„Zau­be­rin­nen sollst Du nicht am Le­ben las­sen“

Hexen & Vampire - - INHALT -

He­xen­jag­den – in ganz Eu­ro­pa bren­nen die Schei­ter­hau­fen. Plus: Wie ein He­xen­pro­zess durch­ge­führt wur­de.

Ei­ne He­xe kommt nie al­lein. Des­halb muss je­der He­xen­pro­zess mit wei­te­ren An­kla­gen en­den. Die vie­len Pro­fi­teu­re der He­xen­ver­fol­gun­gen schü­ren Angst und Miss­trau­en un­ter ih­ren Mit­men­schen. Im Jahr 1782 wird die letz­te He­xe in Eu­ro­pa hin­ge­rich­tet.

Spä­tes­tens seit Mit­te des 15. Jahr­hun­derts hat sich der Glau­be an die Exis­tenz von He­xen und He­xen­sek­ten end­gül­tig eta­bliert. Im­mer mehr Men­schen sind über­zeugt: He­xen gibt es wirk­lich; sie flie­gen durch die Lüf­te, und ihr ein­zi­ges Stre­ben ist es, an­de­ren zu scha­den.

Han­del­te es sich bei der Ket­ze­rei noch um das rein geist­li­che De­likt der Hä­re­sie – den Ab­fall vom ein­zig „wah­ren“ka­tho­li­schen Glau­ben, den man mit dem Vor­wurf des Teu­fels­pakts und der Zau­be­rei ver­misch­te – , so rü­cken jetzt bei der He­xe­rei der Pakt mit dem Sa­tan, Scha­dens­zau­ber und schwar­ze Ma­gie in den Vor­der­grund. Das Be­dro­hungs­po­ten­zi­al die­ser drei Ver­ge­hen für die All­ge­mein­heit wird als so hoch ein­ge­stuft, dass man He­xe­rei in den Rang ei­nes Aus­nah­me- ver­bre­chens, ei­nes „cri­men ex­cep­tum“, er­hebt und auf ei­ne Stu­fe mit Hoch­ver­rat, Tot­schlag und Mord stellt, al­so mit Ver­bre­chen, die ei­ne ex­tre­me Ahn­dung ver­lan­gen.

Mit die­ser neu­en De­fi­ni­ti­on des Ver­bre­chens der He­xe­rei bil­det sich in der Be­völ­ke­rung ei­ne scharf um­ris­se­ne Vor­stel­lung de­rer her­aus, die es be­ge­hen: Zur He­xe wird, wer ei­nen Pakt mit dem Teu­fel schließt. Wie es da­zu kommt, weiß man bis ins De­tail: Der Teu­fel nä­hert sich der von ihm er­wähl­ten Frau meist in der Gestalt ei­nes gut­aus­se­hen­den Man­nes und lockt sie mit se­xu­el­len Ver­spre­chun­gen. Da sie als Weib von Na­tur aus der Flei­sches­lust zu­ge­neigt ist, kann sie nicht an­ders, als auf sein Wer­ben ein­zu­ge­hen. Bald dar­auf ist sie be­reit, ih­rem Christ­englau­ben ab­zu­schwö­ren. Nun ver­langt der Teu­fel von der künf­ti­gen He­xe, dass sie ein Kru­zi­fix mit Fü­ßen tre­te, an­schlie­ßend muss sie sein Hin­ter­teil küs­sen und mit ihm ei­ne Art Ehe ein­ge­hen, die gleich eif­rig voll­zo­gen wird – die Teu­fels­buhl­schaft. Als Zei­chen, dass sie jetzt sei­ne Braut ist, drückt ihr der Teu­fel an ei­ner ver­bor­ge­nen Stel­le ih­res Kör­pers ein He­xen­mal auf.

Ist der Teu­fels­pakt be­sie­gelt, er­hält die frisch­ge­ba­cke­ne He­xe von ih­rem neu­en Meis­ter die Fä­hig­keit zum Male­fi­ci­um, zur Schwar­zen Ma­gie. Sie kann und muss nun Un­glück und Scha­den über ih­re Um­welt brin­gen, et­wa in Form von Un­frucht­bar­keit bei Mensch und Tier, Krank­heit oder plötz­li­chem Tod, ma­te­ri­el­lem Ru­in oder hef­ti­gen Un­wet­tern, die die Ern­te ver­nich­ten.

Man ist au­ßer­dem über­zeugt da­von, dass ei­ne He­xe nie als Ein­zel­tä­te­rin wirkt, son­dern stets Teil ei­ner Sek­te ist. Als Mit­glied die­ser Sek­te (zu der auch ei­ni­ge Män­ner

ge­hö­ren, die der Teu­fel in Frau­en­gestalt be­tör­te) muss ei­ne He­xe sich re­gel­mä­ßig an ei­nen ge­hei­men Ort be­ge­ben, um dort mit an­de­ren Zau­be­rin­nen beim He­xen­sab­bat dem Teu­fel zu hul­di­gen und ih­ren höl­li­schen Pakt zu er­neu­ern. Da­mit sie schnell an die­se ent­le­ge­nen Or­te ge­lan­gen, hat der Teu­fel den He­xen auch die Ga­be ver­lie­hen, auf Be­sen oder Tie­ren zu flie­gen. Hun­der­te, ja Tau­sen­de kom­men so des Nachts beim He­xen­sab­bat zu­sam­men, wo sie sich or­gi­as­ti­schen se­xu­el­len Aus­schwei­fun­gen hin­ge­ben und ab­scheu­li­che, kan­ni­ba­lis­ti­sche Ge­la­ge fei­ern – He­xen gou­tie­ren, weiß man, be­son­ders das Fleisch klei­ner Kin­der. Au­ßer­dem wer­den, in Um­keh­rung des Got­tes­diens­tes, blas­phe­mi­sche Ri­ten ab­ge­hal­ten. Hö­he­punkt je­des He­xen­sab­bats ist die Verun­glimp­fung der christ­li­chen Eucha­ris­tie­fei­er und die ge­nüss­li­che Ver­ab­re­dung von neu­em Scha­dens­zau­ber. Denn der Teu­fel plan­te, mit Hil­fe der ihm hö­ri­gen He­xen die gött­li­che Wel­t­ord­nung um­zu­sto­ßen.

Der Glau­be an He­xen­sek­ten konn­te sich nur durch­set­zen, weil seit über hun­dert Jah­ren der Be­völ­ke­rung durch ag­gres­si­ve Pre­dig­ten, ent­spre­chen­de Bü­cher und Flug­schrif­ten per­ma­nent die Angst vor der Be­dro­hung der gött­li­chen Ord­nung durch den Höl­len­fürs­ten und sei­ne Hand­lan­ger – zu­erst die Ket­zer, dann al­le, die Scha­dens­zau­ber wirk­ten – ein­ge­bläut wor­den war. Der alt­her­ge­brach­te volks­tüm­li­che Glau­be an Scha­dens­zau­ber al­lein hät­te nie­mals der­art mas­si­ve He­xen­ver­fol­gun­gen aus­lö­sen kön­nen – das Po­ten­zi­al da­zu er­hielt er erst durch sei­nen theo­lo­gi­schen Un­ter­bau.

Nach­dem die He­xe­rei zur Tat­sa­che er­ho­ben war, er­füll­te sie durch­aus ei­nen Zweck: Schick­sals­schlä­ge und all­täg­li­ches Miss­ge­schick muss­ten jetzt nicht mehr in Ohn­macht und Gott­ver­trau­en pas­siv hin­ge­nom­men wer­den, nein, man konn­te da­für ei­nen Schul­di­gen aus­ma­chen. Der Glau­be an He­xen bot auf ein­mal die Lö­sung für fast al­les, was dem Mensch un­er­klär­lich war: über­ra­schen­de To­des­fäl­le, Krank­hei­ten, Un­glück oder ein­fach nur Pech. Und bald be­stä­tig­te vie­len ih­re per­sön­li­che Er­fah­rung, was die In­qui­si­to­ren pre­dig­ten: Die He­xen sind mit­ten un­ter uns. Durch die­ses ein­fa­che Re­zept der Le­bens­be­wäl­ti­gung wur­den Span­nun­gen und Kon­flik­te nun völ­lig an­ders aus­ge­tra­gen: Wur­de man krank, such­te man die hier­für ver­ant­wort­li­che He­xe – und fand na­tür­lich die zän­ki­sche Nach­ba­rin, die mit dem Teu­fel im Bund sein muss­te, man hat­te es ja schon im­mer ge­wusst. Warf der ei­ge­ne Hof nicht ge­nug Er­trag ab, so kei­nes­wegs, weil man öf­ter

dem Herrn die Zeit stahl als Flei­ßi­ge­re – nein, son­dern weil der er­folg­rei­che Ri­va­le mit He­xen pak­tier­te. Und die un­ge­lieb­te al­te Schwie­ger­mut­ter, die den gan­zen Tag wir­res Zeug re­de­te – war sie nicht vom Teu­fel be­ses­sen?

Mit dem Vor­wurf der He­xe­rei konn­te man sich leicht sei­ner Ne­ben­buh­ler, Kon­kur­ren­ten und läs­ti­gen Ver­wand­ten ent­le­di­gen. Selbst ge­gen ei­nen Mäch­ti­ge­ren, mit dem man sich frü­her bes­ser nicht an­ge­legt hat­te, be­saß man plötz­lich ei­ne Waf­fe: Man brauch­te nur des­sen Frau der He­xe­rei zu ver­däch­ti­gen, und schon stürz­te auch er ins Ver­der­ben.

He­xen­ver­fol­gun­gen ent­ste­hen nie aus dem Nichts her­aus. Ei­ne He­xen­jagd kann nur aus­bre­chen, wenn in dem be­tref­fen­den Ge­biet, ei­ner Ge­mein­de oder ei­nem Dorf be­reits seit län­ge­rer Zeit ei­ne At­mo­sphä­re der Furcht und des Miss­trau­ens herrscht. Die ers­ten Tat­or­te und Vor­bo­ten spä­te­rer He­xen­ver­fol­gun­gen lie­gen nicht zu­fäl­lig im süd­west­li­chen Al­pen­raum – dem Schau­platz in­ten­si­ver Ket­zer­ver­fol­gun­gen. Hier emp­fand man das Be­dro­hungs­po­ten­zi­al durch Sek­ten als be­son­ders hoch, hier wur­de die Angst vor Teu­fels­bünd­lern be­son­ders ge­schürt. Be­grün­de­te man hier die in­ten­si­ve He­xen­ver­fol­gung frü­her mit der Rück­stän­dig­keit der ab­ge­le­ge­nen Al­pen­re­gio­nen und dem tief ver­wur­zel­ten heid­ni­schen Aber­glau­ben, so gibt es heu­te ein neu­es Er­klä­rungs­mo­dell: Dort, wo Men­schen der Pro­pa­gan­da der In­qui­si­ti­on be­son­ders aus­ge­setzt wa­ren, neig­ten sie da­zu, das al­te Feind­bild (die Ket­zer) bei­zu­be­hal­ten und auf ei­ne neue Per­so­nen­grup­pe (He­xen) zu über­tra­gen.

Hin­zu kam die Denun­zia­ti­on. Ge­gen­sei­ti­ge Ver­däch­ti­gun­gen er­hö­hen das Kon­flikt­po­ten­zi­al: Je mehr Per­so­nen der Zau­per­so­nen ver­däch­tigt wur­den, des­to hö­her schau­kel­te sich die Angst vor He­xen auf. Wer im­mer wie­der von He­xen re­den hört, be­ginnt bald, wel­che zu se­hen. In man­chen Dör­fern wur­de die Hälf­te der er­wach­se­nen Ein­woh­ner der Zau­be­rei ver­däch­tigt. Das Miss­trau­en in­ner­halb der Ge­mein­schaft stieg, die Hemm­schwel­le für kri­mi­nel­le Nach­re­de sank, die Angst wuchs. Der emo­tio­na­le Hin­ter­grund wä­re da­mit auf­be­rei­tet, jetzt brauch­te es nur noch ei­nen Fun­ken, der zur Ex­plo­si­on führ­te ...

He­xen­ver­fol­gun­gen gin­gen oft Hand in Hand mit län­ger an­dau­ern­den, kri­sen­haf­ten Be­las­tun­gen ei­ner Ge­mein­schaft. In ei­ner all­ge­mein an­ge­spann­ten Si­tua­ti­on ge­nüg­te als Aus­lö­ser oft nur ein Er­eig­nis, bei dem ein­zel­ne oder meh­re­re ei­nen Scha­den er­lit­ten: ei­ne Miss­ern­te, ei­ne Epi­de­mie, ein un­er­klär­li­cher To­des­fall. So wur­de et­wa 1583 in der deut­schen Stadt Os­na­brück ein plötz­lich ein­tre­ten­der Frost, der die ge­sam­te Wein­ern­te ver­nich­te­te, zur Initi­al­zün­dung für ei­ne He­xen­jagd, die in­ner­halb ei­nes Jah­res 120 Frau­en das Le­ben kos­te­te. Wie hier war Wet­ter­zau­ber bei vie­len He­xen­pro­zes­sen ei­ner der Haupt­an­kla­ge­punk­te. Mal hieß es, ei­ne An­ge­klag­te ha­be „ein Wet­ter zur Ver­der­bung des Weins und Obs­tes ge­macht“. Dann, ei­ne an­de­re ha­be mit Zau­ber­ger­ten ins Was­ser ge­schla­gen und so Ne­bel ge­zau­bert, der die Ei­chel­mast ver­darb. Und ei­ne drit­te hät­te Rü­ben und Kohl ver­dor­ben.

Den St­ein ins Rol­len brach­te meis­tens ein Ein­zel­ner oder ei­ne Grup­pe, die ei­ne be­stimm­te Per­son aus ih­rer Um­ge­bung öf­fent­lich des Scha­dens­zau­bers be­zich­tig­ten und im Ge­gen­zug für die an­geb­lich er­lit­te­ne Un­bill ei­ne Be­stra­fung for­der­ten. Der ers­te He­xen­pro­zess setz­te dann ein nicht mehr zu kon­trol­lie­ren­des Schnee­ball­sys­tem in Gang. Denn war ein­mal ei­ne He­xe über­führt und als Schul­di­ge aus­ge­macht, dann konn­te erst recht kei­ne Ru­he ein­keh­ren, kein Frie­de mehr herr­schen. Je­de He­xe war ja Teil ei­ner He­xen­sek­te, es muss­te al­so noch an­de­re ge­ben – und so ging nach dem Op­fer die Jagd erst rich­tig los. Die Denun­zia­tio­nen, die zur Preis­ga­be ei­nes Mit­men­schen ge­führt hat­ten, wur­den nun kei­nes­falls we­ni­ger, son­dern im­mer mehr. Es konn­te je­den tref­fen. Bald herrsch­ten Miss­trau­en und Angst. So­bald die So­li­da­ri­tät in­ner­halb von Fa­mi­li­en und Ge­mein­den sank, sank auch die Hemm­schwell, an­de­re zu de­nun­zie­ren.

War ei­ne He­xe erst ein­mal aus­ge­forscht, ging es ihr an den Kra­gen. We­gen des mons­trö­sen Cha­rak­ters des Aus­nah­me­ver­bre­be­rei

Der­je­ni­ge, der ge­gen die Aus­rot­tung der He­xen mit ei­nem ein­zi­gen Wort Ein­spruch er­hebt, kann nicht er­war­ten, un­ver­sehrt da­von­zu­kom­men.

chens He­xe­rei for­der­ten im­mer mehr Ju­ris­ten, die üb­li­chen Stan­dards der Be­weis­füh­rung zu sen­ken und mit au­ßer­or­dent­li­cher Här­te ge­gen die Be­schul­dig­ten vor­zu­ge­hen. Schließ­lich stün­de schon in der Bi­bel: „Zau­be­rin­nen sollst du nicht am Le­ben las­sen“(Buch Exo­dus 22,17) – wo­bei man sich nicht dar­an stieß, dass in der zi­tier­ten Bi­bel­stel­le, wenn man sie kor­rekt über­setz­te, ei­gent­lich von Gift­mör­dern, und zwar in der männ­li­chen Form, die Re­de war; auf der fal­schen Über­set­zung ba­sier­ten un­zäh­li­ge fa­ta­le Ar­gu­men­ta­tio­nen.

Die an­fäng­li­chen Be­den­ken der welt­li­chen Ge­rich­te, mit al­ler Här­te ge­gen Scha­dens­zau­ber vor­zu­ge­hen, ver­schwan­den um­so mehr, je wei­ter sich der Glau­be an ei­ne ge­fähr­li­che He­xen­sek­te in der Be­völ­ke­rung aus­brei­te­te. Und um­ge­kehrt: Je ent­schie­de­ner die Be­völ­ke­rung er­war­te­te, dass man ge­gen He­xe­rei vor­ge­he, des­to stär­ker wur­de der Hand­lungs­druck für die Ge­rich­te. Ob ein Rich­ter ei­nen He­xen­pro­zess zu­ließ oder nicht, hing je­doch letzt­lich von dem be­tref­fen­den Lan­des­herrn und der Grund­herr­schaft ab, und die­se folg­ten in ers­ter Li­nie ih­rem Ei­gen­in­ter­es­se. Man­che Ge­richts- und Grund­her­ren stan­den vor der Wahl: Ris­kier­te man durch Be­son­nen­heit wo­mög­lich Auf­ruhr, der die ei­ge­ne Herr­schaft ge­fähr­de­te? Oder gab man lie­ber gleich das ge­wünsch­te Op­fer zur Jagd frei und konn­te da­mit viel­leicht auch so­zia­le Span­nun­gen ka­na­li­sie­ren?

He­xen­jag­den dien­ten oft als Kom­pen­sa­ti­on von Herr­schafts­schwä­che. Stand die Herr­schaft auf schwa­chen Bei­nen, eig­ne­ten sich Sün­den­bö­cke gut zur Ablen­kung. Vie­le He­xen­ver­fol­gun­gen ka­men durch star­ken Druck „von un­ten“zu­stan­de, Un­ter­ta­nen for­der­ten von ih­ren Lan­des­her­ren oft ge­ra­de­zu die un­er­bitt­li­che Ver­fol­gung der ver­meint­li­chen He­xen. Die Schuld der Be­völ­ke­rung an den He­xen­jag­den ist grö­ßer, als man lan­ge wahr­ha­ben woll­te.

An­der­seits konn­te die skep­ti­sche oder ab­leh­nen­de Hal­tung ei­nes Lan­des­herrn im Ver­bund mit ent­spre­chen­dem po­li­ti­schen Wil­len ver­hin­dern, dass auf sei­nem Ter­ri­to­ri­um auch nur ei­ne Frau der He­xe­rei ver­däch­tigt wur­de. Ver­bot ein Lan­des­herr die Pro­pa­gie­rung von He­xen­furcht und Teu­fel­s­angst, fan­den auch kei­ne Ver­fol­gun­gen statt. Ein gu­tes Bei­spiel da­für ist das Kur­fürs­ten­tum Pfalz, wo nach 1560 kein ein­zi­ger He­xen­pro­zess mehr durch­ge­führt wur­de. Der dor­ti­ge Kur­fürst ging en­er­gisch ge­gen Aber­glau­ben vor und setz­te die Be­weis­last für ei­ne An­kla­ge we­gen Scha­dens­zau­ber so hoch an – er ließ we­der Denun­zia­tio­nen noch un­ter der Fol­ter er­press­te Aus­sa­gen zu –, dass schon aus for­ma­len Grün­den kein Pro­zess mehr statt­fin­den konn­te.

Auch ob es in ei­ner Re­gi­on zu ver­ein­zel­ten He­xen­pro­zes­sen oder zu Ket­ten­pro­zes­sen kam, hing stark von den han­deln­den Per­so­nen ab. Es gab fa­na­ti­sche He­xen­jä­ger, die, von Sen­dungs­be­wusst­sein ge­trie-

von Ort zu Ort reis­ten und in kur­zer Zeit gan­ze Re­gio­nen auf­hetz­ten. Es ist schwer zu un­ter­schei­den, ob sie aus pu­rer He­xen­angst die Be­völ­ke­rung zu Ver­fol­gun­gen an­sta­chel­ten oder ob ih­re Gel­tungs­sucht sie ein­fach die Gunst der St­un­de nut­zen ließ, die Gren­zen ver­schwim­men hier wohl. Man­che ver­stan­den sich auch als Glau­bens­krie­ger, die in öf­fent­li­chen Brand­re­den vor ei­nem auf­brau­sen­den Heer bö­ser He­xen warn­ten und so ge­zielt Miss­trau­en in bis­her ver­fol­gungs­frei­en Ge­gen­den sä­ten. „Es gab dort we­der He­xen noch Ver­hex­te, be­vor dar­über ge­re­det und ge­schrie­ben wur­de“, sagt der Ver­fol­gungs­kri­ti­ker Don Alon­so Sa­la­zar Fri­as über die Aus­brei­tung des He­xen­wahns.

Die He­xen­ver­fol­gun­gen ver­brei­te­ten sich wel­len­ar­tig, kur­ze Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge wirk­ten da­bei be­schleu­ni­gend: Gab es in ei­nem Dorf An­kla­gen we­gen He­xe­rei, war es nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis die Ver­fol­gun­gen ins Ne­ben­dorf hin­über­ben, schwapp­ten. Auch ein klein­räu­mi­ges, dich­tes Sied­lungs­mi­lieu be­güns­tig­te Ver­fol­gun­gen. Wo je­der je­den kennt und man sich nicht leicht aus dem Weg ge­hen kann, ist das Kon­flikt­po­ten­zi­al hö­her. Da­her konn­ten sich die He­xen­jä­ger in Städ­ten nicht so leicht durch­set­zen wie in klei­ne­ren Ge­mein­den.

Ge­richts­per­so­nal, No­ta­re und Schrei­ber ver­dien­ten am meis­ten an den He­xen­pro­zes­sen, ih­nen kam auch ei­ne Schlüs­sel­rol­le bei den leid­vol­len Ver­fah­ren zu: Sie be-

grün­de­ten Haft- und Fol­ter­be­feh­le, setz­ten Kla­ge­schrif­ten auf und führ­ten oft­mals die Ver­hö­re. Au­ßer­dem be­rie­ten sie die Schöf­fen. Es liegt auf der Hand, dass die No­ta­re und Schrei­ber gro­ßen Ein­fluss auf die Ver­fah­ren hat­ten, und vie­le von ih­nen wuss­ten aus ih­rer Be­deu­tung auch fi­nan­zi­el­le Vor­tei­le zu zie­hen. Die Aus­wer­tun­gen di­ver­ser Pro­zess­ak­ten er­mög­li­chen uns heu­te ei­nen Ein­blick in die Ma­chen­schaf­ten die­ser Be­rufs­grup­pe. Die Ak­ten er­zähl­ten von ma­ni­pu­lier­ten Gut­ach­ten und Zeu­gen­aus­sa­gen, von Be­ste­chung und Er­pres­sung.

Be­son­de­re Be­ach­tung ver­die­nen auch die Schöf­fen, die Lai­en­rich­ter bei Pro­zes­sen; ih­re Rol­le bei den He­xen­ver­fol­gun­gen wur­de noch viel zu we­nig be­leuch­tet. Vie­le Grund­her­ren grif­fen bei He­xen­pro­zes­sen ger­ne auf Schöf­fen zu­rück. Die­se wa­ren ju­ris­tisch nicht aus­ge­bil­det und ka­men meist aus dem glei­chen Um­feld wie die an­ge­klag­ten Frau­en und Män­ner. Als Schöf­fen rich­te­ten sie nun plötz­lich über Nach­barn und Be­kann­te – und nicht we­ni­ge lös­ten da­bei Dorf­kon­flik­te un­ter Aus­nut­zung ih­rer neu­en Macht­po­si­ti­on, das heißt, sie schaff­ten sich im Zu­ge ei­nes He­xen­pro­zes­ses gleich Geg­ner und Kon­kur­ren­ten aus dem Weg. Ih­nen

wie dem an­de­ren Ge­richts­per­so­nal, den No­ta­ren und Schrei­bern, ver­hal­fen die He­xen­ver­fol­gun­gen so­mit oft zu so­zia­lem Auf­stieg, Pres­ti­ge und fi­nan­zi­el­lem Ge­winn.

Auch die Scharf­rich­ter, die für die Fol­ter und die Voll­stre­ckung der To­des­ur­tei­le ver­ant­wort­lich wa­ren, hat­ten Hoch­kon­junk­tur. Da ihr Ge­wer­be oft ein Rei­se­ge­wer­be war – Scharf­rich­ter reis­ten mit ih­ren Fa­mi­li­en zu den Hin­rich­tun­gen –, er­höh­te sich mit je­der Ver­fol­gungs­wel­le ihr

Lohn, samt Rei­se­spe­sen. An­hand der Rei­se­rou­ten vie­ler Scharf­rich­ter die­ser

Zeit lässt sich auch die Aus­brei­tung von He­xen­ver­fol­gun­gen re­kon­stru­ie­ren.

Die we­ni­gen, die es wag­ten, den He­xen­wahn und die Ver­fol­gung Un­schul­di­ger laut zu kri­ti­sie­ren, leb­ten ge­fähr­lich. Schon der Auf­ruf zu Be­son­nen­heit konn­te ei­ne An­kla­ge we­gen He­xe­rei nach sich zie­hen. Wer wird denn schon ei­ne He­xe ver­tei­di­gen? Doch nur je­mand, der mit ihr im Bun­de steht! Kri­ti­ker der Ver­fol­gun­gen wur­den ge­zielt ein­ge­schüch­tert – und hat­ten oft über­mäch­ti­ge Fein­de. All je­ne, die He­xen­pro­zes­se ins Le­ben rie­fen, ab­wi­ckel­ten oder dar­an ver­dien­ten, hat­ten gro­ßes In­ter­es­se dar­an, sie mund­tot zu ma­chen. Der be­rüch­tig­te He­xen­rich­ter Hein­rich von Schult­heis (1580–1646), der in Köln und Bonn un­zäh­li­ge Hin­rich­tun­gen zu ver­ant­wor­ten hat­te und als In­be­griff des er­bar­mungs­lo­sen He­xen­jä­gers gilt, droh­te un­ver­hoh­len: „Der­je­ni­ge, der ge­gen die Aus­rot­tung der He­xen mit ei­nem ein­zi­gen Wort Ein­spruch er­hebt, kann nicht er­war­ten, un­ver­sehrt da­von­zu­kom­men.“

Ei­ner der be­rühm­tes­ten Kri­ti­ker der He­xen­pro­zes­se und der da­mit ein­her­ge­hen­den Fol­ter war der deut­sche Je­sui­ten­pa­ter Fried­rich Spee (1591–1635). Sei­ne Tan­te An­na Katharina Spee war als „He­xen­kö­ni­gin von Bruch­hau­sen“hin­ge­rich­tet wor­den. Ihr Pa­ten­kind hat­te sie, un­ter der Fol­ter, als He­xe de­nun­ziert. Be­vor sie selbst ge­fol­tert wur­de, wei­ger­te sich An­na Katharina Spee en­er­gisch, das von ihr ver­lang­te Ge­ständ­nis ei­ner Teu­fels­buhl­schaft ab­zu­le­gen: „Ich kann nicht ge­ste­hen, was ich nicht ge­tan ha­be!“Nach wie­der­hol­ter Tor­tur schrie sie nur noch: „Sagt mir, was ich ge­ste­hen soll!“An­schlie­ßend wur­de An­na Katharina Spee er­war­tungs­ge­mäß zum To­de ver­ur­teilt.

Be­reits vor der Hin­rich­tung sei­ner Tan­te hat­te Fried­rich Spee sei­ne Schrift „Cau­tio Cri­mi­na­lis“(auf Deutsch: „Vor­sicht in Straf­pro­zes­sen“) ver­öf­fent­licht, mit der er ent­schie­den ge­gen den He­xen­glau­ben und die An­wen­dung der Fol­ter auf­trat. Sei­ne „Cau­tio Cri­mi­na­lis“trug we­sent­lich zu ei­nem Um­den­ken bei der He­xen­ver­fol­gung bei.

Die gro­ßen eu­ro­päi­schen He­xen­ver­fol­gun­gen zie­hen sich über ei­nen Zei­t­raum von 300 Jah­ren hin – vom 15. bis zum 18. Jahr­hun­dert. Ei­nen trau­ri­gen Hö­he­punkt er­reich­ten sie um 1430 und dann wie­der von 1560 bis 1630. Da­zwi­schen gab es ei­nen ste­ten Wech­sel von mas­sen­haf­ten He­xen­pro­zes­sen mit gro­ßen Op­fer­zah­len und lan­ge an­dau­ern­den Ru­he­pha­sen. Die Ver­fol­gun­gen tra­ten nie re­gel­mä­ßig und flä­chen­de­ckend auf, sie fla­cker­ten im­mer wie­der an neu­en Or­ten auf – je nach­dem, wo­durch sie aus­ge­löst wur­den. Die meis­ten Ver­fol­gun­gen fan­den auf dem Ge­biet des heu­ti­gen Deutsch­land, Ös­ter­reich, der Schweiz und Frank­reich statt. Ge­naue Op­fer­zah­len der He­xen­ver­fol­gun­gen sind nicht zu eru­ie­ren, da­zu feh­len bis heu­te um­fas­sen­de Aus­wer­tun­gen al­ler ver­füg­ba­ren Pro­zess­ak­ten. Si­cher ist nur, dass die oft kol­por­tier­te Zahl von neun Mil­lio­nen ge­tö­te­ten Frau­en, Män­nern und so­gar Kin­dern ers­tens falsch und zwei­tens auf ei­nen Re­chen­feh­ler zu­rück­zu­füh­ren ist. Die „Neun-mil­lio­nen-theo­rie“, die vor al­lem im 19. Jahr­hun­dert zu ei­nem My­thos wur­de, be­ruht auf ei­ner gro­tesk fal­schen Hoch­rech­nung, die Syn­di­cus Gott­fried Chris­ti­an Voigt (1740–1791) aus Qued­lin­burg für ei­ne Zeit­schrift an­stell­te. Ge­gen­wär­tig geht man für ganz Eu­ro­pa von rund 70.000 Hin­ge­rich­te­ten aus. In die­ser Op­fer­sta­tis­tik feh­len je­doch al­le, die zu To­de ge­fol­tert wur­den, an den Haft­be-

din­gun­gen star­ben oder durch Lynch­jus­tiz zu To­de ka­men.

Die letz­te le­ga­le Hin­rich­tung ei­ner ver­meint­li­chen He­xe in Eu­ro­pa fand 1782 in der Schweiz statt. Die Magd An­na Göl­di wur­de von Ver­wand­ten ih­res rei­chen Di­enst­herrn – mit dem sie ei­ne Af­fä­re hat­te – be­schul­digt, des­sen klei­ne Toch­ter mit ei­nem „Le­cker­li“ver­gif­tet zu ha­ben, wor­auf das Kind wo­chen­lang Nä­gel und Ei­sen- draht ge­spuckt hät­te. An­lass die­ser so ab­sur­den wie in­fa­men Vor­wür­fe war wohl ein Erb­streit. Un­ter der Fol­ter ge­stand An­na Göl­di, sie ha­be den Teu­fel an­ge­ru­fen. Ih­re Hin­rich­tung durch das Schwert er­reg­te weit über die Lan­des­gren­zen hin­aus Auf­se­hen und vor al­lem – im zu­neh­mend auf­ge­klär­ten Eu­ro­pa – Em­pö­rung.

Foto: Mau­ri­ti­us Images

Dicht zu­sam­men­ge­drängt lau­schen die He­xen ih­rem dä­mo­ni­schen Meis­ter, der ih­nen in der Gestalt ei­nes Zie­gen­bocks er­schie­nen ist: „He­xen­sab­bat“von Francisco de Goya, 1823.

De rb erüch­tig­te He­xen­rich­te rh ein­rich von Schult­heis über die Kon­se­quen­zen, mit de­nen bei Zi­vil­cou­ra­ge zu rech­nen war.

Nack­te Kör­per, or­gi­as­ti­sches Trei­ben, Ver­höh­nun gde r kirch­li­chen Ri­tua­le un dg ot­tes­läs­te­rung be­stim­men di ege hei­me ntr ef­fen von He­xe nund He­x­ern mit ih­re mm eis­ter, dem Biest. Un­zäh­li­ge Künst­ler mal­ten ih­re Vor­stel­lung vom Trei­ben auf dem He­xen­tanz­platz – hie rin ei­nem Ge­mäl­de des fran­zö­si­schen Ma­lers Lou­is Bou­lan­ge r:„ He­xen­sa­batt“, 1831.

Ein „He­xen­hemd“oder auch „Mar­ter­kit­tel“. Vor dem Ver­hör wur­den den An­ge­klag­ten ein sol­ches Hemd an­ge­zo­gen, um zu ver­hin­dern, dass sie in ih­rer Klei­dung Zau­ber­mit­tel ver­steck­ten.

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