WO­HIN

Geschichte - - WOHIN MIT DER ZWEITEN LEICHE? -

Sie kom­men über Sat­tel­bach!“, ruft der Mann sei­nen drei Kol­le­gen zu. Es ist Po­li­zei­kom­mis­sar Ge­org Go­rup, in der Hand hält er ein Telegramm, auf das er be­reits den gan­zen Tag ge­war­tet hat. Dar­auf steht: „Kom­me über S., Mül­ler.“Go­rup ist ge­mein­sam mit vier an­de­ren Kom­mis­sa­ren zum „al­ler­höchs­ten Di­enst“ab­be­stellt. Nun, da der Kom­mis­sar weiß, aus wel­cher Rich­tung je­ne kom­men, die er er­war­tet, weiß er auch, wo er sich pos­tie­ren muss.

Es ist nach zehn Uhr abends, ein Sturm peitscht durch die Nacht. Der Kom­mis­sar steht an ei­nem men­schen­lee­ren We­ges- rand bei Stift Hei­li­gen­kreuz, acht Ki­lo­me­ter von Mayerling ent­fernt. Be­reits den gan­zen Tag die­ses 31. Jän­ner kom­men und ge­hen orts­frem­de Her­ren in Zi­vil in die Zis­ter­zi­en­ser­ab­tei. Sie dis­ku­tie­ren mit dem Abt, dem Pri­or und dem Käm­me­rer der Ab­tei. Es herrscht Un­ru­he in dem an­sons­ten ru­hi­gen Klos­ter, ei­ne deut­li­che Span­nung liegt in der Luft.

Wäh­rend sei­ne Kol­le­gen auf dem Are­al der Ab­tei sind, war­tet Kom­mis­sar Go­rup über ei­ne St­un­de im Dun­keln. End­lich sieht er aus der Fer­ne Lich­ter nä­her­kom­men. Es sind die fla­ckern­den Wa­gen­lich­ter ei­ner Kut­sche, die auf dem ver­eis­ten Weg nur müh­sam vor­an­kommt, da­hin­ter folgt ein zwei­ter Wa­gen. Der Kom­mis­sar deu­tet dem Kut­scher an­zuhal- ten, geht auf den Fond des ers­ten Wa­gens zu, öff­net die Tür und fragt in den In­nen­raum der Kut­sche hin­ein: „Graf Stockau?“In der nächs­ten Se­kun­de prallt der Kom­mis­sar zu­rück: Er hat nicht dem Gra­fen Stockau ins Ge­sicht ge­blickt, son­dern ei­ner weib­li­chen Lei­che mit weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen. Es ist die to­te Ma­ry Vet­s­e­ra, die, in ih­rem Pelz­man­tel ge­hüllt und mit ih­rem Fe­der­hüt­chen auf dem Kopf ge­bun­den, zwi­schen ih­ren bei­den On­keln Graf Stockau und Alex­an­der Bal­taz­zi in sit­zen­der Stel­lung fi­xiert ist. Da­mit sie nicht nach vor­ne kippt, hat man der To­ten ei­nen Bes­ten­stiel un­ter den Man­tel ge­scho­ben.

Wor­auf die De­le­ga­ti­on der kai­ser­li­chen Be­am­ten den gan­zen Tag ge­war­tet hat, ist der Leich-

Es ist stock­dun­kel, als die Kut­sche end­lich in Hei­li­gen­kreuz ein­trifft. Wor­auf die kai­ser­li­chen Agen­ten be­reits seit St­un­den war­ten? Auf die Lei­che Ma­ry Vet­s­e­ras.

nam Ma­ry Vet­s­e­ras. Dass sie auf die­se Wei­se trans­por­tiert wird, hat man den Be­am­ten aber ver­schwie­gen.

Die Vor­ga­be lau­tet, dass nichts über die Exis­tenz ei­ner zwei­ten Lei­che be­kannt wer­den dür­fe. Rund um das Jagdschloss ha­ben sich be­reits zahl­rei­che Schau­lus­ti­ge und Jour­na­lis­ten ein­ge­fun­den. Der Ab­trans­port der zwei­ten Lei­che kann al­so nicht auf dem üb­li­chen Weg er­fol­gen.

Der Wie­ner Hof hat Ma­rys On­kel an­ge­wie­sen, sich von der Mut­ter des Mäd­chens ei­ne Voll­macht zu be­sor­gen und die Lei­che un­auf­fäl­lig nach Hei­li­gen­kreuz zu über­füh­ren. Sarg und Lei­chen­wa­gen durf­ten die On­kel nicht mit­brin­gen, da­für ste­he auf dem Fried­hof ein Sarg be­reit. Au­ßer­dem ha­be die Be­er­di­gung noch in der glei­chen Nacht zu er­fol­gen.

Am Abend des 31. Jän­ner tref­fen Graf Ge­org Stockau und Alex­an­der Bal­taz­zi im Hof des Jagd- schlos­ses Mayerling ein und läu­ten lan­ge und ver­geb­lich an der Tür. Nach ei­ni­ger Zeit fährt ein Wa­gen vor, aus dem Fond stei­gen der Leib­arzt des Kron­prin­zen,

Dr. Auck­en­tha­ler und Hof­se­kre­tär Dr. Sla­tin, ei­ner der wich­tigs­ten Zeu­gen des Ablaufs, der nach dem En­de der Mon­ar­chie sein Schwei­gen bre­chen wird. Nun erst, nach­dem der Schloss­wart die bei­den ver­trau­ten Ge­sich­ter er­kennt, lässt er al­le ins In­ne­re des Schlos­ses. Die Ver­wand­ten wer­den in die win­zi­ge Schlaf­kam­mer des Kam­mer­die­ners ge­führt, ne­ben dem Schlaf­zim­mer des Kron­prin­zen. Im schwa­chen Schein ei­ner Hand­la­ter­ne se­hen sie ein Bett, dar­auf ei­nen Sta­pel Klei­dung: Män­tel, De­cken, Tü­cher. Erst nach­dem der Schloss­wart den Wä­sche­sta­pel ent­fernt, kommt all­mäh­lich Ma­rys Lei­che zum Vor­schein: Die Au­gen sind weit auf­ge­ris­sen, aus ih­rem halb ge­öff­ne­ten Mund ist Blut ge­flos­sen, das den Pols­ter und das Bett­la­ken be­fleckt hat. In der lin­ken Hand hält Ma­ry ein Ta­schen­tuch fest um­schlun­gen. Der kai­ser­li­che Leib­arzt wäscht die To­te, mit­hil­fe der bei­den On­kel kann er die be­reits stei­fe Lei­che an­klei­den. Dann wird sie in den In­nen­hof ge­tra­gen, in die Kut­sche ge­ho­ben, zwi­schen Graf Stockau und Alex­an­der Bal­taz­zi ge­setzt und nach Hei­li­gen­kreuz über­führt. Die Schau­lus­ti­gen und Jour­na­lis­ten kön­nen im Dun­keln nur drei Per­so­nen im ers­ten Wa­gen er­ken­nen, sie mer­ken nicht, dass ge­ra­de ei­ne zwei­te Lei­che weg­ge­schafft wird.

Als der ma­ka­bre Kut­schen­zug kurz vor Hei­li­gen­kreuz ist, deu­tet ih­nen Kom­mis­sar Go­rup, ste­hen zu blei­ben. Nach dem ers­ten Schock, als er der to­ten Ma­ry ins Ge­sich­te ge­blickt hat, fängt sich der Kom­mis­sar, schwingt sich auf den Kutsch­bock und lotst den Kut­scher zum klei­nen Hei­li­gen­kreu­zer Fried­hof. Dort war­ten be­reits Po­li­zeia­gen­ten und To­ten­grä­ber. Die Kom­mis­sa­re he­ben mit den bei­den Be­glei­tern der To­ten die Lei­che aus dem Wa­gen und tra­gen sie zur To­ten­kam­mer, wo ein frisch ge­zim­mer­ter Sarg be­reit­steht. Der To­ten wird der Man­tel ab­ge­streift, dann wird sie

in den Sarg ge­legt. Ma­rys On­kel fal­tet aus dem Hut ein Pols­ter und legt ihn sei­ner to­ten Nich­te un­ter den Kopf, Ma­ry soll im Sarg nicht nur auf Sä­ge­spä­ne ge­bet­tet sein. Dann drückt er Ma­ry ein Kru­zi­fix in die Hän­de und schnei­det der To­ten ei­ne Haar­lo­cke für die Mut­ter ab.

Be­gra­ben kön­nen die Ver­wand­ten Ma­ry noch nicht. We­gen des schlech­ten Wet­ters sind die To­ten­grä­ber nicht mit dem Aus­he­ben des Gr­a­bes fer­tig­ge­wor­den. Die Be­er­di­gung wird auf den nächs­ten Mor­gen ver­scho­ben. In der Nacht ar­bei­ten die kai­ser­li­chen Be­am­ten, der Leib­arzt und Hof­se­kre­tär Sla­tin so­wie zwei Be­am­te der Be­zirks­haupt­mann­schaft Ba­den dar­an, nach­träg­lich ei­ne ma­ka­bre Amts­hand­lung zu recht­fer­ti­gen, der je­de ge­setz­li­che und kirch­li­che Grund­la­ge fehlt – ein Pro­to­koll mit der To­des­ur­sa­che: Selbst­mord mit­tels Schuss­waf­fe. Ma­rys Ver­wand­te pro­tes­tie­ren: Mit die­ser To­des­ur­sa­che ist Ma­ry kein christ­li­ches Be­gräb­nis er­laubt. Hof­se­kre­tär Sla­tin bringt die Ver­wand­ten mit sanf­tem Druck zu ei­ner Zu­stim­mung: Der Hof müs­se auf der To­des­ur­sa­che Selbst­mord be­ste­hen, da „sonst An­zei­ge bei Ge­richt er­stat­tet und dann ei­ne ge­richt­li­che Un­ter­su­chung ge­pflo­gen wer­den müss­te, was gro­ßes Auf­se­hen er­re­gen wür­de“. Da­für sor­ge man aber für ein christ­li­ches Be­gräb­nis. Der Hof­se­kre­tär kann die Ver­wand­ten zur Un­ter­schrift über­re­den. Auch der Abt des Stif­tes hat gro­ße Be­den­ken ob der ei­gen­ar­ti­gen For­de­run­gen der Kri­mi­nal­be­am­ten. Erst nach­dem er ein per­sön­li­ches Schrei­ben des Oberst­hof­meis­ters des Kron­prin­zen ge­le­sen hat – in dem wohl die ge­nau­en Zu­sam­men­hän­ge der To­des­um­stän­de er­läu­tert wur­den –, gibt er sei­ne Zu­stim­mung zu die­sem heim­li­chen Be­gräb­nis. Was ge­nau in die­sem Schrei­ben ge­stan­den ist, ist bis heu­te nicht be­kannt.

Bis sechs Uhr mor­gens müs­sen die kai­ser­li­chen Be­am­ten aus­har­ren, dann erst kön­nen die To­ten­grä­ber ih­re Ar­beit fort­set­zen. Als das Gr­ab end­lich aus­ge­ho­ben ist, muss es blitz­schnell ge­hen: In der To­ten­kam­mer ent­zün­det der To­ten­grä­ber zwei Ker­zen am of­fe­nen Sarg, der Pri­or seg­net Ma­ry, spricht ein Va­ter­un­ser, und der Sarg wird so­fort ge­schlos­sen und zum aus­ge­ho­be­nen Gr­ab ge­tra­gen. Weil es so rut­schig ist, müs­sen die bei­den On­kel und die Be­am­ten beim Her­un­ter­las­sen des Sar­ges hel­fen. Als Ma­ry end­lich un­ter die Er­de ge­bracht ist, le­gen die bei­den On­kel die Schau­feln weg, neh­men ih­re Hü­te ab und

sen­ken ih­re Köp­fe zum stil­len Ge­bet. Aber schon be­rührt Kom­mis­sar Go­rups Hand Ba­ron Bal­taz­zis Schul­ter: „Bit­te, mein Herr, jetzt kei­ne Zeit mehr ver­lie­ren und den Fried­hof un­auf­fäl­lig ver­las­sen.“Da­nach be­gibt sich sein Ober­kom­mis­sar auf das Te­le­gra­phen­amt und sen­det den Voll­zug sei­nes Auf­tra­ges: „Num­mer NO.2 vom 1. 2. 1889, 10.10 Uhr. Al­les ab­ge­than.“

Wie­so die On­kel von Ma­ry Vet­s­e­ra, me­di­zi­ni­sche Lai­en, so si­cher wa­ren, dass sich ih­re Nich­te nicht selbst ge­tö­tet ha­ben konn­te? Weil sich Ma­rys Ein­schuss­wun­de an der lin­ken Schlä­fe be­fand, Ma­ry aber Rechts­hän­de­rin war. Und mit der lin­ken Hand konn­te sich Ma­ry nicht selbst ge­tö­tet ha­ben: Denn in der er­starr­ten lin­ken Hand hat die To­te ein Ta­schen­tuch ge­hal­ten.

Die Spit­ze des kai­ser­li­chen Ho­fes und der Mi­nis­ter­prä­si­dent wis­sen be­reits am 31. Jän­ner früh- mor­gens den wah­ren Tat­be­stand von Mayerling. Der Po­li­zei­prä­si­dent no­tiert: „…es hat schein­bar der Kron­prinz zu­erst die Vet­s­e­ra, dann sich selbst er­schos­sen.“

War­um der Wie­ner Hof die­ses un­wür­di­ge Spek­ta­kel an­ge­ord­net hat und Ma­ry mit ei­ner fal­schen To­des­ur­sa­che so schnell wie mög­lich be­er­di­gen will? Um das Ein­schrei­ten der Jus­tiz­be­hör­den bei Be­kannt­wer­den ei­nes Mord­fal­les zu ver­mei­den. Bis zum En­de der k. u. k. Mon­ar­chie im Jahr 1918 hat es of­fi­zi­ell nie ei­ne zwei­te Lei­che in Mayerling ge­ge­ben.

Ma­ry Vet­s­e­ras Mut­ter durf­te erst Wo­chen nach der heim­li­chen Be­er­di­gung ih­rer Toch­ter das Gr­ab auf­su­chen. Sie ließ ei­ne Gruft er­rich­ten und wähl­te für die Ge­denk­ta­fel den Bi­bel­spruch: „Wie ei­ne Blu­me sproßt der Mensch auf und wird ge­bro­chen.“

Ma­ry Vet­s­e­ras Lei­che wird sit­zend auf dem Rück­sitz ei­ner Ku­sche nach Hei­li­gen­kreuz ge­bracht . Da­mit sie nicht nach vor­ne kippt, hat man die To­te mit ei­nem Be­sen­stab am Rü­cken fi­xiert.

Links: Graf Ge­org Stockau. Rechts: Ba­ron Alex­an­der Bal­taz­zi. Die bei­den On­kel von Ma­ry Vet­s­e­ra wa­ren Zeu­gen der heim­li­chen Be­er­di­gung.

Rechts: Die klei­ne sil­ber­ne Chris­tus­fi­gur wur­de Ma­ry bei ih­rer Be­er­di­gung in die Hän­de ge­drückt. Bei ei­ner Um­bet­tung der Über­res­te im Jahr 1959 wur­de sie von ei­nem Fa­mi­li­en­mit­glied als Er­in­ne­rung zu­rück­be­hal­ten. Rechts: Pri­or Ma­la­chi­as De­dic hat­te Ma­ry Vet­s­e­ra ein­ge­seg­net.

„Al­les ab­ge­than“– das chif­frier­te Telegramm aus Hei­li­gen­kreuz an den Wie­ner Hof nach Be­er­di­gung der Lei­che Ma­ry Vet­s­e­ras.

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