LE­XI­KON

Die Presse am Sonntag - - Leben -

Gilt es, un­ter­wegs schnell et­was „sicht­ba­rer“zu ma­chen, nimmt der Lan­gen­zers­dor­fer die Lu­pe zur Hand. Um­ständ­lich sei das zu­wei­len, doch nichts, an das man sich nicht ge­wöh­nen könn­te. „In der Schu­le ha­be ich in der lin­ken Hand das Mo­no­ku­lar ge­hal­ten, mit der rech­ten Hand mit­ge­schrie­ben. Spä­ter be­kam ich ei­ne Ta­fel­ka­me­ra“, er­in­nert sich Metzl. „In der ei­nen Hand hat­te ich das Sta­tiv, das Le­se­ge­rät war auf die Ta­fel ge­rich­tet und so ver­folg­te ich, was ge­schrie­ben wur­de. Ge­gen En­de mei­ner Schul­zeit wur­den die Ge­rä­te mo­der­ner, hat­ten Pfeil­tas­ten zur Steue­rung und ei­ne Tas­ta­tur, um mit­tip­pen zu kön­nen.“

So fort­schritt­lich war El­mar Fürst wäh­rend sei­ner Aus­bil­dungs­zeit nicht aus­ge­stat­tet. Den­noch weist die Ge­schich­te des 44-Jäh­ri­gen, der seit ei­nem Jahr dem Re­gio­nal­kreis Ost des Al­bi­nis­mus-Selbst­hil­fe­ver­eins „Noah“vor­steht, Par­al­le­len zu Metzls Er­fah­run­gen auf. „Schon als Ba­by trug ich Son­nen­bril­le, als Klein­kind folg­te die ers­te op­ti­sche Bril­le, heu­te kom­bi­nie­re ich Lin­sen, Lu­pe und Smart­pho­ne“, sagt er. Letz­te­res hat Fürst, der an der Wirt­schafts­uni­ver­si­tät Wi­en ha­bi­li­tiert ist, fast im­mer in der Hand: „Ich fo­to­gra­fie­re und zoo­me dann ins Bild.“

Als Schü­ler war das frei­lich nicht mög­lich, „aber ich hat­te die Er­laub­nis, je­der­zeit auf­zu­ste­hen oder frag­te ein­fach mei­nen Sitz­nach­barn“. Wäh­rend sei­nes Wirt­schafts­stu­di­ums saß Fürst stets in der ers­ten Rei­he der Hör­sä­le – in­klu­si­ve Opern­gu­cker: „Ich ha­be die Pro­fes­so­ren aber über mei­ne Seh­schwä­che in­for­miert, da­mit sie sich nicht ge­frot­zelt fühl­ten.“

Den Al­bi­nis­mus hin­ge­gen er­wähn­te Fürst, der ge­ra­de zum Stän­di­gen Dia­kon ge­weiht wur­de, sel­ten. „Ei­ne Zeit lang ha­be ich mich ge­tarnt, mir die Haa­re ge­färbt“, sagt er, „ich woll­te nicht so­fort aus der Mas­se her­aus­ste­chen“, wo­bei er kei­ne „wirk­lich schlech­ten Er­fah­run­gen“ge­macht ha­be: „Nur ein ein­zi­ges Mal wur­de mir ,Hei­no‘ nach­ge­ru­fen, da­bei hat der Sän­ger nicht ein­mal Al­bi­nis­mus.“Et­was skur­ri­ler hin­ge­gen war, „als mich ei­ne Frau am Arm an­fass­te und frag­te: Bist du echt?“

Ähn­li­ches er­zählt Metzl: „Vor al­lem Kin­der sind sehr di­rekt und fra­gen, ob man die gro­ße Ver­si­on ei­nes Al­bi­no­häs­chens ist“, lacht er. „Da­bei ha­ben wir kei­ne ro­ten Au­gen, das sieht nur manch­mal so aus, je nach Licht­ein­fall.“Mit den Jah­ren ha­be er sich an die Fra-

Me­la­nin

wird für die Pig­men­tie­rung der Haut, der Haa­re, der Iris und der Re­ti­na so­wie die Ent­wick­lung der Au­gen und Seh­bah­nen be­nö­tigt. Män­gel füh­ren zu weiß­blon­der Kop­fund Kör­per­be­haa­rung, die Iris kann blau, blau-grau, grün­braun, die Haut äu­ßert hell sein. Die Al­bi­nis­mus­be­ding­ten

sind viel­fäl­tig. Da­zu zäh­len: ei­ne ver­min­der­te Seh­schär­fe, ex­tre­me Licht­emp­find­lich­keit, Schwie­rig­kei­ten beim räum­li­chen Se­hen.

Seh­pro­ble­me Noah.

Der Selbst­hil­fe­ver­ein für Men­schen mit Al­bi­nis­mus wur­de 1993 in München ge­grün­det, mitt­ler­wei­le sind auch in Ös­ter­reich Ab­le­ger ent­stan­den: der Re­gio­nal­kreis Ost (Wi­en, Bur­gen­land, Nie­der­ös­ter­reich, Ober­ös­ter­reich, Stei­er­mark) un­ter der Lei­tung von El­mar Fürst so­wie der Re­gio­nal­kreis West. gen ge­wöhnt, an die Bli­cke und das Ge­tu­schel nur schwer. „Ich will nicht im­mer auf mein Äu­ße­res re­du­ziert wer­den, da­her le­ge ich ei­ne Mas­ke in Form von Haar­fär­be­mit­tel an“, sagt er. Di­ver­se Braun­tö­ne ha­be er be­reits aus­pro­biert, ak­tu­ell fal­len ihm dun­kel­blon­de Sträh­nen in die Stirn. Künst­le­risch be­gabt. Ne­ben den Haa­ren ist es auch die Haut, die bei den Be­trof­fe­nen auf­fal­lend hell ist. „Men­schen mit Al­bi­nis­mus ha­ben ein mas­siv er­höh­tes Ri­si­ko, an Haut­krebs zu er­kran­ken, da­her soll­ten sie di­rek­te Son­nen­ein­strah­lung mei­den“, be­tont Der­ma­to­lo­gin Mo­ser. Metzl tut das – wählt in Wi­en die schat­ti­ge­ren Pfa­de, trägt Licht­schutz­fak­tor 50 auf der Haut so­wie Hut und Son­nen­bril­le. Aber: Nicht nur, um Son­nen­brän­den vor­zu­beu­gen, son­dern auch, um bes­ser zu se­hen: „Ich ha­be schon in Räu­men das Ge­fühl, stän­dig ge­blen­det zu wer­den. Kommt Son­nen­licht da­zu, wächst die Her­aus­for­de­rung“, sagt er.

Ei­nen „Vor­teil“, so ist Fürst über­zeugt, ha­be er ge­gen­über „Nich­tal­bi­nis­ten“– „Al­bi­no“gilt als Schimpf­wort – aber. Denn: „Un­ser Ge­hör ist viel bes­ser trai­niert.“Und, wie Me­di­zi­ne­rin Mo­ser er­gänzt: „Die Be­trof­fe­nen sind oft sehr be­gabt in künst­le­ri­schen Din­gen.“Sie ver­weist et­wa auf den ma­li­schen Sän­ger Sa­lif Ke¨ıta, dem in Frank­reich der Durch­bruch ge­lang, oder das Rap­per­duo Mr. Flash und Ris­ky, die „wei­ßen“Zwil­lings­brü­der aus Ka­me­run. Ein drit­tes Bei­spiel: Shaun Ross ar­bei­tet in­ter­na­tio­nal als Mo­del und tritt in Mu­sik­vi­de­os auf.

„Der Pro­mi­fak­tor hilft, Vor­ur­tei­le zu­rück­zu­drän­gen“, meint Mo­ser. Von ei­nem durch­schla­gen­den Er­folg sei man aber weit ent­fernt. „Nach wie vor sind Men­schen mit Al­bi­nis­mus in Bü­chern und Fil­men die Ego­zen­tri­ker, et­wa im ,Da Vin­ci Co­de – Sa­kri­leg‘ oder in , Ma­trix Re­loa­ded‘.“Kein Wun­der, „dass bei den Be­trof­fe­nen da hie und da der Wunsch auf­keimt, un­sicht­bar zu sein“.

»Ein skur­ri­les Er­eig­nis: Ein­mal fass­te mich ei­ne Frau am Arm und frag­te: Bist du echt?«

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