 2015. Da­mals wur­de ein ein­ein­halb Jah­re al­ter Bub in Tan­sa­nia er­mor­det – we­gen sei­ner Pig­ment­stö­rung. Ar­me und Bei­ne wur­den ihm ab­ge­trennt, weil ih­nen ma­gi­sche Kräf­te nach­ge­sagt wer­den. „Das ist lei­der kein Ein­zel­fall“, sagt Mo­ser, „nur hört man hier we­nig da­von.“

Die Vor­fäl­le sind nicht auf Tan­sa­nia be­schränkt: Auch in Ka­me­run, Kon­go, Bu­run­di, der El­fen­bein­küs­te, Ke­nia, Ma­la­wi oder Mo­sam­bik wer­den im­mer wie­der Ge­walt­ta­ten ge­mel­det. Die Or­ga­ni­sa­ti­on „Un­der the Sa­me Sun“zählt seit 1998 rund 500 An­grif­fe auf Men­schen mit Al­bi­nis­mus in Afri­ka. In Ma­la­wi wur­den laut Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal zwi­schen 2014 und 2016 zu­min­dest 18 Be­trof­fe­ne ge­tö­tet.

Grün­de da­für sei­en die Ge­rüch­te, die oft von War­lords ge­streut wür­den, sagt Mo­ser: „Es heißt, an Aids er­krank- te Men­schen wür­den ge­sund, wenn sie Tei­le von Men­schen mit Al­bi­nis­mus zu sich näh­men“, so die Me­di­zi­ne­rin. „So­gar aus den Grä­bern wer­den die Kör­per ge­holt, um die Kno­chen zu zer­mah­len oder zu ver­kau­fen.“Ein wei­te­rer Irr­glau­be: „Wer mit ei­ner Frau oder ei­nem Mann mit Al­bi­nis­mus Sex ha­be, wer­de von al­len Krank­hei­ten ge­heilt.“Letz­te­re „Leh­re“sei Ur­sa­che et­li­cher Ver­ge­wal­ti­gun­gen. Kurz­um: „Egal, ob sie als Glücks- oder Un­glücks­brin­ger gel­ten, sie wer­den ge­de­mü­tigt.“

Das be­stä­tigt auch Ian Des­mond Sim­bo­ta. Der 31-Jäh­ri­ge stammt aus ei­ner vier­köp­fi­gen Fa­mi­lie in Ma­la­wi. Zwei der Kin­der, er und ei­ne Schwes­ter, ka­men mit Al­bi­nis­mus zur Welt. „So auf­zu­wach­sen war nicht ein­fach, ins­be­son­de­re, weil mein Va­ter uns nicht moch­te“, er­zählt er. „Mein Va­ter dach­te, mei­ne Mut­ter sei ver­flucht, uns Kin­der woll­te er um­brin­gen.“

Sei­ne Mut­ter sei au­ßer sich ge­we­sen, „op­fer­te ih­re Ehe und zog mit uns fort“, sagt Sim­bo­ta, der heu­te als Rund­funk­spre­cher und Men­schen­rechts­ak­ti­vist in Ma­la­wi ar­bei­tet. In letz­te­rer Funk­ti­on be­sucht er im­mer wie­der Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten, wo er über die Dis­kri­mi­nie­rung von Er­krank­ten spricht. „Wir le­ben in Angst. Erst im Sep­tem­ber wur­de ei­ne 18-Jäh­ri­ge mit Al­bi­nis­mus ver­prü­gelt und schwer ver­letzt“, er­zählt er – und ap­pel­liert an die Re­gie­rung, Ta­ten zu set­zen: „Brecht das Schwei­gen, es gibt so viel Un­wis­sen.“

Hier setzt auch der Ver­ein Tu­mai­ni an, den Mo­ser und ihr Mann im De­zem­ber 2011 ge­grün­det ha­ben. Durch die För­de­rung von Schul­bil­dung wol­len sie Zei­chen set­zen, durch das Sam­meln von Son­nen­bril­len, das Ver­tei­len von Son­nen­creme und die Ope­ra­ti­on von Haut­tu­mo­ren die Le­bens­um­stän­de der Be­trof­fe­nen ver­bes­sern: „In Afri­ka gibt es weit mehr Per­so­nen mit Al­bi­nis­mus als an­dern­orts“, sagt sie. „War­um, wis­sen wir nicht. Aber: Es ist ein Teu­fels­kreis. Da sich das Le­ben stär­ker drau­ßen ab­spielt, bil­den sie ab der Kind­heit Haut­schä­den – so­fern sie sich nicht ver­ste­cken müs­sen.“

»Mein Va­ter dach­te, mei­ne Mut­ter sei ver­flucht – uns Kin­der woll­te er um­brin­gen.«

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