Der He­xen­ham­mer

Hexen & Vampire - - INHALT -

Die Frau ist das Ein­falls­tor des Teu­fels, schrieb der In­qui­si­tor Hein­rich Kra­mer. Sein Buch be­feu­er­te die He­xen-hys­te­rie.

Weil der be­rüch­tig­te In­qui­si­tor Hein­rich Kra­mer aus Inns­bruck ge­wor­fen wird, schreibt er aus Ra­che den „He­xen­ham­mer“. Es ist ei­nes der ge­fähr­lichs­ten Bü­cher al­ler Zei­ten und wird zur Ge­brauchs­an­lei­tung für He­xen­pro­zes­se.

Als der Bri­xe­ner Bi­schof Ge­org Golser den ver­hal­tens­auf­fäl­li­gen Mann im Jahr 1485 aus Inns­bruck wirft, kann er nicht wis­sen, dass er da­mit den An­stoß zu ei­nem der übels­ten Schrift­wer­ke der Ge­schich­te gibt. Nie wie­der, so schwört der Mann, wird ihn ir­gend­je­mand dar­an hin­dern, sei­ner gott­ge­woll­ten Auf­ga­be nach­zu­ge­hen – He­xen­sek­ten aus­zu­rot­ten. Er heißt Hein­rich Kra­mer und ist fünf­und­fünf­zig Jah­re alt. Der Do­mi­ni­ka­ner­pa­ter ist ein er­fah­re­ner In­qui­si­tor und der In­be­griff des fa­na­ti­schen He­xen­jä­gers.

Doch selbst Hein­rich Kra­mer – er selbst nennt sich la­tei­nisch „In­sti­to­ris“– stößt bei sei­ner He­xen­ver­fol­gung auf Wi­der­stän­de. Zwar hat sich der Glau­be an die Exis­tenz von He­xen seit dem 14. Jahr­hun­dert ste­tig ver­brei­tet, doch ist es noch zu kei­nen Flä­chen­brän­den ge­kom­men. Und es gibt Kir­chen­fürs­ten und Lan­des­her­ren, die Un­ru­he­stif­ter wie Kra­mer in ih­rem Herr­schafts­be­reich nicht dul­den. Ei­ner von ih­nen ist Bi­schof Ge­org Golser.

Im Som­mer des Jah­res 1485 kommt In­sti­to­ris nach Bri­xen, in der Ta­sche hat er die päpst­li­che Bul­le „sum­mis de­si­der­an­tes af­fec­tibus“(la­tei­nisch, „In un­se­rem sehn­lichs­ten Wun­sche“), die so­ge­nann­te „He­xen­bul­le“. Mit die­ser in­ner­kirch­lich höchst um­strit­te­nen Ur­kun­de er­mäch­tigt In­no­zenz VIII. – der als ein­zi­ger Papst den Glau­ben an Zau­be­rei zu­gab – sei­nen In­qui­si­tor, ge­gen He­xen und Zau­be­rer ge­richt­lich vor­zu­ge­hen. Nach­dem Hein­rich Kra­mer in Bri­xen Bi­schof Ge­org Golser die päpst­li­che Er­laub­nis zur Aus­for­schung von He­xen über­reicht hat, reist er nach Inns­bruck, wo er in kur­zer Zeit über fünf­zig ver­meint­li­che He­xen auf­spürt und ein­sper­ren lässt. Der an­schlie­ßen­de Pro­zess ge­rät für den In­qui­si­tor je­doch zur Ka­ta­stro­phe, denn er hat es hier nicht mit un­ge­bil­de­ten

Lai­en oder ein­ge­schüch­ter­ten Dorf­rich­tern zu tun, son­dern mit kri­ti­schen Ju­ris­ten, die ge­gen sei­ne Ein­schüch­te­rungs­tak­tik im­mun sind. In­sti­to­ris hält sich auch nicht an die for­ma­le Pro­zess­ord­nung, er nutzt das Ge­richt als per­sön­li­che Büh­ne und stellt den an­ge­klag­ten Frau­en beim Ver­hör der­art or­di­nä­re Fra­gen zur ih­rer Se­xua­li­tät, dass die Rich­ter pro­tes­tie­ren. Bi­schof Golser be­en­det den pein­li­chen Pro­zess und jagt den In­qui­si­tor, den er für un­zu­rech­nungs­fä­hig hält, aus sei­nem Bis­tum.

Der Inns­bru­cker Pro­zess war die ul­ti­ma­ti­ve De­mü­ti­gung für Kra­mer. Sel­ten lässt sich ei­ne mit­tel- al­ter­li­che He­xen­ver­fol­gung so deut­lich auf ei­ne er­lit­te­ne nar­ziss­ti­sche Krän­kung zu­rück­füh­ren wie in sei­nem Fall. Um sei­ne Eh­re wie­der­her­zu­stel­len, aber auch, um in Zu­kunft oh­ne jeg­li­che Stö­run­gen He­xen auf den Schei­ter­hau­fen zu brin­gen, schreibt In­sti­to­ris nun in we­ni­gen Mo­na­ten ein Buch, in das sein gan­zer Hass ge­gen sei­ne Kri­ti­ker und ge­gen Frau­en ein­fließt: „Mal­leus Male­fi­car­um“oder „He­xen­ham­mer“er­scheint 1486 und wird zum ers­ten Best­sel­ler nach der Er­fin­dung des Buch­drucks.

Im ers­ten der drei Tei­le sei­nes Bu­ches er­läu­tert Kra­mer grund­sätz­lich das We­sen der He­xe­rei. Um Kri­ti­ker mund­tot zu ma­chen, zer­pflückt er ge­nüss­lich al­le Ar­gu­men­te ge­gen die Exis­tenz von He­xen und er­hebt sei­ne per­sön­li­che Mei­nung in den Rang ei­ner Tat­sa­che. So schreibt er, dass je­der, der be­strei­te, dass es He­xen ge­be, von der all­ge­mei­nen Leh­re der Kir­che ab­wei­che und dar­um als Ket­zer der In­qui­si­ti­on zu über­ge­ben sei. Ab jetzt kann al­so schon der lei­ses­te Zwei­fel an der Rea­li­tät von He­xen und Scha­dens­zau­ber zum Grund für die Er­öff­nung ei­nes Pro­zes­ses wer­den.

Im zwei­ten Teil des He­xen­ham­mers lie­fert Kra­mer den Zünd­stoff für die spä­te­ren He­xen­ver­fol­gun­gen. Er er­bringt den –

schein­bar – wis­sen­schaft­li­chen Nach­weis, war­um die ver­fol­gungs­wür­di­ge Schwar­ze Ma­gie ein­deu­tig Frau­en zu­zu­schrei­ben sei. Zwar kennt man seit den Ket­zer­ver­fol­gun­gen ver­schie­de­ne He­xen- und Dä­mo­nen­theo­ri­en mit­samt ih­ren Be­stand­tei­len wie He­xen­sab­bat und Teu­fels­bund, doch war die Zau­be­rei bis­her kei­ne spe­zi­ell weib­li­che An­ge­le­gen­heit. Der „He­xen­ham­mer“aber stellt nun zwei­fels­frei fest, dass Frau­en zur He­xe­rei nei­gen müs­sen, weil sie „in al­len Kräf­ten der See­le wie des Kör­pers man­gel­haft sind“, so­dass „sie ge­gen die, mit de­nen sie wett­ei­fern, mehr Scha­dens­zau­ber be­sche­ren las­sen“. Hin­zu kommt laut In­sti­to­ris die un­er­sätt­li­che fleisch­li­che Lust des Wei­bes, die die Wur­zel al­ler He­xe­rei sei und die Frau zum Ein­falls­tor des Teu­fels ma­che.

Der drit­te Teil des „He­xen­ham­mers“ist ei­ne prak­ti­sche An­lei­tung zur Er­öff­nung und Durch­füh­rung ei­nes He­xen­pro­zes­ses. Das Ur­teil lie­fert Kra­mer gleich mit – den Tod, am bes­ten auf dem Schei­ter­hau­fen, für al­le der He­xe­rei An­ge­klag­ten.

Kra­mers Mach­werk wird zum Best­sel­ler. Das Buch trifft ei­nen Nerv – der He­xen­glau­be wur­de schließ­lich schon lan­ge dis­ku­tiert–, es hat ei­ne ein­fa­che Aus­sa­ge, und es ist die ers­te sys­te­ma­ti­sche Zu­sam­men­fas­sung der The­ma­tik. Au­ßer­dem er­scheint es zur rich­ti­gen Zeit: Vier­zig Jah­re vor­her er­fand Gu­ten­berg den mo­der­nen Buch­druck, durch den nun der „He­xen­ham­mer“in bis­her un­ge­kann­ter Ra­s­anz un­ters le­sen­de Volk ge­bracht wird, bis er dann über Kan­zeln und Markt­plät­ze den Weg in die brei­te Öf­fent­lich­keit fin­det.

Die gro­ße Ver­brei­tung des He­xen­ham­mers trug nach­weis­lich zur schnel­len Ver­brei­tung des – von ihm wie­der be­feu­er­ten – He­xen­glau­bens bei. Kra­mer ar­bei­te­te zu­dem mit Tricks, die man heu­te als ver­kaufs­för­dern­de Maß­nah­men be­zeich­nen wür­de. Er stell­te sei­nen Tex­ten die „He­xen­bul­le“von Papst In­no­zenz VIII. vor­an und er­weck­te so den Ein­druck, dass der „He­xen­ham­mer“das of­fi­zi­el­le Buch der Kir­che zum Thema He­xen sei.

Für die He­xe­rei­pro­zes­se des Mit­tel­al­ters stellt der „He­xen­ham­mer“ei­nen Wen­de­punkt dar: Der Schwerpunkt der Zau­be­rei-be­schul­di­gun­gen ver­schiebt sich nun von der Ket­ze­rei, al­so vom Glau­bens­ab­fall, hin zum Scha­dens­zau­ber ge­ne­rell und schließ­lich zu den Frau­en. Die Kir­che als Initia­tor der Ver­fol­gun­gen tritt in den Hin­ter­grund, ih­re Stel­le nimmt die welt­li­che Jus­tiz ein – denn Scha­dens­zau­ber schä­digt die Gesellschaft und ist da­mit ein Fall für die welt­li­che Jus­tiz. Die­se straft im Zwei­fels­fall här­ter als die Kir­che, wel­che Erst­tä­tern, al­so auch erst­mals als He­xe de­nun­zier­ten Frau­en, das Recht auf ein mil­des Ur­teil zu­ge­steht.

Die Wir­kung des „He­xen­ham­mers“ist fa­tal. Kra­mers Buch gilt bald als ul­ti­ma­ti­ver Be­weis für die Exis­tenz von He­xen­sek­ten – und es for­dert ve­he­ment zu ih­rer Ver­fol­gung auf. Wil­li­ge Ver­fol­ger fin­den hier ei­ne Ge­brauchs­an­wei­sung zum Fol­tern und Mor­den, und zu­gleich ei­ne Recht­fer­ti­gung, auf die sie sich künf­tig be­ru­fen wer­den.

Al­so schlecht ist das Weib von Na­tur, da es schnel­ler am Glau­ben zwei­felt, auch schnel­ler dem Glau­ben ab­schwört, was die Grund­la­ge von He­xe­rei ist. Hein­rich In­sti­to­ris, „He­xen­ham­mer“.

Fo­tos: Pic­tu­re­desk, Fo­to­lia (2)

Nach­dem si ede np akt mit ihm be­sie­gelt ha­ben, ver­leiht der Teu­fel den He­xen die Fä­hig­keit zu flie­gen: Ge­mäl­de „He­xen­flug “v on Francisco de Goya, 1797/98.

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