Tr­ü­be Macht­spie­le auf dem Rü­cken der Kur­den

Soll die tür­ki­sche Mi­li­tär­of­fen­si­ve ge­gen die nord­sy­ri­sche Pro­vinz Afrin den Weg für die Rück­kehr des As­sad-Re­gimes be­rei­ten? Aus Sicht An­ka­ras und Mos­kaus wä­re dies ein ers­ter Schritt, um wie­der ganz Sy­ri­en zu be­herr­schen.

Die Presse - - DEBATTE - VON WAL­TER POSCH E-Mails an: de­bat­te@die­pres­se.com

Nach knapp ei­nem Mo­nat Be­schie­ßung, Bom­bar­die­rung und In­fan­te­rie­an­grif­fen steht fest, dass die tür­ki­sche „Ope­ra­ti­on Oli­ven­zweig“ge­gen die nord­sy­ri­sche Kur­de­nen­kla­ve Afrin we­ni­ger er­folg­reich ver­läuft als ge­plant. We­der hat die Kampf­mo­ral bei den Ein­hei­ten der Kur­den­mi­liz YPG noch der Wi­der­stands­wil­le der über­wie­gend kur­di­schen Zi­vil­be­völ­ke­rung nach­ge­las­sen.

Zu­dem fällt es den Tür­ken mit Fort­dau­er der Kampf­hand­lun­gen im­mer schwe­rer, auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne das Nar­ra­tiv von der le­gi­ti­men Selbst­ver­tei­di­gung auf­recht­zu­er­hal­ten. Auf na­tio­na­ler Ebe­ne hält dank Selbst­zen­sur der Hur­ra­pa­trio­tis­mus je­doch wei­ter an, so­dass Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan˘ nicht so schnell un­ter Druck ge­ra­ten dürf­te.

Die Grün­de für die „Ope­ra­ti­on Oli­ven­zweig“sind zu­nächst stra­te­gi­scher Na­tur: Afrin ist von den üb­ri­gen kur­di­schen Kan­to­nen durch ei­nen von der tür­ki­schen Ar­mee und Grup­pen der Frei­en Sy­ri­schen Ar­mee (FSA) ge­hal­te­nen Kor­ri­dor am Eu­phrat ge­trennt. Die Ein­nah­me die­ser Re­gi­on soll da­her die Prä­senz tür­ki­scher Ein­hei­ten ab­si­chern und so­mit die äl­te­re „Ope­ra­ti­on Eu­phrat-Schild“mi­li­tär­stra­te­gisch sinn­voll er­gän­zen. Das wür­de auch die Be­dro­hung durch die YPG für die tür­ki­schen Pro­vin­zen Ki­lis und Ha­tay ver­rin­gern.

Die Pro­vinz Afrin ist ei­ne kur­di­sche En­kla­ve und kei­ne Fort­set­zung des tür­ki­schen Kur­den­ge­biets, wie dies bei Ko­ba­ne und Qa­mish­li der Fall ist, wo oft die­sel­ben Stäm­me auf bei­den Sei­ten der Gren­ze le­ben. Da­her kann der Trup­pen­auf­marsch (Be­zug der Pan­zer­be­reit­stel­lungs­räu­me und Feu­er­stel­lun­gen) oh­ne Stö­rung durch kur­di­sche Kämp­fer ab­lau­fen, was wei­ter öst­lich weit­aus schwie­ri­ger wä­re.

Dann hieß es, dass An­ka­ra dort sy­ri­sche Flücht­lin­ge an­sie­deln wol­le, wo­mit die eth­ni­sche Ba­lan­ce in der Re­gi­on zu­un­guns­ten der Kur­den ver­än­dert wür­de. Dar­über hin­aus spielt auch der re­la­tiv ho­he An­teil je­si­di­scher und christ­li­cher Grup­pen in der Re­gi­on ei­ne ge­wis­se Rol­le. Dies ist vor al­lem bei den mit der Tür­kei ver­bün­de­ten Mi­li- zen der Fall. Die­se Mi­li­zen wur­den von An­ka­ra im Som­mer 2017 aus­ge­bil­det und aus­ge­rüs­tet und En­de 2017 als Na­tio­na­le Sy­ri­sche Ar­mee der Öf­fent­lich­keit vor­ge­stellt.

Sie be­ste­hen aus über 30 Grup­pen, dar­un­ter Res­ten der al­ten FSA so­wie is­la­mis­ti­schen Grup­pen wie der al-Qai­da (sprich der al-Nus­raFront), den Nured­din-Zen­ki-Bri­ga­den oder den ui­gu­ri­schen Kämp­fern der Is­la­mi­schen Par­tei Tur­kes­tans. Vie­le die­ser Grup­pen hat­ten sich zu­vor auch un­ter­ein­an­der be­kämpft und wa­ren bes­ten­falls op­por­tu­nis­ti­sche Bünd­nis­se auf Zeit ein­ge­gan­gen.

Es kos­te­te An­ka­ra da­her ei­ni­ge Zeit und gro­ßen Druck, sie für die Ope­ra­ti­on ge­gen Afrin zu mo­ti­vie­ren und zu er­tüch­ti­gen. Die bis­he­ri­gen Er­geb­nis­se schei­nen aber eher er­nüch­ternd zu sein. Zwar fürch­ten vor al­lem die re­li­giö­sen Min­der­hei­ten den Fa­na­tis­mus die­ser Ji­ha­dis­ten, mi­li­tä­risch aber ist ihr Er­folg trotz mas­si­ver tür­ki­scher Ar­til­le­rie- und Luft­un­ter­stüt­zung bis­her eher be­schei­den. Auf Twit­ter ver­brei­te­te Bil­der plün­dern­der ji­ha­dis­ti­scher Hüh­ner­die­be, die zu­gleich den Kur­den bru­ta­le Ver­gel- tung an­dro­hen, ent­behr­ten nicht ei­ner ge­wis­sen Si­tua­ti­ons­ko­mik.

Vor dem Hin­ter­grund der mi­li­tä­ri­schen Schwä­che der ver­bün­de­ten ir­re­gu­lä­ren Kräf­te schei­nen bis­her un­be­stä­tig­te Be­rich­te von An­grif­fen der tür­ki­schen Luft­waf­fe auf die Was­ser- und Ener­gie­ver­sor­gung der Re­gi­on durch­aus glaub­wür­dig. Aber viel­leicht ist ein mi­li­tä­ri­scher Sieg in Afrin aus Sicht Er­do­gans˘ gar nicht so wich­tig, ob­wohl er si­cher­lich das Ziel der tür­ki­schen Ar­mee ist, die mit die­ser Ope­ra­ti­on ih­rer Haupt­auf­ga­be der Be­kämp­fung der PKK be­zie­hungs­wei­se PKK-af­fi­li­ier­ter Grup­pen wie­der ge­recht wird.

Aus Sicht der po­li­ti­schen Füh­rung hin­ge­gen han­delt es sich vor al­lem um ei­ne Ope­ra­ti­on, mit der die Wei­chen für die Post-IS-Ord­nung in Sy­ri­en ge­stellt und zu­sätz­lich das tür­kisch-rus­si­sche und tür­kisch-ame­ri­ka­ni­sche Ver­hält­nis neu ge­ord­net wer­den soll. Letz­te­res ist seit dem Zeit­punkt, als die USA be­gan­nen, im Kampf ge­gen den IS mit der YPG zu ko­ope­rie­ren, in der Kri­se. Mit Afrin wer­den die USA nun un­ter Zug­zwang ge­setzt, ei­ne Kern­fra­ge zu be­ant­wor­ten: Wie weit geht die Freund­schaft des Pen­ta­gons mit der YPG? Wird man sie wei­ter­hin auch ge­gen den Na­to-Ver­bün­de­ten Tür­kei un­ter­stüt­zen, oder dien­ten sie nur als bil­li­ge Fuß­sol­da­ten im Kampf ge­gen den IS?

Die schril­len Tö­ne aus An­ka­ra, bei de­nen so­gar von ei­ner mög­li­chen An­nä­he­rung an Mos­kau oder ei­ner di­rek­ten Kon­fron­ta­ti­on mit USKräf­ten in Man­bij die Re­de ist, sol­len die Ame­ri­ka­ner zum Of­fen­ba­rungs­eid zwin­gen. Dass die USA sich auf­grund der ei­ge­nen Zer­ris­sen­heit zwi­schen Pen­ta­gon, Au­ßen­mi­nis­te­ri­um und Wei­ßem Haus we­der in die ei­ne noch in die

(ge­bo­ren 1966) stu­dier­te Tur­ko­lo­gie und Is­lam­kun­de in Wi­en und Istanbul und dis­ser­tier­te im Fach Ira­nis­tik. Er ar­bei­te­te als Nah­ost­ex­per­te am Eu­ro­päi­schen In­sti­tut für Si­cher­heits­stu­di­en der EU in Pa­ris und an der re­nom­mier­ten Stif­tung für Wis­sen­schaft und Politik in Ber­lin. Seit 2015 ar­bei­tet er wie­der an der Lan­des­ver­tei­di­gungs­aka­de­mie in Wi­en. an­de­re Rich­tung öf­fent­lich ex­po­nie­ren wer­den, reicht aus, um das kur­di­sche Ver­trau­en in die USA zu un­ter­mi­nie­ren.

Mos­kau be­fin­det sich den kur­di­schen Kräf­ten ge­gen­über in ei­ner ähn­lich de­li­ka­ten La­ge wie die USA. Zwar sind die rus­si­schen Kon­tak­te mit der Par­tei PYD stär­ker als mit der Mi­liz YPG, doch hat­te Mos­kau ein trag­fä­hi­ges Ver­trau­ens­ver­hält­nis zu den sy­ri­schen Kur­den auf­ge­baut, wie die Dis­lo­zie­rung rus­si­scher Mi­li­tär­po­li­zei nach Afrin be­legt. Um­so grö­ßer war die Ent­täu­schung der Kur­den, als noch vor Be­ginn der Feind­se­lig­kei­ten die Rus­sen ab­zo­gen.

Of­fen­kun­dig wa­ren die­ser Ent­schei­dung in­ten­si­ve Ge­sprä­che auf höchs­ter Ebe­ne vor­aus­ge­gan­gen, um ei­ne Es­ka­la­ti­on der La­ge zwi­schen den Rus­sen und den mit der Tür­kei ver­bün­de­ten Kräf­ten zu ver­hin­dern. Ein Teil die­ser Ge­sprä­che be­traf den frü­her schon den Kur­den ge­gen­über ge­äu­ßer­ten und von den Rus­sen un­ter­stütz­ten sy­ri­schen Wunsch, der kur­di­sche Kan­ton mö­ge sich wie­der Damaskus un­ter­stel­len, was YPG und PYD um­ge­hend ab­lehn­ten.

Ei­ne Ei­ni­gung über Afrin auf dem Rü­cken der Kur­den wä­re für Tür­ken, Rus­sen und Sy­rer tat­säch­lich ei­ne Kö­nigs­lö­sung: Sie wür­de nicht nur das tür­kisch-rus­si­sche Ver­hält­nis stär­ken, son­dern auch An­ka­ra und Damaskus er­lau­ben, das zer­stör­te Ver­hält­nis oh­ne zu viel Ge­sichts­ver­lust zu ver­bes­sern.

Denn für An­ka­ra wä­ren sy­ri­sche Grenz­kon­trol­len in die­ser Re­gi­on ei­ne durch­aus ak­zep­ta­ble Lö­sung. So ge­se­hen wür­de die „Ope­ra­ti­on Oli­ven­zweig“den mi­li­tä­ri­schen Druck aus­üben, um Afrin zu zwin­gen, ei­ner ge­gen die ei­ge­nen In­ter­es­sen ge­rich­te­ten mul­ti­la­te­ra­len Lö­sung zu­zu­stim­men.

Ei­ne Rück­kehr des Re­gimes nach Afrin wä­re aus Sicht An­ka­ras und Mos­kaus frei­lich nur der ers­te Schritt auf dem Weg zur Kon­trol­le des ge­sam­ten sy­ri­schen Staats­ge­bie­tes. Zwar wür­de das auch ei­nen Rück­zug der Tür­kei und ein Fal­len­las­sen sun­ni­ti­scher Re­bel­len­grup­pen be­deu­ten, gleich­zei­tig wür­de dies auch das En­de der kur­di­schen Selbst­ver­wal­tung in Ro­ja­va be­deu­ten. Wo­mit der Sta­tus an­te quem wie­der her­ge­stellt wä­re.

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