RU­DOLF

Geschichte - - DER UNANGEPASSTE KRONPRINZ -

Ru­dolf wird in schwie­ri­ge fa­mi­liä­re Ver­hält­nis­se ge­bo­ren. Als er am 21. Au­gust 1858 zur Welt kommt, be­fin­det sich die Ehe der El­tern an ei­nem Tief­punkt, zwei Jah­re spä­ter wird Kai­se­rin Eli­sa­beth die Fa­mi­lie ver­las­sen und sich im Aus­land ih­rer Selbst­fin­dung wid­men. Zu­rück bleibt ein Klein­kind, des­sen Va­ter von sei­nem Amt völ­lig in An­spruch ge­nom­men ist und des­sen engs­te Be­zugs­per­so­nen das Kin­der­per­so­nal und die Groß­mut­ter wer­den.

Ru­dolf ist ein zar­tes, hoch­sen­si­bles Kind, das un­ter der tra­di­tio­nel­len, har­ten Er­zie­hung der Habs­bur­ger lei­det. Er hat we­der das phy­si­sche noch das psy­chi­sche Rüst­zeug, um die ho­hen An­sprü­che, den per­ma­nen­ten Drill und die kör­per­li­chen Be­las­tun­gen die­ser Er­zie­hung oh­ne Fol­gen durch­zu­ste­hen. Die Si­tua­ti­on kippt völ­lig, als der Kai­ser ei­nen hoch­de­ko­rier­ten Of­fi­zier oh­ne jeg­li­che päd­ago­gi­sche Er­fah­rung

Ob Kind­heit, Ehe oder po­li­ti­sches Pro­gramm: Im Le­ben von Kron­prinz Ru­dolf gibt es nur Ex­tre­me. Er wird ge­hasst, er wird ge­liebt, kalt lässt er nie­man­den. Le­bens­lan­ge Kon­flik­te, un­er­füll­te Er­war­tun­gen und per­sön­li­che Ent­täu­schun­gen zer­mür­ben ei­nen hoch­be­gab­ten, aber per­spek­tiv­lo­sen Mann.

zum Vor­ste­her der kai­ser­li­chen Kinds­kam­mer er­nennt. Graf Leo­pold Gond­re­court soll aus dem „ver­weich­lich­ten“Kind ei­nen stram­men Sol­da­ten for­men. Die Me­tho­den, die der neue Ober­auf­se­her der Er­zie­hung an­wen­det, er­in­nern an Fol­ter: Kalt­was­ser­ku­ren, Schlaf­ent­zug und nächt­li­ches Auf­schre­cken durch Pis­to­len­schüs­se sol­len das ge­wünsch­te Er­geb­nis brin­gen. Als Er­wach­se­ner schrieb Ru­dolf ei­nem Ver­trau­ten über die­se Er­fah­run­gen: „Es war ei­ne we­nig glück­li­che Idee mei­nes Va­ters, mich über­haupt und schon vor dem sechs­ten Le­bens­jahr den Er­zie­hungs-me­tho­den des Ge­ne­rals Graf Gond­re­court zu über­ant­wor­ten. Er trieb es mit mir trotz mei­ner zar­ten Ju­gend wie mit ei­nem Sol­da­ten. Sein Drill und sei­ne Ab­här­tungs­me­tho­den wa­ren für mich wah­re Fol­ter­ak­te.“

Heu­te wür­de man nach dem, was der klei­ne Ru­dolf er­lebt hat­te, wohl von see­li­schen Spät­fol­gen spre­chen: Dass der klei­ne Kron­prinz auf­grund sei­nes schwie­ri­gen Starts emo­tio­nal in­sta­bil ist, zeigt sich früh: Er neigt zu un­kon­trol­lier­ten Ge­fühls­aus­brü­chen, ist hoch­gra­dig ner­vös und zeigt be­reits früh al­le An­zei­chen ei­ner chro­ni­schen Angs­ter­kran­kung. Vie­le Be­rich­te von Zeit­zeu­gen be-

le­gen, dass Kron­prinz Ru­dolf auch im Er­wach­se­nen­al­ter im­mer wie­der Pha­sen tie­fer Nie­der­ge­schla­gen­heit, hoch­gra­di­ger Ner­vo­si­tät und ex­trem aus­ge­präg­ter Ängst­lich­keit durch­leb­te. Auch sei­ne in­ten­si­ve Be­schäf­ti­gung mit dem Tod, die Ru­dolfs ge­sam­tes Le­ben durch­zieht, mag nicht zu­letzt den Zweck er­füllt ha­ben, die­se Ängs­te bes­ser in den Griff zu be­kom­men.

Die Mut­ter be­rei­tet der grau­sa­men Be­hand­lung des Kin­des letzt­lich doch noch ein En­de, in­dem sie ih­ren Ehe­mann vor die Wahl stellt: Ent­we­der sie er­hält die Ver­ant­wor­tung über die Er­zie­hung der Kin­der, oder sie ver­lässt Ehe­mann und Kai­ser­hof völ­lig. Kai­ser Franz Jo­seph gibt aus Lie­be zu sei­ner Frau und Angst vor ei­nem Skan­dal nach. Der grau­sa­me Er- zie­her wird ab­ge­setzt, Kai­se­rin Eli­sa­beth be­ruft neu­es, fä­hi­ges Per­so­nal, das sich von nun an um den künf­ti­gen Kai­ser zu küm­mern hat: Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren und Volks­schul­leh­rer, die bes­ten ih­rer Zunft, und al­le ent­stam­men dem Bür­ger­tum. Sie un­ter­rich­ten den Kron­prin­zen bis zu sei­ner Voll­jäh­rig­keit, die Art und Wei­se, wie sie dies tun, kommt am Wie­ner Hof ei­ner Re­vo­lu­ti­on gleich. Sie we­cken im künf­ti­gen Herr­scher

nicht nur das In­ter­es­se an den po­li­ti­schen, so­zia­len und kul­tu­rel­len Zu­sam­men­hän­gen sei­nes künf­ti­gen Rei­ches, son­dern imp­fen ihm auch ei­nen tie­fen Re­spekt vor des­sen Bür­gern ein. Bis an sein Le­bens­en­de wird der Kron­prinz da­von über­zeugt sein, dass nicht die Aris­to­kra­tie, son­dern das leis­tungs­ori­en­tier­te Bür­ger­tum das Rück­grat des Staa­tes ist. Die­se Leh­rer for­men aus dem Kron­prin­zen ei­nen vor­ur­teils­frei­en Mann, der po­li­tisch dem li­be­ra­len La­ger zu­zu­rech­nen ist.

Die­se al­ter­na­ti­ve Aus­bil­dung führt aber zu schwe­ren Kon­flik­ten mit Ru­dolfs Um­welt und schafft ei­nen le­bens­lan­gen, un­lös­ba­ren Kon­flikt: Denn der Kron­prinz passt nun nicht mehr in das Mi­lieu, in dem er sich be­we­gen muss und dem er auch nicht ent­kom-

men kann. Sei­ne Er­zie­hung hat ihn zum Fremd­kör­per am Wie­ner Hof ge­macht. Als sei­ne Aus­bil­dung of­fi­zi­ell ab­ge­schlos­sen ist, wer­den sei­ne Leh­rer mit ei­nem gol­de­nen Hand­shake ab­ge­fun­den, wei­te­ren Kon­takt will der Hof kei­nen mehr. Zu­rück bleibt ein jun­ger, un­rei­fer Mann, der sei­ner Um­ge­bung sei­ne li­be­ra­len An­sich­ten ge­ra­de­zu ins Ge­sicht schleu­dert und je­ne Men­schen pro­vo­ziert, die die höchs­ten Pos­ten in der Po­li­tik, in der Ar­mee und bei Hof stel­len. Er schafft sich da­durch mäch­ti­ge Fein­de, oh­ne selbst über ein star­kes, ein­fluss­rei­ches Netz­werk zu ver­fü­gen.

Der Kron­prinz lei­det au­ßer­dem am so­ge­nann­ten „Thron­fol­gerSyn­drom“: Sein Va­ter lässt ihn nicht an den Re­gie­rungs­ge­schäf­ten teil­ha­ben – ei­ne Pra­xis, un­ter der al­ler­dings auch die Thron­fol­ger an­de­rer Naio­nen lei­den. Ru­dolf muss mit an­se­hen, wie der Va­ter po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen trifft, die er selbst nicht gut­heißt, wie der Va­ter Be­ra­tern Ge­hör schenkt, die er selbst ab­lehnt. Ru­dolfs ei­ge­ne Ver­trau­te sind ent­we­der Frei­geis­ter wie er, von de­nen es in der Fa­mi­lie nur we­ni­ge gibt, oder Jour­na­lis­ten und Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker. Je äl­ter er wird, des­to mehr wird dem Kron­prin­zen sei­ne schwie­ri­ge Po­si­ti­on bei Hof be­wusst, er fühlt sich bald nur noch von Fein­den um­ge­ben.

Kron­prinz Ru­dolfs in­nen- und au­ßen­po­li­ti­sche An­sich­ten, die sich so sehr von der of­fi­zi­el­len Po­li­tik sei­nes Va­ters un­ter­schei­den, kann er nur in sei­ner pri­va­ten Kor­re­spon­denz of­fen aus­spre­chen. Sei­nen Är­ger über die ös­ter­rei­chi­sche Au­ßen­po­li­tik, vor al­lem sei­nen Är­ger über das Bünd­nis mit dem deut­schen Kai­ser­reich, macht er in vie­len an­ony­men Zei­tungs­ar­ti­keln Luft. Ru­dolf ist ein glü­hen­der Pa­tri­ot, doch die Zu­kunft der Habs­bur­ger­mon­ar­chie sieht er düs­ter. Er fürch­tet den auf­kom­men­den Na­tio­na­lis­mus, der das un­wei­ger­li­che En­de der mul­ti­na­tio­na­len Habs­bur­ger­mon­ar­chie be­deu­tet. Dass er kei­nen Ein­fluss auf die Re­gie­rung sei­nes Va­ter hat, dass er ge­gen die sei­ner Mei­nung nach un­fä­hi­gen Be­ra­ter sei­nes Va­ters nicht an­kommt, ver­bit­tert ihn zu­neh­mend.

Auch wenn er kei­ne ei­ge­ne po­li­ti­sche Agen­da hat, durch sei­ne viel­fäl­ti­gen Auf­ga­ben ist Ru­dolf fest in die „Fir­ma Habs­burg“ein­ge­bun­den. Trotz al­ler Kri­tik am Hof, sei­ne Pflich­ten als Sohn des Kai­sers ab­sol­viert Ru­dolf hoch dis­zi­pli­niert.

Der Kron­prinz ist Ge­ne­ral­in­spek­tor der In­fan­te­rie der k. u. k. Ar­mee und muss in die­ser Po­si­ti­on Ma­nö­ver ab­sol­vie­ren, In­spek­ti­ons­rei­sen über­neh­men und an re­gel­mä­ßi­gen Sit­zun­gen teil­neh­men. Da­zu kommt ei­ne Viel­zahl an re­prä­sen­ta­ti­ven Auf­ga­ben: Ru­dolf über­nimmt in Ver­tre­tung sei­nes Va­ter öf­fent­li­che Auf­trit­te, muss bei Staats­be­su­chen an der Sei­te des Kai­sers auf­tre­ten, und ge­sell­schaft­li­che Pflicht­ter­mi­ne ab­sol­vie­ren: Er er­öff­net Aus­stel­lun­gen, nimmt an Kul­tur­aus­schüs­sen teil und ver­schafft Wohl­tä­tig­keits­ver­an­stal­tun­gen durch sei­ne An­we­sen­heit die nö­ti­ge Auf­merk­sam­keit.

Ru­dolfs pri­va­te Lei­den­schaft gilt der Zoo­lo­gie, sein Spe­zi­al­ge­biet ist die Or­ni­tho­lo­gie. Er hät­te ger­ne ein Stu­di­um ab­sol­viert, für den Kai­ser ist ein Kron­prinz an der Uni­ver­si­tät, noch da­zu ein Vo­gel­kund­ler, je­doch un­vor­stell­bar und mit der Wür­de des Kai­ser­hau­ses nicht ver­ein­bar. Ru­dolfs zwei­te Lei­den­schaft ist die Jagd, ein Ver­gnü­gen, das als stan­des­ge­mäß gilt und ei­ne der we­ni­gen In­ter­es­sen, die ihn mit sei­nem Va­ter ver­bin­det.

Das Ur­teil der Zeit­ge­nos­sen über den Kron­prin­zen ist ge­spal­ten: In der Be­völ­ke­rung war Ru­dolf un­ge­mein be­liebt, er misch­te sich in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den un­ter das Volk, be­such­te Heu­ri­gen­lo­ka­le und kut­schier­te al­lei­ne durch Wien. Er traf sich mit For­schern, Jour­na­lis­ten und Mu­si­kern. Da der Kron­prinz flie­ßend un­ga­risch und tsche­chisch sprach, konn­te er auch in den Kron­län­dern mit den Men­schen in Kon­takt tre­ten, was er oft und aus­gie­big tat. Die Trau­er über sei­nen Tod war in der Be­völ­ke­rung dem­ent­spre­chend groß. In den Er­in­ne­run­gen sei­ner bür­ger­li­chen Zeit­ge­nos­sen wird über Ru­dolf aus­schließ­lich po­si­tiv be­rich­tet: Er wur­de als ex­trem höf­li­cher, char­man­ter Mann mit per­fek­ten Ma­nie­ren und gro­ßem In­ter­es­se an Mit­men­schen be­schrie­ben. In den Er­in­ne­run­gen der Aris­to­kra­tie kommt Ru­dolf da­ge­gen durch­ge­hend schlecht weg, selbst über sei­nen tra­gi­schen Tod fin­den sich vie­le zy­ni­sche, bei­ßen­de Ur­tei­le. Aus den vie­len Be­rich­ten über die Per­sön­lich­keit des Kron­prin­zen lässt sich ein in­tel­lek­tu­el­ler Mann her­aus­fil­tern, der in ni­veau­vol­len Dis­kus­sio­nen ei­nen bril­lan­ten Geist zum Bes­ten ge­ben konn­te. Je­ne Men­schen, die nicht sei­ner po­li­ti­schen An­sicht wa­ren, konn­te er durch süf­fi­san­te Be­mer­kun­gen bis aufs Blut rei­zen. Ein Hang zur In­tri­ge war ihm nicht ab­zu­spre­chen, und Di­plo­ma­tie war nie­mals sei­ne Stär­ke – was sei­nen Va­ter da­zu brach­te, ihn noch mehr von der Po­li­tik fern­zu­hal­ten.

Weil Ru­dolf so gar nicht ins gän­gi­ge Sche­ma pass­te und früh starb, setz­te die Le­gen­den­bil­dung schnell ein: Ei­ni­ges wur­de über­in­ter­pre­tiert, man­ches dä­mo­ni­siert, vie­les nicht in den rich­ti­gen Kon­text ge­setzt. Ru­dolf wur­de so zum My­thos, zum Re­bell der Habs­bur­ger. Die Wahr­heit liegt, wie so oft, wohl in der Mit­te.

Oben: Kron­prinz Ru­dolf im Al­ter von vier Jah­ren.

Links: Zeich­nung des klei­nen Prin­zen, Ru­dolf war ein be­gab­ter Zeich­ner und hielt vie­le Er­leb­nis­se mit Tin­te und Stif­ten fest. Un­ten: Zeug­nis­se ei­ner Kind­heit in gro­ßem äu­ßer­li­chen Lu­xus: Ru­dolfs präch­ti­ge Wie­ge aus Edel­holz.

Da­ne­ben: ein ex­quis­tes Pick­nick-set.

Ein Fo­to, das Ru­dolfs Kin­der­le­ben wie­der­gibt: Der Zwei­jäh­ri­ge ist um­ge­ben von sei­ner Kin­der­frau, sei­nem Kam­mer­per­so­nal und – zu­min­dest hin und wie­der – von sei­nem Va­ter (3.v.li.). Die Mut­ter fehlt.

Va­ter und Sohn in Jag­d­ad­jus­tie­rung.

Der Kron­prinz soll­te nach dem Wil­len des Va­ters vor al­lem ein gu­ter Sol­dat und Jä­ger wer­den. Ru­dolfs In­ter­es­se an der Wis­sen­schaft nahm der Kai­ser nicht ernst, ein Stu­di­um an der Uni­ver­si­tät wur­de ihm ver­bo­ten.

Oben: Der fünf­jäh­ri­ge Ru­dolf mit sei­ner Kat­ze. Dar­un­ter: Das Spiel­zim­mer des klei­nen Kron­prin­zen. Rechts: Kron­prinz Ru­dolf im Al­ter von 18 Jah­ren. Nach dem En­de sei­ner schu­li­schen Aus­bil­dung wur­den sei­ne ge­lieb­ten Leh­rer vom Hof ge­schickt. Zu­rück blieb ein un­si­che­rer jun­ger Mann, der oft und ger­ne an­eck­te.

Links: Ru­dolfs jüngs­te Schwes­ter Ma­rie Va­le­rie, auf die er zeit­le­bens ei­fer­süch­tig war. Rechts: Der drei­jäh­ri­ge Kron­prinz mit sei­ner äl­te­ren Schwes­ter

Gi­se­la. Sie war in sei­ner Kind­heit sei­ne engs­te Be­zugs­per­son.

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