Si­sis letz­te Rei­se

Nach dem Selbst­mord ih­res Soh­nes irrt Si­si rast­los durch Eu­ro­pa. An den Ufern des Gen­fer Sees trifft sie ih­ren Mör­der. Der Tod bringt end­lich die er­sehn­te Er­lö­sung.

Geschichte - - SISI-INHALT -

Ex­klu­siv: Ein bis­her un­ver­öf­fent­lich­tes Al­ters­fo­to von Si­si. Das At­ten­tat auf die Kai­se­rin. Wer war Si­sis Mör­der?

Sie wis­sen nicht, wie sehr ich die­se Frau ge­liebt ha­be! Kai­ser Franz Jo­seph zu sei­nem Ge­ne­ral­ad­ju­tan­ten, nach­dem er die Nach­richt von Si­sis Er­mor­dung er­hal­ten hat­te.

Si­sis letz­ter Le­bens­ab­schnitt be­ginnt mit der größ­ten Tra­gö­die ih­rer Fa­mi­lie. Am 30. Jän­ner 1989, die Kai­se­rin ist ge­ra­de 52 Jah­re alt ge­wor­den, wird Kron­prinz Ru­dolf tot im Schlaf­zim­mer des Jagd­schlos­ses May­er­ling auf­ge­fun­den; ne­ben ihm liegt die Lei­che der sieb­zehn­jäh­ri­gen Ba­ro­nin Ma­ry Vet­s­e­ra. Nach der gän­gi­gen Theo­rie hat Ru­dolf zu­erst, mit de­ren Ein­ver­ständ­nis, sei­ne Ge­lieb­te er­schos­sen und sich dann selbst ei­ne Ku­gel in den Kopf ge­jagt. Was der fi­na­le Aus- lö­ser der Tat war, wird nie ge­klärt wer­den kön­nen, Ur­sa­chen gab es aber vie­le für den Selbst­mord.

Der Kron­prinz litt un­ter dem Kon­flikt mit sei­nem Va­ter, der dem Drei­ßig­jäh­ri­gen kei­ner­lei Ein­blick in sein künf­ti­ges Amt er­laub­te. Ru­dolf fühl­te sich po­li­tisch iso­liert, von der Hof­ge­sell­schaft ver­folgt und schließ­lich nur noch von Fein­den um­ge­ben. Der Kron­prinz litt aber auch un­ter sei­ner ka­ta­stro­pha­len Ehe mit der bel­gi­schen Kö­nigs­toch­ter Ste­pha­nie. Ei­nen Thron­fol­ger konn­te das Paar nach der Ge­burt der Toch­ter Eli­sa­beth nicht mehr er- war­ten, denn Ru­dolf hat­te sei­ne Ehe­frau mit ei­ner Ge­schlechts­krank­heit an­ge­steckt und sie da­durch un­frucht­bar ge­macht. Da­zu ka­men bei Ru­dolf noch schwe­re Trau­ma­ta aus der Kind­heit, Angst­zu­stän­de, De­pres­sio­nen und chro­ni­sche Krank­hei­ten; all das ver­such­te er mit Al­ko­hol und Nar­ko­ti­ka zu be­täu­ben.

Kron­prinz Ru­dolfs Tod er­schüt­tert die Mon­ar­chie, denn Ru­dolf war we­gen sei­ner Volks­nä­he äu­ßerst be­liebt. Den kai­ser­li­chen El­tern zieht der Selbst­mord den Bo­den un­ter den Fü­ßen weg. Es ist Eli-

sa­beth, die dem Kai­ser mit­tei­len muss, dass sein ein­zi­ger Sohn tot ist, nie­mand aus sei­ner Um­ge­bung traut sich, dem Va­ter die Wahr­heit zu sa­gen. Si­si hält sich tap­fer und stützt den Kai­ser, nach dem Be­gräb­nis bricht sie je­doch zu­sam­men. Im­mer mehr un­be­kann­te De­tails aus Ru­dolfs Le­ben kom­men jetzt zu Ta­ge, die El­tern müs­sen ein­se­hen, dass sie kei­ne Ah­nung vom Le­ben ih­res ver­stor­be­nen Soh­nes hat­ten. Wenn sie un­ter Ver­trau­ten ist, bricht Eli­sa­beth re­gel­mä­ßig zu­sam­men; wird Ru­dolfs Na­me er­wähnt, über­kom­men sie Wein­krämp­fe. Wie sehr Si­si un­ter ei­nem schlech­ten Ge­wis­sen lei­det, weil sie sich kaum um ih­ren Sohn ge­küm­mert hat­te, kann man nur er­ah­nen.

Wäh­rend die Pflicht­er­fül­lung Franz Jo­seph auf­recht­hält und ei­nen ge­re­gel­ten Ta­ges­ab­lauf er­zwingt, bricht Si­si die letz­ten Ban­de, die sie noch mit ih­rer Po­si­ti­on ver­bin­den. Hö­fi­sche Pflich­ten hat sie schon seit Jah­ren kaum er­füllt, jetzt ist Ru­dolfs Tod der An­lass, gar nicht mehr zu er­schei­nen. Eli­sa­beth wird bis an ihr Le­bens­en­de Schwarz tra­gen und sich fast nur noch im Aus­land auf­hal­ten; sie fährt nun in­ko­gni­to und rast­los, ge­ra­de­zu ma­nisch, qu­er durch Eu­ro­pa. Sie reist mit Bahn und Yacht, ih­re Irr­fahr­ten füh­ren sie von Do­ver nach Lis­s­a­bon, Gi­bral­tar, Ma­rok­ko und Al­ge­ri­en, nach Kor­si­ka und Sü­dita­li­en, auf die Ba­lea­ren und die Cô­te d’ Azur. Kaum ist sie an­ge­kom­men, bricht sie ih­re Zel­te schon wie­der ab. Sie reist nur mit klei­nem Ge­fol­ge und spon­tan von ei­nem Ort zum nächs­ten. Si­si führt nicht mehr das Le­ben

Die Kai­se­rin von Ös­ter­reich beim Ru­dern. Der Schnapp­schuss wur­de von der bes­ten Freun­din ih­rer Toch­ter heim­lich im Park von Schloss Lich­te­negg in Wels, Ober­ös­ter­reich auf­ge­nom­men. Si­si lässt sich ei­nen Ad­ler auf die Schul­ter tä­to­wie­ren.

ei­ner Kai­se­rin, son­dern je­nes ei­ner Frau auf der Flucht. Im Ha­fen von Mar­seil­le lässt sie sich so­gar ei­nen An­ker auf die Schul­ter tä­to­wie­ren. Ih­ren Ehe­mann, selbst ih­re Lieb­lings­toch­ter sieht Eli­sa­beth nur mehr ei­ni­ge Ta­ge im Jahr. Die kur­zen Zu­sam­men­künf­te sind al­ler­dings völ­lig von Si­sis schwan­ken­den Stim­mun­gen über­schat­tet. Die Kai­se­rin spricht im­mer wie­der da­von, dass es „ei­ne Qu­al sei, zu le­ben“.

Ih­re letz­te Rei­se führt Eli­sa­beth an den Gen­fer See. Si­si lieb­te Genf, über War­nun­gen vor Rei­sen in die Schweiz, die auf­grund der li­be­ra­len Ge­set­ze ei­ne Hoch­burg für An­ar­chis­ten aus ganz Eu­ro­pa ist, setzt sich die

Kai­se­rin hin­weg. Und Per­so­nen­schutz lehnt die Kai­se­rin be­reits seit Jahr­zehn­ten ab. Si­si steigt in Genf in ih­rem Lieb­lings­ho­tel Beau Ri­va­ge ab. Ih­re An­we­sen­heit in Genf wur­de in ei­ner Schwei­zer Zei­tung ver­mel­det, ob­wohl die Kai­se­rin un­ter dem Na­men ei­ner Grä­fin von Ho­hen­ems ein­ge­checkt hat. Wie die In­for­ma­ti­on in die Zei­tung kam, konn­te nie ge­klärt wer­den. Ein ita­lie­ni­scher An­ar­chist na­mens Lu­i­gi Lu­che­ni liest die Mel­dung und schmie­det dar­auf­hin ei­nen Plan.

Am 10. Sep­tem­ber 1898 ver­lässt sie mit ih­rer Hof­da­me um 13 Uhr das Ho­tel. Mit dem Schiff will sie nach Mon­treux über­set­zen. Auf dem Weg zur An­le­ge­stel­le springt hin­ter ei­nem Baum ein Mann, der Si­si be­ob­ach­tet hat­te, her­vor, stößt der Kai­se­rin mit vol­ler Wucht ge­gen die Brust und läuft da­von. Eli­sa­beth sinkt zu Bo­den, kann aber mit der Hil­fe ih­rer Hof­da­me und ei­nes Pas­san­ten so­fort wie­der auf­ste­hen. Si­si be­dankt sich für die Hil­fe­leis­tung und er­reicht noch recht­zei­tig vor dem Ab­le­gen das Schiff. An Bord klagt Eli­sa­beth über Schmer­zen in der Brust, so­fort dar­auf wird sie ohn­mäch­tig. Als die Hof­da­me Si­sis Mie­der öff­net, ent­deckt sie ei­ne klei­ne, drei­ecki­ge Wun­de. Lu­i­gi Lu­che­ni hat­te der Kai­se­rin mit ei­ner schar­fen Fei­le in die Brust ge­sto­chen und da­bei den Herz­beu­tel ge­trof­fen. Weil die Wun­de klein war und das Mie­der fest ge­schnürt, hat­te Si­si nur lang­sam Blut ver­lo­ren, so­dass sie nach dem An­schlag noch fast 30 Mi­nu­ten ge­lebt hat­te.

Das Schiff kehrt um, auf ei­ner Bah­re wird Si­si zu­rück ins Ho­tel ge­bracht. Der her­bei­ge­ru­fe­ne Arzt kann um 14.40 Uhr nur mehr den Tod der Kai­se­rin von Ös­ter­reich fest­stel­len. Un­ver­züg­lich schickt Eli­sa­beths Be­glei­tung ein Te­le­gramm an den Ge­ne­ral­ad­ju­tan­ten Kai­ser Franz Jo­sephs ab. Man traut sich noch nicht, dem Kai­ser die gan­ze Wahr­heit zu sa­gen, das ers­te Te­le­gramm in­for­miert nur über ein statt­ge­fun­de­nes Un­glück. Franz Jo­seph war­tet völ­lig ver­zwei­felt auf ge­naue­re In­for­ma­tio­nen. Als der Ad­ju­tant mit ei­nem wei­te­ren Te­le­gramm ein­tritt, reißt es ihm Franz Jo­seph aus der Hand und muss den

Nicht ein­mal der Kai­ser weiß, wo sich sei­ne Frau ge­ra­de auf­hält. Si­si irrt von Ho­tel zu Ho­tel.

N un ist es ge­kom­men, wie sie es im­mer wünsch­te, rasch, schmerz­los, oh­ne ärzt­li­che Be­ra­tun­gen, oh­ne lan­ge, ban­ge Sor­gen­ta­ge für die ih­ren.

Si­si Toch­ter über den Tod ih­rer Mut­ter

Satz le­sen: „Ih­re Ma­jes­tät die Kai­se­rin so­eben ver­stor­ben.“Der ver­stei­ner­te Kai­ser mur­melt die Wor­te: „Sie wis­sen nicht, wie sehr ich die­se Frau ge­liebt ha­be.“

Die Schwei­zer Be­hör­den be­ste­hen auf ei­ner Ob­duk­ti­on; erst am 15. Sep­tem­ber kommt Eli­sa­beths Leich­nam in Wi­en an. Zwei Ta­ge spä­ter fin­det das pom­pö­se Staats­be­gräb­nis statt, Si­si wird in der Ka­pu­zi­ner­gruft zur letz­ten Ru­he ge­bet­tet.

Die Kai­se­rin von Ös­ter­reich ist tot – der My­thos Si­si ist ge­bo­ren.

Wi­en, am 17. Sep­tem­ber 1898: Der kai­ser­li­che Lei­chen­zug auf dem Weg von der Hof­burg zur Ka­pu­zi­ner­gruft. Un­zäh­li­ge Pas­san­ten säu­men den Weg, als Kai­se­rin Eli­sa­beth zu ih­rer letz­ten Ru­he­stät­te ge­bracht wird.

Si­sis letz­ter öf­fent­li­cher Auf­tritt bei der 1000-Jahr Fei­er Un­garns.

Oben: Ein bis­her un­ver­öf­fent­lich­tes Fo­to von Kai­se­rin Eli­sa­beth, auf­ge­nom­men nach der Tra­gö­die von May­er­ling im Jahr 1891 – Si­si beim Ru­dern mit ih­rer jüngs­ten Toch­ter.

Links: Der Kron­prinz auf­ge­bahrt in der Hof­burg. Die Schuss­ver­let­zung am Schä­del wur­de ka­schiert.

Die wohl letz­ten bei­den Fo­to­gra­fi­en von Si­si, bei­des zu­fäl­li­ge Schnapp­schüs­se. Links: die Kai­se­rin mit ei­ner Hof­da­me in der Schweiz. Rechts: Eli­sa­beth ver­steckt hin­ter Fä­cher und Schirm beim Spa­zier­gang mit Kai­ser Franz Jo­seph in Süd­frank­reich.

Oben: der of­fi­zi­el­le To­ten­schein der Schwei­zer Be­hör­den. Mit­te und rechts: Si­si trägt nach dem Selbst­mord ih­res Soh­nes fast nur noch Schwarz, selbst ihr Schmuck muss schwarz sein. Wie Si­si in den letz­ten Le­bens­jah­ren aus­ge­se­hen hat, weiß man nicht.

10. Sep­tem­ber 1898, 13.40 Uhr. Kai­se­rin Eli­sa­beth wird er­mor­det.

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