Eche­rers Mär­chen­welt

In­ter­view. Die ös­ter­rei­chi­sche Schau­spie­le­rin Mer­ce­des Eche­rer über ih­re Wur­zeln in Ost­eu­ro­pa und wie sie die­se Welt seit ih­rer Ju­gend er­lebt hat. Über ihr neu­es Pro­gramm, „Ru­mä­ni­sches Rou­let­te“, und zu­dem noch ei­nen stän­di­gen Be­glei­ter.

Die Presse - - VORDERSEITE - VON NOR­BERT MAY­ER

Die Schau­spie­le­rin im In­ter­view über ih­re Wur­zeln in Ost­eu­ro­pa.

Die Pres­se: Sie ge­ben am Frei­tag im Ra­dio­kul­tur­haus des ORF ei­nen Abend: „Ru­mä­ni­sches Rou­let­te“. Das klingt be­droh­lich. Ist die­se Rei­se nach Ru­mä­ni­en, von der Sie er­zäh­len, wirk­lich so ge­fähr­lich? Mer­ce­des Eche­rer: Die As­so­zia­ti­on mit dem rus­si­schen Rou­let­te war Ab­sicht. Es ist aber auf der gan­zen Welt nicht un­ge­fähr­lich, mit­ten in der Nacht auf ei­ner Land­stra­ße zu ste­hen, nach­dem ei­nem das Ge­päck ge­raubt wor­den ist, oh­ne Aus­weis, nur mit dem, was man auf dem Leib hat. Dann tip­pelt mei­ne Prot­ago­nis­tin auf die nächs­te Wach­sta­ti­on und bit­tet um Hil­fe.

Sie ist ho­he EU-Kom­mis­si­ons­be­am­tin, der Vor­fall er­eig­net sich in Sie­ben­bür­gen. Sie selbst wa­ren EU-Ab­ge­ord­ne­te auf der Lis­te der Grü­nen, reis­ten nach Ru­mä­ni­en. Ist die Ge­schich­te nun wahr oder er­fun­den? Die­sen Schlei­er wer­de ich nicht ganz lüf­ten. Nur so viel: Das Er­zähl­te fußt auf mei­nen Le­bens­da­ten. Mei­ne Mut­ter kommt aus Sie­ben­bür­gen, sie konn­te Ru­mä­ni­en mit 18 ver­las­sen, hat sich vie­le Jah­re nicht zu­rück­ge­traut. Als sie, noch vor mei­ner Ge­burt, das ers­te Mal wie­der auf Be­such dort war, wur­de sie vom Ge­heim­dienst Se­cu­ri­ta­te ge­fragt, ob sie nicht et­was für ih­re al­te Hei­mat tun wol­le. Sie woll­te nicht, wor­auf sie in Ös­ter­reich von ei­nem ru­mä­ni­schen Au­to drei­mal an­ge­fah­ren wur­de. Es ist nicht un­ge­fähr­lich, sich mit der Se­cu­ri­ta­te an­zu­le­gen.

Was ist „Ru­mä­ni­sches Rou­let­te“? Ein Mu­sik­pro­gramm? Ein Hör­spiel? Ei­ne Er­zäh­lung? Es gibt auch ei­ne Fas­sung auf CD. Von al­lem et­was. Be­glei­tet wer­de ich von zehn her­vor­ra­gen­den Mu­si­kern.

Was pas­siert al­so Ih­rer fast rea­len EU-Be­am­tin auf die­ser fik­ti­ven Rei­se? Sie wird in Ge­wahr­sam ge­nom­men, weil sie oh­ne Pa­pie­re ist. Da er­in­nert sie sich an ih­ren On­kel, er ist der Ein­zi­ge ih­rer Fa­mi­lie, der noch in Sie­ben­bür­gen lebt, mit dem sie frü­her Wun­der­ba­res und Auf­re­gen­des er­lebt hat, der im­mer für sie da war – doch der On­kel gibt am Te­le­fon vor, sie nicht zu ken­nen.

Gab es die­sen On­kel auch für Sie? Es gab drei rea­le Vor­bil­der für die­sen On­kel Au­rel, durch sie ha­be ich all die kul­tu­rel­le Viel­falt Sie­ben­bür­gens ken­nen­ge­lernt. Ei­ner war Staats­an­walt und gut ver­netzt, hat vie­len Men­schen hel­fen kön­nen, auch bei ih­rer Flucht. Al­le ha­ben min­des­tens drei bis vier Spra­chen ge­spro­chen, ich er­leb­te dort ei­ne rich­ti­ge Groß­fa­mi­lie. In Sie­ben­bür­gen und im be­nach­bar­ten Ba­nat ha­ben über Jahr­hun­der­te an die 30 Eth­ni­en fried­lich zu­sam­men­ge­lebt. Das wa­ren zu­meist Min­der­hei­ten, die man an den Rand des Habs­bur­ger­rei­ches ge­schickt hat, aus re­li­giö­sen und an­de­ren Grün­den. Die ha­ben sich dann mit­ein­an­der ar­ran­giert. Sie ha­ben ein­an­der nicht al­le ge­liebt, aber am Sonn­tag wa­ren al­le vor dem Herrn gleich, egal, wer wel­cher Re­li­gi­on an­ge­hör­te, wie es in ei­nem Ro­man von Egi­nald Sch­latt­ner heißt. Da ha­ben auch die fei­nen Her­ren vor dem Zi­geu­ner den Hut ge­zo­gen.

Ru­mä­ni­en ist für Sie ei­ne Kind­heits­er­in­ne­rung. Sie ha­ben es nach dem Kom­mu­nis­mus als Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te neu ken­nen­ge­lernt und als es in die EU auf­ge­nom­men wur­de. Da­zu kom­men Ge­schich­ten aus der Mon­ar­chie, ei­ne Art Sen­ti­men­ta­li­tät. Wie wür­den Sie die Ein­drü­cke dif­fe­ren­zie­ren? Sie­ben­bür­gen war für mich als Kind ei­ne Mär­chen­welt, ei­ne po­si­ti­ve Über­ra­schung. Denn mei­ne Mut­ter hat­te mir das Ge­fühl der un­ga­ri­schen Min­der­heit mit der Mut­ter­milch mit­ge­ge­ben und auch ih­re Ängs­te. Als ich aber mit zehn Jah­ren erst­mals mit mei­nem Va­ter und der Groß­mut­ter hin­fuhr, war ich ver­zau­bert. Im­mer hat­te man Zeit für mich, die äl­te­ren Ver­wand­ten schie­nen wie aus der Zeit ge­fal­len, wie leicht ver­arm­te Schnitz­ler-Fi­gu­ren. Der Be­sitz wur­de ih­nen ge­nom­men, aber ih­re Wür­de lie­ßen sie sich nicht neh­men. Mit den Jah­ren hat­te ich dann auch ei­nen ei­ge­nen Freun­des­kreis in Klau­sen­burg. Mit der Stu­den­ten­schaft ging ich ins so­ge­nann­te Tanz­haus. Dort ha­ben die Al­ten den Jun­gen ech­te Folk­lo­re und al­te Tra­di­tio­nen nä­her­ge­bracht. Dar­aus ent­stan­den klei­ne Zel­len der Si­cher­heit, in de­nen man sich aus­tau­schen und das kom­mu­nis­ti­sche Sys­tem kri­ti­sie­ren konn­te – lei­se.

Wie ha­ben Sie denn 1989 er­lebt? Mein Kol­le­ge Frank Hoff­mann und ich wa­ren gera­de im Stu­dio – er stammt üb­ri­gens aus der DDR –, und in ei­ner Pau­se führ­te er ein emo­tio­na­les Te­le­fo­nat. Plötz­lich schrie er: „Dres­den ist frei!“Ich hat­te den Ein­druck, es ging al­les so wahn­sin­nig schnell, Nach­rich­ten aus und über die ehe­ma­li­gen Co­me­con-Staa­ten über­schlu­gen sich förm­lich.

Was war der Preis der Frei­heit? Nach der Freu­de über die wie­der­ge­won­ne­ne Sou­ve­rä­ni­tät pas­sier­te in Sie­ben­bür­gen das Glei­che wie in vie­len Re­gio­nen des ehe­ma­li­gen War­schau­er Pak­tes. In­ves­ti­tio­nen aus dem Aus­land wur­den drin­gend be­nö­tigt, gleich­zei­tig fand ein Aus­ver­kauf statt. Die Ar­beits­lo­sig­keit stieg, die Ar­mut wur­de stän­dig grö­ßer. Aus ei­nem to­ta­li­tä­ren in ein de­mo­kra­ti­sches Sys­tem und in ei­ne ge­sun­de Wirtschaft hin­ein­zu­wach­sen braucht sei­ne Zeit.

Wie konn­te man die­ser Ent­wick­lung als EU-Ab­ge­ord­ne­te ent­ge­gen­wir­ken? Man kann – aber nur ge­mein­sam: 2001 ha­be ich er­fah­ren, dass man in Ru­mä­ni­en wie­der Gold­ab­bau mit hoch­gif­ti­gen Stof­fen be­trei­ben woll­te. Da­bei war es des­we­gen erst in den Neun­zi­ger­jah­ren zu schreck­li­chen Um- welt­ka­ta­stro­phen ge­kom­men. Ein Kon­zern hat­te um ei­nen Bet­tel gan­ze Dör­fer ge­kauft, woll­te wie­der mit dem Raub­bau be­gin­nen. Ich konn­te im Na­men des EU-Par­la­ments in Sie­ben­bür­gen Ge­sprä­che füh­ren, lo­ka­le NGOs un­ter­stüt­zen, und schließ­lich gab es so­gar mit Staats­prä­si­dent Ion Ilies­cu ei­nen Ter­min um Mit­ter­nacht in ei­nem Pa­last in Bu­ka­rest, ein Vier­au­gen­ge­spräch. Sei­ne di­plo­ma­ti­sche Bot­schaft: Nur Eu­ro­pa kön­ne den Ver­kauf der Gold­mi­nen ver­hin­dern. Die EU hat das auch letzt­end­lich ge­tan.

„Ru­mä­ni­sches Rou­let­te“ent­stand für Sie un­ter schwe­ren Be­din­gun­gen . . . Im Som­mer 2016 ha­be ich den Be­fund er­hal­ten, dass ich Leuk­ämie ha­be. Ich hat­te un­glaub­lich viel Glück und bin den Ärz­ten und Pfle­gern zu­tiefst dank­bar, so­wie mei­ner Fa­mi­lie. Mein Mann, mei­ne Kin­der, mei­ne Freun­de – sie al­le ha­ben mich da durch­ge­tra­gen. Es gibt ei­ne Weis­heit von In­dia­nern: So­bald du auf die Welt kommst, hast du ei­nen stän­di­gen Be­glei­ter – den Tod. Mit die­sem Be­glei­ter müs­sen wir al­le le­ben. Ich er­dach­te mir die­ses Bild ei­nes schwar­zen Vo­gels, der seit mei­ner Ge­burt auf mei­ner Schul­ter sitzt, doch ir­gend­wann ha­be ich ihn bunt ein­ge­färbt und be­gon­nen, ihm Ge­schich­ten zu er­zäh­len. Ir­gend­wann wird er mir sa­gen: „Ge­hen wir.“ Frei­tag, 16. 2., um 19.30 Uhr im Gro­ßen Sen­de­saal des Funk­hau­ses: „Ru­mä­ni­sches Rou­let­te“. Ein­tritt: 25 Eu­ro.

[ Kat­ha­ri­na F.-Roß­both ]

„Von al­lem et­was“ver­spricht Mer­ce­des Eche­rer für ihr neu­es Pro­gramm: „Be­glei­tet wer­de ich von zehn her­vor­ra­gen­den Mu­si­kern.“

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