AF­FÄ­RE

Geschichte - - FATALE AFFÄRE -

Für Ru­dolf ist es ein flüch­ti­ges Aben­teu­er, für Ma­ry die gro­ße Lie­be. Erst kurz vor ih­rem Tod kommt es zum ers­ten se­xu­el­len Kon­takt der bei­den. Ver­füh­rung, Ma­ni­pu­la­ti­on und Rea­li­täts­ver­lust füh­ren zu ei­ner ge­fähr­li­chen Ab­wärts­spi­ra­le.

Esist der Spät­herbst 1888, als es zu ei­nem ers­ten Zu­sam­men­tref­fen zwi­schen Ma­ry Vet­s­e­ra und Kron­prinz Ru­dolf kommt. Dem Tref­fen sind vie­le er­folg­lo­se Ver­su­che auf Ma­rys Sei­te vor­aus­ge­gan­gen: Sie hat je­den Nach­mit­tag im Wie­ner Pra­ter ver­bracht, dem grü­nen Nah­er­ho­lungs­ge­biet, das der High So­cie­ty als Auf­mar­schort des Se­hen-und-ge­se­hen-wer­dens dient. Und sie hat die no­blen Renn­plät­zen Wi­ens be­sucht. Das al­les in der Hoff­nung, den Kron­prin­zen ken­nen­zu­ler­nen. Ma­ry hat ih­rem Idol schmach­ten­de Bli­cke zu­ge­wor­fen, aber er hat sie bis­her nicht ein­mal be­merkt. Doch plötz­lich gibt es ei­nen per­sön­li­chen Kon­takt mit Kron­prinz Ru­dolf, und da­mit nimmt ei­ne ver­häng­nis­vol­le Af­fä­re ih­ren Lauf.

Ma­ry wä­re nie­mals in die Nä­he des Kron­prin­zen ge­kom­men, hät­te es nicht ei­ne Frau ge­ge­ben, die ei­ne Schlüs­sel­fi­gur der Mayerling-af­fä­re ist und de­ren Rol­le in die­sem Dra­ma bis heu­te nicht rest­los ge­klärt ist: Grä­fin Ma­rie La­risch, Ru­dolfs Cou­si­ne, ei­ne Nich­te der Kai­se­rin Eli­sa­beth. Sie ist es, die den Kon­takt zwi­schen Ru­dolf und Ma­ry her­ge­stellt hat. War­um, dar­über wird bis heu­te ge­rät­selt.

Grä­fin La­risch ist öf­ter Gast im Hau­se Vet­s­e­ra. Sie hat jah­re­lan­ge ei­ne heim­li­che Be­zie­hung mit Ma­rys gut aus­se­hen­dem On­kel Hen­ry ge­habt, zwei der vier Kin­der Ma­ries aus der Ehe mit dem Gra­fen La­risch stam­men aus die­ser Af­fä­re. Der Ehe­mann nimmt sie als sei­ne an, auch wenn die gan­ze Aris­to­kra­tie weiß, dass er nicht der bio­lo­gi­sche Va­ter ist. Man zer­reißt sich den Mund über die skan­da­lö­se Grä­fin, schnei­den kann man sie aber nicht, schließ­lich ist sie die Nich­te der Kai­se­rin.

Re­kon­stru­iert man aus den vie­len wi­der­sprüch­li­chen Zeu­gen­aus­sa­gen und spä­te­ren Er­in­ne­run­gen Be­ginn und Ablauf des Ver­hält­nis­ses zwi­schen Ma­ry und Ru­dolf, er­gibt sich Fol­gen­des: Der ers­te Schritt ist von Ma­ry aus­ge­gan­gen. An­fang oder Mit­te Ok­to­ber 1888 schreibt sie Ru­dolf ei­nen Brief mit der Bit­te um ein Ren­dez­vous. Den Brief dürf­te wohl Ru­dolfs Cou­si­ne Ma­rie La­risch ih­rem Cou­sin per­sön­lich über­ge­ben ha­ben, denn es ist höchst un­wahr­schein­lich, dass­der­kron­prinz­auf­den Brie­fei­ner Un­be­kann­ten re­agiert hät­te. Denn Fan­post, wie man es heu­te nen­nen wür­de, und Bitt­schrif­ten tref­fen in Mas­sen im Se­kre­ta­ri­at des Kron­prin­zen ein.

Nach dem ers­ten Brief­kon­takt folgt En­de Ok­to­ber ein Tref­fen zwi­schen Ma­ry und Ru­dolf im Pra­ter, ver­mit­telt von Grä­fin La­risch. Ma­ry kann nur des­halb mit dem Kron­prin­zen zu­sam­men­tref­fen, weil Ma­rie La­risch ihr das nö­ti­ge Ali­bi ver­schaff­te. Ei­ner un­ver­hei­ra­te­ten jun­gen Da­me der bes­se­ren Ge­sell­schaft ist es nicht er­laubt, al­lei­ne au­ßer Haus zu ge­hen. Of­fi­zi­ell holt Grä­fin La-

risch Ma­ry im­mer zu „Kom­mis­sio­nen“, Ein­käu­fen ab. Die Mo­ti­ve der Grä­fin sind un­zwei­fel­haft: Sie ist per­ma­nent ver­schul­det, der Kron­prinz hat ihr öf­ter aus der Pat­sche ge­hol­fen. Für ih­re Ver­mitt­ler­tä­tig­keit und für ih­re Ali­bis be­lohnt Ru­dolf die Grä­fin mit Geld – da­mit wird sie zur Mit­wis­se­rin und wich­tigs­ten Zeu­gin der Af­fä­re. Sie muss viel mehr ge­wusst ha­ben, als sie spä­ter zu Pro­to­koll gab, denn Kai­ser Franz Jo­seph wird bis an sein Le­bens­en­de be­trächt­li­che Sum­men an die un­ge­lieb­te Nich­te über­wei­sen, um sie dar­an zu hin­dern, Pi­kan­tes aus dem Le­ben sei­nes ver­stor­be­nen Soh­nes in Buch­form zu ver­öf­fent­li­chen.

Kurz nach die­sen ers­ten Tref­fen be­sucht Ma­ry den Kron­prin­zen in der Hof­burg. An un­auf­fäl­li­gen Ne­ben­ein­gän­gen war­tet stets der Kam­mer­die­ner des Kron­prin­zen, der die

Da­men über un­zäh­li­ge Stie­gen­häu­ser und Ne­ben­kor­ri­do­re zu sei­nem

Herrn bringt. Ma­ry wird schnell selbst­stän­dig. Bald­braucht­sie­diegrä­fin La­risch nicht mehr, um zu ih­rem Idol zu kom­men. Ab De­zem­ber 1888 fährt sie al­lei­ne in die Hof­burg. Ru­dolfs Kam­mer­die­ner schickt die Brie­fe sei­nes Herrn an Ma­rys Kom­pli­zin im Pa­lais Vet­s­e­ra, die Toch­ter des Por­tiers, die­se fängt die Brie­fe ab und bringt sie Ma­ry. (Ma­ry Vet­s­e­ra wird spä­ter in ei­nem Ab­schieds­brief dar­um bit­ten, die Por­tiers­fa­mi­lie nicht für ih­re Mit­wis­ser- schaft zu stra­fen.) Wenn Ma­rys Mut­ter und Schwes­ter bei Abend­ver­an­stal­tun­gen sind, schleicht sich Ma­ry aus dem Haus – die Por- tier­s­toch­ter öff­net ihr das Tor – und läuft zur nächs­ten Stra­ßen­ecke, wo Ru­dolfs pri­va­ter Fia­ker Jo­sef Brat­fisch war­tet. Die­ser bringt die Ba­ro­ness zum ver­ein­bar­ten Treff­punkt, wo der Kam­mer­die­ner des Kron­prin­zen war­tet und Ma­ry wie­der auf ver­schlun­ge­nen We­gen in das Ap­par­te­ment Ru­dolfs bringt. Ma­rys Fa­mi­lie blei­ben die­se Ren­dez­vous an­geb­lich ver­bor­gen. Der Fia­ker wird spä­ter aus­sa­gen, dass er Ma­ry Vet­s­e­ra von De­zem­ber bis Jän­ner un­ge­fähr 20-mal in die Hof­burg ge­bracht hat.

War­um sich Ru­dolf auf ein der­art heik­les Spiel mit Ma­ry über­haupt ein­ge­las­sen hat, ist nicht ganz schlüs­sig. Die rei­ne Lust an ei­nem Aben­teu­er greift als Er­klä­rung zu we­nig. Der Kron­prinz hat nicht nur Zu­gang zu den schöns­ten und ver­füg­bars­ten Frau­en Wi­ens. War­um soll­te er sich ge­ra­de ein un­ver­hei­ra­te­tes Mäd­chen aus der hö­he­ren Ge­sell­schaft zur Ge­lieb­ten­neh­men, des­sen­ver­hält­nis zu Pro­ble­men füh­ren kann? Denn die Töch­ter der bes­se­ren Ge­sell­schaft wa­ren für Aben­teu­er ta­bu – an die­ses un­ge­schrie­be­ne Ge­setz hiel­ten sich al­le hö­he­ren Her­ren. Zu­dem geht aus den neu auf­ge­fun­de­nen Brie­fen von Ma­ry Vet­s­e­ra her­vor, dass sie erst zwei Wo­chen vor ih­rem Tod den ers­ten se­xu­el­len Kon­takt mit dem Kron­prin­zen ge­habt hat. War­um soll­te Ru­dolf we­gen ei­nes flüch­ti­gen – und lan­ge un­er­füll­ten – ero­ti­schen Aben­teu­ers ein

der­ar­ti­ges Ri­si­ko ein­ge­gan­gen sein?

Aber auch die „tra­gi­sche Lie­bes­ge­schich­te“greift nicht. Ru­dolf war nach­weis­lich nicht in Ma­ry ver­liebt, sein Herz ge­hör­te ei­ner ganz an­de­ren, und das seit min­des­tens zwei Jah­ren. Es ist das No­bel­call­girl Miz­zi Cas­par, die Ru­dolf liebt. Ihr ver­traut er, in ihr Haus zieht er sich zu­rück, wenn er Ru­he und Ab­stand vom hö­fi­schen Le­ben braucht, ihr hin­ter­ließ er ei­nen lie­be­vol­len Ab­schieds­brief. Ma­ry da­ge­gen war fest da­von über­zeugt, dass Ru­dolf sie lieb­te und un­glück­lich war, weil er nicht mit ihr zu­sam­men sein konn­te, das geht deut­lich aus den Brie­fen her­vor, die sie ih­rer Ver­trau­ten schrieb. Ma­ry, ein schwär­me­ri­scher Te­enager von sieb­zehn Jah­ren, hat sich in ein Au­ser­wählt­heits­ge­fühl hin­ein­ge­stei­gert, sie emp­fin­det sich als Ru­dolfs ret­ten­der En­gel.

Was das Ge­heim­nis der Be­zie­hung zwi­schen Ma­ry und Ru­dolf be­trifft,

sind His­to­ri­ker bis heu­te auf Spe­ku­la­tio­nen an­ge­wie­sen. Sieht der Kron­prinz in Ma­ry das wil­li­ge We­sen, nach dem er so­lan­ge ge­sucht hat? Tat­säch­lich deu­tet ei­ni­ges dar­auf hin, dass Ru­dolf ein fal­sches Spiel trieb. Er lässt sie im Glau­ben an ih­re un­er­füll­te Lie­be und fa­na­ti­siert sie. Nur so ist es zu er­klä­ren, dass es von ih­rer Sei­te her ein rei­ner Lie­bes­tod ist.

Denkt Ru­dolf wirk­lich schon lan­ge dar­an, sei­nem Le­ben ein En­de zu set­zen, und be­schleu­nig­te Ma­ry die Um­set­zung nur noch? Oder war er Ma­rys bald über­drüs­sig und woll­te die Be­zie­hung be­en­den, wie es spä­ter Ma­ry La­risch be­haup­ten wird? War Ma­ry am Schluss die trei­ben­de Kraft, die den zö­gern­den Ru­dolf in sei­nen Selbst­mor­d­ide­en be­stärk­te? Woll­te sie den Mann ih­rer Träu­me für im­mer ha­ben, egal, um wel­chen Preis?

Dass die Af­fä­re in ei­ne ei­gen­ar­ti­ge Rich­tung steu­er­te, dürf­ten ei­ni­ge­mit­wis­sen­de­ge­ahntha­ben. Ma­rys fast schon hys­te­ri­sche Hin­ga­be an Ru­dolf fin­den sie ei­gen­ar­tig. Ih­re Stim­mungs­schwan­kun­gen, ihr ge­stei­ger­tes In­ter­es­se an Selbst­mor­den und ih­re völ­li­ge Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Ru­dolf ängs­ti­gen je­ne Men­schen, die Mit­wis­ser sind. Ma­ries Freun­din in Frank­furt be­schwört sie, die Be­zie­hung zu be­en­den, die Por­tier­s­toch­ter Ag­nes warnt Ma­ry spä­tes­tens ab Mit­te Ja­nu­ar 1889 vor den Fol­gen, und schließ­lich ver­sucht sich auch Grä­fin Ma­rie La­risch zu­rück­zu­zie­hen, doch die Af­fä­re ent­glei­tet ihr spä­tes­tens, seit sich Ma­ry und der Kron­prinz oh­ne ihr Wis­sen tref­fen.

Die heim­li­che Lieb­schaft, die stän­di­ge Angst, ent­deckt und da­mit mög­li­cher­wei­se von ih­rem Liebs­ten ge­trennt zu wer­den, ihr frei­wil­lig ge­wähl­tes Schick­sal vor Au­gen, die – wahr­schein­lich – stän­di­gen Ge­sprä­che über Ru­dolfs Pro­ble­me und Selbst­mord zeh­ren an Ma­rys Ner­ven.

Drei Ta­ge vor Mayerling kommt es zu ei­ner Sze­ne im Pa­lais Vet­s­e­ra. Ma­ry ist un­vor­sich­tig ge­wor­den. Ih­re Mut­ter fin­det in ih­rem Zim­mer ei­ne Ta­bak­do­se mit der Gra­vur des Kron­prin­zen, Fo­tos und ein Tes­ta­ment Ma­rys. Als sie ih­re Toch­ter zur Re­de stellt, ob sie dem Kron­prin­zen nach­lau­fe und ob ihr be­wusst sei, wel­chen Skan­dal ihr Ver­hal­ten aus­lö­sen kön­ne, er­lei­det Ma­ry ei­nen Ner­ven­zu­sam­men­bruch und muss zu Bett ge­bracht wer­den. Die Si­tua­ti­on geht glimpf­lich aus, Grä­fin Ma­rie La­risch wird her­bei­ge­ru­fen, sie lie­fert wie­der ei­nen Vor­wand, al­les sei­en Ge­schen­ke von ihr.

Zu die­sem Zeit­punkt wä­re es wahr­schein­lich noch mög­lich ge­we­sen, durch ein be­herz­tes Ein­grei­fen die Af­fä­re zu be­en­den und ei­ne fa­ta­le Ab­wärts­spi­ra­le zu stop­pen. Die psy­chi­sche Si­tua­ti­on des jun­gen Mäd­chens ist be­reits mehr als auf­fäl­lig und kann nie­man­dem ver­bor­gen ge­blie­ben sein, aber kei­ner der Zeu­gen hat den Mut, sei­ne Mit­wis­ser­schaft zu beich­ten.

Am 27. Jän­ner 1889 ist Ma­rys und Ru­dolfs letz­ter öf­fent­li­cher Auf­tritt in­der­ge­sell­schaft: Es ist der gla­mou­rö­se Ga­la­emp­fang in der deut­schen Bot­schaft, an dem bei­de teil­neh­men. Ma­ry wird an die­sem Abend als be­son­ders schön be­schrie­ben, Ru­dolf als ru­hig und nach­denk­lich.

Mitt­ler­wei­se weiß ein gro­ßer Teil der Aris­to­kra­tie von ei­nem Ver­hält­nis der bei­den – doch nie­mand kann ah­nen, was in den nächs­ten drei Ta­gen pas­sie­ren wird.

Die sieb­zehn­jäh­ri­ge Ma­ry, auf­ge­nom­men zwei Wo­chen vor ih­rem Tod. In die­sem Kleid und mit ih­rem Bril­lant­mond im Haar hat­te sie ih­ren letz­ten öf­fent­li­chen Auf­tritt.

Kron­prinz Ru­dolf in sei­nen letz­ten Le­bens­mo­na­ten. Er trug am En­de sei­nes letz­ten Le­bens­jah­res ei­nen un­ga­ri­schen Husa­ren­schnurr­bart.

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