Oh­ne Maß und Ziel

Land­wirt­schaft. 620 Mrd. Eu­ro Steu­er­geld flie­ßen jähr­lich in die Agrar­wirt­schaft. Aber was wird da­mit er­reicht? Die Zah­lun­gen ret­ten we­der die klei­nen Bau­ern noch die Um­welt, so die OECD.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON MAT­THI­AS AU­ER

620 Mrd. Eu­ro Steu­er­geld flie­ßen jähr­lich welt­weit in die Agrar­wirt­schaft. Aber was wird da­mit er­reicht?

Wi­en. Fleisch ist viel zu bil­lig. So lau­tet zu­min­dest der Schlacht­ruf der Land­wirt­schafts­ver­tre­ter. Aber ist er auch be­rech­tigt? 2019 pump­ten die Staa­ten welt­weit im­mer­hin 620 Mrd. Eu­ro in den Agrar­sek­tor, schreibt die OECD in ih­rem jüngs­ten Be­richt über Agrar­sub­ven­tio­nen. Et­wa die Hälf­te da­von wur­de ver­wen­det, um die Markt­prei­se im je­wei­li­gen Land künst­lich zu ver­teu­ern. Auch in der EU.

Staat­li­che Zu­schüs­se für die Land­wirt­schaft ha­ben in Eu­ro­pa, dem welt­weit größ­ten Ex­por­teur von Agrar­roh­stof­fen, lan­ge Tra­di­ti­on. Seit den frü­hen 1980ern ge­hen die Zu­schüs­se zwar zu­rück, den­noch si­chert die Um­ver­tei­lung von Steu­er­zah­lern und Kon­su­men­ten zu Agrar­be­trie­ben im­mer noch ein Fünf­tel der bäu­er­li­chen Ein­nah­men. Zum Ein­satz kä­men da­bei im­mer noch die „am meis­ten ver­zer­ren­den In­stru­men­te“, wie die Markt­preis­stüt­zung oder Sub­ven­tio­nen, die di­rekt an die pro­du­zier­te Men­ge ge­kop­pelt sind, kri­ti­sie­ren die Stu­di­en­au­to­ren.

„Rind­fleisch ist in Eu­ro­pa et­wa um zwan­zig Pro­zent teu­rer als oh­ne staat­li­chen Ein­griff“, sagt Mar­tin von Lam­pe, lei­ten­der OECD-Agrar­ex­per­te, zur „Pres­se“. Ge­meint ist al­ler­dings nicht der Preis, den End­kun­den im Su­per­markt be­zah­len, son­dern je­ner, den die Pro­du­zen­ten er­hal­ten. Pro­zen­tu­ell sei die Stüt­zung der EU so­gar hö­her als in Chi­na.

„Groß­pro­du­zen­ten be­güns­tigt“

Wäh­rend die EU aber man­che markt­ver­zer­ren­de Sub­ven­tio­nen in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten zu­rück­ge­fah­ren hat, sieht es in vie­len Schwel­len­län­dern an­ders aus. Chi­na hat sei­ne Un­ter­stüt­zung für die Land­wirt­schaft erst zu­letzt mas­siv nach oben ge­schraubt. Doch auch die Volks­re­pu­blik ver­ab­schie­det sich lang­sam schon wie­der von der rei­nen Markt­preis­stüt­zung und stellt auf Flä­chen­prä­mi­en um, die auch in der EU gern ge­nutzt wer­den. Das sei zwar „we­ni­ger schäd­lich, aber im­mer noch nicht gut“, mahnt von Lam­pe. Die Land­wir­te wür­den da­für be­lohnt, mög­lichst viel Flä­che zu be­wirt­schaf­ten, die Um­welt blei­be auf der Stre­cke.

Der­zeit ver­han­deln die EULän­der in Brüssel über die Zu­kunft der Ge­mein­sa­men Agrar­po­li­tik (GAP) für die Jah­re 2021 bis 2027. Nach An­sicht der OECD müss­ten sich die Re­gie­run­gen end­lich ent­schei­den, was sie mit den Agrar­sub­ven­tio­nen ei­gent­lich er­rei­chen wol­len. Sol­len die Ein­kom­men der Bau­ern ge­stärkt wer­den? Hier sei die Da­ten­la­ge noch sehr schlecht, sagt der OECD-Ex­per­te. Oft wür­de schlicht­weg aus­ge­blen­det, dass die meis­ten Land­wir­te in Ös­ter­reich, aber auch in vie­len an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern, ein Ne­ben­ein­kom­men er­zie­len. Wenn die Bau­ern aus Sicht der Politik auch mit ih­ren Ne­ben­ein­künf­ten nicht ge­nug ver­die­nen, soll­te die Politik die Land­wir­te lie­ber über das gut aus­ge­bau­te So­zi­al­sys­tem stüt­zen, als Son­der­lö­sun­gen zu kon­stru­ie­ren.

Die meis­ten der bis­he­ri­gen För­der­instru­men­te sei­en oh­ne­hin nicht da­für ge­eig­net, die Ein­kom­men der Bau­ern zu si­chern. Sub­ven­tio­nen, die an die Flä­che oder die Pro­duk­ti­ons­leis­tung ge­kop­pelt sind, „be­güns­ti­gen nur die gro­ßen Pro­du­zen­ten“, sagt von Lam­pe.

Will die Ge­sell­schaft den Land­wir­ten hin­ge­gen je­ne Leis­tun­gen ab­gel­ten, die sie nicht auf dem Markt ver­kau­fen kön­nen – al­so et­wa Land­schafts­pfle­ge, Bi­o­di­ver­si­tät, etc. –, dann sei das bis­he­ri­ge Sys­tem eben­falls ein Irr­weg. Statt Steu­er­geld für je­de Ton­ne Ge­trei­de aus­zu­ge­ben, könn­te es sinn­vol­ler sein, „die Land­wir­te da­für zu be­zah­len, dass sie statt­des­sen ei­ne He­cke pflan­zen“.

„EU auf Gas- und Brems­pe­dal“

Eu­ro­pa ste­he in die­ser Fra­ge „gleich­zei­tig auf dem Gas- und dem Brems­pe­dal“, so die Kri­tik. Zwar wür­den im­mer neue För­der­mit­tel für die Öko­lo­gi­sie­rung auf­ge­legt, oh­ne aber die al­ten, schäd­li­chen Sub­ven­tio­nen zu strei­chen. Mehr als die Hälf­te al­ler staat­li­chen För­de­run­gen sei­en um­welt­schäd­lich. Ihr En­de wür­de mehr brin­gen als ein paar Mil­lio­nen Eu­ro zu­sätz­lich für bun­te Blu­men­wie­sen.

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Zu vie­le Agrar-Sub­ven­tio­nen be­güns­ti­gen Groß­be­trie­be und scha­den der Um­welt, kri­ti­siert die OECD.

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