. . . DER AN­DE­RE KRON­PRINZ

Geschichte - - DER ANDERE KRONPRINZ -

Kupp­le­rin­nen ver­sor­gen Ru­dolf mit Mäd­chen, Staats­be­su­che en­den in dis­kre­ten Eta­blis­se­ments. Der Kron­prinz nutzt sei­ne en­gen Kon­tak­te zur Halb­welt auch, um po­li­ti­sche Geg­ner aus­zu­spio­nie­ren. Da­bei wird er selbst Op­fer von be­zahl­ten Agen­ten.

Heu­te Abend am Be­ginn der Kas­ta­ni­en­al­lee blon­des Fräu­lein lang ge­spro­chen, sie für mor­gen halb acht wie­der vor den Stall be­stellt, mor­gen für 20 Gul­den tut sie al­les.“Es ist ei­ne un­da­tier­te No­tiz des jun­gen Kron­prin­zen Ru­dolf, die er in ein klei­nes Büch­lein ein­trägt. In ei­nem an­de­ren Ein­trag no­tier­te er die fi­nan­zi­el­len Ver­hand­lun­gen mit ei­ner an­de­ren käuf­li­chen Da­me. Dass sich der Er­be des alt­ehr­wür­di­gen Habs­bur­ger­thro­nes in den frü­hen Mor­gen­stun­den oder bei Ein­bruch der Nacht in den Pra­ter­au­en her­um­treibt, um „Bord­stein­schwal­ben“auf­zuga­beln, mag bei Ru­dolfs Her­kunft ver­wun­dern. Doch ge­nau das wird

von ein­fluss­rei­chen Krei­sen des Wie­ner Ho­fes ge­zielt ge­för­dert. Der in­tel­lek­tu­el­len Früh­rei­fe Ru­dolfs, sei­nem kri­ti­schen Geist und vor al­lem sei­ner „bür­ger­li­che“Er­zie­hung muss nach Mei­nung von Ru­dolfs Hof­staat kräf­tig ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den. Ero­ti­sche Aben­teu­er sind die bes­te Ablen­kung von zu viel – und zu schäd­li­cher – geis­ti­ger Tä­tig­keit. Je mehr sich der Kron­prinz bei der Jagd nach flüch­ti­gen Aben­teu­ern ver­aus­gabt, des­to we­ni­ger Zeit wird er für sei­ne „un­ge­sun­den“in­tel­lek­tu­el­len Stu­di­en ha­ben.

Ru­dolf wird von sei­nem per­sön­li­chen Oberst­hof­meis­ter – Graf Karl („Char­ly“) Bom­bel­les, ei­nem be­kann­ten Le­be­mann – ganz ge­zielt in die Pro­sti­tu­ier­ten­sze­ne ein­ge­führt – mit Wis­sen und Bil­li­gung des Wie­ner Ho­fes. Und er lernt schnell. In sei­nen spä­te­ren Jah­ren gibt er sich we­der mit Stra­ßen­pro­sti­tu­ier­ten zuf­rie­den, noch war ihm die Be­geg­nung mit ei­ner „Gr­a­ben­nym­phe“ei­nen schrift­li­chen Ver­merk wert. Der Kron­prinz greift nun lie­ber auf ex­qui­si­te Lu­xus-call­girls zu­rück. Ru­dolf kommt in Kon­takt mit „Ma­dame“Jo­han­na Wolf, der um­trie­bigs­ten und vor­nehms­ten Zu­häl­te­rin ih­rer Zeit. Sie hat­te den ex­klu­sivs­ten Call­girl-ring ih­rer Zeit auf­ge­zo­gen und ver­mit­telt ge­gen viel Geld die hüb­sches­ten und pi­kan­tes­ten Mäd­chen. Ru­dolf weiß ih­re Di­ens­te zu schät­zen. Und er weiß zu schät-

Ru­dolf wur­de früh von sei­ner Um­ge­bung da­zu an­ge­hal­ten, sich mit ero­ti­schen Abend­teu­ern von sei­nen in­tel­lek­tu­el­len Stu­di­en ab­zu­len­ken – ge­sund­heit­li­che Fol­gen wur­den in Kauf ge­nom­men.

zen, dass Ma­dame ih­re ho­hen Kun­den von ih­ren Mäd­chen aus­hor­chen lässt. Ge­zielt führt der Kron­prinz aus­län­di­schen Staats­gäs­ten, vor al­lem den eu­ro­päi­schen Thron­fol­gern, Mäd­chen aus dem Call­girl-ring zu, die ih­rer Ma­dame er­zäh­len müs­sen, wel­che In­for­ma­tio­nen sie aus ih­ren ho­hen Kun­den her­aus­kit­zeln konn­ten. Jo­han­na Wolf hat die­se In­for­ma­tio­nen dann dem Kron­prin­zen – ge­gen Geld – wei­ter­ver­mit­telt. Was Ru­dolf je­doch nicht weiß: Ma­dame ist ei­ne Dop­pel­agen­tin. Denn sie gibt die In­for­ma­tio­nen ih­rer Mäd­chen auch an Agen­ten des preu­ßi­schen Ge­heim­diens­tes wei­ter. Wäh­rend Kup­pe­lei sonst un­ter schwe­rer Stra­fe steht, ge­nießt Ma­dame Wolf so­gar den Schutz des ös­ter­rei­chi­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten – der sich eben­falls über Kron­prinz Ru­dolf be­rich­ten lässt. Wäh­rend der Kron­prinz ge­gen viel Geld sei­ne po­li­ti­schen Geg­ner aus­hor­chen lässt, sam­melt der Mi­nis­ter­prä­si­dent sei­ne Be­schwer­den über die ös­ter­rei­chi­sche Au­ßen- und die Bünd­nis­po­li­tik sei­nes Va­ters. Ru­dolf, den künf­ti­gen Kai­ser, mach­ten sei­ne en­gen Kon­tak­te in die Halb­welt ver­wund­bar, sei­ne in­dis­kre­ten Äu­ße­run­gen zur kai­ser­li­chen Po­li­tik lie­fern sei­nen Geg­nern – zu de­nen auch der Mi­nis­ter­prä­si­dent ge­hört – Mu­ni­ti­on.

Die Kupp­le­rin Ma­dame Wolf spielt aber noch aus ei­nem an­de­ren Grund ei­ne Rol­le in Ru­dolfs Le­ben. Denn sie ver­mit­telt dem Kron­prin­zen je­ne Frau, die Ru­dolfs gro­ße Lie­be wer­den soll­te. Das Call­girl Ma­ria Cas­par.

Dass Ru­dolf ihr sein Herz ge­schenkt hat­te, wuss­te so­gar sei­ne Ehe­frau. Sie sag­te spä­ter auf die Fra­ge, ob ihr Mann Ma­ry Vet­s­e­ra ge­liebt hat­te. Wer war schon die Vet­s­e­ra? Die Nacht vor Mayerling hat er mit der größ­ten Ko­kot­te von Wien ver­bracht!“

„Bord­stein­schwal­ben“oder „Gr­a­ben­nym­phen“nann­te man Wi­ens leich­te Mäd­chen. Der Kron­prinz ver­han­delt den Preis für ih­re Di­ens­te meist selbst.

Lil­ly Lang­try, ei­ne der vie­len be­kann­ten Kur­ti­sa­nen mit Kund­schaft in höchs­ten Krei­sen. Die Bri­tin Lil­ly war die Dau­er­freun­din des bri­ti­schen Thron­fol­gers Ed­ward, des spä­te­rern Kö­nig Ed­ward VII), ei­nem Freund des Kron­prin­zen. Auch Ru­dolf soll mit der schö­nen Mrs. Lang­try ver­trau­te St­un­den ver­bracht ha­ben.

Frau­en wur­den dem Kron­prin­zen ge­ra­de­zu an­ge­tra­gen. Ru­dolfs Oberst­hof­meis­ter weih­te den 18-Jäh­ri­gen in al­le Fa­cet­ten der käuf­li­chen Lie­be ein. Aus Ru­dolf wur­de schnell ein Ken­ner der Sze­ne.

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