Zer­ris­se­ne Songs von Lon­dons Rän­dern

Are­na Wi­en. Sound­track zur auf­säs­si­gen Lüm­me­lei: King Kru­le wur­de für sei­ne wüs­ten Klän­ge be­ju­belt.

Die Presse - - FEUILLETON - VON SAMIR H. KÖCK bis 13. Mai, tägl. 10–18h, Mi., Fr. –21h.

Ju­gend­li­cher Pro­test ge­gen Leis­tungs­ori­en­tiert­heit hat im­mer Sai­son im Pop. Et­wa beim 23-jäh­ri­gen Lon­do­ner Ar­chy Mar­shall ali­as King Kru­le: Er hat auf sei­nen bis­lang zwei Al­ben so et­was wie den Sound­track zur auf­säs­si­gen Lüm­me­lei ein­ge­spielt. Vie­le sei­ner Stü­cke ver­san­den kunst­voll, be­vor sie zu ein­gän­gig und zu kon­ven­tio­nell wer­den. Der Lied­form miss­traut er of­fen­bar. In­spi­riert durch die Süd­lon­do­ner Gri­me-Sze­ne ar­bei­tet er lie­ber mit klang­li­chen Kon­tras­ten.

Die ve­ge­tie­ren dann so un­ver­söhn­lich her­um wie an den Rän­dern der Groß­städ­te an­ge­sam­mel­te So­zi­al­fäl­le. In King Kru­les Mu­sik ste­hen ur­ba­ne Rhyth­men un­ver­mit­telt ne­ben si­rup­sü­ßen Sa­xo­fon­klän­gen, sphä­ri­schen Syn­thie­schwa­den und ei­nem Ge­sang, der al­le Re­gis­ter von Ur­schrei bis Flüs­tern zieht. Das passt gut, schließ­lich in­spi­rie­ren King Kru­le just die exis­ten­zi­ell heik­len Mo- men­te. Et­wa im schö­nen „Litt­le Wild“, das ein post­al­ko­ho­li­sches Auf­wa­chen ne­ben ei­nem Mäd­chen, das dem Prot­ago­nis­ten in je­der Hin­sicht fremd ist, schil­dert. „She might pre­tend to be in lo­ve“, fürch­tet der Bur­sche und plant die un­auf­fäl­li­ge Flucht: „Girl I was ne­ver the­re, lay­ing ful­ly clo­thed whi­le you lay ba­re.“So kühl er hier den Maul­hel­den gab, so bren­nend floß der gan­ze Jam­mer ins war­me Gi­tar­ren­spiel. Hör­te man ge­nau auf die Stim­me, so war hin­ter der Fros­tig­keit ein we­nig Zärt­lich­keit zu ver­neh­men. Per­fekt für die Am­bi­va­lenz der Lie­be.

Im­mer wie­der chan­gier­te King Kru­les Ge­sang zwi­schen den Ex­tre­men. Bald klang er bru­tal, bald schnurr­te er wie ein ver­kühl­ter Ka­ter. „I’ve hit rock bot­tom, ooh now I’m run­ning away“rotz­te er bei „Rock Bot­tom“ins Mi­kro­fon, ei­nem der we­ni­gen Stü­cke, die als Songs zu iden­ti­fi­zie­ren wa­ren. Viel hat­te die An­mu­tung von Ses­si­ons a` la Soft Ma­chi­ne, manch wü­ten­der Aus­bruch er­in­ner­te an den gro­ßen bri­ti­schen Ex­zen­tri­ker Ke­vin Coy­ne. Wo die­ser auf Mit­mensch­lich­keit setz­te, bleibt bei King Kru­le aber ei­ne Leer­stel­le so­zia­ler In­dif­fe­renz. „My mind starts to der­an­ge, dis­tor­ti­on to ra­ge, as sight lost its ran­ge.“Selbst der ge­spens­ti­sche Tun­nel­blick ins ei­ge­ne Ego ist von selt­sa­mer Dis­tanz be­herrscht, et­wa in „(A Sli­de In) New Drugs“und „Half Man, Half Shark“. Und im jaz­zi­gen „Dum Sur­fer“wun­dert er sich über ei­ne Slo­wa­kin, die mit ihm in dem Ta­xi sitzt, aus des­sen Fens­ter er gera­de aufs Trot­toir speibt . . .

Der­lei wüs­te Sze­na­ri­en, die Kru­le in da­zu­ge­hö­ri­ger Dich­ter­po­se ent­wirft, sto­ßen im hei­mat­li­che Groß­bri­tan­ni­en auf Kri­tik. Dort wirft man ihm vor, dass er ein paar Jah­re in der Po­paus­bil­dungs­stät­te Brit School zu­ge­bracht hat. Der Guar­di­an nann­te ihn ma­li­zi­ös „The lo­ne­so­me po­et of the be­ne­fit-cap­ped ge­ne­ra­ti­on.“In Wi­en aber war der Ju­bel groß. Nicht zu­letzt dank grif­fi­ger Songs wie „Easy Easy“und „Ba­by Blue“.

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