Si­sis neue Frei­heit

Geschichte - - SISI-INHALT -

Das un­ge­heu­er­li­che Ul­ti­ma­tum an den Kai­ser. Wie Si­si ih­re Un­ab­hän­gig­keit er­kämpf­te und ih­ren Sohn ret­te­te.

Mit sie­ben­und­zwan­zig Jah­ren setzt Kai­se­rin Eli­sa­beth ei­nen spek­ta­ku­lä­ren Neu­be­ginn. Von ih­rem Ehe­mann for­dert sie nun Un­ab­hän­gig­keit und ab­so­lu­te Frei­heit. Ih­rem Sohn Ru­dolf ret­tet Si­sis neu­es Selbst­be­wusst­sein das Le­ben.

Nach der Rück­kehr an den Wie­ner Hof ist Eli­sa­beth ei­ne neue Frau. Si­si ist wäh­rend ih­rer lan­gen Ab­we­sen­heit zu ei­ner sou­ve­rä­nen Per­sön­lich­keit her­an­ge­reift, sie weiß nun, wie sie ih­re In­ter­es­sen durch­set­zen kann. Jetzt ist Eli­sa­beth die Star­ke in der ehe­li­chen Be­zie­hung, die emo­tio­na­le Ab­hän­gig­keit von ih­rem Ehe­mann, ih­rer ein­zi­gen Be­zugs­per­son am Wie­ner Hof, ge­hört end­gül­tig der Ver­gan­gen­heit an. Eli­sa­beth schätz­te und re­spek­tier­te Franz Jo­seph, aber die gro­ße Lei­den­schaft war nach der zwei­jäh­ri­gen Ehe- und Le­bens­kri­se für Si­si un­wi­der­ruf­lich vor­bei. Nicht so beim Kai­ser, er soll­te bis zum En­de sei­ner ge­lieb­ten „En­gels-si­si“ver­fal­len blei­ben und auf al­le ih­re Wün­sche und For­de­run­gen ein­ge­hen. Denn seit Eli­sa­beths Flucht ins Aus­land schwebt Franz Jo­seph in der per­ma­nen­ten Angst, dass Si­si dem Wie­ner Hof wie­der den Rü­cken keh­ren könn­te. Er tat ab nun al­les, um ei­nen wei­te­ren Skan­dal zu ver­hin­dern oder sei­ne gro­ße Lie­be end­gül­tig zu ver­lie­ren.

Den fi­na­len Schritt ih­rer Un­ab­hän­gig­keit setzt Si­si, als es um nichts Ge­rin­ge­res als das Le­ben ih­res Soh­nes Ru­dolf ging. Die Er­zie­hung des nun sechs­jäh­ri­gen Ru­dolf wur­de von Franz Jo­seph Graf Leo­pold Gond­re­court über­ge­ben, ein Höf­ling mit mi­li­tä­ri­scher Kar­rie­re, der al­ler­dings kei­ner­lei Er­fah­run­gen mit Kin­dern hat­te. Er will aus dem sei­ner Mei­nung nach ver­weich­lich­ten Kn­a­ben ei­nen stol­zen Sol­da­ten for­men. Die Me­tho­den, die der Graf an­wand­te, er­in­nern an Fol­ter:

Der sechs­jäh­ri­ge Ru­dolf, ein ner­vö­ses und kör­per­lich schwa­ches Kind, wird mit­ten in der Nacht durch Pis­to­len­schüs­se ge­weckt, er muss Kalt­was­ser-du­schen und stun­den­lan­ges Exer­zie­ren er­tra­gen. Mit ab­sur­den und sa­dis­ti­schen Me­tho­den soll der Mut des Kron­prin­zen ge­stärkt wer­den. So setz­te er den Kn­a­ben nachts al­lei­ne im Wild­schwein­gat­ter aus, um ihm sei­ne Angst „aus­zu­trei­ben“. Selbst auf das pa­ni­sche Schrei­en des Kin­des re­agiert der Graf nicht. Als Fol­ge die­ser Be­hand­lung schlit­tert Ru­dolf an den Rand ei­nes völ­li­gen psy­chi­schen und kör­per­li­chen Zu­sam­men­bruchs. Nie­mand bei Hof traut sich je­doch, das Kai­ser­paar über den Zu­stand ih­res Soh­nes auf­zu­klä­ren, die El­tern selbst se­hen das Kind viel zu we­nig, um des­sen dra­ma­ti­sche Ve­rän­de­run­gen wahr­zu­neh­men.

Als Eli­sa­beth schließ­lich er­fährt, dass Ru­dolf miss­han­delt wird, re­agiert sie so­fort und setzt dem Kai­ser ein Ul­ti­ma­tum: Dar­in for­dert Si­si

die „un­um­schränk­te Voll­macht“über die Er­zie­hung der Kin­der und gleich­zei­tig die völ­li­ge Ent­schei­dungs­frei­heit in al­lem was sie selbst be­trifft. Für ei­ne Frau ih­rer Zeit, selbst für ei­ne Kai­se­rin, ist es ei­ne un­ge­heu­er­li­che For­de­rung. Dass Franz Jo­seph die­ses Ul­ti­ma­tum sei­ner Frau ak­zep­tiert, sagt viel über die neu­en Kräf­te­ver­hält­nis­se in­ner­halb der kai­ser­li­chen Fa­mi­lie aus. Si­si wird ab nun kei­ner­lei Ein­mi­schung mehr in ih­re Le­bens­ge­stal­tung ak­zep­tie­ren. Sie wählt nun selbst ih­ren per­sön­li­chen Hof­staat aus, und sie re­du­ziert ih­re re­prä­sen­ta­ti­ven Pflich­ten auf ein Mi­ni­mum. Al­ler­dings er­kennt Eli­sa­beth nun auch die Vor­tei­le ih­rer ho­hen Stel­lung und wird sie ab nun bis auf ein Ma­xi­mum aus­rei­zen. Sie leis­tet sich den Lu­xus von kost­spie­li­gen Hob­bys und teu­ren Rei­sen, um Ge­re­de küm­mert sich nicht mehr. Der Kai­ser wird bis an sein Le­bens­en­de an­stands­los für Si­sis teu­re Ex­tra­va­gan­zen be­zah­len.

Stolz und selbst­be­wusst, so lässt sich Eli­sa­beth ab nun fo­to­gra­fie­ren. Die Kai­se­rin ist ge­reift, sie weiß nun ih­re In­ter­es­sen durch­zu­set­zen.

Si­sis ein­zi­ger Sohn kam am 21. Au­gust 1858 in Wi­en zur Welt. Der Kron­prinz war das Ab­bild sei­ner Mut­ter. Er hat­te ihr Aus­se­hen, ih­ren Charme, ih­re ho­he In­tel­li­genz, aber auch ih­re Sen­si­bi­li­tät ge­erbt. Dass Eli­sa­beth ih­ren klei­nen Sohn aus den Hän­den ei­nes sa­dis­ti­schen Er­zie­hers ge­ret­tet hat­te, da­für war Ru­dolf sei­ner Mut­ter sein Le­ben lang dank­bar. Ab nun wähl­te aus­schließ­lich die Kai­se­rin Ru­dolfs Er­zie­her und Leh­rer aus, und ih­re Wahl war ex­zel­lent: Die fä­higs­ten Ge­lehr­ten ih­rer Zeit küm­mer­ten sich nun um ih­ren be­gab­ten Sohn. An den Fol­gen sei­ner trau­ma­ti­schen Kind­heits­er­fah­run­gen soll­te Ru­dolf al­ler­dings bis zu sei­nem Le­bens­en­de lei­den.

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