MAL­COLM WRIGHT

Die Presse am Sonntag - - Globus -

Län­ger als ein Jahr hat er auf die­sen Tag ge­war­tet. Nun ist es end­lich so weit. Doch die Furcht vor dem, was kom­men wird, ist Mal­colm Wright an­zu­se­hen. Er klet­tert an Deck des Fi­scher­ei­schiffs. Die drei Män­ner an Bord sind da­bei, al­les für die Fahrt in die Ge­wäs­ser vor Ja­pans Süd­küs­te vor­zu­be­rei­ten. Dann geht es los. Mal­colm Wright fährt mit ei­nem Wal­fang­schiff hin­aus in den Nord­west­pa­zi­fik, um bei der Jagd auf die ge­fähr­de­ten Tie­re da­bei zu sein.

Mehr als zehn Jah­re lang hat der jun­ge Fil­me­ma­cher mit afro­ame­ri­ka­ni­schen Wur­zeln zehn Län­der be­reist, um mit Wal­fän­gern zu spre­chen und her­aus­zu­fin­den, war­um sie trotz der in­ter­na­tio­na­len Äch­tung an der Jagd der Mee­res­säu­ge­tie­re fest­hal­ten. Wright fuhr in ent­le­ge­ne Or­te von Ja­pan über die Fä­rö­er-In­seln bis in die Ka­ri­bik, um Zeit mit den ein­ge­schwo­re­nen Ge­mein­schaf­ten der Wal­fän­ger zu ver­brin­gen. „Ich woll­te nicht mit dem Fin­ger auf sie zei­gen“, er­klärt Wright im Ge­spräch mit der „Pres­se am Sonn­tag“in Wi­en. Das The­ma sei emo­tio­nal so auf­ge­la­den, dass ein Dia­log zwi­schen Wal­fang­geg­nern und -be­für­wor­tern kaum mög­lich sei. „Ich woll­te ehr­lich mit den Wal­fän­gern sein und zu­hö­ren, war­um sie tun, was sie tun.“Und das be­deu­te­te für Wright, sich auf ei­ne lan­ge, kost­spie­li­ge Rei­se zu be­ge­ben, Jä­ger und Wis­sen­schaft­ler zu tref­fen – und sich als Nach­fah­re von Skla­ven im Sü­den der USA sei­ner ei­ge­nen Fa­mi­li­en­ge­schich­te zu stel­len.

Sein Groß­va­ter war der Schrift­stel­ler Richard Wright (1908–1960), der in den 1940er-Jah­ren erst­mals in den USA of­fen über das Ta­bu­the­ma Ras­sis­mus schrieb. Um sei­nen Traum zu ver­fol­gen, gibt Mal­colm Wright sei­nen gut be­zahl­ten Job als Vi­su­al Ef­fects Ar­tist in der Film­in­dus­trie auf – er ar­bei­te­te an Er­folgs­pro­duk­tio­nen wie „Avat­ar“, „The Lord of the Rings“und „Ga­me of Thro­nes“mit. Her­aus­ge­kom­men ist ein 102 Mi­nu­ten lan­ger Film mit dem Ti­tel „Wha­le Li­ke Me“. Seit ei­nem Jahr klap­pert er all je­ne Wal­fang­dör­fer ab, in de­nen er ge­filmt hat, um den Jä­gern vor­ab die Do­ku­men­ta­ti­on zu zei­gen. Im kom­men­den Jahr will Wright sein sehr per­sön­li­ches fil­mi­sches Pro­to­koll von sei­ner Su­che nach Ant­wor­ten auf Fes­ti­vals zei­gen. Zehn Wo­chen aus­har­ren. Die ers­te Sta­ti­on ist Ja­pan. In der Kle­in­stadt Wa­da an der Süd­küs­te der Haupt­in­sel dreht sich al­les um den Wal­fang, auch wenn des­sen wirt­schaft­li­che Be­deu­tung in der 6000-Ein­woh­ner-Stadt ge­ring ge­wor­den ist, aber die Ein­wei­hung ei­nes neu­en Wal­fang­schiffs ist ein gro­ßes ge­sell­schaft­li­ches Er­eig­nis. Als Wright das ers­te Mal dort ein­trifft und den Chef des ört­li­chen Fi­sche­rei­un­ter­neh­mens über­re­den will, ihn mit auf die Jagd zu neh­men, war ge­ra­de das Atom­kraft­werk Fu­kus­hi­ma ex­plo­diert (März 2011). Kei­ner wuss­te, wie es wei­ter­ge­hen wür­de. Der Chef schickt den jun­gen Mann mit den lan­gen Dre­ad­locks wie­der fort: „Viel­leicht nächs­tes Jahr.“Im nächs­ten Jahr harrt Wright zehn Wo­chen lang in Wa­da aus. Je­den Tag kommt er wie­der, um mit dem Chef zu spre­chen. Schließ­lich lässt er ihn auf ei­nem Wal­fang­boot mit­fah­ren.

Am Vor­mit­tag trifft das ja­pa­ni­sche Schiff auf ei­ne Grup­pe Wa­le. Der Har­pu­nie­rer wird sei­ne Ar­beit tun, spä­ter auch die Jä­ger, und ei­nen gro­ßen Bair­dSchna­bel­wal an Land hie­ven. Und Wright? Er wird sich hin­ter dem Decks­häus­chen ver­ste­cken, die Oh­ren zu­hal­ten, um den lau­ten Knall vom Ab­feu­ern der Har­pu­ne nicht hö­ren zu müs­sen.

Ne­ben Ja­pan be­trei­ben haupt­säch­lich Is­land und Nor­we­gen Wal­fang. Ob­wohl seit 1986 ein Fang­mo­ra­to­ri­um be­steht, nutzt To­kio ein Schlupf­loch und spricht von der Jagd für wis­sen­schaft­li­che Zwecke. Nor­we­gen er­kennt das Mo­ra­to­ri­um gar nicht erst an, Is­land hat Vor­be­hal­te an­ge­mel­det. Pro Jahr tö­ten die drei Na­tio­nen rund 1600 Wa­le. Erst vor we­ni­gen Wo­chen fand im bra­si­lia­ni­schen Flo­ria­no­po­lis´ ein Tref­fen der In­ter­na­tio­na­len Wal­fang­kom­mis­si­on statt, bei dem To­kio mit ei­nem Groß­auf­ge­bot an De­le­gier­ten für ei­ne Auf­he­bung des Fang­ver­bots lob­by­ier­te. Die Kom­mis­si­on lehn­te ab. Viel­mehr will man den bra­si­lia­ni­schen Fil­me­ma­cher

Dia­log zwi­schen Jagd­geg­nern und -be­für­wor­tern sei kaum mög­lich, sagt Wright.

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