Oh, wie ent­setz­lich ist es, alt zu wer­den!

Geschichte - - SISI-INHALT -

Der Ver­lust der Schön­heit und schwe­re De­pres­sio­nen. Si­sis Ko­ka­in­sprit­ze und war­um sie die­se im­mer bei sich hat­te.

Als ih­re Schön­heit schwin­det und sich das Al­ter an­kün­digt, zieht sich Si­si in Traum­wel­ten zu­rück. Doch ih­re schwe­ren De­pres­sio­nen ho­len die Kai­se­rin im­mer wie­der ein.

Oh,wie ent­setz­lich ist es, alt zu wer­den! Zu füh­len, wie die Zeit die Hand auf un­se­ren Kör­per legt, zu be­ob­ach­ten, wie die Haut run­ze­lig wird, am Mor­gen mit Furcht vor dem Ta­ges­licht auf­zu­wa­chen und zu wis­sen, dass man nicht mehr be­gehrt wird.“Kei­ne Mon­ar­chin hat je­mals so ehr­li­che Wor­te über das Al­ter ver­lo­ren, kei­ne Mon­ar­chin hat je so ra­di­kal ver­hin­dert, dass ihr die Welt beim Al­tern zu­sieht.

Nie wie­der soll man die Mär­chen­kai­se­rin Si­si ab nun se­hen. In der Öf­fent­lich­keit zeigt sie sich nicht mehr. Ein un­durch­sich­ti­ger Le­der­fä­cher wird ab jetzt Si­sis stän­di­ger Be­glei­ter. Kaum sieht sie Men­schen, zückt sie den Schlei­er und ver­birgt da­hin­ter ihr al­tern­des Ge­sicht. Be­reits seit ih­rem 30. Le­bens­jahr hat sie sich nie mehr fo­to­gra­fie- ren las­sen, das letz­te Ge­mäl­de ist ent­stan­den, als Si­si 42 Jah­re alt war. Si­si will die Il­lu­si­on der schö­nen Kai­se­rin auf­recht­er­hal­ten, sie er­schafft ih­ren ei­ge­nen My­thos, der bis heu­te an­hält.

Als Kai­se­rin Eli­sa­beth auf das 50. Le­bens­jahr zu­geht, stürzt sie in ei­ne tie­fe Kri­se. Nicht nur ih­re Schön­heit welkt, auch ih­re Zei­ten als Hoch­leis­tungs­sport­le­rin sind vor­bei. Der Kör­per schmerzt, die ju­gend­li­che Elas­ti­zi­tät ist ver­lo­ren. Si­si lei­det an Rheu­ma, Is­chi­as, und schwe­ren Mi­grä­ne­an­fäl­len. Psy­chisch lei­det Eli­sa­beth aber noch mehr. Sie hat­te ihr Selbst­wert­ge­fühl stets aus ih­rer au­ßer­ge­wöhn­li­chen Schön­heit und ih­rer kör­per­li­chen Fit­ness be­zo­gen. Sie war die schöns­te Mon­ar­chin der Welt und ei­ne der welt­bes­ten Par­force-rei­te­rin­nen. Das ist nun für im­mer vor­bei. Eli­sa­beth ist hoch­gra­dig ner­vös und psy­chisch nicht be­last­bar.

Die Kai­se­rin zieht nun zur Le­bens­mit­te ein Re­sü­me, und die­ses sieht trau­rig aus. Zu ih­ren Kin­dern hat sie, bis auf ih­re Jüngs­te, kei­ner­lei Be­zie­hung. Ih­re Ehe ist für Si­si lan­ge vor­bei, sie emp­fin­det das Zu­sam­men­sein mit ih­rem Mann nur mehr als Last. Freun­de und Ver­trau­te hat sie nur mehr we­ni­ge. Die Kluft zwi­schen der Kai­se­rin und dem Wie­ner Hof ist mitt­ler­wei­le un­über­brück­bar. Si­si hat kei­ne ernst­zu­neh­men­de Auf­ga­be, Re­prä­sen­ta­ti­ons­pflich­ten über­nimmt sie kaum mehr. Selbst in der Öf­fent­lich­keit ist sie mitt­ler­wei­le un­be­liebt, das Volk nimmt sie nur noch als ex­tra­va­gan­te Kai­se­rin mit kost­spie­li­gen Hob­bys wahr, die lie­ber teu­re Rei­t­ur­lau­be im Aus­land ab­sol­viert, als sich in der

Si­si hat­te ihr Selbst­wert­ge­fühl stets aus ih­rer au­ßer­ge­wöhn­li­chen Schön­heit und ih­rer kör­per­li­chen Fit­ness be­zo­gen.

Öf­fent­lich­keit se­hen zu las­sen. Von ih­ren Zeit­ge­nos­sen fühlt sich Eli­sa­beth mitt­ler­wei­le völ­lig un­ver­stan­den.

Für Jahr­zehn­te ha­ben der Kampf um den Er­halt ih­rer Schön­heit und der Leis­tungs­sport ihr Le­ben aus­ge­füllt. Wo­mit soll sie sich jetzt be­schäf­ti­gen? Kaum je­mand glaubt, dass sich die Kai­se­rin nun end­lich auf­raf­fen und sich ih­rer Pflich­ten als Kai­se­rin be­wusst wer­den wird. Statt­des­sen ver­liert sich Si­si im­mer mehr in dunk­len Traum­wel­ten.

Für Jah­re wird es nun ih­re Haupt­be­schäf­ti­gung, all ih­ren Frust, aber auch ih­re po­li­ti­schen An­sich­ten in Hun­der­te von Ge­dich­ten zu gie­ßen. Der Ei­fer, den sie nun über Jah­re in ih­re poe­ti­schen Ta­ge­bü­cher legt, hat ei­nen Grund: Si­si will die Nach­welt al­les das wis­sen las­sen, was sie ih­rer Um­ge­bung nie sa­gen konn­te. Sie ver­fügt, dass ih­re Ge­dich­te 60 Jah­re nach ih­rem Tod ver­öf­fent­licht wer­den. Heu­te sind die Ge­dich­te Si­sis Ver­mächt­nis. Sie er­zäh­len von ei­ner ein­sa­men, un­glück­li­chen Frau, die für ih­re Schwie­ger­fa­mi­lie nur ge­häs­si­ge Wor­te üb­rig hat und der ih­re Rol­le als Kai­se­rin zu­tiefst zu­wi­der ist.

Si­si wird nun im­mer son­der­ba­rer. Sie stürzt sich in den Spi­ri­tis­mus, stei­gert sich in ei­nen an­geb­li­chen Ver­kehr mit Ver­stor­be­nen, bis ihr der Lieb­lings­bru­der Karl Theo­dor in sei­ner of­fe­nen bay­ri­schen Art sagt, sie sol­le auf­pas­sen, dass sie nicht „über­schnap­pe“. Die Kai­se­rin lei­det mitt­ler­wei­le un­ter schwe­ren De­pres­sio­nen und per­ma­nen­ten Schmer­zen, die sie mit Ko­ka­in zu lin­dern ver­sucht. Kai­ser Franz Jo­seph, der sei­ne Frau wie am ers­ten Tag liebt, tut al­les, da­mit sie zur Ru­he kommt. Weil Eli­sa­beth das Le­ben in den kai­ser­li­chen Re­si­den­zen nicht mehr er­trägt – die Wie­ner Hof­burg nennt sie nur noch „Ker­ker­burg“–, lässt er ihr ein rei­zen­des Wald­schloss im Lain­zer Tier­gar­ten, west­lich von Wi­en, er­rich­ten. Die „Her­mes­vil­la“wird ganz nach Eli­sa­beths Wün­schen ein­ge­rich­tet, die Aus­stat­tung kos­tet ein Ver­mö­gen.

Doch Franz Jo­sephs Hoff­nung, dass Si­si hier, in ih­rem pri­va­ten Re­fu­gi­um, zur Ru­he kommt, er­füllt sich nicht. Sie ist wei­ter­hin auf der Flucht, vor Wi­en, vor ih­rem Le­ben, vor sich selbst.

Si­sis Wün­sche wer­den im­mer ex­tra­va­gan­ter und sie selbst im­mer rast­lo­ser. Plötz­lich wünscht sie sich ei­ne Vil­la auf der grie­chi­schen In­sel Kor­fu. Franz Jo­seph er­füllt sei­ner „En­gels-si­si“auch die­sen Wunsch, un­ge­ach­tet al­ler Kri­tik. Denn dass sich die ös­ter­rei­chi­sche Kai­se­rin auf ei­ner grie­chi­schen In­sel ei­nen Pa­last baut, führt zu Un­mut in der Hof­ge­sell­schaft. Kurz scheint es, als ob Si­si im Achil­lei­on, ih­rem grie­chi­schen Pa­last in an­ti­kem Stil, nun end­lich zur Ru­he kom­men könn­te. Nach ei­ni­gen Jah­ren emp­fin­det sie auch das Achil­lei­on als Last, sie er­trägt es nicht mehr, län­ger an ei­nem Ort zu sein.

Eli­sa­beth will nur mehr weg. Doch da ist noch ihr Ehe­mann, der ein­zi­ge Mensch, der die schwie­ri­ge Kai­se­rin so liebt, wie sie ist. Da­mit Franz Jo­seph nicht völ­lig ver­ein­samt und um sich selbst von ih­rem schlech­ten Ge­wis­sen dem Kai­ser ge­gen­über zu be­frei­en, ver­fällt Si­si auf ei­ne un­ge­wöhn­li­che Idee: Sie sucht für ih­ren

Ehe­mann ei­ne Freun­din, die dem Kai­ser die Ab­we­sen­heit sei­ner Ehe­frau er­träg­lich macht. Ih­re Wahl fällt auf die Burg­schau­spie­le­rin Kat­ha­ri­na Schratt, ei­ne ge­müt­li­che Frau mit Hu­mor, die dem Kai­ser bei Kaf­fee, Gu­gel­hupf und dem neu­es­ten Tratsch ei­ne Il­lu­si­on von Fa­mi­lie und Har­mo­nie zau­bern soll. Si­si selbst zieht ab nun ziel- und rast­los durch Eu­ro­pa. „Kor­fu ist ein idea­ler Auf­ent­halt, Kli­ma, Spa­zier­gän­ge im end­lo­sen Oli­ven­hain, gu­te Fahrt­we­ge und herr­li­che Mee­res­luft“, schrieb Eli­sa­beth 1888 über ih­re Vil­la in Grie­chen­land. Links: Si­sis Pracht­bett in ih­rer pri­va­ten „Her­mes­vil­la“.

Der Fä­cher ist stets all­ge­gen­wär­tig. Nie­mand soll Si­sis Ge­sicht se­hen.

Si­sis Ta­ge­buch, in dem sie ih­re Ge­dich­te ein­trug. Da­hin­ter: Si­sis Schreib­set.

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