Kri­mi­nal­fall um „Bit­co­in-Sek­te“

Af­fä­re. Tau­sen­de Ös­ter­rei­cher ha­ben Bit­co­ins in das Sys­tem Op­tio­ment ge­steckt. Das Geld ist ver­schwun­den. Aber wo­hin? Die hei­mi­schen Ver­trieb­ler des Sys­tems be­schul­di­gen ei­nen mys­te­riö­sen Tra­der oh­ne Ge­sicht.

Die Presse - - VORDERSEITE - VON NI­KO­LAUS JILCH UND JUDITH HECHT

Es ist ei­ner der größ­ten Kri­mi­nal­fäl­le im Zu­sam­men­hang mit der Kryp­towäh­rung Bit­co­in, die Eu­ro­pa bis­her ge­se­hen hat – und das Epi­zen­trum liegt in Ös­ter­reich. Tau­sen­de Men­schen, wo­mög­lich mehr als 10.000, ha­ben im Sys­tem von Op­tio­ment ihr Geld ver­senkt. Ih­nen wur­den fan­tas­ti­sche Ren­di­ten in Aus­sicht ge­stellt: 1,5 Pro­zent, zwei Pro­zent, vier Pro­zent. Pro Wo­che. Ei­ni­ge Mo­na­te lang gab es auch Aus­zah­lun­gen. Bis das Sys­tem En­de No­vem­ber 2017 plötz­lich kol­la­bier­te.

Um wie viel Geld es ins­ge­samt geht, ist un­klar. Be­tei­lig­te spre­chen von bis zu 12.000 Bit­co­in. Ak­tu­el­ler Ge­gen­wert: mehr als 80 Mil­lio­nen Eu­ro. En­de Jän­ner hat die Fi­nanz­markt­auf­sicht Op­tio­ment bei der Staats­an­walt­schaft zur Anzeige ge­bracht. Der Ver­dacht lau­tet auf Be­trug und/oder Py­ra­mi­den­spiel.

„Die Pres­se“hat ge­mein­sam mit der Re­dak­ti­on der ORF-Sen­dung „Eco“rund acht Gi­ga­byte an Do­ku­men­ten, Fo­tos, Chat-Pro­to­kol­len und Vi­de­os ge­sich­tet – und mehr als 30 In­ves­to­ren be­fragt. Ei­ni­ge da­von wa­ren selbst auch im Ver­kauf tä­tig, da der Ver­trieb von Op­tio­ment als Mul­ti-Le­vel-Mar­ke­ting­sys­tem auf­ge­baut war.

„Das Geld ist weg. Da bin ich si­cher“

So wur­de ein dop­pel­ter Ver­dienst in Aus­sicht ge­stellt: Ei­ner­seits durch die wö­chent­li­chen Er­trä­ge auf ein­ge­zahl­te Bit­co­in. An­de­rer­seits durch zu­sätz­li­che Pro­vi­sio­nen für die An­wer­bung im­mer neu­er Mit­glie­der, die fri­sches Geld ein­zah­len. „Ich hab mei­ne hal­be Fa­mi­lie rein­ge­holt“, er­zählt ei­ne jun­ge Frau aus Wi­en: „Wir ha­ben rund 50 Bit­co­in rein­ge­steckt. Das Geld ist weg. Da bin ich si­cher.“Ein Wie­ner, der in der Hier­ar­chie weit oben war, hat mehr als 200 Leu­te zu Op­tio­ment ge­holt: „Vie­le sind von sich aus zu mir ge­kom­men. Jetzt tut’s mir um je­den leid.“

Or­ga­ni­siert wur­de die­ser Ver­trieb of­fen­bar von zwei Brü­dern aus der Stei­er­mark und ei­nem Mann aus Nie­der­ös­ter­reich. Vor den In­ves­to­ren und auf meh­re­ren Ver­an­stal­tun­gen tra­ten die­se Ös­ter­rei­cher als die „drei Op­tio­ment-Mus­ke­tie­re“auf. Sie hat­ten un­ter sich rund 50 so­ge­nann­te Dia­mond-Tra­der, die das Netz­werk teil­wei­se nach Po­len, Ru­mä­ni­en oder Ex-Ju­go­sla­wi­en aus­ge­dehnt ha­ben dürf­ten. Die größ­te Ver­an­stal­tung von Op­tio­ment fand am 18. No­vem­ber 2017 im Ho­tel Py­ra­mi­de in Vö­sen­dorf süd­lich von Wi­en statt. Knapp zwei Wo­chen be­vor die Aus­zah­lun­gen ein­ge­stellt und die Web­site off­line ge­nom­men wur­de. Rund 700 Teil­neh­mer wa­ren an die­sem Sams­tag in der Py­ra­mi­de.

Event in Py­ra­mi­de: „Wie bei ei­ner Sek­te“

„Die sind auf die Büh­ne ge­rannt und rum­ge­sprun­gen, ha­ben Luft­gi­tar­re ge­spielt“, er­zählt ei­ne Frau, die 10.000 Eu­ro in Op­tio­ment in­ves­tiert hat­te: „Ich hab mich ge­fühlt wie bei ei­ner Sek­te. Die ha­ben auch Spie­le ge­macht, al­le auf­ge­for­dert auf­zu­ste­hen und die Au­gen zu schlie­ßen. Dann ha­ben sie ge­sagt: ,Spürt ihr das? Die­ses Ge­fühl, das euch über­kommt?‘ Zwi­schen­durch ha­ben sie die Ein­la­gen­si­che­rung er­wähnt.“

Kon­kret war von 35.000 Bit­co­ins (im ak­tu­el­len Ge­gen­wert von 245 Mil­lio­nen Eu­ro) die Re­de, durch die Op­tio­ment ab­ge­si­chert sein soll. Von ei­nem „Tra­ding-Ro­bo­ter“, der mit den Bit­co­ins han­deln wür­de, um die Traum­ren­di­ten zu er­zie­len. „Eu­re Bit­co­ins sind ja nicht weg“, sagt ei­ner der Ver­trieb­ler auf ei­nem Vi­deo: „Die ar­bei­ten nur, an­statt faul auf der Wal­let her­um­zu­ku­geln. Wenn wir schon al­le ar­bei­ten, dann sol­len un­se­re Bit­co­ins auch ar­bei­ten.“Ge­läch­ter im Saal.

In­zwi­schen sind die Bit­co­ins al­ler­dings wirk­lich weg. Und kei­ner weiß, wo sie ge­lan­det sind. Die drei Ös­ter­rei­cher sa­gen, dass sie mit dem Sys­tem von Op­tio­ment an sich nichts zu tun hat­ten. Dass sie le­dig­lich den Ver­trieb über­nom­men hät­ten. Dass hin­ter Op­tio­ment ein Dä­ne Na­mens Lu­cas M. und ein Let­te Na­mens Alex P. ste­hen wür­den. Die­se zwei ha­ben die „drei Mus­ke­tie­re“be­reits im De­zem­ber selbst we­gen Be­trugs an­ge­zeigt. In ei­ner Stel­lung­nah­me der von den Ver­trieb­lern be­auf­trag­ten Wie­ner An­walts­kanz­lei Brandl & Ta­los heißt es: „Wir wei­sen aus­drück­lich dar­auf hin, dass un­se­re Man­dan­ten nicht in den Zah­lungs­fluss ein­ge­bun­den wa­ren. Un­se­re Man­dan­ten ha­ben von den In­ves­to­ren da­her we­der Geld noch Bit­co­ins ent­ge­gen­ge­nom­men noch Gel­der oder Bit­co­ins wei­ter­ge­lei­tet, so­dass sie mit dem Ver­schwin­den der Bit­co­ins nichts zu tun ha­ben kön­nen.“Es sei be­reits zu meh­re­ren Dro­hun­gen ge­gen die „Mus­ke­tie­re“von­sei­ten ge­prell­ter In­ves­to­ren ge­kom­men – so­gar zu Mord­dro­hun­gen ge­gen die Ver­trieb­ler und ih­re Fa­mi­li­en. Sechs da­von sei­en auch schon an­ge­zeigt wor­den. Der Kon­takt zu Lu­cas M. sei 2016 über ei­nen Kon­takt­mann zu­stan­de ge­kom­men. Ein ös­ter­rei­chi­scher Bit­co­in-Un­ter­neh­mer, mit dem die Ver­trieb­ler schon län­ger be­kannt wa­ren. Auf Nach­fra­ge des ORF be­stä­tigt die­ser sei­ne Rol­le als Kon­takt­mann, strei­tet aber je­de wei­te­re In­vol­vie­rung in Op­tio­ment ab.

Ver­trag hat es nie ge­ge­ben

Die drei „Mus­ke­tie­re“sa­gen laut ih­ren An­wäl­ten, dass sie Lu­cas M. zwei­mal per­sön­lich ge­trof­fen hät­ten: in Lon­don und in Frank­furt. Fo­tos von die­sen Tref­fen zei­gen aber nur die Ös­ter­rei­cher, nie den an­geb­li­chen Bit­co­in-Tra­der und Chef von Op­tio­ment. Ei­nen Ver­trag zwi­schen dem an­geb­li­chen Chef von Op­tio­ment und den Ös­ter­rei­chern hat es nie ge­ge­ben. Es exis­tiert nur die Auf­zeich­nung ei­ner Vi­deo­kon­fe­renz, an der ne­ben den drei Ös­ter­rei­chern an­schei­nend auch Lu­cas M. teil­ge­nom­men hat. Tat­säch­lich ist ein Mann mit nor­di­schem Ak­zent zu hö­ren – aber nicht zu se­hen. Sei­ne Web­cam zeigt ein schwar­zes Bild. Der Strom sei bei ihm aus­ge­fal­len, so der Tra­der oh­ne Ge­sicht.

Straf­tat­be­stän­de?

Rund 140 Be­trof­fe­ne ha­ben sich in­zwi­schen an die Wie­ner Kanz­lei Lans­ky, Ganz­ger & Part­ner ge­wandt. „Was man sa­gen kann, ist, dass hier An­ga­ben zu den Pro­duk­ten ge­macht wor­den sind, die nicht ge­stimmt ha­ben. Die drei ha­ben groß an­ge­leg­te Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen or­ga­ni­siert und dort die Pro­duk­te be­wor­ben, be­schrie­ben und emp­foh­len. Wenn sich die der­zei­ti­gen An­nah­men be­wahr­hei­ten soll­ten, wä­ren et­li­che Straf­tat­be­stän­de ver­wirk­licht und auch Haft­stra­fen nicht aus­zu­schlie­ßen“, sagt An­walt Ro­nald Frankl.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.