DIE HOF­KOM­MIS­SI­ON

Geschichte - - DIE ABSCHIEDSBRIEFE -

Der Tat­ort wird ab­ge­sperrt. Un­ab­han­gi­ge Kri­mi­nal­be­am­te wer­den nicht hin­zu­ge­zo­gen. Statt­des­sen lasst ei­ne kai­ser­li­che Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on Be­wei­se ver­schwin­den und legt ge­zielt fal­sche Spu­ren. Zwölf Ta­ge er­mit­telt die Hof­kom­mis­si­on. Dann stellt sie ih­re Er­mitt­lun­gen ab­rupt ein.

Sie wa­ren schwarz ge­klei­det, hat­ten stei­fe, wei­ße Krä­gen und tru­gen ho­he Hü­te. Die dunk­len Her­ren wa­ren­die­ab­ge­sand­ten­des­wie­ner Ho­fes, sie­ver­kör­per­ten­den­wil­len des Kai­sers. Sie ha­ben ge­lernt, kei­ne Fra­gen zu stel­len, kei­ne In­for­ma­tio­nen nach au­ßen drin­gen zu las­sen und vor al­lem, nie­man­dem Ein­bli­cke in die in­ne­ren Struk­tu­ren des Wie­ner Ho­fes zu ge­wäh­ren. Als sie vor dem Jagdschloss an­kom­men, wei­chen die zahl­rei­chen Neu­gie­ri­gen und so­gar die Po­li­zeia­gen­ten ehr­furchts­voll zu­rück.

Mit dem Ein­tref­fen der Her­ren in Schwarz hat der Wie­ner Hof of­fi­zi­ell mit der Ar­beit an dem „Fall Mayerling“be­gon­nen. Über kaum et­was wird in der May­er­ling­for­schung so viel ge­rät­selt wie dar- über, was ge­nau die be­rüch­tig­te „Hof­kom­mis­si­on“in Mayerling ge­tan hat, was sie über die Vor­komm­nis­se der Nacht auf den 30. Jän­ner 1889 in Er­fah­rung brin­gen konn­te und vor al­lem, was sie ge­zielt ver­schwin­den ließ. Die Hof­kom­mis­si­on war ei­ne kai­ser­li­che Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on aus ho­hen Be­am­ten, die das be­son­de­re Ver­trau­en des Kai­sers ge­nos­sen. Wie vie­le Mit­glie­der ihr an­ge­hör­ten, ist bis heu­te nicht zu ve­ri­fi­zie­ren, si­cher weiß man von zehn Per­so­nen, de­ren Na­men auch be­kannt sind, die Kom­mis­si­on dürf­te aber bis zu fünf­zehn Mit­glie­der ge­habt ha­ben.

Die Ent­sen­dung von Hof­kom­mis­sio­nen nach To­des­fäl­len war an sich nichts Un­ge­wöhn­li­ches im Kai­ser­haus. Tra­di­tio­nell wur­de nach dem Tod ei­nes Mit­glieds der kai­ser­li­chen Fa­mi­lie ei­ne Kom- mis­si­on aus ho­hen Be­am­ten zu­sam­men­ge­stellt, die das Ap­par­te­ment des Ver­stor­be­nen ver­sie­gel­te, Schreib­ti­sche öff­ne­te, das Tes­ta­ment such­te und ga­ran­tier­te, dass­der­letz­te­wil­le­des­ver­stor­be­nen auch ein­ge­hal­ten wur­de. Der Hof­kom­mis­si­on ge­hör­ten im­mer ein rang­ho­her Ver­tre­ter des Oberst­hof­mar­schall­am­tes – das war­die­ge­richts­be­hör­de­des­ho­fes – und des Oberst­hof­meis­ter­am­tes an, der Me­ga-be­hör­de des Ho­fes, wo al­le Fä­den zu­sam­men­lie­fen. Da­zu ka­men noch be­son­ders ver­schwie­ge­ne Hof­se­kre­tä­re und Schrift­füh­rer.

Die Hof­kom­mis­si­on, die nach dem Tod des Kron­prin­zen Ru­dolf ein­ge­setzt wur­de, hat­te aber ne­ben den tra­di­tio­nel­len noch ei­ne zu­sätz­li­che Auf­ga­be: Sie soll­te re­kon­stru­ie­ren, was in der To­des­nacht pas­siert war, dem Kai­ser

Aus­kunft über den ge­nau­en To­des­her­gang sei­nes­soh­nes­ge­ben­und vor al­lem Spu­ren ver­wi­schen, die dem An­se­hen des To­ten hät­ten scha­den kön­nen.

Zur „May­er­lin­gKom­mis­si­on“ge­hör­ten Kan­ze­lei­di­rek­to­ren, Hof­se­kre­tä­re, der kai­ser­li­che Leib­arzt, der Burg­haupt­mann, der Burg­pfar­rer und der Oberst­hof­meis­ter des ver­stor­be­nen Kron­prin­zen, au­ßer­dem – wie im­mer – Se­kre­tä­re und Schrift­füh­rer. Kei­ner der­her­ren­ver­füg­te­über ei­ne kri­mi­na­lis­ti­sche Aus­bil­dung, kei­ner hat­te Er­fah­rung mit ei­nem Kri­mi­nal­fall, und kei­ner

hat­te ei­ne kri­ti­sche Dis­tanz zu sei­ner Auf­ga­be. Das war aber auch nicht er­for­der­lich: Denn den Hof­kom­mis­si­on soll wohl nicht auf­klä­ren im ei­gent­li­chen Sinn, son­dern das tun, was man heu­te „Tat­ort­be­rei­ni­gung“nennt. Der Wie­ner Hof hat­te ganz be­wusst dar­auf ver­zich­tet, ver­sier­te Kri­mi­na­lis­ten hin­zu­zu­zie­hen. Im Ge­gen­teil, dem Po­li­zei­prä­si­den­ten von Wien, der be­reits mit dem Ver­schwin­den von Ma­ry Vet­s­e­ra kon­fron­tiert wor­den war, wur­de vom Mi­nis­ter­prä­si­den­ten un­miss­ver­ständ­lich an­ge­deu­tet, dass al­le Auf­zeich­nun­gen, die er bis da­hin zur Ba­ro­ness Vet­s­e­ra ge­macht hat­te, so­wie sämt­li­che Ein­ver­nah­me­pro­to­kol­le nicht in die of­fi­zi­el­le Re­gis­tra­tur ein­zu­fü­gen, son­dern zu ver­nich­ten wä­ren.

Nun war al­so ei­ne Hand­voll un­er­fah­re­ner Be­am­ter des kai­ser­li­chen Ho­fes mit ei­nem Kri­mi­nal­fall be­fasst. Be­trach­tet man die Mit­glie­der der Hof­kom­mis­si­on und be­denkt man ihr be­ruf­li­ches Ab­hän­gig­keits­ver­hält­nis, so stellt sich die Fra­ge: Wel­che kri­mi­na­lis­ti­schen Er­geb­nis­se hät­te die Hof­kom­mis­si­on denn über­haupt lie­fern kön­nen? Es han­del­te sich um Be­am­te, die am Wie­ner Hof so­zia­li­siert wa­ren. Hier hat­ten sie ge­lernt, hier ar­bei­te­ten sie seit Jahr­zehn­ten. Der Kai­ser­hof war ein ei­ge­nes Bio­top, hier wur­de noch we­ni­ger Wert auf kri­ti­schen Geist ge­legt als in den or­dent­li­chen Amts­stu­ben des Kai­ser­rei­ches, hier­wur­den­ent­schei­dun­gen­durch­vor­ge­setz­te noch we­ni­ger hin­ter­fragt als im Staats­dienst, hier gab es nur ein Cre­do: dem Kai­ser zu die­nen und al­les zu tun, was im Sin­ne der Dy­nas-

tie war. Trans­pa­ren­zund­kri­ti­sche Fra­gen hat­te es am Wie­ner Hof nie ge­ge­ben. Da­zu kam noch die Son­der­stel­lung des kai­ser­li­chen Ho­fes: Es war qua­si ei­ne au­to­no­me Stadt in­ner­halb der Re­si­denz­stadt Wien, ver­gleich­bar mit dem Va­ti­k­an­staa­tinrom. Der­hof­mit sei­nen 3000 Mit­glie­dern – ge­zählt vom Kai­ser bis zum letz­ten La­kai­en – war ex­ter­ri­to­ria­les Ge­biet, die Macht des Staa­tes und der Arm der Ge­rich­te en­de­te von den To­ren der Hof­burg.

Was die Hof­kom­mis­si­on, be­gin­nend mit ih­rer An­kunft am Tat­ort, ge­nau ge­macht hat, ist bis heu­te nicht in Er­fah­rung zu brin­gen. Es wur­de zwar al­les pro­to­kol­liert, die Un­ter­la­gen da­zu sind aber bis heu­te ver­schol­len. Rück­schlüs­se las­sen sich aus den we­ni­gen spä­te­ren Aus­sa­gen und auf­ge­fun­de­nen Ge­dan­ken­pro­to­kol­len ein­zel­ner Schrift­füh­rer der Kom­mis­si­on zie­hen: Die Kom­mis­si­on dürf­te den Tat­ort ge­nau un­ter­sucht ha­ben – ob sie oh­ne kri­mi­na­lis­ti­sche Er­fah­rung al­ler­dings die rich­ti­gen Rück­schlüs­se ge­zo­gen hat, dar­über kann nur spe­ku­liert wer­den. Das Pro­jek­til der Schuss­waf­fe wur­de an­geb­lich im Nacht­käst­chen ne­ben dem to­ten Kron­prin­zen auf­ge­fun­den, her­aus­ge­löst und dem Kai­ser über­ge­ben. Franz Jo­seph hat es zu ei­ner Re­li­quie fas­sen las­sen – das ist spä­ter nach au­ßen ge­drun­gen. Ob die Kom­mis­si­on die Tat­waf­fe nach Wien ge­bracht hat oder ob dies schon vor dem Ein­tref­fen der Hof­kom­mis­si­on ge­sche­hen ist, dar­über ist nichts be­kannt. Die Waf­fe ist je­den­falls bis heu­te nicht mehr auf­ge­taucht.

Nach zwölf Ta­gen Er­mitt­lun­gen wur­den die ers­ten Er­geb­nis­se prä­sen­tiert. Was die Hof­kom­mis­son an Fak­ten über den Ta­ther­gang in Er­fah­run­gen brin­gen konn­te, wel­che­schrit­te­sie­gesetzt hat, wel­che Be­wei­se sie aus der Welt ge­schafft und fal­schen Fähr­ten sie ge­legt hat, ist bis heu­te ein Ge­heim­nis. Es ist zwar schon da­von aus­zu­ge­hen, dass Kai­ser Franz Jo­seph die gan­ze Wahr­heit über den Tod sei­nes Soh­nes wis­sen woll­te, das lässt sich schon an­hand sei­nes Ge­sprächs mit dem kai­ser­li­chen Leib­arzt über das Er­geb­nis der Ob­duk­ti­on ver­mu­ten. Ob die Hof­kom­mis­si­on dem Kai­ser aber wirk­lich den wah­ren Ta­ther­gang ge­schil­dert hat oder ob es auch hier, wie schon so oft, zu gra­vie­ren­den Fehl­in­for­ma­tio­nen ge­kom­men ist, konn­te bis da­to nicht eru­iert wer­den. Ob die Hof­be­am­ten über­haupt die nö­ti­ge kri­ti­sche Dis­tanz da­für auf­brin­gen konn­ten, ist je­den­falls frag­lich. Denn ihr Auf­trag lau­te­te ja nicht, ei­ne un­ab­hän­gi­ge Un­ter­su­chung, son­dern ei­ne „Ab­wick­lung“der Af­fä­re Mayerling im Sin­ne des kai­ser­li­chen Hau­ses vor­zu­neh­men.

Die Er­geb­nis­se der Kom­mis­si­on wur­den dem Kai­ser nicht münd­lich vor­ge­tra­gen, son­dern von ei­nem Hof­se­kre­tär schrift­lich zu­sam­men­ge­fasst und vom Oberst­hof­meis­ter Kai­ser Franz Jo­seph über­ge­ben. Dass die „Mayerling“-pa­pie­re exis­tier­ten, ist un­be­strit­ten; das geht deut­lich aus­der­noch­exis­tie­ren­den­ver­las­sen­schafts­ab­hand­lung des Kron­prin­zen her­vor. Dar­in fin­det sich ein Ak­ten­ver­zeich­nis, aus dem klar her­vor­geht, dass sich in die­sem Akt auch Be­rich­te der Hof­kom­mis­si­on über die Un­ter­su­chun­gen in Mayerling be­fan­den. Wann die­se Ak­ten­tei­le ent­nom­men wur­den, wer sie an sich ge­nom­men hat, ob sie noch exis­tie­ren. und wenn ja, wo sie sich heu­te be­fin­den, ist un­ge­klärt.

Über das, was sie in Mayerling ge­se­hen und in Er­fah­rung ge­bracht hat­ten, durf­ten die Mit­glie­der der Hof­kom­mis­si­on kein Wort ver­lie­ren, und bis auf zwei Aus­nah­men ta­ten sie das auch nicht. Nur zwei Mit­glie­der der­hof­kom­mis­si­onbra­chen­nach dem En­de der Mon­ar­chie ihr Schwei­gen: Ei­ner hin­ter­ließ ein ste­no­gra­phi­sches Pro­to­koll, ein an­de­rer gab Hin­wei­se auf sei­ne sei­ner­zei­ti­gen Auf­ga­ben bei ei­nem In­ter­view mit der „Ar­bei­ter­zei­tung“im Jahr 1928 – aus bei­den Aus­sa­gen lässt sich schlie­ßen, dass der Kron­prinz zu­erst Ma­ry Vet­s­e­ra und dann sich selbst er­schos­sen hat.

Zwei Fra­gen konn­ten bis heu­te nicht ge­klärt wer­den: War­um wur­den die Un­ter­su­chun­gen nach zwölf­ta­gen­ab­rupt­ein­ge­stellt? Es wa­ren noch nicht ein­mal al­le Per­so­nen, diein­die­af­fä­re­von­ru­dolf und Ma­ry in­vol­viert ge­we­sen wa­ren, be­fragt wor­den. Wa­ren die ersten­er­geb­nis­se­derart­scho­ckie­rend, dass der Kai­ser ver­hin­dern woll­te, dass­noch­mehr­de­tails­ans Ta­ges­licht ka­men? Und: Hat die Hof­kom­mis­si­on be­wusst fal­sche Spu­ren ge­streut und Fal­sch­mel­dun­gen in die Welt ge­setzt, um von den wah­ren Hin­ter­grün­den von Mayerling ab­zu­len­ken? Mög­lich ist es, denn bis heu­te lässt sich nicht er­klä­ren, war­um Mit­glie­der ein und der­sel­ben Kom­mis­si­on nach dem En­de der Mon­ar­chie zu ein­zel­nen De­tails zum Teil völ­lig un­ter­schied­li­che Aus­sa­gen ge­macht ha­ben.

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