WAS GE­SCHAH WIRK­LICH?

Geschichte - - WAS GESCHAH WIRKLICH? -

Ge­mein­sa­mer Selbst­mord oder Mord durch Drit­te? Bis heu­te ist nicht voll­stän­dig ge­klärt, was wirk­lich in der Nacht des 30. Jän­ner 1889 in Mayerling ge­sche­hen ist. Von Be­ginn an blüh­ten Ver­schwö­rungs­theo­ri­en – doch wel­che sind stich­hal­tig?

Die Le­gen­den­bil­dung rund um das May­er­lin­gMys­te­ri­um setz­te schnell ein. Die ka­ta­stro­pha­le In­for­ma­ti­ons­po­li­tik des Wie­ner Ho­fes, die Pan­nen rund um die Ver­tu­schung des wah­ren Ta­ther­gangs und die Tat­sa­che, dass in nur 24 St­un­den drei ver­schie­de­ne To­des­ur­sa­chen be­kannt ge­ge­ben wur­den, bo­ten den idea­len Nähr­bo­den für di­ver­se Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. Was spricht für, was ge­gen die gän­gigs­ten Theo­ri­en? Wel­che Zwei­fel gibt es?

DIE MORD­THEO­RI­EN

Hat ein On­kel von Ma­ry Vet­s­e­ra Kron­prinz Ru­dolf ge­tö­tet?

Vor al­lem in den ers­ten Jahr­zehn­ten der Mayerling-li­te­ra­tur gab es im­mer wie­der Be­haup­tun­gen, Ma­ry Vet­s­e­ras Fa­mi­lie – ge­nau­er, ei­ne­rih­rer­vier­bal­taz­zi-on­kel ha­be Kron­prinz Ru­dolf er­mor­det. Ein On­kel ha­be den Kron­prin­zen we­gen der Ver­füh­rung Ma­rys zur Re­de ge­stellt und, als es in der Fol­ge zu ei­nem Hand­ge­men­ge kam, Ru­dolf er­schos­sen. Der Wie­ner Hof ha­be aus Angst vor ei­nem pein­li­chen Skan­dal lie­ber ei­nen Selbst­mord vor­ge­scho­ben. Ab­ge­se­hen da­von, dass sich drei der vier On­kel zum To­des­zeit­punkt weit ent­fernt vom Jagdschloss auf­ge­hal­ten ha­ben und der vier­te On­kel am Vor­abend des 30. Jän­ner 1889 beim Po­li­zei­prä­si­den­ten war, gibt es­vor­al­lem­kei­ne­schlüs­si­ge­er­klä­rung da­für, war­um ein On­kel auch die Nich­te ge­tö­tet ha­ben soll­te.

Mord durch ei­nen ei­fer­süch­ti­gen Ehe­mann?

Die­se Ver­si­on gibt es in un­ter­schied­li­cher Be­set­zung. Ein ei­fer­süch­ti­ger­ehe­mann­sei­in­das­jagd­schloss ein­ge­drun­gen und ha­be sich am Thron­fol­ger ge­rächt, weil die­ser sei­ne Ehe­frau ver­führt ha­be.

Das letz­te Ge­mäl­de von Kron­prinz Ru­dolf. Was bleibt, ist die Fra­ge nach dem War­um.

Ein­mal ist es ein kai­ser­li­cher Förs­ter, ein an­de­res Mal ein Sauf- oder Jagd­kom­pa­gnon des Kron­prin­zen. Dass der Kai­ser an­geb­lich aus Scham über solch ei­ne To­des­ur­sa­che lie­ber die Ver­si­on Selbst­mord we­gen geis­ti­ger Um­nach­tung vor­ge­scho­ben hat, ist un­glaub­wür­dig. Was au­ßer­dem ge­gen die­se The­se spricht, ist der Um­stand, dass Kai­ser und Hof wohl al­les dar­an ge­setzt hät­ten, den Mord auf­zu­klä- ren und nicht zu ver­tu­schen. Denn Mord am Thron­fol­ger ist an ei­nem ka­tho­li­schen Hof im­mer noch leich­ter zu kom­mu­ni­zie­ren als Selbst­mord.

Ei­ne be­son­ders be­lieb­te Ver­si­on, die sich eben­falls in un­zäh­li­gen Va­ri­an­ten fin­det. Es wa­ren die Frei­mau­rer, die Kon­ser­va­ti­ven, der ho­he Kle­rus, Mit­glie­der der Aris­to­kra­tie, der Mi­nis­ter­prä­si­dent, der deut­sche oder fran­zö­si­sche Ge­heim­dienst oder un­ga­ri­sche Ver­schwö­rer, die den Kron­prin­zen er­mor­det ha­ben, um – je nach Les­art – ei­nen un­be­que­men Geg­ner oder Mit­wis­ser aus­zu­schal­ten. War­um die­se The­se hinkt: Wenn ein po­li­ti­scher Ge­gen­spie­ler den Kron­prin­zen tö­ten woll­te, war­um dann so auf­fäl­lig?

Ein po­li­ti­scher Mord?

Ein ab­sicht­lich her­bei­ge­führ­ter Un­fall, ein un­glück­li­cher Schuss bei der Jagd, ei­ne be­wusst her­bei­ge­führt Sy­phi­li­s­an­ste­ckung durch ei­ne auf den Kron­prin­zen an­ge­setz­te Kur­ti­sa­ne – all das wä­re we­sent­lich un­auf­fäl­li­ger ge­we­sen. Es hät­te kei­ne Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on, kein Ge­re­de, kei­ne Me­di­en, kei­ne Spe­ku­la­tio­nen ge­ge­ben. Und wie­der die Fra­ge: Wel­chen Grund hät­te der Kai­ser ge­habt, die Mör­der sei­nes Soh­nes zu schüt­zen und Ver­tu­schungs­ver­su­che vor­zu­neh­men?

Ei­ne Fra­ge bringt letzt­lich al­le Ver­schwö­rungs­theo­ri­en ins Wan­ken: War­um auch die sieb­zehn­jäh­ri­ge Vet­s­e­ra tö­ten? Ein Dop­pel­mord muss­te doch un­wei­ger­lich noch mehr Auf­merk­sam­keit er­re­gen. Und war­um hät­te der Wie­ner Hof in die­sem Fall die Exis­tenz ei­nes zwei­ten Mord­op­fers ver­schwie­gen?

DIE SELBST­MORD­THEO­RIE

Auch wenn ei­ne Er­mor­dung des Kron­prin­zen und Ma­ry Vet­s­e­ras auf­grund wa­cke­li­ger The­sen un­wahr­schein­lich ist, ist da­mit die Selbst­mord­theo­rie noch lan­ge nicht be­wie­sen. Man kann nach dem heu­ti­gen For­schungs­stand nicht mit hun­dert­pro­zen­ti­ger Si­cher­heit sa­gen, was ge­nau in der Nacht­auf­den30. Jän­ner1889pas­siert ist. Vie­les spricht da­für, dass der Kron­prinz zu­erst und mit de­ren Ein­ver­ständ­nis Ma­ry er­schos­sen und sich dann selbst ge­rich­tet hat. Als star­ke In­di­zi­en hier­für gel­ten der Aus­zug aus dem Ob­duk­ti­ons­be­richt, der in der amt­li­chen “Wie­ner Zei­tung“ver­öf­fent­licht wur­de – wenn auch die an­geb­li­che geis­ti­ge Ver­wir­rung Ru­dolfs nicht glaub­haft ist – so­wie die Kor­re­spon­denz zwi­schen Hof und Va­ti­kan und die Aus­sa­gen des päpst­li­chen Nun­ti­us in Wien über das Be­gräb­nis des „Selbst­mör­ders“Ru­dolf. Auch die hin­ter­las­se­nen Ab­schieds­brie­fe, vor al­lem je­ner an Kai­se­rin Eli­sa­beth, des­sen In­halt teil­wei­se be­kannt ist, las­sen eben­falls auf ei­nen Sui­zid schlie­ßen.

Das größ­te Pro­blem der neue­ren Mayerling-for­schung ist das feh­len­de Mo­tiv: War­um hat sich Kron­prinz Ru­dolf um­ge­bracht? War­um hat er Ma­ry Vet­s­e­ra für ei­nen ge­mein­sa­men Tod „re­kru­tiert“? Auf die­se Fra­ge kann bis heu­te kei­ne zu­frie­den­stel­len­de Ant­wort ge­ge­ben wer­den. Denn bei kri­ti­scher Be­trach­tung lö­sen sich vie­le der Mo­ti­ve wie­der auf, die in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten als Er­klä­rungs­ver­such her­an­ge­zo­gen wor­den sind.

Ge­mein­sa­mer Selbst­mord aus Lie­be?

Schon Ru­dolfs Zeit­ge­nos­sen schlos­sen ein Lie­bes­mo­tiv ka­te­go­risch aus. Ru­dolfs engs­te Um­ge­bung wuss­te, dass Ma­ry für den Kron­prin­zen nur ei­ne von vie­len war und sich der Thron­fol­ger wohl kaum um­ge­bracht hat, weil er die Ba­ro­ness nicht hei­ra­ten konn­te. Mayerling als tra­gi­sche Lie­bes­ge­schich­te mit le­ta­lem En­de ist ei­ne Er­fin­dung der frü­hen Film­in­dus­trie.

Selbst­mord aus po­li­ti­schen Mo­ti­ven?

Die lan­ge vor­herr­schen­de Mei­nung, Ru­dolf ha­be aus Ver­zweif­lung dar­über, dass er nicht mit­ge­stal­ten konn­te und an der Po­li­tik sei­nes Va­ters ver­zwei­fel­te, sei­nem Le­ben ein En­de ge­setzt, hält den neu­es­ten For­schungs­er­geb­nis­sen zur ös­ter­rei­chi­schen In­nen- und Au­ßen­po­li­tik der 1880er-jah­re nicht stand. Denn ge­ra­de in den

Mo­na­ten vor dem Tod des Kron­prin­zen zeig­ten sich deut­li­che An­zei­chen ei­nes in­nen­po­li­ti­schen Rich­tungs­wech­sel­sin­ru­dolfs­sin­ne, das konn­te dem Kron­prin­zen, der über die Vor­gän­ge hin­ter den Ku­lis­sen stets in­for­miert war, nicht ver­bor­gen ge­blie­ben sein. Das wich­tigs­te in­nen­po­li­ti­sche The­ma des Jah­res 1888, die be­rühm­te Wehr­ge­setz­de­bat­te, lös­te sich so, wie es Ru­dolf er­hofft hat­te. Und sein kon­ser­va­ti­ver Erz­feind, Mi­nis­ter­prä­si­dent Edu­ard Taaf­fe, hat­te sei­nen Ze­nit be­reits über­schrit­ten, vier Jah­re nach Ru­dolfs Tod war er be­reits Ge­schich­te.

Selbst­mord we­gen ei­ner miss­lun­ge­nen­ver­schwö­rung ge­gen­den­va­ter?

Die­se Ver­si­on als Aus­lö­ser für den Selbst­mord hat aus­ge­rech­net Ru­dolfs Cou­si­ne Ma­rie La­risch in die Welt ge­setzt, die spä­ter al­les tat, um ih­re ei­ge­ne Be­tei­li­gung an der ver­häng­nis­vol­len Af­fä­re zwi­schen Ru­dolf und Ma­ry her­un­ter­zu­spie­len. An­geb­lich ha­be Ru­dolf ei­ne ge­fähr­li­che Nä­he zu un­ga­ri­schen Ver­schwö­rern ge­habt, die Kai­ser Franz Jo­seph in ei­nem Staats­streich als Kö­nig von Un­garn ab­set­zen­woll­ten, um­s­ei­nen­li­be­ra­len Sohn auf den un­ga­ri­schen Thron zu hie­ven. Die Ver­schwö­rung sei auf­ge­deckt wor­den, Ru­dolf ha­be dar­auf­hin Selbst­mord be­gan­gen, um­s­ei­nee­h­re­zu­ret­ten. Ge­gen­die­se Theo­rie spricht, dass es kei­nen ein­zi­gen Be­weis da­für gibt, auch kein Na­me auch nur ei­nes an­geb­li­chen Ver­schwö­rers be­kannt ist, vor al­lem aber die Tat­sa­che, dass Ru­dolf ein glü­hen­der Ver­fech­ter des Viel­völ­ker­staa­tes war und ei­ne Los­lö­sung Un­garns nicht ak­zep­tiert hät­te.

Selbst­mord we­gen ei­ner ver­wei­ger­ten Ehe-an­nu­lie­rung durch den Papst?

Auch die­se Ver­si­on huscht im­mer wie­der durch die May­er­lin­gLi­te­ra­tur. Ru­dolf ha­be an­geb­lich in den Ta­gen vor sei­nem Tod ein Telegramm an den Papst ge­schickt, um ei­ne An­nu­lie­rung sei­ner un­glück­li­chen Ehe mit Ste­pha­nie zu be­an­tra­gen. Dar­auf­hin soll es zu ei­ner schwe­ren Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Va­ter und Sohn ge­kom­men sein, die der Aus­lö­ser für Ru­dolfs Selbst­mord ge­we­sen sein soll. Zum an­geb­li­chen Telegramm des Kron­prin­zen an den Papst­we­gen­ei­ner­ehean­nu­lie­rung teil­te das Va­ti­ka­ni­sche Archiv be­reits 1947 mit, dass nach aus­führ­li­cher Re­cher­che kein dies­be­züg­li­ches Schrei­ben des ös­ter­rei­chi­schen Kron­prin­zen an den Hei­li­gen Va­ter vor­ge­fun­den wer­den konn­te.

War­um?

War es das per­sön­li­che Schei­tern ei­nes hoch­be­gab­ten, hoch­sen­si­blen Man­nes, für das es nicht nur die „ei­ne“Ur­sa­che gab? Hat ein Frei­geist kei­nen an­de­ren Aus­weg aus Trost­lo­sig­keit, Me­lan­cho­lie, aus der geis­ti­gen En­ge sei­ner Um­ge­bung und ei­ner per­sön­li­chen Per­spek­tiv­lo­sig­keit ge­se­hen? Oder war Ru­dolf krank, gab es viel­leicht­di­edia­gno­se­eine­run­heil­ba­ren Ge­schlechts­krank­heit? Dass Ru­dolf auf­grund sei­ner trau­ma­ti­schen Kind­heits­er­fah­rung und sei­ner Per­sön­lich­keit schwe­rer an den Be­las­tun­gen des Le­bens zu tra­gen hat­te als vie­le an­de­re un­ter ähn­li­chen Um­stän­den, gilt als er­wie­sen. Ru­dolf­hat­te­nicht­die­wi­der­stands­kräf­te sei­nes Va­ters

Kai­ser Franz Jo­seph, den selbst die größ­ten Schick­sals­schlä­ge nicht in­die­knie­zwin­gen­konn- ten. Be­durf­te es nur ei­nes Fun­ken, um ei­ne fa­ta­le Hand­lung aus­zu­lö­sen, war es ei­ne Af­fekt­hand­lung? Heu­te wür­de man viel­leicht sa­gen, dass Kron­prinz Ru­dolf auf­grund sei­ner per­sön­li­chen Ge­schich­te im­mer schon ein Ri­si­ko­kan­di­dat war, des­sen Blick­feld sich im­mer mehr ver­engt hat, bis er kei­ne Wahl­mög­lich­keit mehr sah. Recht plau­si­bel er­scheint die Über­le­gung, dass die Ge­sell­schaft der ado­les­zen­ten Ma­ry als ei­ne

Art „Brand­ver­stär­ker“für die la­ten­te To­des­sehn­sucht des Kron­prin­zen ge­wirkt, und ei­ne fa­ta­le Dy­na­mik in Gang ge­setzt ha­ben könn­te. Der Mord an der Sieb­zehn­jäh­ri­gen und die da­mit ver­bun­de­nen un­auf­lös­ba­ren Schuld­ge­füh­le könn­ten dann sei­ne letz­ten Ängs­te über­wun­den und den

Weg zum Sui­zid frei ge­macht ha­ben.

Bleibt nicht je­der Selbst­mord letzt­lich ein ewi­ges Rät­sel?

Ge­mäl­de um 1900: Kron­prinz Ru­dolf emp­fängt im Him­mel sei­ne Mut­ter Eli­sa­beth, im Hin­ter­grund Sil­hou­et­te des Ste­phans­do­mes.

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