Ver­lo­bung auf den ers­ten Blick

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Die Hin­ter­grün­de zu Si­sis Blitz­ver­lo­bung. Wie viel Mit­gift er­hielt die Kai­ser­braut? War Eli­sa­beth ei­ne gu­te Par­tie?

Als Rei­se­be­glei­tung ih­rer Schwes­ter fährt Si­si nach Bad Ischl. Dort ver­liebt sich Franz Jo­seph au­gen­blick­lich in sei­ne Cou­si­ne. Zwei Ta­ge spä­ter ist Eli­sa­beth die Braut des ös­ter­rei­chi­schen Kai­sers. Aus ei­nem fünf­zehn­jäh­ri­gen Mäd­chen soll in we­ni­gen Mo­na­ten ei­ne per­fek­te Kai­se­rin wer­den.

Manch­mal ent­schei­det ein ein­zi­ger Mo­ment über das ge­sam­te wei­te­re Le­ben. Für Si­si kam die­ser Mo­ment am 15. Au­gust 1853 nach­mit­tags. Mit ih­rer Mut­ter und ih­rer äl­te­ren Schwes­ter He­le­ne ist die Fünf­zehn­jäh­ri­ge un­ter­wegs nach Bad Ischl im Salz­kam­mer­gut. Sie be­su­chen ih­re Tan­te Erz­her­zo­gin So­phie, die hier ei­ne rei­zen­de klei­ne Som­mer­vil­la ge­mie­tet hat. Auch der jun­ge Kai­ser Franz Jo­seph – Si­sis und He­le­nes Cou­sin – wird an­we­send sein, man will ge­mein­sam mit Ver­wand­ten sei­nen 23. Ge­burts­tag am 18. Au­gust fei­ern.

Das ist die of­fi­zi­el­le Ver­si­on der Rei­se. In­of­fi­zi­ell han­delt es sich um nichts an­de­res als um ei­ne ar­ran­gier­te Ver­lo­bung. Denn Franz Jo­seph soll auf Wunsch sei­ner Mut­ter He­le­ne hei­ra­ten. Sie wur­de seit Jah­ren auf die­se Rol­le vor­be­rei­tet, als ka­tho­li­sche Prin­zes­sin aus dem ver­schwä­ger­ten bay­ri­schen Kö­nigs­haus ist sie ei­ne idea­le Hei­rats­kan­di­da­tin. In den Au­gen der Mut­ter pas­sen He­le­ne und Franz Jo­seph auch sonst per­fekt zu­sam­men, bei­de sind ru­hi­ge, erns­te und dis­zi­pli­nier­te Cha­rak­ter. Da­mit die­se Rei­se nicht all­zu auf­fäl­lig wird und um Tratsch zu ver­mei­den, be­schließt Her­zo­gin Lu­do­vica, die jün­ge­re Schwes­ter Eli­sa­beth mit­zu­neh­men, für die­se wä­re es auch ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Ge­le­gen­heit, ers­te ge­sell­schaft­li­che Er­fah­run­gen zu sam­meln.

Die Her­zo­gin und ih­re Töch­ter kom­men mit zwei St­un­den Ver­spä­tung in Bad Ischl an. Da ei­ne Tan­te ver­stor­ben war, sind Mut­ter und Töch­ter in Trau­er­klei­dung ge­reist. In ih­ren stren­gen schwar­zen Klei- dern, mit Stra­ßen­staub über­sät und mit auf­ge­lös­ten Fri­su­ren stei­gen die Da­men nach stun­den­lan­gem Ger­um­pel auf un­weg­sa­men Land­stra­ßen aus der Kut­sche. Um­zie­hen kön­nen sie sich nicht, ih­re Kof­fer feh­len, au­ßer­dem drängt die Zeit.

Al­le an­de­ren Gäs­te sind be­reits im Sa­lon ver­sam­melt, nur Erz­her­zo­gin So­phie nimmt ih­re bay­ri­schen Ver­wand­ten im Foy­er in Emp­fang. Und sie re­agiert blitz­schnell: Da­mit He­le­ne ih­rem künf­ti­gen Ehe­mann zu­min­dest nicht un­fri­siert ge­gen­über­tre­ten muss, schickt sie schnell nach ih­rer Kam­mer­zo­fe. Die­se soll ret­ten, was noch zu ret­ten ist. He­le­nes Haa­re wer­den not­dürf­tig in Form ge­bracht – Si­si muss sich selbst das Haar rich­ten – die Klei­der wer­den ab­ge­bürs­tet, und schon müs­sen die drei Da­men zur kai­ser­li­chen Tee­ge­sell­schaft da­zu sto­ßen, die be­reits seit St­un­den auf die Gäs­te war­tet.

Die Be­grü­ßung ver­läuft förm­lich, die Stim­mung ist an­ge­spannt, je­der weiß, wor­um es geht. Al­le Au­gen sind auf He­le­ne ge­rich­tet, die in ih­rem schwar­zen Kleid un­vor­teil­haft wirkt und ex­trem ner­vös ist. Kai­ser Franz Jo­seph be­grüßt sei­ne Tan­te und die bei­den Cou­si­nen, da­nach ent­wi­ckelt sich ei­ne leich­te Kon­ver­sa­ti­on. Nach ei­ni­gen Mi­nu­ten mer­ken plötz­lich al­le An­we­sen­den, dass der Kai­ser die gan­ze Zeit nur Si­si an­starrt.

Si­si kennt ih­ren Bräu­ti­gam ge­ra­de ein­mal 48 St­un­den

Als auch Eli­sa­beth be­merkt, dass die Auf­merk­sam­keit des Kai­sers nur ihr gilt, läuft sie blut­rot an. Beim abend­li­chen Di­ner be­schäf­tigt sich Franz Jo­seph kaum mit sei­ner Tisch­da­me He­le­ne, son­dern starrt nur Si­si an. Über Jah­re ha­ben Erz­her­zo­gin So­phie und Her­zo­gin Lu­do­vica die künf­ti­ge Ver­bin­dung zwi­schen dem Kai­ser und He­le­ne ge­plant. Doch der ei­ne Mo­ment, in dem Franz Jo­seph Si­si sah, brach­te al­le Plä­ne der bei­den Müt­ter schlag­ar­tig zum Er­lie­gen.

Be­reits am nächs­ten Tag ver­kün­det der bis über bei­de Oh­ren ver­lieb­te Kai­ser sei­ner Mut­ter, dass er nicht He­le­ne, son­dern die jün­ge­re Si­si al­ler­liebst fin­det. So­phie ist zwar ent­setzt, hofft aber, dass der

abend­li­che Ball doch noch zum Tri­umph für He­le­ne wird. Sie hat aber um­sonst ge­hofft. Al­le Be­mü­hun­gen, He­le­ne zur Ball­kö­ni­gin zu sty­len – die Kof­fer mit den Pracht­klei­dern sind in­zwi­schen an­ge­kom­men –, sind um­sonst. Kai­ser Franz Jo­seph hat wei­ter­hin nur Au­gen für Si­si. Als Franz Jo­seph sie um Mit­ter­nacht zum be­deu­tungs­vol­len Ko­til­lon-tanz auf­for­dert, weiß je­der: Der Kai­ser hat sich ent­schie­den - sei­ne Braut ist Eli­sa­beth.

Zwei Ta­ge nach ih­rer An­kunft ist Si­si ver­lobt, sie kennt ih­ren Bräu­ti­gam ge­ra­de ein­mal 48 St­un­den. Am Mor­gen nach dem Ball bit­tet der Kai­ser of­fi­zi­ell um Si­sis Hand, und wie nicht an­ders zu er­war­ten, er­hält er sie auch. Franz Jo­seph strahlt vor Glück, Si­si da­ge­gen ist völ­lig ver­schreckt. Der An­trag des Kai­sers trifft die Fünf­zehn­jäh­ri­ge völ­lig un­vor­be­rei­tet. Als ih­re Gou­ver­nan­te sie fragt, ob sie den Kai­ser lie­be, bricht Si­si in Trä­nen aus und stam­melt: „Ich ha­be den Kai­ser schon lieb. Wenn er nur kein Kai­ser wä­re!“Zwei Wo­chen blei­ben Si­si und Franz Jo­seph noch in Bad Ischl, Si­si er­hält ei­nen Vor­ge­schmack auf ihr künf­ti­ges Le­ben. Die Ta­ge sind aus­ge­füllt mit Mo­dell­sit­zen – schließ­lich sol­len so schnell wie mög­lich Bil­der der neu­en Kai­se­rin un­ters Volk kom­men - und end­lo­sen of­fi­zi­el­len Gra­tu­la­tio­nen. Ver­trau­te Zwei­sam­keit gibt es da­ge­gen we­nig. Si­si hat kaum Ge­le­gen­heit, ih­ren künf­ti­gen Ehe­mann nä­her ken­nen­zu­ler­nen, das Paar ist an­dau­ernd von Ver­wand­ten und Höf­lin­gen um­ge­ben. An­fang Sep­tem­ber fährt Si­si zu­rück nach Bay­ern, Franz Jo­seph nach Wi­en.

Die Vor­be­rei­tun­gen für die Hoch­zeit, die acht Mo­na­te spä­ter statt­fin­den soll, be­gin­nen so­fort. So­phie schickt ei­nen straf­fen Lehr­plan nach Mün­chen, Si­si muss in kur­zer Zeit auf ih­re schwie­ri­ge künf­ti­ge Stel­lung vor­be­rei­tet wer­den. Sie wird in Ge­schich­te, Tsche­chisch und Fran­zö­sisch un­ter­rich­tet, muss ler­nen, klei­ne An­spra­chen zu hal­ten, au­ßer­dem hat sie sie sich mit dem schwie­ri­gen spa­ni­schen Hof­ze­re­mo­ni­ell ver­traut zu ma­chen.

Völ­lig er­schöpft von den Hoch­zeits­fei­er­lich­kei­ten

Mit­te April 1854 ver­lässt Si­si ih­re Hei­mat Rich­tung Wi­en, zwei Ta­ge spä­ter kommt sie in Schön­brunn an. Die Hoch­zeit fin­det am 24. April um halb­sie­ben­uhr­a­bend­in­der­au­gus­ti­ner­kir­che statt. Die Braut ist blass, ner­vös und ernst, Franz Jo­seph muss Si­si öf­ter ein Zei­chen ge­ben, weil sie we­gen des Ablaufs der Ze­re­mo­nie oft un­si­cher ist. Nach der Hoch­zeit folgt ei­ne Flut von Emp­fän­gen, Bäl­len und öf­fent­li­chen Fei­er­lich­kei­ten. Si­si ist mitt­ler­wei­le völ­lig er­schöpft, doch die­se sind erst der Vor­ge­schmack dar­auf, was Si­si künf­tig er­war­tet.

Die ers­te per­sön­li­che Ent­täu­schung brin­gen be­reits die Flit­ter­wo­chen in Schloss La­xen­burg. Si­si ver­bringt sie vor­wie­gend al­lei­ne, der Kai­ser fährt in der Früh nach Wi­en und kommt erst spät­abends wie­der zu­rück. Die jun­ge Kai­se­rin ist die meis­te Zeit al­lei­ne. Es ist erst der An­fang ei­ner gan­zen Rei­he an Ent­täu­schun­gen und fa­mi­liä­ren Kri­sen.

Sieh doch ihr Haar, ih­re Au­gen, ih­ren Charme, ih­re gan­ze Gestalt, sie ist al­ler­liebst. Franz Jo­seph nach der ers­ten Be­geg­nung mit Si­si. Für den Kai­ser war es Lie­be auf den ers­ten Blick.

Si­si und Franz Jo­seph kurz nach ih­rer Ver­lo­bung in Bad Ischl. Das Braut­paar un­ter­nimmt ei­ne Aus­fahrt, der engs­te Ver­trau­te des Kai­sers, Ge­ne­ral­ad­ju­tant Graf Grün­ne, lenkt den Wa­gen. Der kai­ser­li­chen Kut­sche folg­te ei­ne Wa­gen­ko­lon­ne mit Ver­wand­ten des Braut­paa­res. Zwei­sam­keit war für Si­si und Franz Jo­seph von Be­ginn an kaum mög­lich.

Kai­ser Franz Jo­seph war der be­gehr­tes­te Jung­ge­sel­le Eu­ro­pas: Zum Zeit­punkt der Hoch­zeit war er 23 Jah­re alt und ei­ner der mäch­tigs­ten Män­ner sei­ner Zeit. Sein rie­si­ges Reich er­streck­te sich über Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa und reich­te im Sü­den bis an die dal­ma­ti­ni­sche Küs­te.

Ei­ne der vie­len of­fi­zi­el­len Ver­lo­bungs­an­zei­gen des kai­ser­li­chen Braut­paa­res.

Die Bie­der­mei­er-vil­la in Bad Ischl war Schau­platz der Ver­lo­bung. Die Mut­ter des Kai­sers hat­te die ge­mie­te­te Som­mer­vil­la nach der Hoch­zeit an­ge­kauft und zur Som­mer­re­si­denz aus­bau­en las­sen. Zu Eh­ren von Si­si er­hielt die um­ge­bau­te Vil­la den Grund­riss ei­nes „E“, für Eli­sa­beth.

Das Ver­lo­bungs­ge­mäl­de (o.). Links: Eli­sa­beth als 15-jäh­ri­ge Braut. Es war ver­mut­lich ei­nes der ers­ten Ge­mäl­de das kurz nach der­ver­lo­bung ent­stand.

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