RU­DOLF & MA­RY?

Geschichte - - WO SIND RUDOLF UND MARY? -

Mon­tag, 28. Jän­ner 1889: Ma­ry Vet­s­e­ra ist ver­schwun­den, ih­re Fa­mi­lie bit­tet um Hil­fe bei der Su­che nach ihr. Doch der Po­li­zei­prä­si­dent darf, der Mi­nis­ter­prä­si­dent will nicht ein­grei­fen. Wäh­rend die Fa­mi­lie noch um In­for­ma­tio­nen kämpft, tref­fen Ma­ry und Ru­dolf heim­lich in Mayerling ein.

AmMon­tag, dem 28. Jän­ner, vor­mit­tags, ver­ab­schie­det sich Ma­ry Vet­s­e­ra mit ei­nem flüch­ti­gen Kuss von ih­rer Mut­ter, stürmt die Trep­pen hin­un­ter und springt in den war­ten­den Fia­ker. Es ist das letz­te Mal, dass He­le­ne Vet­s­e­ra ih­re Toch­ter se­hen wird. Ma­ry un­ter­nimmt – wie­der ein­mal – ei­ne Aus­fahrt mit Grä­fin Ma­rie La­risch. Sie trägt an die­sem Tag ein oliv­grü­nes Kleid mit schwar­zen Dres­sen und ei­nen grü­nen Hut mit dunk­len Strau­ßen­fe­dern. Drei Ta­ge spä­ter wird sie mit die­ser Klei­dung be­gra­ben wer­den.

Über die ge­nau­en Vor­gän­ge an je­nem Vor­mit­tag herrscht bis heu­te Un­ge­wiss­heit. Ei­n­an­der wi­der­spre­chen­de Zeu­gen­aus­sa­gen er­schwe­ren die Er­stel­lung ei­nes ex­ak­ten Be­we­gungs­pro­fils. Als ge­si­chert gilt nur, dass Grä­fin La­risch zwei St­un­den spä­ter al­lei­ne ins Pa­lais Vet­s­e­ra zu­rück­kehrt.

Um 9.45 Uhr fah­ren Ma­ry und Ma­rie La­risch mit ei­nem Fia­ker zum Ge­schäft des Hof­lie­fe­ran­ten Ge­brü­der Ro­deck auf dem Wie­ner Kohl­markt, in un­mit­tel­ba­rer Nä­he der Hof­burg. Die Grä­fin be­tritt al­lei­ne den La­den und bleibt kurz im Ge­schäft. Da­nach be­ge­ben sich die bei­den Da­men zu je­nem Ne­ben­ein­gang der Hof­burg, wo wie im­mer Ru­dolfs treu­er Kam­mer­die­ner auf sie war­tet. Er bringt Ma­ry Vet­s­e­ra und Ma­rie La­risch in das Ap­par­te­ment des Kron­prin­zen. Es ist nun ca. 10.30 Uhr. Ru­dolf er­klärt sei­ner Cou­si­ne, dass er Ma­ry für zehn Mi­nu­ten al­lei­ne spre­chen möch­te. Als er wie­der kommt, ver­kün­det er Ma­rie La­risch, dass er Ma­ry für ei­ni­ge Zeit bei sich be­hal­ten wol­le und er­klärt ihr, was sie nun tun müs­se, um ei­nen Skan­dal zu ver­mei­den. Sie er­hält 500 Gul­den, um den Fia­ker

zu be­ste­chen, und ei­nen hand­ge­schrie­be­nen Zet­tel von Ma­ry.

Dann in­sze­niert die Grä­fin das, was spä­ter als „Ro­deck-ko­mö­die“in die Mayerling-li­te­ra­tur ein­ge­gan­gen ist: Ma­rie La­risch fährt mit dem Fia­ker zu­rück zum Ge­schäft, be­sticht den Fah­rer und in­stru­iert ihn, was er gleich zu sa­gen ha­be. Bei Ro­deck steigt sie aus, be­tritt das Ge­schäft und bit­tet ei­nen An­ge­stell­ten, die Ba­ro­ness Vet­s­e­ra, die im Wa­gen war­te, hin­ein­zu­bit­ten. Der Fia­ker er­klärt nun auf­trags­ge­mäß, dass die Da­me aus­ge­stie­gen sei, als die Grä­fin im Ge­schäft war, und mit ei­nem an­de­ren Wa­gen da­von­ge­fah­ren sei. Da­mit hat­te die Grä­fin zwei ver­meint­li­che Zeu­gen, dass ihr Ma­ry „ent­wischt“sei. Die­se Ge­schich­te ist nach­weis­lich nicht wahr, nichts- des­to­trotz wol­len spä­ter Zeu­gen ge­se­hen ha­ben, wie Ma­ry den Fia­ker wech­sel­te – ein Bei­spiel, wie schwie­rig Zeu­gen­aus­sa­gen im Fall Mayerling ein­zu­ord­nen sind. Jetzt eilt Ma­rie La­risch ins Pa­lais Vet­s­e­ra zu­rück. Dort sitzt Ma­rys Fa­mi­lie ge­ra­de beim Mit­tag­es­sen, als Grä­fin La­risch mit­tei­len muss: „Ma­ry ist fort­ge­lau­fen, ich bin oh­ne sie zu­rück­ge­kom­men.“

Zur glei­chen Zeit sitzt Ma­ry Vet­s­e­ra be­reits im Fia­ker Rich­tung Nie­der­ös­ter­reich. Ru­dolfs pri­va­ter Fia­ker Jo­sef Brat­fisch hat um neun Uhr Früh von Ru­dolf ei­ne Nach­richt des Kron­prin­zen er­hal­ten: „War­te halb elf Uhr Au­gus­ti­ner­bas­tei!“. Um 11.00 Uhr kommt Ma­ry aus der Hof­burg und be­fiehlt dem Fia­ker zum „Ro­ten Stadl“nach Brei­ten­furt zu fah­ren, ei­nem be­lieb­ten Aus­flugs­ziel süd­lich von Wien. Dies gibt Brat­fisch spä­ter bei der Ein­ver­nah­me durch den Po­li­zei­prä­si­den­ten zu Pro­to­koll.

Ru­dolf star­tet zur glei­chen Zeit sei­ne Rei­se Rich­tung Mayerling. Er lenkt selbst den Ein­spän­ner, auf dem Rück­sitz sitzt ein Hof­kut­scher, der den Wa­gen spä­ter nach Wien zu­rück­brin­gen muss. Der Weg, den der Kron­prinz bis zur Wie­ner Stadt­gren­ze nimmt, kann heu­te noch durch die vie­len Agen­ten­te­le­gram­me re­kon­stru­iert wer­den, die stünd­lich in der Po­li­zei­di­rek­ti­on ein­tref­fen. Der Kron­prinz wird seit vie­len Jah­ren von ei­nem eng­ma­schi­gen Agen­ten­netz be­wacht, das ist auch der Grund, war­um er nicht mit Ma­ry ge­mein­sam nach Mayerling fährt.

Um ein Uhr mit­tags kommt Ru­dolf in Brei­ten­furt an. Er schickt sei­nen Hof­fia­ker mit dem Ein­spän­ner zu­rück nach Wien, geht zu Fuß zum ver­ab­re­de­ten Treff­punkt und steigt in den be­reits war­ten­den Wa­gen zu Ma­ry. Der Kron­prinz be­fiehlt Brat­fisch, nach Mayerling zu fah­ren, al­ler­dings soll er nicht auf dem üb­li­chen Weg fah­ren, son­dern statt­des­sen ei­ne Um­fah­rung, die über stei­les Ge­fäl­le führt, neh­men – Ru­dolf will aus­schlie­ßen, dass sie ge­se­hen wer­den. Bei der An­kunft in Mayerling ist es be­reits dun­kel. Der Wa­gen hält in ei­ni­ger Ent­fer­nung zum Schloss, der Fia­ker Brat­fisch bringt Ma­ry zu Fuß zum Süd­tor des Schlos­ses. Hier er­war­tet sie be­reits Ru­dolfs Kam­mer­die­ner Lo­schek, der die Be­diens­te­ten in das Ap­par­te­ment des Kron­prin­zen bringt. Au­ßer Lo­schek und Brat­fisch weiß nie­mand von der An­we­sen­heit der Ba­ro­ness im Jagdschloss.

In Wien herrscht der­weil im Pa­lais Vet­s­e­ra hel­le Auf­re­gung über Ma­rys Ver­schwin­den. Ma­rie La­risch schlägt vor, ih­ren Be­kann­ten, den Wie­ner Po­li­zei­prä­si­den­ten Ba­ron Franz von Krauss, um Hil­fe zu bit­ten. Zu­vor be­schwört sie al­ler­dings die Mut­ter, nichts al­lei­ne zu un­ter­neh­men, je­der Skan­dal müs­se ver­mie­den wer­den. Über den Be­such der Grä­fin hat Ba­ron Krauss ein Pro­to­koll an­ge­legt, an­hand des­sen sich das Ge­spräch re­kon­stru­ie­ren lässt. Die Grä­fin, sicht­bar in Pa­nik über das Ver­schwin­den der Ba­ro­ness, deu­tet ge­gen­über dem Po­li­zei­prä­si­den­ten Selbst­mord­plä­ne des Mäd­chens an und dass der Kron­prinz mit dem Ver­schwin­den zu tun ha­ben könn­te. Sie kann sich je­doch nicht durch­rin­gen, dem Be­am­ten die gan­ze Wahr­heit zu sa­gen. Auf die Bit­te der Grä­fin, Ma­ry Vet­s­e­ra su­chen zu las­sen, er­klärt Ba­ron Krauss, dass er nichts tun kön­ne.

Im Hau­se Vet­s­e­ra ist in der Zwi­schen­zeit der Bru­der von He­le­ne Vet­s­e­ra, Alex­an­der Bal­taz­zi, ein­ge­trof­fen. Er wird in die heik­le Si­tua­ti­on ein­ge­weiht, zi­tiert die Grä­fin La­risch wie­der ins Pa­lais und ver­langt von ihr, ihn zum Po­li­zei­prä­si­den­ten zu brin­gen. Ba­ron Krauss wun­dert sich, als er bei sei­ner Rück­kehr von ei­nem Abend­es­sen in sei­ner Pri­vat­woh­nung die Grä­fin und Ba­ron Bal­taz­zi vor­fin­det. Zu­min­dest er­hält der Po­li­zei­prä­si­dent nun mehr In­for­ma­tio­nen als zu Mit­tag von der Grä­fin: Ma­rys Fa­mi­lie, so wird er spä­ter no­tie­ren, ha­be den drin­gen­den Ver­dacht, dass der Kron­prinz et­was mit ih­rem Ver­schwin­den zu tun ha­be. Seit ge­rau­mer Zeit ver­mu­te man ei­ne heim­li­che Kor­re­spon­denz der bei­den. Hier tut sich ein gro­ber Wi­der­spruch auf: Wuss­te die Fa­mi­lie Vet­s­e­ra nun von ei­ner Af­fä­re Ma­rys mit dem Thron­er­ben oder nicht? Und wie­so konn­te Ma­rys Mut­ter so si­cher sein, dass sich die Toch­ter beim Kron­prin­zen be­fin­det?

Ba­ron Bal­taz­zi bit­tet den Po­li­zei­prä­si­den­ten aus­zu­for­schen, ob sich sei­ne Nich­te in Mayerling be­fin­de. Er ha­be in der Hof­burg nach dem Kron­prin­zen ge­fragt und er­fah­ren, dass die­ser sich in sein Jagdschloss be­ge­ben ha­be. Der Po­li­zei­prä­si­dent no­tiert: „Ich konn­te hier­auf nur be­mer­ken, dass Mayerling au­ßer­halb des Po­li­zei­rayons ge­le­gen ist, ich da­her nicht in der La­ge sei, dort amts­zu­han­deln oder nach­zu­for­schen. Und auch in Wien sei ich nicht be­fugt, in der Burg nach­zu­for­schen. Wenn mir die Mut­ter die ämt­li­che An­zei­ge von dem Ver­schwin­den ih­rer Toch­ter macht, wer­de ich durch Be­kannt­ma­chung nach der Ver­miss­ten nach­for­schen, ich ma­che aber auf­merk­sam, dass dann der öf­fent­li­chen Sen­sa­ti­on durch die Zei­tun­gen nicht be­geg­net wer­den kön­ne. Den Na­men des Kron­prin­zen dürf­te ich mit der Sa­che nicht in Ver­bin­dung brin­gen. Am zweck­mä­ßigs­ten wä­re ab­zu­war­ten …“Am nächs­ten Tag er­stat­ten He­le­ne Vet­s­e­ra und Alex­an­der Bal­taz­zi die of­fi­zi­el­le Ab­gän­gig­keits­an­zei­ge und le­gen ei­ne Fo­to­gra­fie Ma­rys bei.

Dem Po­li­zei­prä­si­den­ten kommt die gan­ze An­ge­le­gen­heit höchst ei­gen­ar­tig vor. Er wen­det sich am nächs­ten Tag, dem 29. Jän­ner, an sei­nen di­rek­ten Vor­ge­setz­ten, Mi­nis­ter­prä­si­den, Graf Edu­ard Taaf­fe, um sich mit ihm zu be­rat­schla­gen. Graf Taaf­fe wehrt das An­sin­nen von Ma­rys Fa­mi­lie, den Auf­ent­halts­ort des Kron­prin­zen aus­zu­for­schen und den Kai­ser zu in­for­mie­ren, em-

pört ab. Am bes­ten wä­re es, wenn sich die Grä­fin La­risch an die Kai­se­rin wen­den wür­de, schließ­lich sei sie de­ren Nich­te und kön­ne je­der­zeit um ei­ne Au­di­enz bit­ten. Doch ge­nau das will Ma­rie La­risch auf kei­nen Fall tun, denn da­durch wür­de ih­re Rol­le als Kupp­le­rin be­kannt wer­den.

Am Nach­mit­tag des glei­chen Ta­ges stürmt die mitt­ler­wei­le völ­lig ver­zwei­fel­te Mut­ter He­le­ne Vet­s­e­ra in das Bü­ro des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten. Sie fleht ihn an, ihr bei der Su­che nach ih­rer Toch­ter zu hel­fen. Die Sor­ge der Mut­ter nimmt Graf Taaf­fe nicht ernst, statt­des­sen de­mü­tigt er sie: Wo- her die Ba­ro­nin wis­se, dass ih­re Toch­ter beim Kron­prin­zen sei? Kä­men nicht mehr Män­ner in Fra­ge, mit de­nen Ma­ry in Ver­bin­dung ge­bracht wer­de? He­le­ne Vet­s­e­ra fällt nun ihr Vor­le­ben und der schlech­te Ruf ih­rer Toch­ter auf den Kopf. Der Mi­nis­ter­prä­si­dent kom­pli­men­tiert die Ba­ro­nin hin­aus: Sie mö­ge doch das für heu­te, 18.00 Uhr, an­ge­sag­te Fa­mi­li­en­di­ner in der Hof­burg ab­war­ten. Er ha­be aus der Burg er­fah­ren, dass sich der Kron­prinz an­ge­kün­digt ha­be. Wenn der Kron­prinz er­scheint, kön­ne man zu­min­dest aus­schlie­ßen, dass er sich mit ih­rer Toch­ter in Mayerling be­fin­det.

Am Abend des glei­chen Ta­ges lässt der Mins­ter­prä­si­dent den Po­li­zei­prä­si­den­ten in sein Bü­ro ru­fen. Ba­ron Krauss mö­ge am nächs­ten Tag mit dem ers­ten Zug ei­nen Agen­ten nach Mayerling schi­cken, um dis­kret nach­zu­for­schen, ob sich dort wirk­lich die ver­miss­te Da­me be­fin­de. Als der Agent am nächs­ten Tag in Mayerling ein­trifft, ist es zu spät: Die Lei­chen von Kron­prinz Ru­dolf und Ma­ry wur­den zwei St­un­den zu­vor tot auf­ge­fun­den.

Das letz­te Fo­to des Kron­prin­zen zeigt ihn bei ei­ner Aus­fahrt im Wie­ner Pra­ter. Im glei­chen Wa­gen fuhr Ru­dolf spä­ter nach Brei­ten­furt, wo er sich mit Ma­ry und sei­nem Leib­fia­ker ge­trof­fen hat, um ge­mein­sam nach Mayerling wei­ter­zu­fah­ren.

Oben: Vor die­sem Ge­schäft wur­de

Ma­ry an­geb­lich das letz­te Mal ge­se­hen. Mit­te: Grä­fin La­risch und Ma­ry Vet­s­e­ra, das Fo­to wur­de we­ni­ge Wo­chen vor Ma­rys Ver­schwin­den auf­ge­nom­men. Rechts: Ma­ry in je­nem Win­ter­man­tel, den sie bei ih­rer Fahrt nach Mayerling trug.

Links: Über Ne­ben­ein­gän­ge ge­lang­te Ma­rys Vet­s­e­ra heim­lich in das Ap­par­te­ment des Kron­prin­zen in der Hof­burg. Un­ten: Ru­dolfs so­ge­nann­tes „tür­ki­sches Zim­mer“in der Hof­burg. Hier traf er sich re­gel­mä­ßig mit Ma­ry.

Als der kai­ser­li­che Mi­nis­ter­prä­si­dent Graf Edu­ard Taaf­fe end­lich ei­nen Agen­ten nach Mayerling schickt, sind Ru­dolf und Ma­ry be­reits tot.

In die­sem Kleid wur­de Ma­ry be­gra­ben, sie trug es auf dem Weg nach Mayerling.

Die ver­zwei­fel­te Mut­ter He­le­ne Vet­s­e­ra.

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