Die kri­ti­schen Schwe­den

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

„Ich ha­be viel von Si­me­non ge­le­sen und füh­le mich ihm na­he“: Im­mer wie­der hat der 2015 ver­stor­be­ne schwe­di­sche Kri­mi­au­tor Hen­ning Man­kell sei­ne Be­wun­de­rung für den Bel­gi­er ge­äu­ßert. Si­me­non wirk­te aber nicht nur di­rekt auf ihn, son­dern auch über die „El­tern“des skan­di­na­vi­schen so­zi­al­kri­ti­schen Kri­mi­nal­ro­mans: das le­gen­dä­re schwe­di­sche Au­to­ren­duo Maj Sjö­wall und Per Wahlöö.

Si­me­non und die „har­ten“Kri­mis des Ame­ri­ka­ners Da­shiell Ham­mett: Sie stan­den Pa­te für den skan­di­na­vi­schen Kri­mi-Son­der­weg. Die Au­to­rin Maj Sjö­wall (geb. 1934) und der Au­tor Per Wahlöö (geb. 1926), die auch pri­vat ein Paar wa­ren, schrie­ben von 1965 bis 1975 ih­ren ge­sell­schafts­kri­ti­schen, äu­ßerst er­folg­rei­chen Roman­zy­klus „Ro­man über ein Ver­bre­chen“. Er spielt haupt­säch­lich in Stock­holm, ein Stock­holm, das in vie­ler Hin­sicht an das Pa­ris Si­me­n­ons er­in­nert. Mit Kri­mis Ge­sell­schaft schil­dern. Was ge­fiel den bei­den an Si­me­non? Wie Ham­mett in den USA ver­kör­per­te er ei­ne Kri­mi­nal­li­te­ra­tur, in der die Po­li­zis­ten auf die Stra­ße gin­gen und in die ärm­li­chen Vier­tel. Das ge­fiel den Mar­xis­ten Sjö­wall und Wahlöö. Sie merk- ten, dass die­ses Gen­re nicht nur Rät­sel­ge­schich­ten wie bei Aga­tha Chris­tie oder Ar­thur Co­n­an Doyle bie­ten konn­te, son­dern auch die Mög­lich­keit, kri­tisch die Ge­sell­schaft zu schil­dern. Mai­gret, selbst aus eher klei­nen Ver­hält­nis­sen, hat­te Em­pa­thie für die see­li­schen Nö­te der „klei­nen Leu­te“, in­ter­es­sier­te sich für die ver­lo­re­ne Krea­tur. Die­ses Wei­che an ihm – ein Ge­gen­satz zur Ab­ge­brüht­heit ame­ri­ka­ni­scher Er­mitt­ler – mach­te ihn letzt­lich auch zum Vor­läu­fer in­tro­ver­tier­ter Me­lan­cho­li­ker wie Hen­ning Man­kells Kurt Wal­lan­der. Zwei Ar­ten von Pes­si­mis­mus. So­zi­al­kri­ti­ker aber war Si­me­non kei­ner – das trennt ihn von den Schwe­den. Er war ein Pes­si­mist der mensch­li­chen Na­tur, nicht, wie Kurt Wal­lan­der, ein Pes­si­mist der Ge­sell­schaft. Sei­nem Kol­le­gen Ek­holm, der die mensch­li­che Psy­che als ein­zi­ge Er­klä­rung her­an­zieht, hält Wal­lan­der ein­mal ent­ge­gen, „dass das Um­feld, die un­be­greif­li­che Welt, der un­aus­weich­li­che De­for­mie­rungs­pro­zess, dem al­les Mensch­li­che un­ter­wor­fen war, ei­ne noch grö­ße­re Schuld tru­gen“. Das ver­legt den Ab­grund aus dem mensch­li­chen In­ne­ren in die Welt. Ganz fern ist es frei­lich auch nicht vom Exis­ten­zia­lis­ten Mai­gret.

Ro­wohlt

Maj Sjö­wall schuf mit Per Wahlöö den so­zi­al­kri­ti­schen skan­di­na­vi­schen Kri­mi: in­spi­riert von Si­me­n­ons Bü­chern.

Ar­chiv

Ein Mai­gret-Ro­man lie­fer­te Fried­rich Dür­ren­matt die Vor­la­ge für sei­nen Ro­man „Das Ver­spre­chen“.

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