„KNALL­EF­FEKT DER NA­TUR“

Geschichte - - NIEMAND WEISS, WOHER SIE KOMMEN -

Die ehr­gei­zi­ge Mut­ter formt Ma­ry zum So­cie­ty­star. Doch in der fei­nen Ge­sell­schaft ist Ma­ry un­be­liebt. Die schö­ne Ba­ro­ness hat vie­le Ver­eh­rer. Doch Ma­ry will nur ei­nen: Kron­prinz Ru­dolf, den be­gehr­tes­ten Mann der Mon­ar­chie.

Sie ist der ab­so­lu­te Lieb­ling der Mut­ter. Als drit­tes Kind im Hau­se Vet­s­e­ra kommt Ma­rie Alex­an­d­ri­ne am 19. März 1871 in Wien zur Welt, sie wird ihr Le­ben lang nur „Ma­ry“ge­ru­fen wer­den. Ma­ry hat von klein auf ei­ne Son­der­stel­lung bei ih­rer Mut­ter. Sie hat aber nicht nur das Aus­se­hen, son­dern auch das Tem­pe­ra­ment ih­rer Mut­ter, in Ma­ry sieht He­le­ne Vet­s­e­ra sich selbst. Die Mut­ter um­hät­schelt ih­re Jüngs­te und ver­bie­tet sel­ten et­was. Vie­le bö­se Zun­gen wer­den spä­ter nicht zu­letzt in der man- geln­den Stren­ge der Mut­ter Mo­ti­ve für Ma­rys spä­te­res Han­deln fin­den.

Ma­ry hat drei Ge­schwis­ter. Der äl­te­re Bru­der La­dis­laus kommt im Jahr 1881 ums Le­ben, als Ma­ry ge­ra­de zehn Jah­re alt ist. Er soll­te ei­nes der Op­fer des ver­hee­ren­den Ring­thea­ter­bran­des wer­den und ist mit an­de­ren nicht iden­ti­fi­zier­ba­ren Op­fern in ei­nem Mas­sen­grab be­er­digt. Zur drei Jah­re äl­te­ren Schwes­ter Han­na steht Ma­ry in Kon­kur­renz, die Äl­te­re fühlt sich ge­gen­über Mut­ters Lieb­ling stets be­nach­tei­ligt. Dass sich Ma­ry in der Fa­mi­lie im­mer durch­setzt, be­las­tet das ge­schwis­ter­li­che Ver­hält­nis. Der Nach­züg­ler der Fa­mi­lie ist Ma­rys jüngs­ter Bru­der Franz.

Der Va­ter ist in Ma­rys Le­ben we­der prä­gend noch be­son­ders prä­sent. Al­bin Vet­s­e­ra, k. u. k Di­plo­mat aus Press­burg, ist oft mo­na­te­lang im Aus­land, wäh­rend die Mut­ter mit den Kin­dern in Wien lebt. Va­ter­er­satz sind die Brü­der der Mut­ter, der äl­tes­te Bru­der Alex­an­der über­nimmt die Rol­le des „Man­nes im Haus“wäh­rend je­ner Pha­sen, in de­nen der Fa­mi­li­en­va­ter im Aus­land weilt. Ma­ry ist, wenn auch nicht dem Na­men nach, ei­ne gan­ze Bal­taz­zi: Die Mut­ter und die On­kel prä­gen sie. Sie über­nimmt ih­ren Stil, ih­re An­sich­ten, ih­re ge­sell­schaft­li­chen Am­bi­tio­nen. Ma­rys Aus­bil­dung ist dürf­tig, selbst für den da­ma­li­gen Stan­dard hö­he­rer Töch­ter. Sie wird zu­hau­se un­ter­rich­tet und be­sucht nur für kur­ze Zeit ei­nen Un­ter­richt bei den Sa­le­sia­nern. Das Haupt­au­gen­merk der Er­zie­hung liegt auf dem Er­werb ge­sell­schaft­li­cher Fä­hig­kei­ten: Ei­ne Da­me muss mit Stil und Ge-

schmack ei­nen Sa­lon füh­ren und Kon­ver­sa­ti­on pfle­gen kön­nen.

Als Ma­ry sech­zehn ist, stirbt der Va­ter auf sei­nem letz­ten Aus­lands­pos­ten in Ägyp­ten. Ei­ne Än­de­rung im täg­li­chen Le­ben tritt für die Fa­mi­lie da­durch nicht ein, denn der Va­ter war fast nie zu Hau­se. Auch fi­nan­zi­ell än­dert sich durch den Tod des Fa­mi­li­en­ober­haup­tes nichts, denn das Geld für die auf­wän­di­ge Le­bens­füh­rung wur­de stets vom Ver­mö­gen der Mut­ter be­strit­ten.

Die Fa­mi­lie ze­le­briert ei­nen lu­xu­riö­sen Le­bens­stil, doch Teil der aris­to­kra­ti­schen Kom­tes­sen­welt ist Ma­ry den­noch nicht, sie be­wegt sich ma­xi­mal an den Rän­dern die­ser Ge­sell­schaft. Ma­ry hat zwar Um­gang mit der Ju­gend des Adels, aber sie ge­hört nicht da­zu. Kann sie auch nicht, mit ei­ner Mut­ter, die zwar reich, aber bür­ger­lich, und ei­nem Va­ter, der dem ein­fa­chen Be­am­ten­adel zu­zu­rech­nen ist. Doch die hart­nä­cki­gen Be­mü­hun­gen von He­le­ne Vet­s­e­ra, die vie­len kost­spie­li­gen Emp­fän­ge und Soi­re­en so­wie das jah­re­lan­ge Netz­wer­ken tra­gen Früch­te: Man wird ein­ge­la­den, man wird be­sucht, man wird – im­mer­hin – in höchs­ten Krei­sen ge­dul­det.

Al­le Hoff­nun­gen der Mut­ter ru­hen auf dem jüngs­ten und schöns­ten ih­rer Kin­der: Ma­ry soll er­rei­chen, was ihr selbst ver­wehrt blieb – in den Adel ein­zu­hei­ra­ten und da­mit den so­zia­len Auf­stieg der Fa­mi­lie zu ze­men­tie­ren. He­le­ne Vet­s­e­ra hat das glei­che Pro­blem wie al­le rei­chen Ring­stra­ßen­ba­ro­ne: Nur ei­ne Hei­rat in die Aris­to­kra­tie ist das Ti­cket in die ge­sell­schaft­li­che Eli­te. Doch die Aris­to­kra­tie mau­ert ge­gen die­se Ver­su­che der „Nou­veaux Ri­ches“, man dul­det zwar die­se amü­san­ten und groß­zü­gi­gen Gast­ge­ber, ver­spürt aber kei­ne Lust, sich mit ih­nen fa­mi­li­är zu ver­bin­den.

Mut­ter He­le­ne macht ih­re Toch­ter zum Ge­spräch der Ge­sell­schaft. Sie pflegt und hält gu­ten Kon­takt zu Wi­ens So­cie­ty­Jour­na­lis­ten, sie füt­tert die Re­dak­teu­re mit In­for­ma­tio­nen über die hüb­sche Toch­ter und steckt ih­nen die Gäs­te­lis­ten ih­rer Soi­re­en zu. Die Jour­na­lis­ten sind dank­bar für die­ses Ent­ge­gen­kom­men und be­rich­ten über Emp­fän­ge und Soi­re­en im Haus Vet­s­e­ra. Die Aris­to­kra­tie hält sich von Jour­na­lis­ten fern, für die neu­ge­adel­ten ge­sell­schaft­li­chen Auf­stei­ger sind sie Ver­bün­de­te. Ei­ne Hand wäscht die an­de­re: Die Re­dak­teu­re der Ge­sell­schafts­blät­ter bau­en Ma­ry zum Co­ver­girl auf, kei­ne jun­ge Da­me der Ge­sell­schaft ist in die­sem jun­gen Al­ter

so oft und so re­gel­mä­ßig auf dem Ti­tel des „Sa­lon­blatts“, dem wich­tigs­ten So­cie­ty­blatt, das über Hoch­zei­ten, Ball­be­su­che, Gra­de­ro­be, Jag­den und Rei­sen der Schö­nen und Rei­chen be­rich­tet. Be­reits seit ih­rem drei­zehn­ten Le­bens­jahr wird über Ma­ry be­rich­tet: Sie sei ei­ne „Zier­de der Ge­sell­schaft“. Und seit ih­rem sech­zehn­ten Ge­burts­tag hat Ma­ry ei­nen fi­xen Platz in der So­cie­ty­ru­brik. Die Ba­ro­ness wird für ih­ren Klei­der­stil ge­lobt, ihr Gar­de­ro­be aus­führ­lich be­schrie­ben und ihr blen­den­des Aus­se­hen her­vor­ge­ho­ben.

Die üp­pi­ge Be­richt­er­stat­tung über Ma­ry Vet­s­e­ra steht in kei­nem Ver­hält­nis zur ge­sell­schaft­li­chen Po­si­ti­on ih­rer Fa­mi­lie und ist ein si­che­res Zei­chen da­für, dass die Mut­ter Ma­ry ge­zielt in der Pres­se po­si­tio­niert. Ob al­ler­dings die Mit­tel, die He­le­ne Vet­s­e­ra an­wen­det, die Rich­ti­gen sind, um ans Ziel zu kom­men, ist frag­lich, denn für den Ge­schmack der fei­nen Ge­sell­schaft ist

In ih­rem Jung­mäd­chen­zim­mer träumt Ma­ry von ih­rem Mär­chen­prin­zen Ru­dolf. Sie setzt al­les dar­an, den Kron­prin­zen für sich zu ge­win­nen.

Ma­ry viel zu prä­sent in den So­cie­ty-blät­tern. No­b­le Zu­rück­hal­tung kann sich Ma­rys Mut­ter aber nicht leis­ten – denn die ge­sell­schaft­li­che Po­si­ti­on der Fa­mi­lie ist wa­cke­lig. Ge­lingt der Auf­stieg in den Adel durch ei­ne Hei­rat ih­rer Toch­ter nicht, wa­ren die Vor­ar­beit und der fi­nan­zi­el­le Ein­satz ei­ner gan­zen Ge­ne­ra­ti­on um­sonst.

Ma­rys In­ter­es­sen be­schrän­ken sich auf Mo­de und den Pfer­de­sport. Von Pfer­den ver­steht sie ei­ne Men­ge, schließ­lich hat sie be­reits von Kind­heit an mit ih­rer Mut­ter und den be­rühm­ten On­keln die Zeit am Renn­platz ver­bracht. Ma­ry wird als ro­man­tisch, ex­zen­trisch, ex­trem selbst­be­wusst, aber auch als un­ge­bil­det und tö­richt be­schrie­ben. In den Er­in­ne­run­gen ih­rer Zeit­ge­nos­sen kommt Ma­ry schlecht weg: Sie sei auf­dring­lich ge­we­sen, ha­be zu viel ge­flir­tet, sei ein „Flitt­chen“ge­we­sen. Bei der zum Teil bei­ßen­den Kri­tik, die nach der Tra­gö­die von Mayerling ein­ge­setzt hat, ist aber auch ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Neid im Spiel. Denn Ma­ry kommt beim männ­li­chen Ge­schlecht gut an und hat vie­le Ver­eh­rer, das ist vie­len Kom­tes­sen aus gu­tem Haus ein Dorn im Au­ge. Ma­ry wird als ei­ne „ras­si­ge“Er­schei­nung be­schrie­ben. Mit ih­rem dunk­len Teint, ih­rem tief­schwar­zen Haar und ih­ren blau­en Au­gen gilt sie als Schön­heit.

Seit Jah­ren hat Mut­ter He­le­ne auf den Tag hin­ge­ar­bei­tet, an dem Ma­rys of­fi­zi­el­ler Ein­tritt in die Ge­sell­schaft er­folgt und der si­gna­li­siert, dass ein Mäd­chen nun of­fi­zi­ell in den Hei­rats­markt ein- ge­tre­ten ist. Die Er­war­tun­gen der Mut­ter sind hoch, ob Ma­ry sie als Druck emp­fun­den hat, ist nicht be­kannt. So wie die Mut­ter ihr Le­ben lang den Um­gang mit hoch­ge­stell­ten Män­nern ge­sucht und ge­pflegt hat, so er­mun­tert sie nun die Toch­ter, es ihr gleich zu tun. Der Plan der Mut­ter geht lang­sam auf: Es zei­gen sich so­gar ers­te ade­li­ge Be­wer­ber um Ma­rys Hand. Ei­ner da­von ist Prinz Mi­guel von Bra­gan­za, ein ent­fern­ter Ver­wand­ter und Freund des Kron­prin­zen. Der jun­ge Wit­wer macht Ma­ry den Hof und kommt öf­ter zum Tee vor­bei. Er wä­re ei­ne Traum­par­tie für ei­ne halb­bür­ger­li­che Ba­ro­ness aus dem Be­am­ten­adel.

Doch in Ma­rys Kopf spukt längst ein an­de­rer her­um: Kron­prinz Ru­dolf. Ma­ry ent­wi­ckelt ei­ne Kron­prin­zenVer­eh­rung, die an Stal­king grenzt. Sie sam­melt je­de In­for­ma­ti­on über den An­ge­be­te­ten, sie sam­melt Bil­der und Zei­tungs­ar­ti­kel von ihm und quetscht je­den Ver­wand­ten und Be­kann­ten aus, der et­was über den Kron­prin­zen wis­sen könn­te. An den be­kann­ten Rou­ten, die der Wa­gen des Kron­prin­zen im­mer nimmt, pos­tiert sie sich und hofft, die Bli­cke Ru­dolfs auf sich zu zie­hen.

Im letz­ten Som­mer vor ih­rem Tod reist Ma­ry mit der Fa­mi­lie nach Lon­don und Paris und in das mon­dä­ne Kur­bad Bad Hom­burg. Ma­ry ist nur wi­der­wil­lig mit­ge­fah­ren, sie hat Angst, ein zu­fäl­li­ges Zu­sam­men­tref­fen mit Kron­prinz Ru­dolf zu ver­pas­sen und kann es kaum er­war­ten, in die kai­ser­li­che Re­si­denz­stadt zu­rück­zu­keh­ren. In der ers­ten Sep­tem­ber­wo­che 1888 ist die Fa­mi­lie Vet­s­e­ra wie­der zu­rück in Wien. Und Ma­ry hat ei­ne Ent­schei­dung ge­trof­fen – sie wird den Kron­prin­zen für sich ge­win­nen. Sie setzt al­les dar­an, in die Nä­he Ru­dolfs zu ge­lan­gen.

Links: Ma­ry mit drei­zehn bei ei­nem Mas­ken­ball. Oben: mit der äl­te­ren Schwes­ter.

Ma­ry mit 3 Jah­ren

Wi­ens fei­ne Ge­sell­schaft traf sich an Nach­mit­ta­gen auf der Renn­bahn. Im­mer mit­ten­drin: Ma­ry Vet­s­e­ra.

Auch die Groß­mut­ter des Film­stars Ro­my Schnei­der schwärm­te für den Kron­prin­zen.

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