War­um der Sy­ri­en-Krieg jetzt es­ka­liert

Ana­ly­se. Nach dem Nie­der­gang des IS kämp­fen die Kon­flikt­par­tei­en um frei ge­wor­de­ne Ge­bie­te und ver­su­chen, sich ei­ne gu­te Po­si­ti­on für ei­ne Zeit nach dem Krieg zu ver­schaf­fen.

Die Presse - - VORDERSEITE - VON WIE­LAND SCHNEI­DER

Nach dem Nie­der­gang des IS wol­len die Kon­flikt­par­tei­en das ent­stan­de­ne Macht­va­ku­um fül­len.

Es sind alar­mie­ren­de Nach­rich­ten, die aus dem schwer ge­schun­de­nen Bür­ger­kriegs­land Sy­ri­en kom­men. Der UN-Hilfs­ko­or­di­na­tor Ali al-Zaa­ta­ri klagt, dass der­zeit „ei­ni­ge der schlimms­ten Kämp­fe des ge­sam­ten Kon­flikts“to­ben. Zu­vor hat be­reits der re­gio­na­le UN-Ko­or­di­na­tor für hu­ma­ni­tä­re An­ge­le­gen­hei­ten in Sy­ri­en, Pa­nos Mo­umt­zis, im „Pres­se“-In­ter­view ge­warnt: „Die hu­ma­ni­tä­re La­ge in Sy­ri­en ist dra­ma­tisch wie nie zu­vor.“Frank­reichs Prä­si­dent, Em­ma­nu­el Ma­cron, droht dem sy­ri­schen Re­gime mit Luft­an­grif­fen, soll­te es er­neut Gift­gas ein­set­zen. Und der tür­ki­sche Prä­si­dent, Re­cep Tay­yip Er­do­gan,˘ trägt den US-Streit­kräf­ten ei­ne – wie er es nennt – „os­ma­ni­sche Ohr­fei­ge“an, soll­ten sie sich wei­ter­hin vor die kur­di­schen Volks­ver­tei­di­gungs­ein­hei­ten im Nor­den Sy­ri­ens stel­len.

Sie­ben Jah­re nach Be­ginn des Auf­stan­des ge­gen Macht­ha­ber Bas­har al-As­sad ste­hen die Zei­chen auf Es­ka­la­ti­on. Das „Ka­li­fat“des so­ge­nann­ten Is­la­mi­schen Staa­tes (IS) ist weit­ge­hend zer­schla­gen. Das hat ein Va­ku­um hin­ter­las­sen, in das nun an­de­re Kriegs­par­tei­en ein­drin­gen. Der Kampf um die Auf­tei­lung des eins­ti­gen IS-Ge­biets be- feu­ert ge­fähr­li­che Ri­va­li­tä­ten. Aber auch in an­de­ren Ge­gen­den Sy­ri­ens brennt es. Al­le Par­tei­en ver­su­chen, sich auf dem Schlacht­feld ei­ne mög­lichst gu­te Aus­gangs­po­si­ti­on zu ver­schaf­fen, soll­te es ir­gend­wann tat­säch­lich zu ei­nem dau­er­haf­ten En­de der Kampf­hand­lun­gen kom­men.

Kämp­fe in Ost-Ghou­ta und Id­lib. Die sy­ri­schen Trup­pen und die mit ih­nen ver­bün­de­ten rus­si­schen Streit­kräf­te füh­ren vor al­lem aus der Luft mas­si­ve An­grif­fe in der Pro­vinz Id­lib und in Ost-Ghou­ta durch. Da­bei wä­ren bei­de Ge­bie­te ei­gent­lich so­ge­nann­te Dee­s­ka­la­ti­ons­zo­nen, in de­nen die Waf­fen schwei­gen soll­ten. Ost-Ghou­ta ist ein Vo­r­ort der Haupt­stadt Damaskus und ei­nes der letz­ten Ge­bie­te, die die Re­bel­len dort un­ter ih­rer Kon­trol­le ha­ben. Die En­kla­ve wird seit Jah­ren von sy­ri­schen Re­gie­rungs­trup­pen be­la­gert, mit ver­hee­ren­den Fol­gen für die Zi­vil­be­völ­ke­rung. Soll­te das Re­gime Os­tGhou­ta er­obern, hät­te es die Haupt­stadt und ihr Um­land fest un­ter sei­ner Kon­trol­le.

Dass Mos­kau nun sei­ne Atta­cken in­ten­si­viert hat, ist ei­ne Ver­gel­tung für den Ab­schuss ei­nes rus­si­schen Kampf­flug­zeu­ges durch Re­bel­len vor zwei Wo­chen in der Re­gi­on Id­lib. Doch da­zu kom­men wich­ti­ge stra­te­gi­sche Über­le­gun­gen. Seit dem Fall von Alep­po vor et­was mehr als ei­nem Jahr ist Id­lib die letz­te wich­ti­ge Hoch­burg der Auf­stän­di­schen. Wenn Sy­ri­ens Trup­pen auch Id­lib ein­neh­men, ha­ben sie ihr Ge­biet bis Alep­po im Nor­den weit­ge­hend ge­si­chert. Und die Re­bel­len müss­ten da­mit end­gül­tig ih­ren Traum auf­ge­ben, ein ei­ge­nes grö­ße­res Ter­ri­to­ri­um kon­trol­lie­ren zu kön­nen.

Zu­dem gibt es Ge­rüch­te, die Tür­kei könn­te Damaskus grünes Licht für ei­ne Of­fen­si­ve in Id­lib ge­ge­ben ha­ben – im Ge­gen­zug da­für, dass tür­ki­sche Ein­hei­ten

in die Re­gi­on um Afrin im Nord­wes­ten Sy­ri­ens ein­mar­schie­ren dür­fen.

Tür­ki­sche Mi­li­tär­ak­ti­on. Ge­mein­sam mit ver­bün­de­ten sy­ri­schen Re­bel­len sto­ßen tür­ki­sche Trup­pen in der Re­gi­on Afrin vor. Ge­län­de­ge­win­ne konn­ten sie bis­her kaum er­zie­len. Die Stadt Afrin wird aber im­mer wie­der aus der Luft an­ge­grif­fen. An­ka­ra will die Kämp­fer der Volks­ver­tei­di­gungs­ein­hei­ten (YPG) aus dem Ge­biet ver­trei­ben. Die YPG gel­ten als Schwes­ter­or­ga­ni­sa­ti­on der Ar­bei­ter­par­tei Kur­dis­tans (PKK), die ei­nen Un­ter­grund­krieg ge­gen den tür­ki­schen Staat führt.

Zu­gleich sind sie in Sy­ri­en die wich­tigs­te Waf­fe der USA im Kampf ge­gen den IS. Den YPG ge­lang es, die vom IS be­la­ger­te Stadt Ko­ba­ne zu hal­ten. Von Ko­ba­ne und an­de­ren kur­disch kon­trol­lier­ten Ge­bie­ten aus wur­den die Ji­ha­dis­ten in die Zan­ge ge­nom­men und mit US-Luft­un­ter­stüt­zung aus dem sy­risch-tür­ki­schen Grenz­ge­biet ver­trie­ben.

Er­do­gan˘ hat ge­droht, nach Afrin auch die an­de­ren qua­si au­to­no­men YPG-Ge­bie­te Nord­sy­ri­ens an­zu­grei­fen, et­wa die Ge­gend um Man­bij. Hier sind aber US-Ein­hei­ten sta­tio­niert, die die YPG ge­gen den IS un­ter­stützt ha­ben. Er­do­gan˘ for­dert nun von den USA, ih­re Sol­da­ten ab­zu­zie­hen.

Aus­ein­an­der­set­zung USA – As­sad-Re­gime. Beim Vor­marsch ge­gen den IS ha­ben so­wohl die mit Washington ver­bün­de­te SDF-Al­li­anz aus YPG und ara­bi­schen Re­bel­len als auch Sy­ri­ens Re­gie­rungs­trup­pen ihr Ge­biet ent­lang des Eu­phrat aus­ge­dehnt. Da­bei ge­ra­ten bei­de – nun, da der IS zu­rück­ge­drängt ist – im­mer wie­der di­rekt an­ein­an­der. Zu­letzt flo­gen die USA Luft­an­grif­fe, um – wie sie sag­ten – ei­ne Atta­cke sy­ri­scher Ein­hei­ten auf Wa­shing­tons Al­li­ier­te ab­zu­weh­ren. Bei dem Luft­schlag sol­len meh­re­re hun­dert Pro-Re­gime-Kämp­fer ums Le­ben ge­kom­men sein – dar­un­ter auch Söld­ner aus Russ­land (s. u.). Was die Span­nun­gen so ge­fähr­lich macht: Hier wer­den auch die Gren­zen der Ein­fluss­zo­nen der USA und Russ­lands ge­zo­gen.

Kon­flikt zwi­schen Is­ra­el und Iran. Es wa­ren ira­ni­sche Eli­te­ein­hei­ten und die li­ba­ne­si­sche Schii­ten­mi­liz His­bol­lah, die As­sads Trup­pen bei den Kämp­fen auf dem Bo­den wie­der auf Sie­ges­kurs brach­ten. Die His­bol­lah und der Iran zäh­len aber zu Is­ra­els Erz­fein­den. Des­halb be­ob­ach­ten Is­ra­els Stra­te­gen mit Arg­wohn, wie Te­he­ran und die His­bol­lah ih­re Prä­senz im Nach­bar­land Sy­ri­en aus­bau­en. Am Wo­che­n­en­de kam es da­bei zu ei­nem schwe­ren Zwi­schen­fall. Ein is­rae­li­scher F-16-Jagd­bom­ber fing ei­ne ira­ni­sche Droh­ne ab, die von Sy­ri­en ge­star­tet war. Dar­auf schoss Sy­ri­ens Luft­ab­wehr den Jet ab.

Am Mitt­woch for­der­te US-Au­ßen­mi­nis­ter Til­ler­son bei ei­nem Jor­da­ni­en-Be­such den Ab­zug des Iran aus Sy­ri­en. Doch das ist Wunsch­den­ken. Te­he­ran hält As­sad seit Be­ginn des Kriegs die Stan­ge. Er­folg­reich.

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