EIN­SCHUSS­WUN­DE ODER ZERTRÜMMERTER SCHÄDEL? Aus­sa­ge ge­gen Aus­sa­ge.

Geschichte - - DIE HOFKOMMISSION -

Der ei­ne ist Or­don­nanz­of­fi­zier Ar­thur Gisl von Gies­lin­gen, der dem Hof­staat Ru­dolfs zu­ge­teilt war. Er war an­we­send, als Ru­dolfs Leich­nam in der Nacht in der Hof­burg an­kam, und er war für die ers­te To­ten­wa­che ein­ge­teilt. In sei­nen nach dem En­de der Mon­ar­chie auf­ge­fun­de­nen Auf­zeich­nun­gen hielt er den Mo­ment fest, als Ru­dolfs Sarg ge­öff­net wur­de: „Fürst Ho­hen­lo­he (Anm.: der Oberst­hof­meis­ter und Ver­trau­te des Kai­sers) sprach fol­gen­de Wor­te: Was die Her­ren jetzt se­hen wer­den, se­hen sie un­ter ih­rem Ei­de. Dr. Auck­en­ta­ler und ich ho­ben den De­ckel ab, und wir er­blick­ten un­se­ren Herrn mit ei­ner Schuss­wun­de am Kopf, gar nicht ent­stellt, mit ei­nem fried­li­chen Lä­cheln in sei­nen Zü­gen . . .“Kei­ne Re­de von ei­ner schwe­ren Schä­del­ver­let­zung.

Den er­hal­te­nen Res­ten des ste­no­gra­phi­schen Pro­to­kolls von Hof­se­kre­tär Hein­rich Sla­tin, spä­ter Mit­glied der Hof­kom­mis­si­on und schon bei der ers­ten Be­ge­hung des Tat­orts da­bei, ist et­was völ­lig an­de­res zu ent­neh­men: „Im Schlaf­zim­mer fin­den wir zwei Leich­na­me: je­nen des ver­stor­be­nen

Kron­prin­zen, das Ant­litz kaum ent­stellt, je­doch die Schä­del­de­cke ab­ge­sprengt, Blut und Ge­hirn­tei­le her­aus­quel­lend . . .“.

Wie ist es mög­lich, dass zwei Zeu­gen, de­ren sons­ti­ge Aus­sa­gen sich in al­lem de­cken und de­ren Auf­zeich­nun­gen und Er­in­ne­run­gen als be­son­ders ver­trau­ens­wür­dig gel­ten, ge­ra­de in die­sem wich­ti­gen Punkt et­was völ­lig an­de­res ge­se­hen ha­ben? Wie konn­te der ei­ne nur ei­ne klei­ne Schuss­ver­let­zung se­hen und der an­de­re ei­ne feh­len­de Schä­del­de­cke? Die­ser – nur schein­ba­re? – Wi­der­spruch hat di­ver­sen Mord­theo­ri­en Vor­schub ge­leis­tet und konn­te bis heu­te nicht ge­klärt wer­den. Die­se Fra­ge könn­te wohl nur mit ei­ner fo­ren­si­schen Un­ter­su­chung der sterb­li­chen Res­te Ru­dolfs, die in der Wie­ner Ka­pu­zi­ner­gruft ru­hen, end­gül­tig ge­klärt wer­den.

Der ei­ne ge­hör­te der of­fi­zi­el­len Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on an, der an­de­re gilt als ab­so­lut glaub­wür­di­ger Ver­trau­ter Ru­dolfs. Doch die Aus­sa­ge zwei­er Au­gen­zeu­gen über die Schä­del­ver­let­zung des Kron­prin­zen könn­ten un­ter­schied­li­cher nicht sein.

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