Die Mo­ti­ve für Kims Charme­of­fen­si­ve

Ana­ly­se. Am Ran­de von Olym­pia ka­men sich Süd- und Nord­ko­rea so na­he wie seit Jah­ren nicht mehr. Doch was steckt hin­ter Pjöng­jangs neu­er Freund­lich­keit? Drei mög­li­che Ant­wor­ten.

Die Presse - - AUSLAND - VON SUSANNA BASTAROLI

Nord­ko­reas Re­gime zeigt bei den Olym­pi­schen Spie­len ein neu­es Ge­sicht: Das ge­win­nen­de Lä­cheln der De­le­ga­ti­ons­lei­te­rin, Dik­ta­to­ren-Schwes­ter Kim Yo-jong, er­ober­te das Pu­bli­kum, Jour­na­lis­ten schwärm­ten von die­ser „nord­ko­rea­ni­schen Ivan­ka“. Ein na­he­zu fröh­li­ches Ant­litz ga­ben der sta­li­nis­ti­schen Dik­ta­tur auch die jun­gen Cheer­lea­der aus dem Nor­den. In­zwi­schen ist Kims Schwes­ter samt De­le­ga­ti­on heim­ge­reist, zu­rück im Sü­den blei­ben die Ath­le­ten – und die Fra­ge: Was steckt hin­ter der Charme­of­fen­si­ve? Fol­gend drei Er­klä­rungs­ver­su­che:

Süd­ko­reas Staats­chef, Moon Jae-in, ge­wann mit dem Ver­spre­chen ei­ner „Son­nen­schein­po­li­tik 2.0“die Par­la­ments­wahl: Er will den täg­lich es­ka­lie­ren­den Kon­flikt mit dem ato­mar ge­rüs­te­ten Nach­barn mit Dia­log lö­sen. Nord­ko­reas Olym­pia­Teil­nah­me öff­ne­te vie­le Tü­ren: Moon traf Kim Yo-jong vier Mal. Die­se Ge­sprä­che ver­lie­fen so gut, dass Süd­ko­reas Prä­si­dent nach Pjöng­jang ein­ge­la­den wur­de.

Zwar glau­ben auch die größ­ten Op­ti­mis­ten nicht, dass Nord­ko­rea nun sein Atom­pro­gramm auf­ge­ben wird. Aber im­mer­hin spre­chen die Erz­fein­de wie­der mit­ein­an­der: Kriegs­aus­lö­sen­de Miss­ver­ständ­nis­se oder Fehl­kal­ku­la­tio­nen sind jetzt leich­ter ver­meid­bar. Die Ba­sis für mög­li­che wei­te­re ver­trau­ens­bil­den­de Schrit­te wur­de ge­schaf­fen.

Viel­leicht ist Dik­ta­tor Kim et­was Frie­dens­stim­mung jetzt ganz recht: Dem Land set­zen die har­ten Sank­tio­nen zu, Span­nun­gen mit dem gro­ßen „Bru­der“Chi­na ma­chen dem Re­gime zu schaf­fen. Aus Süd­ko­rea er­hofft man sich „hu­ma­ni­tä­re Hil­fe“. Ei­ni­ge Be­ob­ach­ter he­ben auch psy­cho­lo­gi­sche Kom­po­nen­ten her­vor: Der in­ter­na­tio­nal iso­lier­te Dik­ta­tor wür­de sich durch glo­ba­le Strei­chel­ein­hei­ten ge­schmei­chelt füh­len und wer­de wei­te­re An­er­ken­nung su­chen. Der in­ter­nen Pro­pa­gan­da dient die Olym­pia-An­er­ken­nung al­le­mal.

Viel­leicht sind kurz­fris­tig kei­ne gro­ßen Er­fol­ge zu er­war­ten, aber lang­fris­tig könn­te Seo­uls di­plo­ma­ti­sche Of­fen­si­ve sehr wohl Früch­te tra­gen: Ein En­de der Iso­la­ti­on wä­re der ers­te To­des­stoß für die KimHerr­schaft. Denn je mehr nord­ko­rea­ni­sche De­le­ga­tio­nen ins Aus­land rei­sen, des­to grö­ßer dürf­ten die Zwei­fel am Sys­tem wer­den. Ein rea­lis­ti­sches Sze­na­rio: Das Re­gime könn­te sich in ei­ne „of­fe­ne­re“Dik­ta­tur – a` la Chi­na oder Viet­nam – ver­wan­deln und Teil des in­ter­na­tio­na­len Sys­tems wer­den.

Kim Jong-un hat ganz be­wusst sei­ne mäch­ti­ge Schwes­ter als sei­ne Ver­tre­te­rin nach Pyeong­chang ge­schickt. Die char­man­te 30-Jäh­ri­ge ist eben­so skru­pel­los wie ihr Bru­der und da­heim für sei­ne Image­kam­pa­gne zu­stän­dig. Olym­pia wird nichts an Kims Am­bi­tio­nen än­dern: Er wird das Atom­pro­gramm wei­ter­ent­wi­ckeln und auch künf­tig sein Volk un­ter­drü­cken. Denn Nu­kle­ar­waf­fen sind Kims Le­bens­ver­si­che­rung, po­li­ti­sche Öff­nung ist ein po­ten­zi­el­les To­des­ur­teil: Of­fen­bar hält sich der Kim-Clan den Fall Gor­bat­schows und der So­wjet­uni­on als Schre­ckens­bei­spiel stets vor Au­gen.

Viel­leicht hofft Kim, durch sei­ne Charme­of­fen­si­ve et­was Geld aus dem rei­chen Sü­den zu er­pres­sen. Oder aber das Dia­log­an­ge­bot ist ein aus­ge­klü­gel­ter di­plo­ma­ti­scher Coup – mit der Ab­sicht, ei­nen Keil zwi­schen Süd­ko­rea und sei­nen Ver­bün­de­ten zu trei­ben. Denn Moons vor­sich­ti­ger An­nä­he­rungs­kurs führt seit Mo­na­ten zu Ir­ri­ta­tio­nen mit Washington, die Ein­la­dung nach Pjöng­jang bringt den Süd­ko­rea­ner jetzt in die Bre­douil­le: Nimmt er an, ir­ri­tiert er US-Prä­si­dent Do­nald Trump. Lehnt er ab, pro­vo­ziert er Pjöng­jang. Bis­her hat Moon we­der zu- noch ab­ge­sagt.

Süd­ko­reas Al­li­ier­te je­den­falls sind we­nig be­geis­tert von die­sem olym­pi­schen Frie­den. US-Vi­ze­prä­si­dent Mi­ke Pence mach­te klar, dass die Be­din­gung für ei­nen Dia­log Nord­ko­reas Be­reit­schaft zur nu­klea­ren Abrüs­tung sei. Aus dem Ka­bi­nett von Ja­pans Pre­mier, Shin­zo¯ Abe, hieß es: „Dia­log nur um des Dia­logs wil­len hat we­nig Sinn.“Seoul müs­se an ei­nem Strang mit To­kio und Washington zie­hen.

Die Olym­pia-Di­plo­ma­tie könn­te für bei­de Ko­reas nicht mehr als ei­ne will­kom­me­ne Atem­pau­se be­deu­ten, nach ei­nem von Kriegs­ge­trom­mel und Atom­tests ge­zeich­ne­ten Jahr 2017. Seoul hat durch die Ein­bin­dung Nord­ko­reas zu­min­dest für ei­ni­ge Zeit et­was Ru­he ge­won­nen, Pjöng­jang hat Pyeong­chang er­folg­reich als Pro­pa­gan­da­büh­ne ge­nützt. Zu­dem hat man sich ge­trof­fen, ei­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal eta­bliert, man spricht wie­der mit­ein­an­der. Die Olym­pia-An­nä­he­rung führt zwar noch lan­ge nicht in Rich­tung Aus­söh­nung. Doch viel­leicht hat man et­was Zeit ge­won­nen – in ei­nem Kon­flikt, der bei ei­ner Es­ka­la­ti­on po­ten­zi­ell Mil­lio­nen von To­ten for­dern könn­te.

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