An­griff auf die

Wirt­schaft. Die Re­gie­rung will den Ein­fluss der So­zi­al­part­ner zu­rück­drän­gen. Dar­über be­klagt sich vor al­lem die Ar­beit­neh­mer­sei­te, die die Gan­gart bei den Lohn­ver­hand­lun­gen ver­schärft.

Die Presse - - INLAND - SAMS­TAG, 10. NO­VEM­BER 2018 VON MAR­TIN FRITZL

Es ist ei­nes der am­bi­tio­nier­te­ren Vor­ha­ben der tür­kis­blau­en Re­gie­rung: Die So­zi­al­part­ner sol­len an Ein­fluss ver­lie­ren. ÖVP und FPÖ grei­fen da­mit ei­ne In­sti­tu­ti­on an, die die Ge­schich­te der Zwei­ten Re­pu­blik weit­ge­hend mit­be­stimmt hat. Schon die schwarz-blaue Ko­ali­ti­on un­ter Bun­des­kanz­ler Wolf­gang Schüs­sel hat­te ge­nau das ver­sucht – und war am Be­har­rungs­wil­len der So­zi­al­part­ner ge­schei­tert. Ge­nau­er ge­sagt: an den ei­ge­nen Ver­tre­tern in­ner­halb der So­zi­al­part­ner­schaft. Der da­ma­li­ge Wirt­schafts­kam­mer­prä­si­dent Chris­toph Leitl hat­te – ganz in So­zi­al­part­ner­ma­nier – sei­ne schüt­zen­de Hand über die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter ge­hal­ten. Und das so­gar noch, als die­se nach der Ba­wa­gP­lei­te und der Fast­plei­te des ÖGB schwer an­ge­schla­gen wa­ren.

Leitl ist in­zwi­schen ab­ge­tre­ten, und sein Nach­fol­ger Ha­rald Mah­rer zeigt kei­ner­lei An­zei­chen, in ähn­li­cher Form agie­ren zu wol­len. Und so ist das Zu­rück­drän­gen des Ein­flus­ses der So­zi­al­part­ner im Mo­ment vor al­lem ei­nes: ei­ne von der Re­gie­rung ver­ord­ne­te Macht­ver­schie­bung in­ner­halb der So­zi­al­part­ner­schaft. Die Ar­bei­ter­kam­mer hat kürz­lich ei­ne gan­ze Rei­he von Gre­mi­en auf­ge­lis­tet, aus de­nen sie hin­aus­ge­drängt wur­de, wäh­rend die Wirt­schafts­kam­mer blei­ben darf – vom In­sol­venz­fonds über die Na­tio­nal­bank bis zur Schie­nen Con­trol Gm­bH. Vor al­lem aber schmerzt die Ar­bei­ter­kam­mer, dass bei der Re­form der So­zi­al­ver­si­che­rungs­an­stal­ten nicht nur die Ge­biets­kran­ken­kas­sen zu­sam­men­ge­legt, son­dern gleich­zei­tig die Macht­ver­hält­nis­se ge­dreht wur­den.

Für die Ar­bei­ter­kam­mer wird da­mit ein „Er­folgs­re­zept der Zwei­ten Re­pu­blik“ge­fähr­det. Aber ist das auch so? Ent­stan­den ist die So­zi­al­part­ner­schaft aus der Er­fah­run­gen der Ers­ten Re­pu­blik. Stän­di­ge Kon­fron­ta­tio­nen gab es nicht nur auf po­li­ti­scher Ebe­ne, son­dern auch zwi­schen Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern – und die­se woll­te man nun am Ver­hand­lungs­tisch aus­tra­gen und nicht auf der Stra­ße. ÖGB und Ar­bei­ter­kam­mer auf der ei­nen Sei­te, Wirt­schafts­kam­mer und Land­wirt­schafts­kam­mer auf der an­de­ren Sei­te – das sind die In­sti­tu­tio­nen, die seit 1945 we­sent­li­che ge­sell­schaft­li­che Fra­gen im Kon­sens lö­sen wol­len. Das ist im we­sent­li­chen Kern­be­reich auch ge­lun­gen: Streiks sind in Ös­ter­reich zu ei­ner ab­so­lu­ten Aus­nah­me ge­wor­den, man misst nicht, wie an­ders­wo üb­lich, durch­schnitt­li­che Streik­ta­ge, nicht ein­mal Streik­stun­den, son­dern Streik­mi­nu­ten oder Streik­se­kun­den.

Gleich­zei­tig hat die So­zi­al­part­ner­schaft aber auch ei­ne Be­deu­tung er­langt, die weit über die ei­gent­li­che Rol­le, das Aus­ver­han- deln von Löh­nen und Kol­lek­tiv­ver­trä­gen, hin­aus­geht. Sie wur­de zu ei­ner Ne­ben­re­gie­rung, die – vor al­lem zu Zei­ten der Gro­ßen Ko­ali­tio­nen – den Ton an­ge­ge­ben hat.

Oh­ne den Sank­tus der So­zi­al­part­ner war es da schwer für die Re­gie­rung, ih­re Vor­ha­ben durch­zu­brin­gen. Das lag auch an den rea­len Macht­ver­hält­nis-

sen in­ner­halb der Par­tei­en: In der ÖVP wa­ren al­le we­sent­li­chen Kräf­te – Un­ter­neh­mer, Ar­beit­neh­mer und Bau­ern – auch in der So­zi­al­part­ner­schaft or­ga­ni­siert. Und in der SPÖ spiel­te die Ge­werk­schaft selbst­ver­ständ­lich auch fast im­mer ei­ne tra­gen­de Rol­le. Le­dig­lich Bun­des­kanz­ler Al­f­red Gu­sen­bau­er hat ein­mal ver­sucht, die Ge­werk­schaf­ten in sei­ner Par­tei zu­rück­zu­drän­gen, was aber auch nur des­halb ging, weil die­se nach der Ba­wag-Plei­te prak­tisch hand­lungs­un­fä­hig wa­ren. Dass Gu­sen­bau­er mit Er­win Bu­ch­in­ger ei­nen Nicht­ge­werk­schaf­ter zum So­zi­al­mi­nis­ter mach­te, war für den ÖGB ein Af­front. Und wohl auch ein Mit­grund für das „Ge­su­de­re“in der Par­tei, das Gu­sen­bau­er letzt­lich den Job kos­te­te. Und es ist wohl auch kein Zu­fall, dass es jetzt Se­bas­ti­an Kurz ist, der die Macht der So­zi­al­part­ner bre­chen will. Er kommt aus der Jun­gen ÖVP, ei­ner der we­ni­gen Or­ga­ni­sa­tio­nen der Volks­par­tei, die in das Sys­tem nicht in­vol­viert ist. Ne­ben den rea­len Macht­ver­hält­nis­sen gibt es aber noch ei­nen Grund, war­um die So­zi­al­part­ner be­deu­ten­den Ein­fluss be­kom­men konn­ten: Mit­hil­fe der Bei­trä­ge ih­rer Pflicht­mit­glie­der konn­ten sie ei­nen Ex­per­ten­stab auf­bau­en, der sie un­ver­zicht­bar mach­te. So­wohl SPÖ als auch ÖVP be­dien­ten sich die­ser Ex­per­ti­se, die Mit­ar­bei­ter in den Kam­mern wech­sel­ten häu­fig zu den Par­tei­en oder in die Mi­nis­ter­ka­bi­net­te. Die Pra­xis so­zi­al­part­ner­schaft­li­chen Ver­han­delns hat­te aber auch ih­re Schat­ten­sei­ten: Der Ap­pa­rat wur­de zu­se­hends be­hä­bi­ger und bü­ro­kra­ti­scher. Bei der Fle­xi­bi­li­sie­rung der Ar­beits­zeit bei­spiels­wei­se schei­ter­te ei­ne Lö­sung, weil sich bei­de Sei­ten auf ei­nen Stand­punkt ver­steift hat­ten. Und das Sys­tem der Kam­mern ent­wi­ckel­te sich zu ei­nem blü­hen­den Bio­top für Funk­tio­närs­pri­vi­le­gi­en. Letz­te­ren hat­te auch die FPÖ ei­nen gu­ten Teil ih­res Auf­stiegs zu ver­dan­ken. Die Pri­vi­le­gi­en der Kam­mern wa­ren ei­nes der The­men, die Jörg Hai­der in den 80er­und 90er-Jah­ren ge­nuss­voll ze­le­brier­te. Wie weit die Re­gie­rung jetzt mit ih­rem An­griff auf die So­zi­al­part­ner­schaft ge­hen wird, und ob auch die Pflicht­mit­glied­schaft zur Dis­po­si­ti­on steht, wird sich zei­gen. Ei­nen Ef­fekt hat die neue Po­li­tik aber je­den­falls schon: Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­bern wer­den här­ter. Bei den Me­tal­lerKol­lek­tiv­ver­trags­ver­hand­lun­gen steht ein Streik im Raum.

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