MA­RY VET­S­E­RAS FA­MI­LIE…

Geschichte - - NIEMAND WEISS, WOHER SIE KOMMEN -

Sie sind die schil­lernds­ten neu­rei­chen Auf­stei­ger der Ring­stra­ßen­zeit. Ma­ry Vet­s­e­ras Fa­mi­lie kämpft mit al­len Mit­teln um ei­nen Platz in der Hof­ge­sell­schaft. Da­für schreckt Ma­rys Mut­ter nicht ein­mal vor Af­fä­ren mit Mit­glie­dern der kai­ser­li­chen Fa­mi­lie zu­rück.

Kai­ser Franz Jo­seph auf dem Hof­ball. Ma­ry Vet­s­e­ras Fa­mi­lie durf­te nicht bei Hof er­schei­nen, denn sie ge­hör­te nicht zur Aris­to­kra­tie.

Sie ist das reichs­te Mäd­chen von Kon­stan­ti­no­pel“, schreibt der 36jäh­ri­ge Di­plo­mat Al­bin Vet­s­e­ra in sein Hei­rats­ge­such. Er muss, so wie al­le ös­ter­rei­chi­schen Be­am­ten der k.u.k. Zeit, erst die Er­laub­nis sei­nes obers­ten Vor­ge­setz­ten ein­ho­len, be­vor er sich ver­hei­ra­ten darf. Der Ver­mäh­lung des k.u.k. Di­plo­ma­ten mit der mil­lio­nen­schwe­ren Er­bin stimmt das Mi­nis­te­ri­um des Äu­ße­ren selbst­ver­ständ­lich zu. Und so ent­steht nun im kai­ser­li­chen Wien ei­ne in­ter­na­tio­nal ver­netz­te Fa­mi­lie, de­ren Schick­sal künf­tig auf tra­gi­sche Wei­se für im­mer mit der kai­ser­li­chen Fa­mi­lie ver­bun­den sein wird.

Das rei­che Mäd­chen, das der Be­am­te nach Wien heim­führt, ist die sech­zehn­jäh­ri­ge He­le­ne Bal­taz­zi. Sie stammt aus ei­ner ve­ne­zia­nisch-grie­chi­schen Händ­ler­dy­nas­tie, die sich auf der eu­ro­päi­schen Sei­te Kon­stan­ti­no­pels an­ge­sie­delt und ein Ver­mö­gen mit Han­del, An­lei­hen und Ein­nah­men aus Pacht- und Maut­ab­ga­ben er­wirt­schaf­tet hat. Es ist ei­ne klas­si­sche Ver­nunft­ehe. We­der ist die Braut in den zwan­zig Jah­re äl­te­ren Be­am­ten ver­liebt, noch hät­te der Bräu­ti­gam ein Mäd­chen aus Kon­stan­ti­no­pel ge­hei­ra­tet, wenn sie nicht ei­ne rie­si­ge Mit­gift mit­ge­bracht hät­te. Bei­de ha­ben ih­ren Vor­teil aus die­ser ehe­li­chen Al­li­anz: Al­bin Vet­s­e­ra braucht sich um Geld kei­ne Sor­gen mehr zu ma­chen und kann sich in Ru­he sei­ner Kar­rie­re im di­plo­ma­ti­schen Di­enst wid­men. He­le­ne Vet­s­e­ra hat die Aus­sicht, sich in der mon­dä­nen kai­ser­li­chen Re­si­denz­stadt ei­ne ge­sell­schaft­li­che Po­si­ti­on an der Sei­te ei­nes an­ge­se­he­nen Be­am­ten zu er­obern. Denn ihr Ehe­mann wird kurz nach der Hei­rat so­gar in den Frei­her­ren­stand er­ho­ben. Die Fa­mi­lie Vet­s­e­ra darf jetzt ein „von“im Na­men füh­ren und sich mit „Ba- ron“und „Ba­ro­nin“ti­tu­lie­ren las­sen.

In je­nen Jah­ren, in de­nen die jun­ge He­le­ne Vet­s­e­ra nach Wien kommt, ent­fal­tet sich in der Re­si­denz­stadt ge­ra­de ei­ne High So­cie­ty, die es so vor­her noch nie ge­ge­ben hat­te. Es ist die Ära des neu­en Gel­des. Wer jetzt tüch­tig ist, an­pa­cken kann und ein gu­tes Ge­schäfts­mo­dell mit­bringt, kann es in kur­zer Zeit zu enor­mem Reich­tum brin­gen. Die so­ge­nann­ten Ring­stra­ßen­ba­ro­ne sind die Ge­win­ner des all­ge­mei­nen wirt­schaft­li­chen Auf­stiegs: Sie ver-

kör­pern die­se neue Auf­bruchs­zeit und mi­schen die al­ten Eli­ten ge­hö­rig auf. Be­schei­den­heit ist kei­ne Zier bei die­sen Pro­phe­ten des Gel­des. Die neue Be­deu­tung will auch ge­zeigt wer­den, ih­ren Reich­tum soll je­der se­hen, schließ­lich ist er der sicht­ba­re Grad­mes­ser ih­res sen­sa­tio­nel­len Auf­stiegs: Lu­xu­riö­se Pa­lais ent­ste­hen, die rei­chen neu­ge­adel­ten Ba­ro­ne ah­men den Stil der Aris­to­kra­ten nach und ih­re Ehe­frau­en brin­gen Pa­ri­ser Chic nach Wien.

Die Ring­stra­ßen­ge­sell­schaft strebt aber vor al­lem nach ei­nem: Man will An­er­ken­nung von der so­ge­nann­ten „Hof­ge­sell­schaft“, der al­ten Aris­to­kra­tie; je­ne Men­schen, die die be­rühm­ten sech­zehn hoch­ade­li­gen Vor­fah­ren vor­wei­sen kön­nen, die man braucht, um zum Kai­ser­hof ge­la­den zu wer­den. Und auch wenn vie­le der Ring­stra­ßen­mil­lio­nä­re ei­nen nie­de­ren Adels­ti­tel als An­er­ken­nung ih­res wert­vol­len Bei­trags zur ös­ter­rei­chi­schen Wirt­schaft er­hiel­ten, tut sich die al­te Eli­te doch schwer mit die­sen „Nou­veaux ri­ches“, de­ren El­tern oft noch ein­fa­che Händ­ler ge­we­sen sind. Ge­sell­schaft­li­che An­er­ken­nung woll­te man ih­nen nicht zu­ge­ste­hen, völ­lig igno­rie­ren konn­te man sie – und lei­der auch ihr Geld – aber auch nicht.

Mit­ten drin­nen in die­ser Ge­sell­schaft der er­folg­rei­chen Mi­gran­ten und neu­rei­chen Ba­ro­ne ist He­le­ne Vet­s­e­ra, die zwar kein Ring-stra­ßen­pa­lais ihr Ei­gen nennt, aber sich zu­min­dest ei­nes mie­ten kann. Mit dem Be­am­ten­ge­halt ih­res Man­nes wä­re das nie mög­lich ge­we­sen, doch He­le­ne Vet­s­e­ras Aus­schüt­tun­gen aus dem Ver­mö­gen ih­rer Fa­mi­lie er­mög­li­chen es, in Wi­ens fei­nem Di­plo­ma­ten­vier­tel, un­weit der Ring­stra­ße, zu re­si­die­ren. Mut­ter Vet­s­e­ra hat nur ein Ziel vor Au­gen: Sie will ei­ne Po­si­ti­on in der fei­nen Ge­sell­schaft und sie will, dass ih­re Kin­der – vier soll­ten es ins­ge­samt wer­den – Teil der hie­si­gen Aris­to­kra­tie wer­den. Da­für tut sie al­les: Sie gibt ein Ver­mö­gen aus, um ei­nen stan­des­ge­mä­ßen Le­bens­stil zu pfle­gen und schreckt auch vor Af­fä­ren nicht zu­rück, wenn die­se sie ge­sell­schaft­lich wei­ter­brin­gen. Man tu­schelt so­gar über ei­ne in­ti­me Be­zie­hung zu Erz­her­zog Wil­helm und da die­ser auch re­gel­mä­ßig bei Ma­dame Vet­s­e­ras Emp­fän­gen er­scheint, dürf­te an die­sen Ge­rüch­ten et­was dran sein. Spä­ter, nach der Tra­gö­die von Mayerling, will man es „im­mer schon ge­wusst“ha­ben. Man fand Ma­dame Vet­se- ra im­mer schon „sho­cking“, auch wenn man ih­re er­le­se­nen Soi­re­en und Bäl­le stürm­te, schließ­lich galt He­le­ne Vet­s­e­ra als bes­te und groß­zü­gigs­te Gast­ge­be­rin des neu­en Geld­adels.

Die wich­tigs­ten Tür­öff­ner für Ma­rys Mut­ter sind je­doch ih­re vier Brü­der, die sich eben­falls in der kai­ser­li­chen Re­si­denz­stadt Wien an­ge­sie­delt ha­ben: Alex­an­der, Hec­tor, Aris­ti­de und Hen­ry Bal­taz­zi. Al­le gut­aus­se­hen­de char­man­te Dan­dys mit schein­bar un­ver­sieg­ba­ren Geld­quel­len. Sie

schaf­fen es, durch ih­ren ex­zel­len­ten Ruf im Pfer­de­sport – sie be­sit­zen ed­le Ge­stü­te und ge­hö­ren zu den bes­ten Her­ren­rei­tern ih­rer Zeit – in den eli­tä­ren Jo­ckey­club auf­ge­nom­men zu wer­den. Hier, im ed­len Club­am­bi­en­te, frön­ten die Män­ner der Aris­to­kra­tie ih­rer Lei­den­schaft für Pfer­de­ren­nen, Wet­ten und dem Plausch mit Ih­res­glei­chen. Die Bal­taz­zi-brü­der sind gern­ge­se­he­ne Club­mit­glie­der, von ih­ren Kon­tak­ten pro­fi­tiert auch Ma­rys Mut­ter.

Die Bal­taz­zi-brü­der ver­such­ten auch über die gu­te Freun­din des Kai­sers, Ka­ta­ha­ri­na Schratt in die Nä­he der kai­ser­li­chen Fa­mi­lie zu kom­men. Als der Kai­ser da­von er­fährt, re­agier­te er ge­reizt und schreibt sei­ner Freun­din: „Hec­tor Bal­taz­zi hat, ob­wohl ich selbst mit­un­ter mit ihm spre­che und auch die Kai­se­rin in frü­he­rer Zeit mit ihm und sei­ner Frau ver­kehr­te, kei­nen ganz kor­rek­ten Ruf in Renn- und Geld­an­ge­le­gen­hei­ten… Ge­nau ken­ne ich die­se Ver­hält­nis­se nicht, und ich möch­te ihm nicht scha­den und so bit­te ich Sie da­her drin­gend, ja kei­nen Ge­brauch von mei­ner Be­mer­kung zu ma­chen. Ich könn­te ihm, selbst im Halb­dun­kel des frü­hes­ten Mor­gens, kei­ne Sa­tis­fak­ti­on ge­ben.“Mit dem def­ti­gen Hin­weis auf die feh­len­de „Sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig­keit“sprach der Kai­ser den Bal­taz­zis klipp und klar die Eh­re ab, Edel­män­ner zu sein. Es gab zu die­ser Zeit kein ver­nich­ten­de­res Ur­teil, als ei­nen Mann für nicht du­ell­wür­dig zu er­klä­ren.

Dass die Fa­mi­lie Vet­s­e­ra-bal­taz­zi auf die al­te Aris­to­kra­tie und die kai­ser­li­che Fa­mi­lie auf­dring­lich ge­wirkt hat, liegt auf der Hand. Doch hin­ter der Wei­ge­rung der fei­nen Ge­sell­schaft, wirt­schaft­lich er­folg­rei­chen Mi­gran­ten ge­sell­schaft­li­che An­er­ken­nung zu­kom­men zu las­sen, steck­te auch ein gro­ßes Maß In­to­le­ranz der al­ten Eli­te. In ih­ren Au­gen streb­ten die neu­rei­chen Ring­stra­ßen­ba­ro­ne ei­nen Platz an der Son­ne an, der ih­nen ih­rer Her­kunft nach nicht zu­stand.

Doch moch­ten die Leu­te re­den, die ers­ten Schrit­te in der Ge­sell­schaft hat­ten die Vet­s­e­ra-bal­taz­zis er­folg­reich ge­setzt. Nun ruh­ten al­le Hoff­nun­gen auf der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on. Wer­den es die Nach­kom­men schaf­fen, sich ei­nen Platz im ge­sell­schaft­li­chen Olymp zu si­chern? Die Zu­kunft schien viel­ver­spre­chend.

Oben: Ma­rys El­tern­haus, ein Pa­lais im Wie­ner Di­plo­ma­ten­vier­tel. Un­ten: Ma­ry Vet­s­e­ras El­tern: He­le­ne und

Al­bin Vet­s­e­ra.

„Was die Frau mit Ru­dolf treibt, ist un­glaub­lich. Rei­tet ihm auf Tritt und Schritt nach. Heu­te hat sie ihm so­gar et­was ge­schenkt“, em­pör­te sich Kai­ser Franz Jo­seph über die An­nä­he­rungs­ver­su­che von Ma­ry Vet­s­e­ras Mut­ter an sei­nen da­mals 18-jäh­ri­gen Sohn. Ob He­le­ne Vet­s­e­ra ein Ver­hält­nis mit dem deut­lich jün­ge­ren Ru­dolf ge­habt hat, dar­über wird bis heu­te spe­ku­liert.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.