Die grau­sams­ten He­xen­pro­zes­se

Hexen & Vampire - - INHALT -

Ob Mann oder Frau, ob Kind oder Greis, ob Arm oder Reich: Bald ist nie­mand mehr vor ei­ner An­kla­ge we­gen He­xe­rei si­cher.

Je mehr sich die He­xen­hys­te­rie aus­brei­tet, des­to grö­ßer und un­ter­schied­li­cher wird der Kreis der Op­fer. Ob Frau oder Mann, ob Jung oder Alt, ob Ver­mö­gen­de oder Bett­ler – bald ist nie­mand mehr vor ei­ner An­kla­ge we­gen He­xe­rei si­cher.

Je­mehr sich die He­xen­hys­te­rie aus­brei­te­te, des­to grö­ßer wur­de der Op­fer­kreis. Das Kon­zept der He­xe­rei war mitt­ler­wei­le so weit ge­fasst, dass je­de Äu­ße­rung, je­de Auf­fäl­lig­keit und je­der Le­bens­wan­del als Zu­ge­hö­rig­keit zur He­xen­sek­te ge­wer­tet wer­den konn­te. Da sich He­xe­rei­vor­wür­fe po­li­tisch, ge­sell­schaft­lich, aber auch gut für den per­sön­li­chen Vor­teil nut­zen lie­ßen, durf­te sich bald nie­mand mehr in Si­cher­heit wäh­nen. Die größ­te Zahl der Denun­zia­tio­nen und An­kla­gen lässt sich per­sön­li­chen Kon­flik­ten zu­schrei­ben. Klas­si­sche Mo­ti­ve wa­ren Neid, Hab­gier und Ei­fer­sucht. An­ge­hö­ri­ge al­ler Stän­de und Be­ru­fe, Rei­che und Ar­me, Jun­ge und Al­te, Ver­hei­ra­te­te und Un­ver­hei­ra­te­te konn­ten nun in ei­nen He­xen­pro­zess hin­ein­ge­zo­gen wer­den. Be­son­ders deut­lich trat dies bei Ket­ten­pro­zes­sen zu­ta­ge, wenn die An­kla­ge nicht auf­grund ei­nes Vor­wurfs der He­xe­rei, son­dern auf­grund von „Be­sa­gun­gen“zu­stan­de kam – wenn al­so aus ei­ner He­xe un­ter der Fol­ter die Na­men wei­te­rer He­xen her­aus­ge­quält wur­den und die Ge­fol­ter­te in ih­rer Pein oft völ­lig will­kür­lich Per­so­nen „be­sag­te“.

Auf­fäl­lig ist je­doch die ho­he Zahl an Op­fern, die den ty­pi­schen Rand­grup­pen an­ge­hör­ten: Bett­ler, Va­ga­bun­den, Land­strei­cher – all je­ne, die in Bausch und Bo­gen ger­ne als „Ges­in­del“ab­ge­tan wur­den. Da­bei blieb den meis­ten von ih­nen gar kei­ne an­de­re Wahl, als sich mit Ge­le­gen­heits­dieb­stahl über Was­ser zu hal­ten. Vie­le Land­strei­cher­und Bett­ler­fa­mi­li­en schlos­sen sich zu grö­ße­ren, lo­se mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Grup­pen zu­sam­men, die den Ein­zel­nen bes­ser vor Über­grif­fen schütz­ten und den nö­ti­gen In­for­ma­ti­ons­aus­tausch ga­ran­tier­ten, der zum Über­le­ben drin­gend not­wen­dig war. Bet­telnd und nach Ge­le­gen­heits­ar­beit su­chend, zo­gen grö­ße­re Grup­pen von Män­nern, Frau­en und Kin­dern von Ort zu Ort. Und nicht we­ni­ge lo­ka­le Be­hör­den nutz­ten die He­xen­hys­te­rie, um un­ter dem Vor­wand ei­nes Zau­be­rei­de­lik­tes in ih­rer Ge­mein­de ge­zielt ge­gen die­se Au­ßen­sei­ter vor­zu­ge­hen und die „land­schänd­li­chen Leu­te“auf ei­nen Schlag los­zu­wer­den.

Ge­fähr­lich leb­ten auch ver­meint­li­che „Stö­ren­frie­de“. Un­an­ge­pass­ten oder kri­ti­schen Zeit­ge­nos­sen droh­te schnell ein Pro­zess we­gen He­xe­rei. Wer ge­gen die herr­schen­de Ge­sell­schafts­struk­tur oder ge­gen Macht­miss­brauch re­bel­lier­te, der re­bel­lier­te da­mals au­to­ma­tisch ge­gen die gott­ge­woll­te Ord­nung. Durch die Ver­knüp­fung des Vor­wurfs der Re­bel­li­on mit dem der He­xe­rei konn­te man sich kri­ti­scher Geis­ter al­so leicht ent­le­di­gen. Auch Ab­wei­chun­gen von der ri­gi­den Se­xu­al­norm, et­wa ei­ne lo­cke­rer Um­gang mit Se­xua­li­tät, in vie­len Fäl­len auch ein Ehe­bruch, wur­den als In­di­zi­en für He­xe­rei be­trach­tet und dem­ent­spre­chend schwer ge­ahn­det.

Ei­ner Per­so­nen­grup­pe wer­den hin­ge­gen bis heu­te zu ho­he Op­fer­zah­len an­ge­rech­net: den Heb­am­men, Hei­le­rin­nen und Kräu­ter­frau­en, die oft un­ter dem Sam­mel­be­griff „wei­se Frau­en“zu­sam­men­ge­fasst wer­den. An­geb­lich wur­den sie we­gen ih­res Wis­sens sys­te­ma­tisch aus­ge­rot­tet. Doch tat­säch­lich ist ihr An­teil un­ter den Op­fern der He­xen­ver­fol­gun­gen ver­schwin­dend klein und die – noch im­mer weit ver­brei­te­te – Theo­rie der Ver­fol­gung der wei­sen Frau­en his­to­risch nicht halt­bar.

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