Am Tag X schlug wie­der Co­ro­na zu

Hong­kong. 23 Jah­re nach der Rück­ga­be der eins­ti­gen bri­ti­schen Ko­lo­nie an Chi­na führt Pe­king ein neu­es Si­cher­heits­ge­setz ein. Es ist dies der bis­her größ­te An­griff auf die Au­to­no­mie der Fi­nanz­me­tro­po­le.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten FA­BI­AN KRET­SCH­MER

Für den 1. Ju­li hat­te die Trump-Re­gie­rung grü­nes Licht für die Anne­xi­on von 30 Pro­zent des West­jor­dan­lands si­gna­li­siert.

Pe­king. Seit den Nach­mit­tags­stun­den am gest­ri­gen Di­ens­tag tei­len die An­hän­ger der Hong­kon­ger Zi­vil­ge­sell­schaft ei­nen Auf­ruf, Blu­men­sträu­ße an die Aus­gän­ge der Me­tro­sta­tio­nen nie­der­zu­le­gen. Mit der sym­bo­li­schen Ges­te sol­len nicht nur die Op­fer der Pro­test­be­we­gung im ver­gan­ge­nen Jahr be­trau­ert wer­den, son­dern auch der Tod des Prin­zips „Ein Land, zwei Sys­te­me“.

Das Ver­spre­chen auf ei­ne 50 Jah­re dau­ern­de Au­to­no­mie der Son­der­ver­wal­tungs­zo­ne hat Chi­nas Prä­si­dent Xi Jin­ping nach An­sicht vie­ler Hong­kon­ger mit sei­ner gest­ri­gen Un­ter­zeich­nung des Na­tio­na­len Si­cher­heits­ge­set­zes zu Gr­a­be ge­tra­gen. Zu­vor ha­ben 162 Ab­ge­ord­ne­te des Stän­di­gen Aus­schus­ses des Na­tio­na­len Volks­kon­gres­ses das De­kret ein­stim­mig an­ge­nom­men.

Wäh­rend der dies­jäh­ri­gen Ta­gung des Na­tio­na­len Volks­kon­gres­ses En­de Mai in Pe­king hat­te die Staats­füh­rung das um­strit­te­ne Ge­setz zum ers­ten Mal an­ge­kün­digt. In den fol­gen­den Wo­chen wur­de es im Ju­ni in un­ge­wöhn­li­cher Ei­le aus­ge­ar­bei­tet und am Di­ens­tag ver­ab­schie­det, da­mit es pünkt­lich am 1. Ju­li – dem 23. Jah­res­tag der Über­ga­be Hong­kongs von den Bri­ten an Fest­land­chi­na – in Kraft tre­ten kann. Bis­her be­kannt ist, dass es ge­gen vier Straf­tat­be­stän­de vor­geht: Un­ter­gra­bung der Staats­ge­walt, Ab­spal­tung, Ter­ro­ris­mus und Kol­la­bo­ra­ti­on mit aus­län­di­schen Mäch­ten. Klar ist: Pe­king zielt mit dem Ge­setz auf die Pro­test­be­we­gung ab.

KP-Me­di­en: „Kri­tik ist über­trie­ben“

Nicht klar war zu­nächst die kon­kre­te Um­set­zung: Möch­te die Zen­tral­re­gie­rung le­dig­lich den ra­di­ka­len, ge­walt­be­rei­ten Kern der De­mo­kra­tie­be­we­gung aus­schal­ten? Oder will sie das ge­sam­te pro-de­mo­kra­ti­sche La­ger mund­tot ma­chen? Wird die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei gar Ge­rich­te in der Fi­nanz­me­tro­po­le in­stal­lie­ren?

In den letz­ten Ta­gen und Wo­chen ha­ben chi­ne­si­sche Staats­me­di­en die west­li­che Kri­tik als über­trie­ben dar­ge­stellt: Das Ge­setz wer­de nur „ei­ne klei­ne An­zahl“von Be­woh­nern Hong­kongs über­haupt be­tref­fen, hieß es im­mer wie­der. Statt­des­sen wür­de es Recht und Ord­nung so­wie wirt­schaft­li­che Pro­spe­ri­tät wie­der­her­stel­len. Par­la­ments­chef Li Zhans­hu er­läu­ter­te, mit dem Si­cher­heits­ge­setz sol­le das Prin­zip „Ein Land, zwei Sys­te­me“„in die rich­ti­ge Rich­tung ge­steu­ert“wer­den.

Doch die be­reits be­kann­ten De­tails des Ge­set­zes las­sen ei­nen ge­gen­tei­li­gen Schluss zu: So sol­len ein­zel­ne Ge­richts­ver­fah­ren auch von chi­ne­si­schen Ge­rich­ten durch­ge­führt wer­den kön­nen. Das Recht, das Ge­setz zu in­ter­pre­tie­ren, liegt zu­dem beim chi­ne­si­schen Volks­kon­gress in Pe­king. Laut An­ga­ben des Chef­re­dak­teurs der Par­tei­zei­tung „Glo­bal Ti­mes“, Hu Xi­jin, sei le­bens­lan­ge Haft die mög­li­che in dem Ge­setz vor­ge­se­he­ne Höchst­stra­fe.

EU-Di­plo­ma­ten be­schwich­ti­gen be­reits

Von der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on ha­gel­te es am Di­ens­tag deut­li­che Kri­tik. „Die­se neue Ge­setz­ge­bung steht we­der mit dem Grund­ge­setz Hong­kongs noch mit Chi­nas in­ter­na­tio­na­len Ver­pflich­tun­gen im Ein­klang“, er­klär­te Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ur­su­la von der Ley­en in Brüssel. Chi­na müs­se mit „sehr ne­ga­ti­ven Kon­se­quen­zen“rech­nen. Die­se Dro­hung dürf­te je­doch ins Lee­re ge­hen: Dass eu­ro­päi­sche Mit­glieds­staa­ten oder

gar die EU als gan­zes Wirt­schafts­sank­tio­nen ge­gen Pe­king ver­hän­gen, gilt als äu­ßerst un­wahr­schein­lich. In di­plo­ma­ti­scher Krei­sen in Pe­king heißt es be­reits be­schwich­ti­gend, ei­ne di­rek­te Kon­fron­ta­ti­on mit Pe­king we­gen der Hong­kong­fra­ge, die die chi­ne­si­sche Staats­füh­rung als „in­ne­re An­ge­le­gen­heit“be­trach­tet, sei kon­tra­pro­duk­tiv und wür­de die La­ge nur wei­ter ver­schär­fen.

Die bis­her stärks­te Re­ak­ti­on auf das neue Si­cher­heits­ge­setz kommt aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Die US-Re­gie­rung von Do­nald Trump hat be­reits an­ge­kün­digt, Vi­s­a­Be­schrän­kun­gen ge­gen chi­ne­si­sche Of­fi­zi­el­le ein­zu­füh­ren, die am Zu­stan­de­kom­men des Si­cher­heits­ge­set­zes be­tei­ligt wa­ren. Der US-Se­nat hat zu­dem ei­ne Ge­set­zes­vor­la­ge ein­ge­reicht, die zu­sätz­lich Sank­tio­nen ge­gen chi­ne­si­sche Re­gie­rungs­be­am­te, Ge­schäf­te und Ban­ken vor­sieht. In der Nacht zum Di­ens­tag kün­dig­te Washington wei­ters an, die USA wür­den kei­ne sen­si­ti­ve Tech­no­lo­gie mehr nach Hong­kong lie­fern.

Bis Re­dak­ti­ons­schluss hielt Pe­king den Ge­set­zes­text un­ter Ver­schluss: „Zum ers­ten Mal in der Ge­schich­te Hong­kongs wur­de ein Ge­setz ver­ab­schie­det, je­doch kennt nie­mand in der Stadt des­sen Be­stim­mun­gen, nicht ein­mal die höchst­ran­gi­ge Re­gie­rungs­ver­tre­te­rin. Al­lein das be­weist, dass Hong­kong nicht län­ger au­to­nom ist“, schreibt Alex Lam, Re­por­ter der pro-de­mo­kra­ti­schen Zei­tung „App­le Dai­ly“, auf Twit­ter.

Car­rie Lam ver­tei­digt das Ge­setz

Ganz rich­tig dürf­te das nicht sein: Ein paar we­ni­ge Re­gie­rungs­ver­tre­ter Hong­kongs sol­len das Ge­setz zu­vor ein­ge­se­hen ha­ben, nicht aber Re­gie­rungs­che­fin Car­rie Lam. Die ver­si­cher­te den­noch wie­der­holt, dass das Ge­setz nicht die recht­li­che Un­ab­hän­gig­keit der Hong­kon­ger Ge­rich­te an­tas­ten wür­de. Am Di­ens­tag ver­wei­ger­te Lam al­ler­dings ka­te­go­risch, Fra­gen zum Si­cher­heits­ge­setz zu be­ant­wor­ten.

Der 1. Ju­li ist der tra­di­tio­nell wich­tigs­te De­mons­tra­ti­ons­tag des pro­de­mo­kra­ti­schen La­gers. In die­sem Jahr ist erst­mals kei­ne Pro­test­ver­an­stal­tung ge­neh­migt wor­den. Mit­be­grün­der Jos­hua Wong, der den Aus­tritt aus sei­ner Par­tei be­kannt ge­ge­ben hat, schrieb auf Twit­ter, das neue Si­cher­heits­ge­setz stel­le „das En­de von Hong­kong dar, wie die Welt es bis­her ge­kannt hat“.

Hong­kon­ger Son­der­po­li­zis­ten pa­trouil­lie­ren ver­stärkt in der Fi

[ Reu­ters ]

nanz­me­tro­po­le, um mög­li­che Pro­tes­te von De­mo­kra­tie­ak­ti­vis­ten im Keim er­sti­cken zu kön­nen.

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