Tanz der Vo­gel­schwär­me und des Schat­tens ei­nes Dich­ters

Staats­bal­lett. Be­ju­bel­te Wie­der­auf­nah­me von „Ba­lan­chi­ne – Liang – Pro­i­et­to“: ei­ne von Prä­zi­si­on und Dy­na­mik be­stimm­te Leis­tungs­schau.

Die Presse - - FEUILLETON - VON THE­RE­SA STEININGER

Flie­ßen­de, dem Vo­gel­flug nach­emp­fun­de­ne Be­we­gun­gen und dy­na­mi­sche Arm­krei­se auf der ei­nen Seite, Prä­zi­si­on und stren­ge Li­ni­en auf der an­de­ren. So un­ter­schied­lich zwei der Wer­ke des drei­tei­li­gen Abends „Ba­lan­chi­ne – Liang – Pro­i­et­to“sind, ei­nes ha­ben sie ge­mein­sam: Bei­de wä­ren nur der hal­be Ge­nuss, wür­den die Tän­zer hier nicht ab­so­lut syn­chron und auf­ein­an­der ab­ge­stimmt tan­zen und Li­ni­en ein­hal­ten. Was evi­dent scheint, war doch vor Jah­ren in Wi­en nur ein from­mer Wunsch. Mitt­ler­wei­le sind die Tän­zer un­ter Lei­ter Ma­nu­el Le­gris zur Höchst­form auf­ge­lau­fen.

Ba­lan­chi­nes Hul­di­gung an den klas­si­schen rus­si­schen Tanz zu Ge­or­ges Bi­zets Früh­werk „Sym­pho­nie in C“ist ver­tanz­te Mu­sik par ex­cel­lence und legt – oh­ne Hand­lung – den Fo­kus auf das dem US-Cho­reo­gra­fen ei­ge­ne Schritt­re­per­toire. Mit viel Ge­fühl schmiegt er hier Port de bras, He­bun­gen und schier end­los ge­hal­te­ne Ar­a­bes­ken, dann auch ei­nen Hauch Folk­lo­re an Bi­zets Tö­ne an. Ma­ria Ya­kov­le­va de­bü­tiert im ers­ten Satz mit Ele­ganz und Prä­senz. Als Ad­a­gio-Ballerina, förm­lich ei­ne Iko­ne des neo­klas­si­schen Bal­letts, be­ein­druckt ein­mal mehr Li­ud­mi­la Ko­no­val­o­va, si­cher ge­führt von Ro­man La­zik. De­nys Che­re­vych­ko punk­tet mit Vi­ta­li­tät, Dreh­sprün­gen und Kraft. Wie hier Mu­sik durch den Fluss der schwie­rigs­ten Be­we­gun­gen sicht­bar ge­macht wird, zeugt von der Meis­ter­schaft Ba­lan­chi­nes und der Tän­zer.

„Mur­mu­ra­ti­on“von Ed­waard Liang nach dem Vio­lin­kon­zert Nr. 1 von Ezio Bos­so, trotz sei­ner Mo­no­to­nie vir­tu­os ge­spielt von Volk- hard Steu­de, ist ei­ne ef­fekt­vol­le und dy­na­mi­sche Um­set­zung der Idee, die Be­we­gun­gen und For­ma­tio­nen von Vo­gel­schwär­men in Tanz zu über­set­zen. Die En­sem­ble­mit­glie­der wir­beln durch­ein­an­der, voll­füh­ren äs­the­tisch ver­tanz­te Sturz­flü­ge, fin­den zu­sam­men, wer­den ge­trennt. Ar­me wer­den kaum flat­ternd be­wegt, es do­mi­niert die flie­ßen­de Be­we­gung, Frau­en­kör­per wer­den schwung­voll um die der Part­ner ge­schlun­gen oder auf dem Bo­den lie­gend ge­dreht. Es ist ein wil­des und doch auf Li­ni­en und Struk­tur be­dach­tes Werk. Ver­stärkt wird dies erst durch wei­ßen Büh­nen­hin­ter­grund, spä­ter durch vom Schnür­bo­den her­ab­fal­len­de Fe­dern. Kraft­voll und dy­na­misch führt Ro­man La­zik ein höchst ex­akt agie­ren­des En­sem­ble an.

Nur bei Da­ni­el Pro­i­et­tos „Blanc“zur gleich­na­mi­gen Mu­sik von Mi­ka­el Karls­son und Cho­pins Pre­lude´ op. 28 und Kla­vier­kon­zert Nr. 1, bleibt die gro­ße Be­geis­te­rung aus. Pro­i­et­tos Be­schäf­ti­gung mit der Äs­t­he­tik der „wei­ßen Bal­let­te“wie „Les Syl­phi­des“steht dem La­men­to ei­nes Poe­ten ge­gen­über, den das wei­ße Blatt be­drückt: And­rey Kay­da­novs­kiy agiert im Ge­gen­satz zum Spre­cher der Urauf­füh­rung wort­deut­lich und tän­zer­freund­lich. In­mit­ten der ro­man­ti­schen Po­sen zahl­rei­cher Syl­phi­den tanzt Eno Pe­ci kraft­voll den Schat­ten des Poe­ten, doch ge­hen die ein­zel­nen Leis­tun­gen, auch von Na­ta­scha Mair, Al­exis For­abosco und An­dras´ Lu­kacs´ als im fo­to­tech­ni­schen Sin­ne ne­ga­ti­ve Fi­gu­ren, in der Fül­le der Ein­drü­cke un­ter. Ein me­dio­krer, ver­wir­ren­der Ab­schluss ei­nes ein­gangs so in­ten­si­ven Abends. Re­pri­sen: 17., 20., 21. und 23. Fe­bru­ar, Staats­oper.

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