BRIE­FE

Geschichte - - DIE ABSCHIEDSBRIEFE -

Kron­prinz Ru­dolf und Ma­ry Vet­s­e­ra hin­ter­lie­ßen meh­re­re Ab­schieds­brie­fe. Ei­ni­ge blie­ben er­hal­ten, von man­chen kennt man nur den In­halt. Wel­che schrie­ben sie wirk­lich vor ih­rem Tod? Je­ner Brief, der das Ge­heim­nis von Mayerling lö­sen könn­te, ist bis heu­te ver­schol­len.

Die Ab­schieds­brie­fe von Kron­prinz Ru­dolf und Ma­ry Vet­s­e­ra ge­ben bis heu­te Rät­sel auf: Wann wur­den sie ge­schrie­ben? Wel­che da­von wur­den ver­nich­tet? Wel­che exis­tie­ren heu­te noch in un­zu­gäng­li­chen Ar­chi­ven?

Ma­rys Ab­schieds­brie­fe wur­den im Jahr 2015 im Tre­sor ei­ner Wie­ner Pri­vat­bank auf­ge­fun­den. Laut Aus­kunft der Bank wur­den die­se Brie­fe im Jahr 1926 von ei­ner un­be­kann­ten Per­son hin­ter­legt. Da Ma­rys Mut­ter 1925 starb, be­steht die Ver­mu­tung, dass die Brie­fe zu­erst in ih­rem Be­sitz wa­ren und nach ih­rem Tod von ei­nem der da­mals noch le­ben­den Ver­wand­ten oder Ver­trau­ten im Bank­safe hin­ter­legt wur­den. Der In­halt die­ser Brie­fe ist fast ident mit je­nem In­halt, den Ma­rys Mut­ter in ih­rer Denk­schrift ver­öf­fent­licht hat. Ma­ry hat ih­re letz­ten Brie­fe in Mayerling ge­schrie­ben, wahr­schein­lich un­mit­tel­bar vor ih­rem Tod. Denn aus dem In­halt ei­nes Brie­fes an ih­re Schwes­ter geht her­vor, dass sie un­mit­tel­bar vor dem Ver­fas­sen noch den Leib­fia­ker Jo­sef Brat­fisch ge­se­hen hat. Die­ser gab spä­ter zu Pro­to­koll, dass er ge­gen 23.00 Uhr dem Kron­prin­zen und Ma­ry im Bil­lard­zim­mer des Jagd­schlos­ses ein letz­tes Ständ­chen ge­ge­ben hat­te.

Kron­prinz Ru­dolfs Ab­schieds­brie­fe sind weit­aus schwie­ri­ger zu da­tie­ren. Die ein­zi­gen bei­den, die heu­te noch exis­tie­ren, wur­den mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit nicht in Mayerling ge­schrie­ben. Der Brief an Sek­ti­ons­chef Szögy­e­ny wur­de we­ni­ge Ta­ge vor dem En­de Ru­dolfs ver­fasst, das geht aus der Tat­sa­che her­vor, dass zu die­sem Brief ein Ko­di­zill ge­hör­te, das zwei Ta­ge spä­ter in Ru­dolfs Schreib­tisch ge­fun­den wur­de: Er hat­te al­so bei­des ge­mein­sam ver­fasst, den Brief aber nach Mayerling mit­ge­nom­men. Ru­dolfs Brief an sei­ne Ehe­frau dürf­te so­gar noch viel frü­her ver­fasst wor­den sein. Ei­ni­ge For­scher wür­den die­sen Brief auf­grund sei­ner Schrift und sei­nes In­halts in das Jahr 1887 und 1888 da­tie­ren. Dies wür­de die Theo­rie stüt­zen, dass sich Ru­dolf be­reits seit Jah­ren mit ei­nem Sui­zid be­schäf­tigt hat. War­um er ei­nen al­ten Ab­schieds­brief an sei­ne Frau hin­ter­lässt, dar­über konn­te bis jetzt kei­ne Ant­wort ge­ge­ben wer­den. Wei­te­re Brie­fe hat Ru­dolf sei­ner Ge­lieb­ten Miz­zi Cas­par hin­ter­las­sen, ei­nem Ge­schäfts­freund, sei­ner Schwes­ter Ma­rie Va­le­rie so­wie ei­ne No­tiz für sei­nen Kam­mer­die­ner und den Abt von Stift Hei­li­gen­kreuz.

Der Schlüs­sel zur May­er­lin­gTra­gö­die ist der Ab­schieds­brief an sei­ne Mut­ter Kai­se­rin Eli­sa­beth. Es ist an­zu­neh­men, dass der Kron­prinz in die­sem Brief die Mo­ti­ve für sei­nen Selbst­mord dar­ge­legt hat. Der Brief dürf­te au­ßer­dem den de­fi­ni­ti­ven Be­weis ent­hal­ten, dass der Kron­prinz zu­erst Ma­ry Vet­s­e­ra und dann sich selbst er­schos­sen hat. Die­ser Brief wur­de erst nach Ma­rys Tod ge­schrie­ben, das er­gibt sich ganz klar aus je­nen we­ni­gen Stel­len, die be­kannt sind – im Ta­ge­buch der Schwes­ter fin­den sich Aus­zü­ge. Eli­sa­beths engs­te Ver­trau­te hat spä­ter eben­falls den In­halt ver­ra­ten. Ru­dolf soll sei­ner Mut­ter ge­schrie­ben ha­ben: „Ich ha­be kein Recht mehr zu le­ben, ich ha­be ge­tö­tet!“Und über sei­nen Va­ter: „Ich weiß sehr gut, dass ich nicht wür­dig war, sein Sohn zu sein.“Au­ßer­dem soll der Kron­prinz vom Wei­ter­le­ben der See­le nach dem Tod ge­schrie­ben ha­ben und von sei­ner Eh­re als Of­fi­zier. Ru­dolf be­zeich­net Ma­ry in die­sem Brief als rei­nen, rüh­ren­den En­gel und bit­tet dar­um, an ih­rer Sei­te in Hei­li­gen­kreuz be­gra­ben zu wer­den. Ei­ni­ges spricht da­für, dass Ru­dolfs Ab­schieds­brief mit an­de­ren Pa­pie­ren der Kai­se­rin von ih­rer Ver­trau­ten Ida Fe­renc­zy ver­nich­tet wur­de, so wie es Eli­sa­beth ge­wünscht hat­te. Es ist aber auch mög­lich, dass der Brief – so wie Ma­rys Brie­fe – heu­te noch an ei­nem un­be­kann­ten Ort auf­be­wahrt wird und ei­nes Ta­ges an die Öf

fent­lich­keit ge­langt.

Der Ab­schieds­brief Ru­dolfs an sei­ne Frau Ste­pha­nie. Er wur­de mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit nicht in Ma­ry­er­ling ver­fasst.

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