Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KULTURKAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHA­EL PRÜLLER

Ein Jahr Me­Too. Es gilt, die Geil­heit in die Schran­ken zu wei­sen, oh­ne den Eros zu tö­ten. Was könn­te zwi­schen ei­nem zahn­lo­sen Rechts­staat und weib­li­cher Selbst­jus­tiz da­bei hel­fen?

Ich bin nicht si­cher, ob ein Jahr Me­Too viel ge­än­dert hat. Die De­bat­te über den Um­gang mit se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung ist ja wirk­lich nicht neu. Neu ist viel­leicht das Ge­fühl des Er­mäch­tigtseins, mit dem heu­te man­che Frau­en ein­zel­ne Män­ner in der Öf­fent­lich­keit be­zich­ti­gen, oh­ne sich um die frü­her üb­li­chen Fra­gen nach Be­wei­sen zu küm­mern. So ver­ste­he ich auch die wü­ten­den Re­ak­tio­nen auf das Ur­teil ge­gen Si­gi Mau­rer: Die Po­li­ti­ke­rin muss ja jetzt ge­nau da­für Stra­fe zah­len, was doch vie­le Me­Too-Frau­en auch ge­tan ha­ben: Sie hat je­man­den als „frau­en­ver­ach­ten­des Ar­sch­loch“ge­ou­tet, oh­ne be­wei­sen zu kön­nen, dass das auch wirk­lich stimmt. Der Rechts­staat hat ge­siegt. Aber der Rechts­staat bie­tet Frau­en eben nur bruch­stück­haft Schutz.

Das Haupt­pro­blem sind da­bei nicht Ge­set­zes­lü­cken, son­dern, dass Be­läs­ti­gun­gen meist un­be­weis­bar sind. Es ist für ei­nen Rechts­staat aber kei­ne Op­ti­on, die Be­weis­last um­zu­keh­ren und künf­tig je­den zu be­stra­fen, der sei­ne Un­schuld nicht be­wei­sen kann. Der Staat kann höchs­tens Lü­cken schlie­ßen. Das Po-Grap­schen hat er 2016 zum Straf­de­likt ge­macht, jetzt viel­leicht das Ver­sen­den ein­zel­ner ob­szö­ner Text­nach­rich­ten.

Doch nach Jahr­zehn­ten im­mer stren­ger ge­fass­ter Straf­be­stim­mun­gen und 50 Jah­re nach der zwei­ten Wel­le des Fe­mi­nis­mus, wird heu­te im­mer noch – und viel­leicht mehr denn je – von Frau­en ein Ge­fühl des Aus­ge­lie­fert­seins ar­ti­ku­liert. Und mehr denn je scheint ge­sell­schaft­li­che Rat­lo­sig­keit zu herr­schen über den rich­ti­gen Um­gang mit der ag­gres­si­ven Na­tur der männ­li­chen Se­xua­li­tät.

Ich ver­ste­he, dass man die­se Ag­gres­si­vi­tät ger­ne als Kul­tur- und Er­zie­hungs­pro­dukt ver­ste­hen und durch Auf­lö­sung männ­li­cher Rol­len­bil­der oder gar des an­geb­li­chen Kon­strukts „Männ­lich­keit“aus der Welt schaf­fen möch­te. Aber Män­ner sind vor al­lem auf­grund ih­rer Bio­lo­gie Män­ner. Je­der 17-jäh­ri­ge Jüng­ling ist je­den­falls im Kopf ein Po-Grap­scher – weil das Tes­to­ste­ron mit Macht in sein Le­ben greift und nicht we­gen schlech­ter Vor­bil­der oder Kli­schees. Die kön­nen höchs­tens sei­nen Weg zum prak­ti­zie­ren­den Grap­scher be­stär­ken.

Es ist die zi­vi­li­sa­to­ri­sche Rei­fe, die den Mann ver­träg­lich macht. Und Rei­fen heißt, Ver­su­chun­gen durch Tu­gen­den zu kon­ter­ka­rie­ren. Ei­ne kraft­vol­le männ­li­che Tu­gend wä­re die Rit­ter­lich­keit. Aber ge­schlechts­spe­zi­fi­sche Rol­len­bil­der sind heu­te nicht im ge­sell­schaft­li­chen Re­per­toire, schon gar nicht, wenn man ih­nen als Er­gän­zung das schwa­che Frau­en­zim­mer zu­schreibt. Aber wenn uns die gan­ze De­bat­te ei­nes zeigt, dann doch das: Frau­en sind nicht schwach, aber doch in be­son­de­rer Wei­se ver­letz­lich. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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