Der Kri­mi­au­tor, der Welt­li­te­ra­tur schrieb

Er war po­pu­lä­rer als Aga­tha Chris­tie und nicht nur für Ga­b­ri­el Garc´ıa M´ar­quez der größ­te Au­tor des 20. Jahr­hun­derts: Ge­or­ges Si­me­non, der Pio­nier des psy­cho­lo­gi­schen Kri­mis, ist jetzt neu zu ge­nie­ßen – mit und oh­ne Kom­mis­sar Mai­gret.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON ANNE-CA­THE­RI­NE SI­MON

Es war ein Un­glücks­tag, an dem der Bel­gi­er Ge­or­ges Si­me­non im Jahr 1903 in Lüt­tich ge­bo­ren wur­de. Da­von war zu­min­dest sei­ne Mut­ter über­zeugt: Kur­zer­hand än­der­te sie den Ge­burts­tag des Sohns vom 13. (ei­nem Frei­tag) auf den 12. Fe­bru­ar . . .

Ob das nun nö­tig war oder nicht, die­ser Mann wur­de je­den­falls ei­ner der po­pu­lärs­ten und zu­gleich meist­ge­rühm­ten Schrift­stel­ler des 20. Jahr­hun­derts. 1930 er­fand er, be­reits hal­ber Pa­ri­ser, sei­nen ge­müt­li­chen Kom­mis­sar Mai­gret. Ein Klein­bür­ger „von ple­be­ji­scher Sta­tur“, aber mit fei­nen Hän­den, ein schlecht be­zahl­ter Be­am­ter im di­cken, schwar­zen Man­tel, der mit ei­ner herr­lich ko­chen­den El­säs­se­rin ver­hei­ra­tet ist. Wenn Mai­gret nicht in sei­nem Pa­ri­ser Stamm­lo­kal, der Bras­se­rie Dau­phi­ne, mit Es­sen und Trin­ken sein Den­ken an­kur­belt, lässt er sich von dort Bier und Sand­wi­ches brin­gen, für sich und sei­ne Ver­däch­ti­gen. Sen­si­bel ist er und voll von Kind­heits­er­in­ne­run­gen. Nie lässt er sich aus der Ru­he brin­gen, ru­hig und trä­ge ist er, aber un­be­irr­bar. Mehr als der Lo­gik folgt Mai­gret sei­nem In­stinkt und sei­ner Men­schen­kennt­nis, mit Em­pa­thie für die Tä­ter. Und so sehr ist er mit Pa­ris ver­bun­den, dass man ganz ver­ges­sen kann, dass sein Schöp­fer Bel­gi­er war. Ein Haus mit über 20 Zim­mern. 75 Mai­gret-Ro­ma­ne ha­ben aus Si­me­non den Weg­be­rei­ter des psy­cho­lo­gi­schen Kri­mis ge­macht, sei­ne Bü­cher ver­kauf­ten sich noch bes­ser als die von Aga­tha Chris­tie. Stein­reich wur­de er, bau­te sich spä­ter in der Schweiz ein Haus mit über 20 Zim­mern und dem an­geb­lich da­mals größ­ten pri­va­ten Schwimm­bad.

Sei­ne Ro­ma­ne oh­ne Mai­gret (über hun­dert schrieb er da­von) sind viel­leicht noch bes­ser. Jetzt kommt, in ei­ner Ko­ope­ra­ti­on des Ver­lags Hoff­mann und Cam­pe mit dem Kam­paVer­lag, die ers­te deutsch­spra­chi­ge Ge­samt­aus­ga­be her­aus; die ers­ten Bän­de sind so­eben er­schie­nen. Et­li­ches ist neu über­setzt. Gleich ein paar ers­te Emp­feh­lun­gen zu den so­ge­nann­ten Non-Mai­grets: „Das blaue Zim­mer“, „Das Haus am Ka­nal“, „Der Schnee war schmut­zig“(mit ei­nem Nach­wort von Da­ni­el Kehl­mann) oder auch das in Ame­ri­ka spie­len­de „Der Uhr­ma­cher von Ever­ton“. Und wo be­gin­nen bei den Mai­gret-Ro­ma­nen? Ganz egal! Fans von He­ming­way bis Man­kell. Vie­le Nach­wor­te in der Neu­aus­ga­be stam­men von re­nom­mier­ten zeit­ge­nös­si­schen Au­to­ren, ne­ben Kehl­mann et­wa Ju­li­an Bar­nes oder John Ban­vil­le. Das zeigt auch schon das fast Ein­zig­ar­ti­ge am Phä­no­men Si­me­non: Er be­geis­ter­te die Mas­sen und wur­de zu­gleich von zahl­lo­sen gro­ßen Au­to­ren­kol­le­gen ver­ehrt. Ga­b­ri­el Garc´ıa Mar­quez´ nann­te ihn den „wich­tigs­ten Schrift­stel­ler des 20. Jahr­hun­derts“, Er­nest He­ming­way war hin­ge­ris­sen von ihm („Ich hat­te nie et­was für die lee­ren St­un­den des Ta­ges oder der Nacht, bis die ers­ten Bü­cher von Si­me­non er­schie­nen“), Wal­ter Ben­ja­min be­haup­te­te, er le­se je­den sei­ner Ro­ma­ne. And­re´ Gi­de for­der­te für ihn den Li­te­ra­tur­no­bel­preis, Fil­me­ma­cher Fe­de­ri­co Fel­li­ni nann­te sein Werk „All­ge­mein­gut, un­ge­fähr wie Elek­tri­zi­tät“, Hen­ning Man­kell und Fer­di­nand von Schi­rach fie­len ver­bal vor ihm nie­der – kurz: Kol­le­gen­hym­nen oh­ne En­de.

Da­bei war Si­me­non ein Schnell­schrei­ber, brauch­te bis­wei­len für sei­ne (nie lan­gen) Bü­cher nur elf Ta­ge (acht fürs Schrei­ben, drei fürs Kor­ri­gie­ren). Als ein­mal das neue Buch ei­nes Au­tors als „sein ers­tes Buch seit drei Jah­ren“an­ge­kün­digt wur­de, ließ Si­me­non für sein neu­es Buch mit dem Slo­gan „Das ers­te Buch seit acht Ta­gen!“wer­ben. Man­che Zeit­ge­nos­sen spöt­tel­ten, die­se Ge­schwin­dig­keit sei auch nö­tig ge­we­sen, nur so ha­be Si­me­non Zeit für sei­ne un­zäh­li­gen Frau­en­geschich­ten ge­habt. Mit 10.000 Frau­en ha­be er ge­schla­fen, be­haup­te­te er selbst, da­von 8000 Pro­sti­tu­ier­te.

Was ist so be­son­ders an sei­nen Bü­chern? Viel­leicht das: ei­ne fast un­heim­li­che Men­schen­kennt­nis, ver­bun­den mit der Fä­hig­keit, Ge­schil­der­tes mit we­ni­gen Wor­ten plas­tisch prä­sent zu ma­chen, und ein sehr zu­gäng­li­cher Ge­or­ges Si­me­non (1903–89) beim Blick ins Mai­län­der Ha­fen­be­cken: Es er­in­ner­te ihn an ei­nen Ka­nal in Pa­ris. Stil. Für Fran­zö­sisch­ler­nen­de ist Si­me­non die idea­le Lek­tü­re, er ver­wen­de­te be­wusst ei­ne sehr ein­fa­che Spra­che mit re­du­zier­tem Vo­ka­bu­lar. Über­lie­fert wird von ihm, wie er ein ge­ra­de be­en­de­tes Ma­nu­skript scherz­haft am Heft­rü­cken fest­hielt und schüt­tel­te – um, wie er sag­te, noch die letz­ten Ad­jek­ti­ve los­zu­wer­den. In „Mai­gret und der Mes­ser­ste­cher“de­mons­triert Si­me­non so­gar ex­pli­zit, dass man mit we­ni­gen Wor­ten tie­fe psy­cho­lo­gi­sche Ein­sich­ten ver­mit­teln kann. Mit sei­ner nack­ten Spra­che scheint Si­me­non di­rekt an das Nack­te der Din­ge zu sto­ßen, und in die Men­schen hin­ein.

»Das ers­te Buch seit acht Ta­gen!«, be­warb Si­me­non ein­mal ei­nen neu­en Ro­man.

Schuld gibt es nicht. „Was muss ge­sche­hen, da­mit ein Mensch zum Mör­der wird?“Die­se Fra­ge fas­zi­nier­te Si­me­non, sein In­ter­es­se an in­ne­ren Kon­flik­ten er­lahm­te nie. „Seit drei­ßig Jah­ren ver­su­che ich, ver­ständ­lich zu ma­chen, dass es kei­ne Ver­bre­cher gibt“, schreibt er in ei­ner sei­ner vie­len, teils un­ge­niert wi­der­sprüch­li­chen Me­moi-

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