Was wie­der er­laubt ist

Ent­schei­dun­gen. Ei­ne re­gie­rungs­kri­ti­sche Ver­samm­lung hät­te im April statt­fin­den dür­fen, sagt das Ver­wal­tungs­ge­richt Wi­en. Die Ver­fas­sungs­rich­ter schie­ben we­gen Co­ro­na ei­ne Ju­li-Ses­si­on ein.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON PHIL­IPP AICHINGER

Trotz stei­gen­der Neu­in­fek­tio­nen ge­hen die Lo­cke­run­gen wei­ter. In den Lo­ka­len fällt die Mas­ken­pflicht.

Wi­en. Erst war die De­mo er­laubt, dann ver­bo­ten wor­den. Und nach­dem sich An­hän­ger der ICI (Initia­ti­ve für evi­denz­ba­sier­te Co­ro­naIn­for­ma­tio­nen) am 24. April auf dem Wie­ner Al­ber­ti­na­platz ver­sam­melt hat­ten, wur­de die Ver­an­stal­tung schließ­lich von der Po­li­zei auf­ge­löst. Das hat­te für Auf­se­hen ge­sorgt, schließ­lich fiel die De­mo noch in je­ne Zeit, in der die von der Re­gie­rung aus­ge­ru­fe­nen Aus­gangs­be­schrän­kun­gen gal­ten.

Nun ent­schied aber das Ver­wal­tungs­ge­richt Wi­en, dass die Ver­samm­lung zu Un­recht un­ter­sagt wor­den war. Aber was sind die Grün­de da­für? Und wie steht es um die an­de­ren Rechts­fra­gen zu Co­ro­na, in de­nen nun wie­der­um der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof am Di­ens­tag sei­ne ers­ten Ent­schei­dun­gen be­kannt gab?

War­um hät­te die De­mons­tra­ti­on statt­fin­den dür­fen?

Es ist der so­ge­nann­te Spa­zier­gan­gPa­ra­graf, der wie­der zu­schlug. Denn er er­laub­te we­gen sei­ner wei­ten For­mu­lie­rung viel mehr, als die Re­gie­rung in ih­ren Pres­se­kon­fe­ren­zen im­mer wie­der er­klärt hat­te. Es war ge­stat­tet, aus je­dem Grund den öf­fent­li­chen Raum zu be­tre­ten. So gibt es be­reits zwei Ge­richts­ent­schei­dun­gen, mit de­nen die Straf­be­schei­de ge­gen Per­so­nen ge­kippt wur­den, die sich auf den Weg zu Pri­vat­be­su­chen ge­macht hat­ten.

Auch in der nun­meh­ri­gen, der „Pres­se“vor­lie­gen­den Ent­schei­dung zur De­mo be­ruft sich das Ver­wal­tungs­ge­richt Wi­en auf eben­die­se Pas­sa­ge. Die Lan­des­po­li­zei­di­rek­ti­on hat­te die Un­ter­sa­gung ins­be­son­de­re mit den Co­ro­nare­geln ge­recht­fer­tigt. Es wür­den we­gen der me­dia­len Be­richt­er­stat­tung zu vie­le Teil­neh­mer er­war­tet wer­den. Des­we­gen wä­re das In­fek­ti­ons­ri­si­ko zu hoch, hat­te die Po­li­zei öf­fent­lich ar­gu­men­tiert.

Das Ge­richt kann in der Ver­ord­nung der Re­gie­rung aber kei­nen Grund se­hen, war­um man De­mos gänz­lich un­ter­sa­gen durf­te. Die Ver­ord­nung ha­be es nicht ver­bo­ten, den öf­fent­li­chen Raum für Ver­samm­lun­gen zu be­tre­ten. Ein­zig der Ein-Me­ter-Ab­stand zu haus­halts­frem­den Per­so­nen ha­be im­mer ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen. Laut Ge­richt war es so­gar zu­läs­sig, dass der Ver­an­stal­ter frem­de Per­so­nen an­spre­chen und so noch zur Teil­neh­me an der De­mo be­we­gen woll­te. Das ma­che recht­lich kei­nen Un­ter­schied.

Die De­mo am 24. April hät­te sich ge­gen die nach Mei­nung der Ver­an­stal­ter über­zo­ge­nen Co­ro­na­maß­nah­men der Re­gie­rung ge­rich­tet. Die Po­li­zei hat­te die trotz vor­he­ri­ger Un­ter­sa­gung ab­ge­hal­te­ne Ver­samm­lung we­gen „ge­setz­wid­ri­ger Vor­gän­ge“auf­ge­löst. Und auch er­klärt, dass meh­re­re Per­so­nen den Min­dest­ab­stand nicht ein­ge­hal­ten hät­ten. Eben­die­sen durf­te man im Lich­te der jet­zi­gen Ge­richts­ent­schei­dung auch ein­for­dern. Die De­mo ganz zu un­ter­sa­gen, statt sie un­ter die­ser Auf­la­ge zu ge­neh­mi­gen, war aber il­le­gal.

Wie steht es um die Co­ro­na-An­fech­tun­gen beim Höchst­ge­richt?

Vom De­mo-Fall beim erst­in­stanz­li­chen Ver­wal­tungs­ge­richt Wi­en zu un­ter­schei­den sind je­ne Cau­sen, die beim Ver­fas­sungs­ge­richts­hof (VfGH), al­so den Höchst­rich­tern, lie­gen. Wäh­rend un­ter­in­stanz­li­che Ge­rich­te nur in­di­vi­du­el­le Be­schei­de kip­pen kön­nen, darf der VfGH auch die Ge­set­ze und Ver­ord­nun­gen als sol­che auf­he­ben.

Der VfGH ver­öf­fent­lich­te am Di­ens­tag sei­ne ers­ten Ent­schei­dun­gen da­zu. So blitz­te ei­ne Schü­le­rin ab, die mit ei­ner 500-Eu­roS­tra­fe be­legt wur­de, weil sie im März mit zwei haus­halts­frem­den Per­so­nen in en­gem Ab­stand im Pkw ge­ses­sen war. Doch ent­schied der VfGH nicht in­halt­lich. Er ver­wies die Nie­der­ös­ter­rei­che­rin dar­auf, den Rechts­weg von un­ten nach oben be­schrei­ten zu müs­sen. Erst hat al­so das Ver­wal­tungs­ge­richt über die Stra­fe zu be­fin­den, be­vor sie sich an den VfGH wen­den darf. Schon in der Ver­gan­gen­heit hat­te der VfGH bei Stra­fen die­se Vor­gangs­wei­se ein­ge­for­dert.

Noch kei­ne Ent­schei­dung gibt es zu Be­schwer­den von Ge­schäfts­leu­ten. Dar­in geht es et­wa um die Fra­ge, ob grö­ße­re Ge­schäf­te be­nach­tei­ligt wur­den, weil zu­nächst nur klei­ne­re (bis 400 Qua­drat­me­ter) wie­der auf­sper­ren durf­ten. Ge­schäf­ten war es von der Re­gie­rung auch un­ter­sagt wor­den, ih­re Ver­kaufs­flä­che zu ver­klei­nern, um auf den ver­lang­ten Wert zu kom­men.

War das rech­tens? Über die­se Fra­ge be­rät der VfGH nun in ei­ner ei­gens an­be­raum­ten Ses­si­on am 13. und 14. Ju­li. Re­gu­lär wä­re die nächs­te Ses­si­on erst im Ok­to­ber.

War­um legt der VfGH in die­sem Som­mer ei­ne Son­der­schicht ein?

„Es ist ver­ständ­lich, dass die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger Klar­heit rund um die Re­ge­lun­gen im Kampf ge­gen das Co­ro­na­vi­rus ha­ben wol­len – ge­ra­de wenn es um die Grund­rech­te und de­ren Ein­schrän­kung geht. Da­her wer­den die Be­ra­tun­gen im Ju­li und nicht erst nach dem Som­mer fort­ge­setzt“, hieß es aus dem VfGH zur „Pres­se“. Seit dem Jahr 2000 wur­de erst drei Mal im Ju­li/Au­gust am VfGH be­ra­ten. So fiel auch die Auf­he­bung der Bun­des­prä­si­den­ten­wahl 2016 be­reits in den Ju­li.

Rund 70 Be­schwer­den ge­gen die Co­ro­nare­geln sind beim VfGH ein­ge­langt. Da­ne­ben wird der VfGH im Ju­li auch über das Kopf­tuch­ver­bot in Volks­schu­len be­ra­ten. Das The­ma Ster­be­hil­fe wur­de in­des auf den Herbst ver­tagt.

[ APA]

Ob­wohl die Ver­samm­lung un­ter­sagt wor­den war, ka­men meh­re­re Dut­zend De­mons­tran­ten am 24. April auf den Al­ber­ti­na­platz.

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