Dür­ren­matts Fal­le

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

Was hat es auf sich mit dem rät­sel­haf­ten Rie­sen, von dem die Kin­der er­zäh­len? Mit ei­nem ge­hörn­ten Tier, das die klei­ne Grit­li Mo­ser vor ih­rer Er­mor­dung ge­malt hat? Der Schwei­zer Fried­rich Dür­ren­matt ist kein Kri­mi­au­tor, aber in sei­nem Ro­man „Das Ver­spre­chen“(1957) lässt er den Kom­mis­sar Mat­thäi den Mord an ei­nem klei­nen Mäd­chen auf­klä­ren. Er hat den El­tern ver­spro­chen, den Tä­ter zu fin­den, er scheint in ei­nem vor­be­straf­ten Hau­sie­rer bald ge­fun­den – doch nach­dem die­ser sich in sei­ner Zel­le er­hängt hat, forscht Mat­thäi wei­ter. Und ver­wen­det da­bei ein Mäd­chen als Kö­der . . .

Ur­sprüng­lich war Dür­ren­matts Kri­mi ei­ne Auf­trags­ar­beit: Er soll­te die Auf­merk­sam­keit auf Se­xu­al­ver­ge­hen an Kin­dern len­ken. Dass sich der Au­tor bei die­ser Ge­schich­te of­fen­bar von ei­nem zwei Jah­re da­vor er­schie­ne­nen Mai­gret-Ro­man in­spi­rie­ren ließ, ist sei­nen Zeit­ge­nos­sen bald auf­ge­fal­len. Er muss ihn auf Fran­zö­sisch ge­le­sen ha­ben, denn die ers­te deut­sche Über­set­zung er­schien 1958. In „Mai­gret stellt ei­ne Fal­le“ist der Com­mis­sai­re ei­ner Se­rie von Frau­en­mor­den in Pa­ris auf der Spur. Sämt­li­che Mor­de sind am Mont­mart­re ge­sche­hen, und aus­schließ­lich di­cke Frau­en sind die Op- fer. So wie Mat­thäi be­schließt schon Mai­gret, dem Tä­ter ei­ne Fal­le zu stel­len. Er lässt am Quai des Or­fe­v­res` den an­geb­li­chen Se­ri­en­mör­der (ei­nen ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­ter) vor­füh­ren, spielt den Jour­na­lis­ten ein ty­pi­sches, end­lo­ses Mai­gret-Ver­hör vor. Das Ge­rücht ver­brei­tet sich, und Mai­gret lässt den Mont­mart­re mit Po­li­zis­ten und Kö­dern (pas­sen­den Frau­en) be­stü­cken. Der Tä­ter als Op­fer. So­wohl in „Das Ver­spre­chen“als auch in „Mai­gret stellt ei­ne Fal­le“un­ter­hält sich der Kom­mis­sar mit dem Di­rek­tor ei­ner psych­ia­tri­schen Kli­nik. Mai­gret ist sich mit die­sem ei­nig, dass über­mä­ßi­ger Gel­tungs­drang und ge­kränk­ter Stolz der Tä­ter die Haupt­ur­sa­chen für Ver­bre­chen sind – und die Tä­ter selbst Op­fer sind. Auch bei Dür­ren­matt sind sich Po­li­zist und Psych­ia­ter dar­über ei­nig: ei­ne in den 1950er-Jah­ren noch un­ge­wöhn­li­che Sicht der Din­ge – die bei Si­me­non ei­nen frü­hen Ver­fech­ter fand. Auch die Kon­zen­tra­ti­on auf die Psy­che des Tä­ters ver­bin­det die Ro­ma­ne. „Für mich blei­ben Sie ein mensch­li­ches We­sen“, sagt Mai­gret im Ver­hör zum Mör­der: „Ver­ste­hen Sie denn nicht, was es ge­nau ist, das ich ge­ra­de bei Ih­nen zu er­we­cken su­che: den klei­nen mensch­li­chen Fun­ken?“

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.