Die stärks­te Frau Ös­ter­reichs, die nie­mand kennt

360 Grad Ös­ter­reich: Das Ge­wicht­he­ben be­gann einst als be­lä­chel­ter Gast­haus­sport für die Ar­bei­ter­schaft. Mit die­sem Image kämp­fen die Ath­le­ten teil­wei­se noch heu­te. Und des­we­gen kennt auch kaum je­mand die 17-jäh­ri­ge Sa­rah Fi­scher, die of­fi­zi­ell die stärks

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON NOR­BERT RIEF

Sie ist Welt­meis­te­rin, vier­fa­che Eu­ro­pa­meis­te­rin, fünf Mal wur­de sie Vi­ze-Eu­ro­pa­meis­te­rin und vier Mal Vi­ze-Welt­meis­te­rin. Da­zu kom­men elf Staats­meis­ter­ti­tel und 267 ös­ter­rei­chi­sche Re­kor­de. Und das al­les von ei­nem jun­gen Mäd­chen, das ge­ra­de ein­mal 17 Jah­re alt ist.

Wä­re Sa­rah Fi­scher Ski­fah­re­rin, wür­de ihr wahr­schein­lich die hal­be Na­ti­on zu Fü­ßen lie­gen. Es ge­nüg­te bei all die­sen Ti­teln wahr­schein­lich auch Eis­kunst­läu­fe­rin, da­mit ihr Na­me ös­ter­reich­weit ein Be­griff ist. Aber Sa­rah Fi­scher hebt Ge­wich­te, und des­we­gen kennt man sie nur in ein­schlä­gi­gen Krei­sen und in ih­rem Hei­mat­bun­des­land Nie­der­ös­ter­reich. „Ja mei“, meint die sym­pa­thi­sche 17-Jäh­ri­ge und zuckt mit den Schul­tern.

Ge­wicht­he­ben ist ein ziem­lich eli­tä­rer Sport in Ös­ter­reich – zu­min­dest, wenn man die Zahl der Ath­le­ten be­trach­tet. 590 Mit­glie­der hat der ös­ter­rei­chi­sche Ge­wicht­he­ber­ver­band. Zum Ver­gleich: Der Ös­ter­rei­chi­sche Ski­ver­band hat 141.000 Mit­glie­der, beim Fuß­ball­bund sind knapp 600.000 Per­so­nen re­gis­triert. Aus dem Wirts­haus ins Sta­di­on. „Geht schon“, ruft Ewald Fi­scher. Sa­rah greift zur Stan­ge, auf der links und rechts blaue, gel­be und schwar­ze Schei­ben ste­cken. Zu­sam­men sind es 110 Ki­lo­gramm. „Geht schon“ist da ei­ne recht nüch­ter­ne Mo­ti­va­ti­on, wenn man sich vor­stellt, dass man vier Sä­cke Ze­ment und oben­drauf ei­nen klei­nen Sack Mör­tel hoch­he­ben soll. Aber es geht tat­säch­lich: Sa­rah stemmt die Stan­ge erst zur Schul­ter, lässt sie dort kurz ru­hen und stößt sie dann mit ei­nem Ruck bei aus­ge­streck­ten Ar­men in die Hö­he. Kur­zes War­ten, dann lässt sie die Han­tel mit ei­nem ge­wal­ti­gen Krach wie­der auf das Holz­po­di­um fal­len.

Am Nach­na­men ahnt man es schon. Ewald Fi­scher ist der Va­ter von Sa­rah und ihr Trai­ner und Ma­na­ger. Frü­her hat der ÖBB-Lok­füh­rer selbst Ge­wich­te ge­stemmt, war so­gar mehr­fa­cher Staats­meis­ter, bis er mit 42 Jah­ren fest­ge­stellt hat, dass „es doch nicht mehr so leicht geht“. Auch Ewald Fi- schers Va­ters war Ge­wicht­he­ber, Sa­rah und ihr äl­te­rer Bru­der Da­vid set­zen al­so ei­ne Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on fort. Recht er­folg­reich, wenn man sich vor­stellt, dass der Opa noch im Hin­ter­zim­mer ei­nes Gast­hau­ses in Krems Ge­wich­te ge­stemmt hat und Sa­rah es heu­te vor Tau­sen­den Men­schen in Hal­len in Bang­kok oder Tasch­kent macht.

Die Ver­gan­gen­heit ist ei­nes der Pro­ble­me, mit de­nen Ge­wicht­he­ber in Ös­ter­reich zu kämp­fen ha­ben. „Ein bissl hängt uns das Image des Gast­haus­sports bis heu­te nach“, sagt Ger­hard Peya, Prä­si­dent des ös­ter­rei­chi­schen Ge­wicht­he­ber­ver­bands. Män­ner mit di­cken Bäu­chen, die zwi­schen zwei Bier schnell ei­ne Han­tel in die Hö­he rei­ßen. Ganz so, wie – die Äl­te­ren wer­den sich noch er­in­nern – in der TV-Se­rie „Ein ech­ter Wie­ner geht nicht un­ter“, in der Ed­mund Sack­bau­er (un­ver­gess­lich ge­spielt von Karl Mer­katz) als lei­den­schaft­li­cher Ge­wicht­he­ber auf­trat („Wi­ast schu se­hen, wenn i zum Gwicht geh. Da san die an­dern a Ler­cherl­schas da­ge­gen.“)

Tat­säch­lich ent­stand der Sport En­de des 19. Jahr­hun­derts in Gast­häu­sern und dien­te in ers­ter Li­nie der Ar­bei­ter­schaft zum Kräf­te­ver­gleich. Wir­te lock­ten mit den Han­teln die Kund­schaft, noch bis in die 1960er-Jah­re war das Ge­wicht­he­ben ein Wirts­haus­sport, ob­wohl es be­reits seit 1896 Be­werb bei den Olym­pi­schen Spie­len ist.

Als es der Sport aus dem Gast­haus her­aus­schaff­te, war das zwar nicht schlecht für das Image, aber für die Re­kru­tie­rung des Nach­wuch­ses. In den Städ­ten fehlt es in­ter­es­sier­ten An­fän­gern auch heu­te noch oft an Trai­nings­mög­lich­kei­ten, auf dem Land sei es bes­ser, weil teil­wei­se die Ge­mein­den die Frei­zeit­sport­ler un­ter­stütz­ten. „Aber son­der­lich leicht ha­ben wir es nicht“, meint Peya. 58 Ver­ei­ne gibt es ak­tu­ell in Ös­ter­reich, kei­nen ein­zi­gen

Ki­lo­gramm.

Das ist der Welt­re­kord beim Sto­ßen in der of­fe­nen Schwer­ge­wichts­klas­se der Män­ner (mehr als 105 Ki­lo­gramm Kör­per­ge­wicht).

Ath­le­ten

sind im Ge­wicht­he­ber­ver­band in Ös­ter­reich re­gis­triert: 450 Her­ren, 140 Frau­en. Die Aus­rüs­tung ist schlicht, aber nicht bil­lig: 4000 Eu­ro muss man min­des­tens für Stan­ge und Ge­wich­te be­zah­len. im Bur­gen­land und in Kärn­ten. Der Ver­band hat jähr­lich zwi­schen 250.000 und 300.000 Eu­ro zur Ver­fü­gung.

Für Sa­rah Fi­scher war Ge­wicht­he­ben auch nicht un­be­dingt der Sport, von dem sie als Kind ge­träumt hat. „Ich bin als Sie­ben­jäh­ri­ge nur mei­nem Pa­pa zu­lie­be mit in die Stem­mer­hal­le ge­gan­gen“, er­zählt sie. Mit neun Jah­ren nahm sie an Schü­ler­be­wer­ben teil, die sie gleich ge­wann, und seit sie zwölf ist, be­treibt sie den Sport ernst­haft. Zwölf Ton­nen. Ernst­haft heißt: Vor ei­nem Wett­be­werb wird je­den Tag zwei- bis drei­mal trai­niert, da­für wird sie von ih­rer Schu­le, dem Nach­wuchs­kom­pe­tenz­zen­trum in St. Pöl­ten, ei­ner Han­dels­schu­le für Leis­tungs­sport­ler, frei­ge­stellt. Wäh­rend an­de­re Ju­gend­li­che in ih­rem Al­ter in der Dis­co sind, stemmt sie auch noch am spä­ten Abend in dem klei­nen Raum in der Sport­hal­le Krems Ge­wich­te. „Ich mag eh kei­ne Dis­cos“, meint Sa­rah.

„Leg nach“, sagt Pa­pa Ewald, und Sa­rah nimmt die Zehn-Ki­lo­gram­mSchei­ben, als wä­ren sie nichts, steckt links und rechts ei­ne auf die Han­tel­stan­ge und geht in Po­si­ti­on. Ne­ben dem Rei­ßen und Sto­ßen geht es um die Kraft in den Bei­nen, da­für macht die 17-Jäh­ri­ge Knie­beu­gen mit 175 Ki­lo­gramm an Ge­wich­ten auf ih­ren Schul­tern. Et­wa zwölf bis 15 Ton­nen hebt sie ins­ge­samt in ei­nem Trai­ning.

Ernst­haft heißt auch, täg­lich 4000 bis 5000 Ka­lo­ri­en zu sich zu neh­men. Meist Fleisch. Als sie bei ei­nem in­ter­na­tio­na­len Be­werb in Thai­land war, konn­te sie gar nicht ge­nug Nu­deln und Ge­mü­se es­sen, um auf die Ka­lo­ri­en zu kom­men. „Sie hat in vier Ta­gen zwei Ki­lo­gramm ab­ge­nom­men. Ein Wahn­sinn für den Be­werb“, sagt Ewald Fi­scher. Er hat die Toch­ter zum Fas­tFood-La­den Ken­tu­cky Fried Chi­cken ge­führt und „ein paar Por­tio­nen Hühn­chen be­stellt“. Dann ging’s wie­der.

»Wi­ast se­hen, wenn i zum Gwicht geh. Da san die an­dern a Ler­cherl­schas da­ge­gen.« Ein Bul­ga­re hat mit 60 Ki­lo­gramm Kör­per­ge­wicht 190 Ki­lo­gramm ge­stemmt.

Je schwe­rer ein Ath­let ist, je mehr Mus­kel­mas­se er hat, um­so schwe­re­re Ge­wich­te kann er he­ben. Zwar gab es vor 20 Jah­ren ein­mal ei­nen Bul­ga­ren, der mit ei­nem Kör­per­ge­wicht von le­dig­lich 60 Ki­lo­gramm be­acht­li­che 190 Ki­lo­gramm ge­stemmt hat. „Ob das mit rech­ten Din­gen zu­ge­gan­gen ist, weiß man aber nicht“, sagt Mar­kus Koch vom Ge­wicht­he­ber­ver­band. „Er ist auf je­den Fall früh ge­stor­ben.“

Sa­rah hebt mit ih­ren durch­trai­nier­ten 88 Ki­lo­gramm beim Rei­ßen ein Ge­wicht von 102 Ki­lo­gramm, beim Sto­ßen 132 Ki­lo­gramm. Da­mit ist sie nicht nur of­fi­zi­ell die stärks­te Frau Ös­ter­reichs, son­dern auch die stärks­te weib­li­che

Zwölf bis 15 Ton­nen an Ge­wich­ten hebt Sa­rah Fi­scher bei ei­nem Trai­ning. Die 17-jäh­ri­ge Nie­der­ös­ter­rei­che­rin ist of­fi­zi­ell die stärks­te F

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