Die In­qui­si­ti­on – der Weg zur He­xen­ver­fol­gung

Hexen & Vampire - - INHALT -

Um Ket­zer wir­kunsg­vol­ler auf­zu­spü­ren, führ­te der Papst das neue In­qui­si­ti­ons­ver­fah­ren ein.

Nicht auf He­xen, son­dern auf Ket­zer macht die Kir­che des Mit­tel­al­ters Jagd. Vom Papst er­nann­te Rich­ter mit Spe­zi­al­auf­trag sol­len Ket­zer aus­for­schen, über­füh­ren und ver­ur­tei­len. Die­se In­qui­si­to­ren set­zen auf Ein­schüch­te­rung, Denun­zia­ti­on und Fol­ter. Die In­qui­si­ti­ons­pro­zes­se wer­den zur Brut­stät­te des He­xen­glau­bens.

Die Kir­che hat­te ur­sprüng­lich kein In­ter­es­se an der Ver­fol­gung an­geb­li­cher He­xen. Und doch setz­te sie im 12. Jahr­hun­dert ei­ne Be­we­gung in Gang, die zum Nähr­bo­den für die spä­te­ren He­xen­ver­fol­gun­gen wer­den soll­te. Um zu ver­ste­hen, wie das grau­sa­me Phä­no­men der He­xen­ver­fol­gung, der Denun­zia­ti­on von Mit­men­schen und der Jagd auf Rand­grup­pen die eu­ro­päi­sche Gesellschaft der­art durch­drin­gen konn­te, muss man sich zu­nächst der ers­ten gro­ßen Ver­fol­gungs­wel­le des Mit­tel­al­ters wid­men: Nicht die ver­meint­li­chen He­xen und Ma­gier, die vom Kle­rus als Ver­blen­de­te oder, wenn sie ri­tu­el­le Ma­gie von Be­rufs we­gen be­trie­ben, als Klein­kri­mi­nel­le be­trach­tet wur­den, sah die Kir­che als Fein­de an, son­dern die Ket­zer. Un­ter Ket­ze­rei wur­de der be­harr­li­che Wi­der­stand ge­gen die of­fi­zi­el­le Leh­re der Kir­che ver­stan­den. „Ket­zer“, auch Hä­re­ti­ker ge­nannt, wa­ren Ab­trün­ni­ge der Amts­kir­che. Seit Be­ginn der In­sti­tu­ti­on Kir­che gab es im­mer wie­der Ab­weich­ler, Op­po­si­tio­nel­le und Kri­ti­ker der of­fi­zi­el­len kirch­li­chen Leh­re, doch im 12. Jahr­hun­dert nahm die Ket­zer­be­we­gung ei­ne Ra­di­ka­li­tät und Di­men­si­on an, die Ein­heit und Fort­be­stand der Papst­kir­che be­droh­te.

Es sind vor al­lem zwei gro­ße Ket­zer­be­we­gun­gen, die die Kir­che fürch­tet: die Wal­den­ser und die Kat­ha­rer (von de­nen sich das Wort „Ket­zer“ab­lei­tet). Bei­de Be­we­gun­gen ha­ben re­gen Zu­lauf aus der Be­völ­ke­rung. Wäh­rend sich die Wal­den­ser in der Al­pen­re­gi­on und im Nor­den Ita­li­ens aus­brei­ten, kön­nen die Kat­ha­rer fast den ge­sam­ten Sü­den Frank­reichs für sich re­kla­mie­ren. Bei­de Grup­pen pran­gern die Ver­welt­li­chung und den Macht­an­spruch der Kir­che an, pre­di­gen ge­gen Amts­miss­brauch, Äm­ter­kauf und Ablass­han­del, ver­dam­men je­de Art von Be­rei­che­rung und ver­lan­gen ei­ne ra­di­ka­le Rück­kehr zu den bi­bli­schen Wur­zeln. So­wohl Wal­den­ser als auch Kat­ha­rer spal­ten sich von der Papst­kir­che ab, grün­den ei­ge­ne Ge­mein­den, le­ben in frei­wil­li­ger Ar­mut, spen­den oh­ne Er­laub­nis der Kir­che die Sa­kra­men­te, las­sen Lai­en pre­di­gen und be­stel­len schließ­lich so­gar ei­ge­ne Bi­schö­fe. Für die Kir­che sind die Leh­ren der Ket­zer ein noch nie da­ge­we­se­ner An­griff auf ih­ren Al­lein­ver­tre­tungs­an­spruch der Chris­ten­heit, aber auch auf ih­re po­li­tisch-ge­sell­schaft­li­che Po­si­ti­on. Denn mit ih­rer For­de­rung nach Ar­mut und Ab­wen­dung von je­g­li­chem po­li­ti­schen Macht­an­spruch stel­len die Ket­zer die Exis­tenz­be­rech­ti­gung der Papst­kir­che in­fra­ge. Mit ih­rer De-fac­to-ab­spal­tung von der Kir­che und der Be­stel­lung ei­nes ei­ge­nen Kle­rus ha­ben sie dem Papst das Heft aus der Hand ge­nom­men.

Der enor­me Zu­lauf der ein­fa­chen Be­völ­ke­rung zu den Ket­zer­be­we­gun­gen ist die größ­te Ge­fahr für die Kir­che seit ih­rem Be­ste­hen, dem­ent­spre­chend hart geht sie nun ge­gen die­se Ket­zer vor. Sie sucht kei­ne theo­lo­gi­sche Aus­ein­an­der­set­zung, sie ver­sucht nicht, wie sie es in der Ver­gan­gen­heit mit an­de­ren christ­li­chen Ar­muts­be­we­gun­gen ge­tan hat, auch die­se ein­zu­glie­dern und da­durch zu kon­trol­lie­ren, son­dern sie wählt die of­fe­ne Kon­fron­ta­ti­on und die Be­keh­rung durch Feu­er und Schwert.

Der Kampf wird auf meh­re­ren Ebe­nen ge­führt: Um ef­fek­tiv ge­gen die Ket­zer­be­we­gun­gen vor­ge­hen zu kön­nen, braucht die Kir­che ei­ner­seits die Un­ter­stüt­zung der welt­li­chen Herr­scher und ih­rer Ge­rich­te. Aber sie braucht auch die ein­fa­che Be­völ­ke­rung auf ih­rer Sei­te, die ja ge­ra­de da­von an­ge­tan ist, dass die Ab­trün­ni­gen Ar­mut nicht nur pre­di­gen, son­dern auch le­ben. Die­se Ver­blen­de­ten müs­sen nun von der Schänd­lich­keit der Ket­zer über­zeugt wer­den.

Um die Kraft ei­ner Be­we­gung zu bre­chen, die sich ei­ner der­art brei­ten Un­ter­stüt­zung er­freut, braucht es je­doch mehr als Pre­dig­ten. Den Men­schen sol­len die Ge­fah­ren der ver­meint­li­chen Irr­leh­re der Ket­zer dras­tisch vor Au­gen ge­führt wer­den, da­mit Ein­heit und po­li­ti­sche Macht der Kir­che er­hal­ten blei­ben. Man kon­stru­iert nun ein theo­lo­gi­sches Fun­da­ment, das die künf­ti­ge Ver­fol­gung recht­fer­ti­gen soll. Zu­nächst be­ginnt man, die Ket­zer sys­te­ma­tisch zu Teu­fels­an­hän­gern zu sti­li­sie­ren. Vor al­lem die dua­lis­ti­sche Vor­stel­lung der Kat­ha­rer, für die al­le welt­li­chen Din­ge dem Teu­fel zu­zu­schrei­ben wa­ren, de­nen sich der wah­re Gläu­bi­ge nur durch völ­li­ge As­ke­se und Ver­geis­ti­gung ent­zie­hen konn­te, bie­tet der rö­mi­schen Kir­che den idea­len Vor­wand für ei­ne be­wuss­te Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on: Die Kat­ha­rer, so wie al­le Ket­zer, wür­den Teu­fel­s­an­be­tung und Göt­zen­dienst prak­ti­zie­ren. Sie wür­den nicht des­halb in gro­ßer Zu­rück­ge­zo­gen­heit und welt­ab­ge­wand­ten Ge­mein­den le­ben, um sich ganz dem Glau­ben hin­zu­ge­ben, son­dern weil sie oh­ne Zeu­gen ih­re Teu­fels­ver­eh­rung aus­le­ben woll­ten. Ge­rüch­te von heim­li­chen Ver­samm­lun­gen der Ket­zer mit dem Teu­fel – dem „Ket­zer-“oder „Teu­fels­sab­bat“– wer­den in Um­lauf ge­bracht. So ver­an­kert die Kir­che auch die Vor­stel­lung von der All­ge­gen­wart des Teu­fels in der Be­völ­ke­rung. Von den Kan­zeln her­ab wird den Gläu­bi­gen die Angst vor dem Sa­tan, der plötz­lich über­all zu sein scheint, ge­ra­de­zu ein­ge­impft. Obsku­re Fan­ta­si­en wer­den zu Tat­sa­chen er­ho­ben: Bei den nächt­li­chen Or­gi­en der Ket­zer mit dem Höl­len­fürs­ten kom­me es zu al­ler-

lei wi­der­wär­ti­gen Hand­lun­gen. So müss­ten Ket­zer ih­rem dunk­len Herrn ei­nen Hul­di­gungs­kuss auf wi­der­wär­ti­ge Kör­per­tei­le ge­ben, sie wür­den auch Kin­der tö­ten, um sie an­schlie­ßend zu ver­spei­sen und da­mit die christ­li­che Eucha­ris­tie zu ver­spot­ten.

Durch die­se er­fun­de­nen An­schul­di­gun­gen wer­den kon­kre­te Ver­bre­chen wie Glau­bens­ab­fall, Göt­zen­ver­eh­rung und So­do­mie kon­stru­iert. Mit der Be­haup­tung, Ket­zer wür­den bei ge­hei­men Zu­sam­men­künf­ten Dä­mo­nen­ver­eh­rung prak­ti­zie­ren, kommt auch der ma­gi­sche Aspekt ins Spiel. Da­mit schnappt die Fal­le auch für je­ne zu, die mit Ket­ze­rei nichts zu tun hat­ten, de­nen man aber Zau­be­rei vor­wer­fen konn­te: Ein Ket­zer ist jetzt, wer Ma­gie prak­ti­ziert, und um­ge­kehrt gilt, wer der Volks­ma­gie an­hängt, nun au­to­ma­tisch als Ket­zer. Kat­ha­rer und Wal­den­ser ha­ben zwar prin­zi­pi­ell mit Zau­be­rei eben­so we­nig zu tun wie der Dorf­hei­ler oder das Kräu­ter­weib­lein mit den Leh­ren der Ket­zer, doch ge­fähr­det sind nun bei­de Grup­pen. Die Ver­leum­dungs­kam­pa­gnen lö­sen ei­nen Schnee­ball­ef­fekt aus: Durch die ge­ziel­te Ma­ni­pu­la­ti­on der Kir­che setzt sich die Vor­stel­lung des über­all lau­ern­den Bö­sen in den Köp­fen der Men­schen fest. Wor­an die Kir­che vor­her nie glaub­te, das un­ter­mau­ern jetzt ih­re kon­stru­ier­ten Vor­wür­fe ge­gen die Ket­zer: Ma­gie und Zau­be­rei sind ernst zu neh­men­de Übel, Teu­fels­werk, und ge­hen Hand in Hand mit Ket­ze­rei. Ein neu­es, su­per­po­ten­tes Feind­bild ist ent­stan­den: om­ni­prä­sen­te Ket­zer­sek­ten, die schwar­ze Ma­gie prak­ti­zie­ren.

Die theo­lo­gi­sche Be­grün­dung für die Ver­fol­gung der Ket­zer ist da­mit ge­si­chert. Die prak­ti­sche Um­set­zung über­nimmt die In­qui­si­ti­on, die An­fang des 13. Jahr­hun­derts von der ka­tho­li­schen Kir­che ins Le­ben ge­ru­fen wird. In­qui­si­to­ren sind vom Papst ein­ge­setz­te Rich­ter mit Son­der­voll- mach­ten – meist aus dem Or­den der Do­mi­ni­ka­ner –, die Ket­zer aus­for­schen und ver­fol­gen sol­len.

Die In­qui­si­ti­on ist nicht nur ei­ne neue In­sti­tu­ti­on, son­dern gleich­zei­tig ein neu­es, hoch­ef­fi­zi­en­tes Pro­zess­ver­fah­ren, das die Ket­zer bei­na­he voll­stän­dig zur Stre­cke bringt. Papst Gregor IX. de­fi­niert das In­qui­si­ti­ons­ver­fah­ren als „pro­ces­sus ex­tra­or­di­na­ri­us“, als Aus­nah­me­ver­fah­ren. Im in­qui­si­to­risch ge­führ­ten Pro­zess sind die vom Papst ein­ge­setz­ten In­qui­si­to­ren An­klä­ger, Un­ter­su­chungs­rich­ter und Rich­ter in ei­ner Per­son. Das Ver­fah­ren wird von Amts we­gen auf­ge­nom­men, das heißt, dass Ver­fah­ren oh­ne das Auf­tre­ten ei­nes pri­va­ten Klä­gers in Gang ge­setzt wer­den kön­nen. Zum Ver­gleich: Die ger­ma­ni­sche Tra­di­ti­on der Recht­spre­chung kann­te nur Ge­richts­ver­fah­ren bei An­kla­ge ei­ner Par­tei, sprich: Wo (k)ein Klä­ger, da (k)ein Rich­ter. Der Rich­ter war die un­par­tei­ische In­stanz, die bei­de Par­tei­en an­hö­ren muss­te. Stand Aus­sa­ge ge­gen Aus­sa­ge, ent­schied ein Got­tes­ur­teil das Ver­fah­ren, in der Re­gel ein Zwei­kampf. Nun aber ge­nügt ei­ne heim­li­che Denun­zia­ti­on, um ei­nen ver­meint­li­chen Ket­zer zu ver­ur­tei­len. Als Zeu­gen wer­den jetzt auch Per­so­nen zu­ge­las­sen, die sonst kein Zeug­nis­recht hat­ten – Frau­en, Kin­der, Kri­mi­nel­le. Ei­ne Ver­ur­tei­lung kann auf­grund rei­ner In­di­zi­en­be­wei­se er­fol­gen. Die Ver­fah­ren wer­den nicht öf­fent­lich ge­führt, Trans­pa­renz ist nicht mög­lich. Neu ist auch die „Schrift­lich­keit“der In­qui­si­ti­ons­ver­fah­ren. Auf Hun­dert­tau­sen­den Ak­ten­sei­ten wer­den die Denun- zia­tio­nen, Ver­hö­re, Ge­ständ­nis­se und Kom­pli­zen­lis­ten pro­to­kol­liert. Mit die­sem bü­ro­kra­ti­schen Ge­dächt­nis wird die In­qui­si­ti­on im Lau­fe der Zeit im­mer ef­fi­zi­en­ter. (Al­lein 4500 Ak­ten­kon­vo­lu­te la­gern heu­te im In­qui­si­ti­ons­ar­chiv, das der Va­ti­kan erst 1998 für For­scher öff­ne­te.)

Die Ver­fol­gung der Ket­zer, wie ge­sagt, über­neh­men al­so die geist­li­chen In­qui­si­ti­ons­ge­rich­te. Die Voll­stre­ckung der To­des­ur­tei­le je­doch liegt in den Hän­den welt­li­cher In­stan­zen, denn die Kir­che darf kein Blut ver­gie­ßen.

Doch der Papst kann in sei­nem Kampf ge­gen Ket­zer die welt­li­chen Re­gen­ten auf sei­ne Sei­te zie­hen. Durch die Schwe­re des an­geb­li­chen De­likts – Ket­zer, heißt es, ver­brei­ten ja nicht nur ei­ne Irr­leh­re, son­dern ge­fähr­den durch Teu­fels­pakt und schwar­ze Ma­gie auch Staat und Gesellschaft – wird Ket­ze­rei nicht nur als re­li­giö­ses Ver­ge­hen an­ge­se­hen, son­dern auch als welt­li­che Straf­tat. Die Ver­bre­chen, die den Ket­zern zu­ge­schrie­ben wer­den, ver­ur­tei­len die Kai­ser mit ih­rem christ­li­chen Amts­ver­ständ­nis als An­griff auf ih­re ir­di­sche Macht. Je­des schwe­re Ver­ge­hen ge­gen die Staats­re­li­gi­on rich­tet sich zu­gleich ge­gen die obers­ten Re­gen­ten der da­ma­li­gen Welt. Da­von ab­ge­se­hen müs­sen je­ne, die die gott­ge­woll­te Auf­tei­lung der Macht zwi­schen Kai­ser und Papst in­fra­ge stel­len, na­tür­lich an­ge­mes­sen be­straft wer­den. Kai­ser Fried­rich II. er­hebt die Be­kämp­fung der Hä­re­sie zum Reichs­ge­setz, von Nord­deutsch­land bis Si­zi­li­en tre­ten Ket­zer­ge­set­ze in Kraft. Ket­zer, die von

der Kir­che ver­ur­teilt wer­den, sol­len un­ver­züg­lich den welt­li­chen Ge­rich­ten über­ge­ben wer­den. Die welt­li­chen Be­hör­den wer­den ver­pflich­tet, ver­meint­li­che Ket­zer zu ver­haf­ten und vor Ge­richt zu stel­len. Im Jahr 1224 wird für das ge­sam­te Ge­biet des Hei­li­gen Rö­mi­schen Rei­ches der Feu­er­tod als Stra­fe für Hä­re­sie fest­ge­legt.

Wie vie­le Men­schen den Ket­zer­ver­fol­gun­gen zum Op­fer fie­len, kann nicht ein­mal an­nä­hernd be- zif­fert wer­den. Im Ju­ni 2015 bat Papst Fran­zis­kus die Wal­den­ser, die bis heu­te als pro­tes­tan­ti­sche Kir­che über­lebt ha­ben und noch rund 100.000 Mit­glie­der zäh­len, für die er­lit­te­nen Ver­fol­gun­gen um Ver­zei­hung.

Und doch steht die In­qui­si­ti­on in ei­nem di­rek­ten Zu­sam­men­hang mit den He­xen­ver­fol­gun­gen. Denn in den Vor­wür­fen ge­gen die Ket­zer fin­den sich be­reits die Grund­la­gen der spä­te­ren He­xen­ver­fol­gung: der Dä­mo­nen­pakt, der Teu­fels­sab­bat und der Vor­wurf der ri­tu­el­len Ma­gie. Die Pro­pa­gan­da der In­ei­fer, qui­si­to­ren und ihr Ket­zer auf­zu­spü­ren und zu über­füh­ren, hat­ten

Spu­ren in der Be­völ­ke­rung hin­ter­las­sen. Die Men­schen wa­ren in per­ma­nen­ter Alarm­be­reit­schaft:

Über­all lau­er­ten Ket­zer, so wur­de es von den Kan­zeln ge­pre­digt. Mit­ten in der Gesellschaft gab es plötz­lich Men­schen, die sich nachts mit dem Teu­fel ver­ban­den. Und plötz­lich glaub­te selbst die

Kir­che an Ma­gie, die sie doch bis­her als Ver­blen­dung und Aber­glau­be ab­ge- tan hat­te. Selbst wer kein Ket­zer war, konn­te je­derals zeit leicht ein sol­cher de­nun­ziert wer­den. Eia­n­ony­me ne Anzeige, und man lan­de­te vor dem In­qui­si­ti­ons­ge­richt.

Die In­qui­si­ti­on schuf den Nähr­bo­den für Ver­fol­gun­gen un­vor­stell­ba­ren, blu­ti­gen Aus­ma­ßes: Die Ver­fol­gung der Ket­zer hat­te zu ei­ner Neu­be­wer­tung von Ma­gie und Zau­be­rei ge­führt und die­se in den Rang ei­nes Ka­pi­tal­ver­bre­chens er­ho­ben. Es soll­te zwar noch ei­ni­ge Jahr­zehn­te dau­ern, bis aus den bei­den eif­rig pro­pa­gier­ten Be­dro­hungs­po­ten­zia­len des Ket­zer­vor­wurfs und der ri­tu­el­len Ma­gie das Sze­na­rio ei­ner neu­en He­xen­sek­te ent­stand und die Ket­zer­ver­fol­gun­gen in He­xen­ver­fol­gun­gen um­schlu­gen, aber die Saat war ge­legt. Die ers­ten He­xen­ver­fol­gun­gen bra­chen im frü­hen 15. Jahr­hun­dert nach­weis­lich in je­nen Ge­bie­ten aus, in de­nen es zu­vor be­son­ders schwe­re Ket­zer­ver­fol­gun­gen ge­ge­ben hat­te. An die Stel­le des ver­folg­ten Ket­zers trat nun die – meist weib­li­che – He­xe.

DIE IN­QUI­SI­TI­ON RICH­TE­TE SICH ERST AUS­SCHLIESS­LICH GE­GEN KET­ZER, GE­GEN GLAUBENSABTRÜNNIGE, AL­SO GE­GEN JE­NE, DIE DIE EIN­HEIT DER PAPST­KIR­CHE GE­FÄHR­DE­TEN.

Bei den we­nigs­ten He­xe­rei­ver­fah­ren konn­ten Zeu­gen­aus­sa­gen oder Be­wei­se vor­ge­legt wer­den – wie weist man et­wa ei­nen Teu­fels­bund nach? –, wes­halb sich die In­qui­si­ti­on we­sent­lich auf Ge­ständ­nis­se kon­zen­trier­te. Be­vor­zug­tes Mit­tel, um Ge­ständ­nis­se zu er­hal­ten, war die Fol­ter. Die Fol­ter, auch „pein­li­che Be­fra­gung“oder „Tor­tur“ge­nannt, wur­de – nach dem Rö­mi­schen Recht – nicht als Stra­fe, son­dern als Teil der Be­weis­er­he­bung be­trach­tet. Man ging da­von aus, dass ein An­ge­klag­ter, der wäh­rend des Ver­hörs kör­per­li­chen Schmer­zen aus­ge­setzt wür­de, die Wahr­heit sag­te.

Die Kir­che hat­te in der ers­ten Hälf­te des 13. Jahr­hun­derts ei­gent­lich die Fol­ter ver­bo­ten, ließ sie aber ge­gen En­de des glei­chen Jahr­hun­derts wie­der zu, weil sie an­nahm, dass Ket­zer nur un­ter An­wen­dung der Fol­ter ein Ge­ständ­nis ab­le­gen und – für die In­qui­si­to­ren be­son­ders wich­tig – auch nur so ih­re Kom­pli­zen preis­ge­ben wür­den.

Die An­wen­dung der Fol­ter un­ter­lag stren­gen Re­geln – zu­min­dest pro for­ma. Was die Här­te und Dau­er der Fol­ter an­ging, gab es ei­ne Ober­gren­ze; auch Kin­der und Schwan­ge­re durf­ten nicht pein­lich be­fragt wer­den, und es soll­ten mög­lichst kei­ne Un­schul­di­gen ge­fol­tert oder fal­sche Ge­ständ­nis­se ab­ge­legt wer­den.

Vor al­lem aber durf­te die Fol­ter nicht zum Tod des An­ge­klag­ten füh­ren. Hin­ter die­sem Grund­satz stand ei­ne heu­te be­fremd­lich an­mu­ten­de Fan­ta­sie be­züg­lich der Mit­tel, wie man Men­schen quä­len konn­te. Sämt­li­che Fol­ter­me­tho­den, bei de­nen die Ex­tre­mi­tä­ten ge­streckt oder ge­quetscht wur­den, wie Dau­men- und Bein­schrau­ben, aber auch Kopf­klam­mern, be­sa­ßen den Vor­teil, dass der Scharf­rich­ter oder sein Ge­hil­fe sie so­fort lo­ckern konn­te, wenn ein Min­dest­maß an Qu­al oder ein Ge­ständ­nis er­reicht wa­ren.

Die Vor­stu­fe je­der Fol­ter war die „Schre­ckung“: Dem An­ge­klag­ten wur­den als Ers­tes die Fol­ter­in­stru­men­te ge­zeigt. Dann be­gann die ei­gent­li­che Tor­tur, die in meh­re­ren Gra­den durch­ge­führt wur­de – der Grad der Fol­ter rich­te­te sich nach der Schwe­re des vor­ge­wor­fe­nen Ver­bre­chens. Am häu­figs­ten wur­de der „Strap­pa­do“ein­ge­setzt: ein Fla­schen­zug, mit dem

Was su­chen wir so müh­sam nach Zau­be­rern? Hört auf mich, ihr Rich­ter: Ich will euch gleich zei­gen, wo sie ste­cken. Auf, greift Ka­pu­zi­ner, Je­sui­ten, al­le Or­dens­per­so­nen, und fol­tert sie, sie wer­den ge­ste­hen. Leug­nen wel­che, so fol­tert sie drei-, vier­mal, sie wer­den schon be­ken­nen.

man die Ar­me des Op­fers, die hin­ter dem Rü­cken zu­sam­men­ge­bun­den wa­ren, hoch­zog. Zur Stei­ge­rung der Qu­al wur­den dem Ge­pei­nig­ten bei der An­wen­dung des Strap­pa­do noch Ge­wich­te an die Bei­ne ge­hängt und die Sei­le dann ruck­ar­tig an­ge­zo­gen.

Sehr be­liebt war auch die Streck­fol­ter, die ent­we­der mit­tels Streck­bank („Fol­ter­bank“) oder Streck­lei­ter an­ge­wandt wur­de. Da­bei wur­de das Op­fer an ei­nem lan­gem Tisch, oder ei­ner auf­rech­ten Lei­ter, an Ar­men und Bei­nen ge­fes­selt und sein Kör­per mit­tels ei­nes per Hand­he­bel be­trie­be­nen Ra­des aus­ein­an­der­ge­zo­gen, wo­bei die Kno­chen des Ge­pei­nig­ten aus ih­ren Ge­len­ken spran­gen. Zu­sätz­lich wur­den die so Ge­fol­ter­ten noch mit bren­nen­den Ei­sen und Zan­gen trak­tiert.

Die grau­sams­te Tor­tur und die sa­dis­tischs­ten Fol­ter­me­tho­den blie­ben je­nen An­ge­klag­ten vor­be­hal­ten, die der He­xe­rei ver­däch­tigt wur­den. Ei­ner­seits, weil He­xe­rei als ab­scheu­lichs­tes al­ler Ver­bre­chen galt. An­de­rer­seits hiel­ten vie­le Rich­ter die He­xen – weil sie ma­gi­sche Kräf­te be­sa­ßen und der Teu­fel sie schütz­te – für äu­ßerst schmer­zu­n­emp­find­lich. Die Wie­der­ein­füh­rung der Fol­ter hat­te ei­nen enor­men Ein­fluss auf den Ver­lauf der spä­te­ren He­xen­pro­zes­se.

„Das In­qui­si­ti­ons­ver­fah­ren“, Ge­mäl­de des spa­ni­schen Ma­lers Francisco de Goya (1746–1828): Den An­ge­klag­ten wur­de ein so­ge­nann­ter Ket­zer­hut aufs Haupt ge­setzt. Sie soll­ten da­durch ge­de­mü­tigt und ver­spot­tet wer­den. Die In­qui­si­ti­on wur­de An­fang des 13. Jahr­hun­derts von der Kir­che zur Un­ter­stüt­zung im Kampf ge­gen die Ket­zer ins Le­ben ge­ru­fen.

Wer vom Glau­ben ab­fällt, ist des Teu­fels: Im 12. Jahr­hun­dert ma­ni­fes­tiert sich die Vor­stel­lung des „Teu­fels­pak­tes“. Ket­zern wird nun Teu­fel­s­an­be­tung und Göt­zen­dienst vor­ge­wor­fen.

Im Jahr 1224 wird erst­mals die Stra­fe des Feu­er­to­des fest­ge­legt. Ur­sprüng­lich ist sie nur für ver­ur­teil­te Ket­zer vor­ge­se­hen, spä­ter sind es vor al­lem Frau­en, die auf dem Schei­ter­hau­fen ihr Le­ben las­sen.

Ein Blick in die mit­tel­al­ter­li­che Fol­ter­kam­mer: Streck­bän­ke ge­hör­ten zu den meist­ver­wen­de­ten Fol­ter­ge­rä­ten.

Fried­rich von Spee (1591-1635). Der deut­sche Je­su­it war ei­ner der füh­ren­den Kri­ti­ker von He­xen­pro­zes­sen und der An­wen­dung der Fol­ter.

Der „Pein­stuhl“, auch „Na­gel­stuhl“ge­nannt, wur­de bei der Tor­tur drit­ten Gra­des ein­ge­setzt.

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