»Dok­tor Schi­wa­go« – die Ge­schich­te ei­nes Buchs

Die Lie­be in den Zei­ten des Kom­mu­nis­mus. Das ist die Ge­schich­te des Ro­mans. In der Rea­li­tät war es ei­ne des Kal­ten Krie­ges, der auf­kei­men­den 68er-Be­we­gung, ei­nes ex­zen­tri­schen Ver­le­gers und ei­nes be­dräng­ten Dich­ters, der vor 60 Jah­ren den Li­te­ra­tur­no­bel­pr

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON OLI­VER PINK

Ser­gio D’An­ge­lo, Lei­ter der Buch­hand­lung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens in Rom, ging 1956 als Re­dak­teur zu Ra­dio Mos­kau. Der Sen­der ver­sorg­te die Welt mit Wis­sens­wer­tem aus der So­wjet­uni­on. D’An­ge­lo soll­te dies den ita­lie­ni­schen Zu­hö­rern in ih­rer Mut­ter­spra­che ver­mit­teln.

Be­vor er ging, kon­tak­tier­te er noch Gi­an­gi­a­co­mo Fel­t­ri­nel­li, die­ser war der Spross ei­ner der be­deu­tends­ten ita­lie­ni­schen In­dus­tri­el­len­fa­mi­li­en und hat­te vor Kur­zem ei­nen ei­ge­nen Ver­lag, Fel­t­ri­nel­li in Mai­land, ge­grün­det. Und er war eben­falls Mit­glied der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei.

Der Ver­lag Fel­t­ri­nel­li soll­te Welt­ruhm er­lan­gen, der Ver­le­ger Fel­t­ri­nel­li (mut­maß­lich) als Ter­ro­rist en­den.

We­ni­ge Wo­chen nach­dem D’An­ge­lo in Mos­kau an­ge­kom­men war, schrieb er Fel­t­ri­nel­li, dem er an­ge­bo­ten hat­te, für ihn auf Ta­l­ent­su­che in der So­wjet­uni­on zu ge­hen, ei­nen Brief, in dem er an­kün­dig­te, dass bald ein er­staun­li­cher Ro­man des da­mals schon recht be­kann­ten rus­si­schen Schrift­stel­lers Bo­ris Pas­ternak er­schei­nen wer­de. Fel­t­ri­nel­li bat D’An­ge­lo, Kon­takt mit dem Dich­ter auf­zu­neh­men und ihm dann das Ma­nu­skript zu über­sen­den.

In der Künst­ler­ko­lo­nie Pe­red­jel­ki­no mach­te D’An­ge­lo Pas­ternak aus­fin­dig. Die­ser hoff­te zu die­ser Zeit noch, dass sein Buch „Dok­tor Schi­wa­go“von ei­nem so­wje­ti­schen Ver­lag ge­druckt wür­de. Ihm war aber auch klar, dass das schwie­rig wür­de. Al­so gab er dem Drän­gen sei­nes Gasts letzt­lich nach. „Ich la­de Sie schon jetzt zu mei­ner Er­schie­ßung ein“, gab der Au­tor dem Ita­lie­ner noch sar­kas­tisch mit auf den Weg. Ma­nu­skript­über­ga­be in Ber­lin. Noch im sel­ben Jahr traf Gi­an­gi­a­co­mo Fel­t­ri­nel­li Bo­ris Pas­ternak in Ber­lin. „Sie ge­hen zu­sam­men es­sen, ler­nen zwei blon­de An­ge­stell­te von Sie­mens ken­nen und tan­zen mit ih­nen. Nie aber las­sen sie das in ei­nen Re­gen­man­tel ge­wi­ckel­te Pa­ket auf dem Tisch aus dem Au­ge, das ein Ma­nu­skript in ky­ril­li­scher Schrift ent­hält.“So schil­dert es Car­lo Fel­t­ri­nel­li in der Bio­gra­fie sei­nes Va­ters („Se­ni­or Ser­vice“, Han­ser).

Der KGB war zu die­ser Zeit bes­tens über die Vor­gän­ge hin­ter dem Rü­cken der So­wjet­macht in­for­miert. Und auch

Gi­an­gi­a­co­mo Fel­t­ri­nel­li (1926–1972)

brach­te 1957 Bo­ris Pas­ternaks „Dok­tor Schi­wa­go“her­aus. 1958 dann Gi­u­sep­pe To­ma­si di Lam­pe­dusas „Der Leo­pard“. Auch R´egis De­bray hat­te er un­ter Ver­trag. Fel­t­ri­nel­li ent­stamm­te ei­ner der gro­ßen In­dus­tri­el­len­fa­mi­li­en Ita­li­ens. Er selbst war Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens. die CIA war es bald. Ein Buch wur­de zum Spiel­ball der Su­per­mäch­te des Kal­ten Krie­ges.

In ei­nem Schrei­ben des KGB an das ZK der KPdSU hieß es da­mals un­ter an­de­rem: „Pas­ternak ist Ju­de, nicht Mit­glied der Par­tei, aber Mit­glied des So­wje­ti­schen Schrift­stel­ler­ver­bands. Wäh­rend der Re­vo­lu­ti­on war er An­hän­ger der klein­bür­ger­li­chen Strö­mung der Ak­meis­ten. Ty­pisch für sei­ne Wer­ke sind die Ent­fer­nung von der so­wje­ti­schen Rea­li­tät und die Ver­herr­li­chung des In­di­vi­dua­lis­mus.“ Zwi­schen zwei Frau­en. So ist auch „Dok­tor Schi­wa­go“kon­zi­piert. Der idea­lis­ti­sche Held, ein Arzt, sym­pa­thi­siert, an­ge­wi­dert von den bru­ta­len Za­ris­ten und den ego­is­ti­schen Li­be­ra­len, mit der so­zia­lis­ti­schen Re­vo­lu­ti­on. De­ren Ri­gi­di­tät stößt ihn dann aber auch ab. All das ist ver­wo­ben in ei­ne Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen dem Hel­den und zwei Frau­en. Omar Sha­rif als Ju­ri, Ju­lie Chris­tie als La­ra und Ge­ral­di­ne Chap­lin als Tonya soll­ten der Ver­fil­mung des Ro­mans un­ter der Re­gie von Da­vid Le­an dann 1966 fünf Os­cars ein­brin­gen. Auch Bo­ris Pas­ternak selbst leb­te in solch ei­ner Drei­ecks­ge­schich­te zwi­schen Ehe­frau und Ge­lieb­ter.

Die Fi­gur des Pa­scha An­ti­pow, Kampf­na­me St­rel­ni­kow, steht im Ro­man ex­em­pla­risch für den So­wjet­re­vo­lu­tio­när: Ei­ner, den die Wech­sel­fäl­le des Le­bens ver­bit­tert ha­ben und der sich dann an der Ge­sell­schaft als fa­na­ti­scher Sek­tie­rer rächt, gna­den­los, aber im un­be­ding­ten Glau­ben, das Rich­ti­ge zu tun. Ein Tu­gend­ter­ro­rist so­zu­sa­gen.

Aber zu­rück in die spä­ten 1950erJah­re: Die So­wjets setz­ten nun die ita­lie­ni­schen Kom­mu­nis­ten un­ter Druck, bei ih­rem Ge­nos­sen Fel­t­ri­nel­li die Rück­ga­be des Ma­nu­skripts des „Dok­tor Schi­wa­go“zu er­wir­ken. Fel­t­ri­nel­li ver­steck­te es dar­auf­hin.

Der Peit­sche für die Ita­lie­ner folg­te das Zu­cker­brot für Pas­ternak: Sein Buch kön­ne nun doch in der So­wjet­uni­on ge­druckt wer­den, lie­ßen ihn die Macht­ha­ber wis­sen – so­fern er noch ei- ni­ge Än­de­run­gen vor­neh­me. Nun wand­te sich Fel­t­ri­nel­li in ei­nem Brief di­rekt an die KPdSU und un­ter­brei­te­te ein Kom­pro­miss­an­ge­bot: Das Buch sol­le zu­erst in der So­wjet­uni­on er­schei­nen und we­nig spä­ter in Ita­li­en.

Es folg­ten Brief­wech­sel auf Brief­wech­sel. Doch die Fron­ten blie­ben fest­ge­fah­ren. Man wuss­te auch nicht mehr, wel­che Brie­fe Pas­ternak selbst an Fel­t­ri­nel­li ge­schrie­ben hat­te und wel­che in sei­nem Na­men vom KGB ge­schrie­ben wur­den.

Dann reich­te es Fel­t­ri­nel­li. Am 23. No­vem­ber 1957 er­schien „Dok­tor Schi­wa­go“in Mai­land. Für den Ver­le­ger war es ein Coup, ein zwei­ter folg­te we­nig spä­ter mit der Her­aus­ga­be von Gi­u­sep­pe To­ma­si di Lam­pe­dusas „Der Leo­pard“. Von sei­nen ita­lie­ni­schen kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­freun­den gab es hef­ti­ge Kri­tik.

Sol­che ging in der So­wjet­uni­on auch über Bo­ris Pas­ternak nie­der. Sei­ne Aus­wei­sung wur­de ge­for­dert. Am 23. Ok­to­ber 1958 wur­de ihm dann der Li­te­ra­tur­no­bel­preis zu­er­kannt. Er muss­te ihn auf Druck der so­wje­ti­schen Füh­rung ab­leh­nen. Ein­ein­halb Jah­re spä­ter, am 30. Mai 1960, starb Bo­ris Pas­ternak an ei­nem Herz­in­farkt und Ma­gen­blu­tun­gen. Sei­ne Ge­lieb­te, Ol­ga Iwins­ka­ja, wur­de in­haf­tiert, sie war schon un­ter Sta­lin im Gu­lag ge­we­sen. Erst 1989 konn­te Pas­ternaks Sohn den No­bel­preis dann stell­ver­tre­tend für ihn in Stock­holm ent­ge­gen­neh­men.

»Ich la­de Sie schon jetzt zu mei­ner Er­schie­ßung ein«, sag­te Pas­ternak.

CIA und Va­ti­kan. Aber auch die CIA hat­te ih­re Fin­ger im Spiel. Je­den­falls er­schie­nen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zwei Bü­cher, die die­se The­se er­här­te­ten. So soll der US-Ge­heim­dienst nicht nur Druck auf das No­bel­preis­ko­mi­tee ge­macht ha­ben – be­haup­tet zu­min­dest der Au­tor Iwan Tol­stoi –, son­dern auch für die Ver­brei­tung der rus­si­schen Aus­ga­be des Buchs in der So­wjet­uni­on ge­sorgt ha­ben. Letz­te­res ist durch CIA-in­ter­ne Do­ku­men­te be­legt, die die Au­to­ren Pe­ter Finn und Pe­tra Cou­vee´ ver­öf­fent­licht ha­ben.

Ei­ne ers­te Ge­le­gen­heit da­zu bot die Welt­aus­stel­lung 1958 in Brüs­sel: Pri­vi­le­gier­te, als zu­ver­läs­sig gel­ten­de Bür­ger der So­wjet­uni­on durf­ten dort­hin rei­sen und die Pa­vil­lons der an­de­ren Na­tio­nen be­sich­ti­gen. In ei­nem blau­en Ein­band ver­steckt, ver­teil­ten Pries­ter ei­ne

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