Das He­xen-ein­mal­eins

Was sind „He­xen­schlaf“und „He­xen­waa­ge“? Gab es tat­säch­lich Flug­s­al­ben, und seit wann spricht man über­haupt von „He­xen“?

Hexen & Vampire - - INHALT -

Flug­s­al­be und He­xen­flug, Teu­fels­pakt und Wal­pur­gis­nacht: Al­les, was man über He­xen und He­xen­kli­schees wis­sen soll­te.

Die He­xe ist die Per­so­ni­fi­zie­rung von Bös­ar­tig­keit und Ver­kom­men­heit schlecht­hin. Sie ver­kör­pert al­le Ei­gen­schaf­ten, die die Gesellschaft zu al­len Zei­ten als schä­di­gend und un­heil­brin­gend de­fi­niert hat. Die ty­pi­sche He­xe stif­tet Un­ru­he und sät Zwie­tracht zwi­schen den Men­schen und ist ge­trie­ben von Hass, Hab­gier, Neid und Streit­sucht.

Das po­pu­lä­re Bild der He­xe, das auch in die Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie Ein­gang fand, wur­de we­sent­lich von Jo­hann Wolf­gang von Goe­the und den Brü­dern Grimm be­stimmt. In Goe­thes Dra­ma „Faust“, ei­nem der be­deu­tends­ten Wer­ke der deut­schen Literatur, in dem der ma­gie­kun­di­ge Ge­lehr­te Hein­rich Faust ei­nen Pakt mit dem Teu­fel schließt und ihm sei­ne See­le ver­spricht, nimmt der He­xen­sab­bat li­te­ra­ri­sche Gestalt an. Die Brü­der Grimm ha­ben mit ih­rer Samm­lung der Kin­der- und Haus­mär­chen das volks­tüm­li­che Bild der He­xe ent­schei­dend ge­prägt: die al­te, al­lein­ste­hen­de Frau, die mit al­ler­lei Tricks Kin­der zu sich lockt, um sie zu fres­sen. Mit den ver­folg­ten Frau­en des aus­klin­gen­den Mit­tel­al­ters hat die Kunst­fi­gur der He­xe nichts mehr zu tun.

Wo­her kommt der Zau­ber­spruch „Ho­kus­po­kus“?

Wo­her der be­kann­tes­te Zau­ber­spruch her­rührt, der im 17. Jahr­hun­dert erst­mals auf­taucht, dar­über gibt es zwei Theo­ri­en. Die ei­ne be­sagt, dass „Ho­kus­po­ku s“a uf die Kon­se­kra­ti­ons­for­mel: „Hoc est enim cor­pu sme um“, deutsch: „Denn dies ist mein Leib“, zu­rück­geht, die der Pries­ter wäh­rend der hei­li­gen Kom­mu­ni­on spricht. Da die we­nigs­ten Men­schen Latein ver­stan­den, sol­len sie et­was Ähn­li­ches wie „Ho­kus­po­kus“ge­hört ha­ben. Auch sei die Ver­wand­lung des Leib Chris­ti wäh­rend der Mes­se theo­lo­gisch nicht Ver­sier­ten eher als Ma­gie er­schie­nen statt als sym­bo­li­sche Ver­ge­gen­wär­ti­gung des Ster­bens und der Au­fer­ste­hung Je­su. Die zwei­te Theo­rie zur Her­kunft von „Ho­kus­po­kus“scheint wahr­schein­li­cher: Es soll auf die von fah­ren­den Schü­lern er­fun­de­ne, pseu­do­la­tei­ni­sche Zau­ber­for­mel „hax ,pa x, max ,De us adi­max“zu­rück­ge­hen – ein in­halt­lich sinn­frei­er, so­ge­nann­ter Blut­se­gen, den man zur Ab­wehr von Krank­hei­ten an­wand­te.

Was ist der „He­xen­schlaf“?

Von „He­xen­schlaf“sprach man, wenn ei­ne ver­meint­li­che He­xe wäh­rend der Fol­ter oder auf dem Schei­ter­hau­fen in Ohn­macht fiel. Al­ler­dings führ­te man die­se Be­wusst­lo­sig­keit nicht auf ei­ne Rauch­ver­gif­tung oder ei­ne Schmerz­re­ak­ti­on des Kör­pers zu­rück, son­dern nahm an, dass der Teu­fel sei­ne Bräu­te in den Schlaf ver­setz­te, um sie so vor zu gro­ßen Schmer­zen zu be­wah­ren.

Gab es tat­säch­lich „Flug­s­al­ben“?

Mit­hil­fe so­ge­nann­ter „Flug­s­al­ben“, hieß es, wür­den He­xen in kür­zes­ter Zeit gro­ße Dis­tan­zen zu­rück­le­gen. Wäh­rend der He­xen­pro­zes­se be­schrie­ben vie­le Frau­en de­tail­liert ih­re an­geb­li­chen He­xen­flü­ge. Ob es sich da­bei im­mer nur um die Er­geb­nis­se der Fol­ter ge­han­delt hat, dar­über ist sich die For­schung nicht im Kla­ren. Konn­ten die Flug­vi­sio­nen nicht durch Hal­lu­zi­no­ge­ne ver­ur­sacht wor­den sein? Ei­ne Analyse ein­schlä­gi­ger, his­to­ri­scher Re­zep­te für Flug­s­al­ben hat ge­zeigt, dass ei­ni­ge In­gre­di­en­zi­en Atro­pi­ne ent­hiel­ten, die bei An­wen­dung auf der Haut Er­re­gungs­zu­stän­de, Wahn­vor­stel­lun­gen und le­bens­ech­te Träu­me her­vor­ru­fen konn­ten. Die äl­tes­ten uns über­lie­fer­ten Re­zep­te aus dem 15. Jahr­hun­dert ent­hal­ten al­ler­dings aus­schließ­lich wir­kungs­lo­se Zu­ta­ten wie Ruß und Fle­der­maus­kot. Au­ßer­dem wur­den Flug­s­al­ben al­ten Be­rich­ten zu­fol­ge eher auf Be­sen und Stö­cke und nicht auf die Haut auf­ge­tra­gen.

Wo­her kom­men He­xen­sab­bat und Wal­pur­gis­nacht?

M it „ He­xen­sab­bat“be­zeich­ne­ten He­xen­theo­re­ti­ker die ge­hei­men, nächt­li­chen Tref­fen al­ler He­xen mit dem Teu­fel. Der Be­griff taucht erst­mals im frü­hen 15. Jahr­hun­dert auf und spie­gelt den An­ti­se­mi­tis­mus die­ser Zeit wi­der, denn er ver­bin­det das Bild dä­mo­ni­scher He­xen mit dem he­bräi­schen „Schab­bat“, dem von Gott ge­bo­te­nen Ru­he­tag im Ju­den­tum. Den Ju­den wur­den im Mit­tel­al­ter zwar kei­ne sa­ta­ni­schen Ri­ten, aber Ri­tu­al­mor­de, Hos­ti­en­fre­vel und Brun­nen­ver­gif­tun­gen un­ter­stellt – Ver­leum­dun­gen, die es er­leich­ter­ten, Po­gro­me her­bei­zu­füh­ren und zu recht­fer­ti­gen. Die volks­tüm­li­che Vor­stel­lung, dass der He­xen­sab­bat in der Wal­pur­gis­nacht, der Nacht des 30. April auf den 1. Mai, statt­fin­det, ist auf Goe­thes „Faust“zu­rück­zu­füh­ren. Der klas­si­sche He­xen­treff­punkt Blocks­berg – ein an­de­rer Na­me für den „Bro­cken“, den höchs­ten Berg des Harz­ge­bir­ges – taucht erst­mals im 16. Jahr­hun­dert in He­xen­er­zäh­lun­gen auf.

Die Fee Mor­ga­na, wie wür­de sie er­schre­cken, wenn sie et­wa ei­ner deut­schen He­xe be­geg­ne­te, die nackt, mit Sal­ben be­schmiert und auf ei­nem Be­sen­stiel, nach dem Bro­cken rei­tet. Der deut­sche Dich­ter Hein­rich Hei­ne (1797–1856)

Die He­xen­waa­ge

Ei­ne He­xen­waa­ge dien­te ei­gens da­zu, ver­meint­li­che He­xen mit ei­ner „Wie­ge­pro­be“zu über­füh­ren. Da He­xen ge­mäß dem Volks­glau­ben flie­gen konn­ten und, wenn man sie ins Was­ser warf, dar­auf trie­ben an­statt un­ter­zu­ge­hen, nahm man an, dass sie we­ni­ger wie­gen als nor­ma­le Frau­en. Ei­ne wei­te­re Ar­gu­men­ta­ti­on war: Ei­ne He­xe müss­te schon des­halb we­nig wie­gen, weil sie im In­ners­ten leer sei; schließ­lich ha­be sie ja ih­re See­le an den Teu­fel ver­kauft. Bei der Wie­ge­pro­be wur­de die als He­xe An­ge­klag­te auf die He­xen­waa­ge ge­setzt und da­bei wur­de kon­trol­liert, ob sie leich­ter als ein vor­her – will­kür­lich – fest­ge­setz­tes Ge­wicht war. Wog sie we­ni­ger, war sie als He­xe über­führt. Wog sie mehr, half ihr das auch nichts – meist wur­de sie dann be­schul­digt, die Waa­ge ver­hext zu ha­ben.

Die Was­ser­pro­be

Bei der Was­ser­pro­be wur­den An­ge­klag­te an Ar­men und

Bei­nen ge­fes­selt, an ein Seil ge­bun­den und ins Was­ser ge­sto­ßen. Da man glaub­te, dass Was­ser al­le un­rei­nen Ele­men­te ab­stieß, war die Schuld­fra­ge schnell ge­klärt: Wer un­ter­ging, war un­schul­dig, wur­de wie­der her­aus­ge­zo­gen und frei­ge­las­sen. Wer an der Ober­flä­che schwamm, war schul­dig. Die Was­ser­pro­be wur­de auch bei di­ver­sen Rechts­strei­tig­kei­ten an­ge­wandt und galt als „Got­tes­ur­teil“. Dem lag die Vor­stel­lung zu­grun­de, dass Gott di­rekt in Rechts­fin­dungs­pro­zes­se ein­greift und der Ge­rech­tig­keit zum Sieg ver­hilft. Bei den An­ge­klag­ten war die Was­ser­pro­be be­liebt, weil sie ei­nen dro­hen­den Pro­zess ab­weh­ren konn­te. Denn wes­sen Un­schuld durch ein Got­tes­ur­teil be­wie­sen war, dem durf­te kein Pro­zess ge­macht wer­den.

Da seh ich jun­ge Hex­chen nackt und bloß Und al­te, die sich klug ver­hül­len. Seid freund­lich nur um mei­net­wil­len Die Müh´ist klein, der Spaß ist groß ... Der gan­ze Stru­del strebt nach oben Du glaubst Du schiebst und du wirst ge­scho­ben. Me­phis­to in der Sze­ne „Wal­pur­gis­nacht“(Goe­the, „Faust I“)

Foto: Pic­tu­re­desk, Fo­to­lia (2)

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