Pu­bli­kums­lieb­lin­ge aus dem Nor­den

Eis­kunst­lauf. Das nord­ko­rea­ni­sche Paar Ryom Tae-Ok, 18, und Kim Ju-Sik, 25, durf­te erst auf Ge­heiß Pjöng­jangs nach Süd­ko­rea. Ein welt­of­fe­ner Paar­lauf der Skur­ri­li­tä­ten. Be­such in Gang­ne­ung.

Die Presse - - INLAND - Aus Pyeong­chang be­rich­tet CHRIS­TOPH GASTINGER

Na­tür­lich war sie wie­der aus­ge­rückt, die „Ar­mee der Schön­heit.“Nord­ko­reas Cheer­lea­de­rin­nen hat­ten in Reih und Glied Platz ge­nom­men, hoch oben im zwei­ten Rang der Gang­ne­ung Ice Are­na. Ih­re Cho­reo­gra­fi­en wirk­ten ein­stu­diert wie die ei­ner US-ame­ri­ka­ni­schen Boy­band aus den Neun­zi­ger­jah­ren. Es wur­de brav und eif­rig im Takt ge­klatscht, ein biss­chen ge­tanzt, auch die üb­li­chen An­feue­rungs­ru­fe wirk­ten syn­chron, ja fast com­pu­ter­ani­miert. Al­les hat­te sei­ne Ord­nung, da­für hat­te der Chef der Cheer­lea­der-Ban­de, Kim Jong-un, vor­ab ge­sorgt, in­dem er die Au­ser­wähl­ten ei­nem „Cas­ting“un­ter­zog.

Kei­ne der fleisch­ge­wor­de­nen Ma­rio­net­ten in ih­ren Zwan­zi­gern darf klei­ner als 1,65 Me­ter sein, muss tan­zen und sin­gen kön­nen. Selbst­ver­ständ­li­chen zäh­len auch in Nord­ko­rea die „in­ne­ren Wer­te“. Zwei­fel an der hei­mat­li­chen Staats­ideo­lo­gie sind nicht bloß un­an­ge­bracht, sie sind ver­bo­ten. Stren­ge Hin­ter­grund­re­cher­chen stel­len si­cher, dass es in der Ver­gan­gen­heit in den je­wei­li­gen Fa­mi­li­en kei­ne Über­läu­fer gab.

Nord­ko­reas Weltenbummler

Nord­ko­reas Schönheiten wa­ren an die­sem Mitt­woch aus ei­nem gu­ten Grund in die Gang­ne­ung Ice Are­na zum Kurz­pro­gramm der Eis­kunst- lauf-Paa­re aus­ge­rückt. 22 Ath­le­ten hat der Nor­den für Olym­pia gen Sü­den ent­sen­det, aber nur zwei ha­ben sich auf sport­li­chem Weg für die­se Win­ter­spie­le qua­li­fi­ziert: Ryom Tae-Ok, 18, und Kim Ju-Sik, 25, die bes­ten Eis­kunst­läu­fer des Lan­des.

Weil Nord­ko­rea die of­fi­zi­el­le Nenn­frist En­de Ok­to­ber 2017 ver­strei­chen hat las­sen, blie­ben Frau Ryom, Herr Kim und der Rest der Eis­kunst­lauf­welt fra­gend zu­rück. „Olym­pia­start oder nicht, das ist ei­ne Ent­schei­dung un­se­rer Re­gie­rung“, sag­te Trai­ner Kim Hyon­son da­mals gera­de­zu teil­nahms­los.

Sport, kei­ne Politik

Das grü­ne Licht Pjöng­jangs für Pyeong­chang eb­ne­te zwei Short­tra­ckern, drei Lang­läu­fern, drei Al­pinski­fah­rern und zwölf Eis­ho­ckey­spie­le­rin­nen per IOC-Wild­card den Weg, aber Ryom Tae-Ok und Kim Ju-Sik sind un­be­strit­ten das sport­li­che Aus­hän­ge­schild der nord­ko­rea­ni­schen Ab­ord­nung.

Die Ge­schich­te der bei­den Eis­kunst­läu­fer, die seit 2015 ein Ge­spann bil­den, ist al­lein schon auf­grund ih­rer Her­kunft ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che. Ryom und Kim sind für nord­ko­rea­ni­sche Ver­hält­nis­se Weltenbummler, nah­men schon an Wett­be­wer­ben in Finn­land, Deutsch­land, Ja­pan, den Phil­ip­pi- nen oder Tai­wan teil. Auch in Inns­bruck mach­te das Duo schon Sta­ti­on, beim „Cup of Ty­rol“2016 ge­wann es Bron­ze.

Als Ryom und Kim vor elf Mo­na­ten den ka­na­di­schen Coach Bru­no Mar­cot­te um des­sen vor­über­ge­hen­de Un­ter­stüt­zung ba­ten, war die­ser an­fangs zwar ein we­nig über­rascht, sag­te aber um­ge­hend zu. „Ich ha­be mit so vie­len Men­schen aus al­ler Welt zu tun, den­ke nicht über ih­re Her­kunft nach. Ich be­han­del­te die bei­den genau­so wie al­le an­de­ren auch“, er­klär­te der 43-Jäh­ri­ge. Nach­dem sämt­li­che Vi­sa-Pro­ble­me aus dem Weg ge­räumt wa­ren, folg­te ein zwei­mo­na­ti­ges Som­mer­trai­nings­la­ger in Mon­tre­al.

Die Neu­zu­gän­ge aus der un­be­kann­ten Fer­ne wa­ren al­ler­dings nicht al­lein ge­kom­men, sie wur­den von Coach Kim Hyon-son und ei­nem Ab­ge­ord­ne­ten des na­tio­na­len Eis­kunst­lauf­ver­bands be­glei­tet. Letz­te­rem ver­trau­ten sie wäh­rend des zwei­mo­na­ti­gen Trai­nings­la­gers be­son­ders, er­zähl­te Mar­cot­te. „Sie wa­ren die meis­te Zeit zu viert bei­sam­men, aber ich hat­te nicht den Ein­druck, als wür­de man die bei­den an­dau­ernd be­ob­ach­ten.“Mar­cot­te lern­te Ryom und Kim ken­nen, und die bei­den Sport­ler leg­ten im per­sön­li­chen Ge­spräch vor al­lem auf ei­nes Wert: Sie woll­ten als Ath­le­ten und nicht als po­li­ti­sche Stell­ver­tre­ter wahr­ge­nom­men wer­den.

Das Schwei­gen des Nor­dens

Mitt­woch, um 11.38 Uhr, wa­ren in der Gang­ne­ung Ice Are­na dann al­le Au­gen auf Ryom Tae-Ok und Kim Ju-Sik ge­rich­tet. Zu den Klän­gen des Beat­les-Songs „A day in the Li­fe“ab­sol­vier­te das Paar sein Kurz­pro­gramm, und nicht nur die „Ar­mee der Schön­heit“be­ju­bel­te je­de ge­lun­ge­ne Ak­ti­on. Es ha­gel­te lau­ten Ap­plaus von den Rän­gen, ei­ne net­te Will­kom­mens­ges­te für die neu­en Pu­bli­kums­lieb­lin­ge aus dem Nor­den. „Wir ha­ben die Ener­gie der Süd­ko­rea­ner wirk­lich ge­spürt“, sag­te der 25-Jäh­ri­ge Kim we­nig spä­ter ge­gen­über dem of­fi­zi­el­len Olym­pia-Broad­cas­ter.

In der Mi­xed-Zo­ne herrsch­te zu die­sem Zeit­punkt un­fass­bar dich­tes Ge­drän­ge. Jour­na­lis­ten aus al­ler Welt er­hoff­ten sich wei­te­re Ein­bli­cke in das See­len­le­ben der bei­den Gäs­te aus dem Nor­den. We­nig spä­ter schrit­ten Ryom und Kim aber oh­ne ein Wort, voll­kom­men kom­men­tar­los an sämt­li­chen Me­di­en­ver­tre­tern vor­bei. Den freund­li­chen An­lauf des ka­na­di­schen Mi­xed-Zo­ne-Su­per­vi­sors Ja­mes, sich doch der in­ter­na­tio­na­len Pres­se zu stel­len, lä­chel­ten die bei­den leicht ge­quält, aber ge­konnt weg. Dann ver­schwan­den Ryom Tae-Ok und Kim Ju-Sik in den Ka­ta­kom­ben. Ih­re Bot­schaft ist trotz­dem klar: Die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on sol­len an­de­re klä­ren. Sie sind bloß Eis­kunst­läu­fer.

Wir ha­ben die Ener­gie der Süd­ko­rea­ner auf dem Eis wirk­lich ge­spürt. Kim Ju-Sik, Eis­kunst­läu­fer

[ Reu­ters ]

Das nord­ko­rea­ni­sche Eis­kunst­lauf-Paar Ryom Tae-ok und Kim Ju-sik lös­ten ei­ne Wel­le der Be­geis­te­rung aus. Als Elf­te des Kurz­pro­gramms folgt heu­te die Kür.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.